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Darmkrebs

Schutz durch Vorsorge

10.05.2013  10:12 Uhr

Von Marion Hofmann-Aßmus / Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebserkrankung in Deutschland. Je eher der Tumor entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen – in frühen Stadien bis zu 100 Prozent. Da das Risiko mit dem Alter steigt, ist die Vorsorge ab 50 Jahren besonders wichtig.

Viele Themen rund um den Darm gelten als anrüchig und über Verdauung sprechen Menschen in der Regel nur, wenn etwas damit nicht stimmt. Viele verdrängen das unangenehme Thema Darmkrebs nach Möglichkeit. Darum bemühen sich zahlreiche Institutionen und Stiftungen seit Jahren, den Darmkrebs und Vorsorgeuntersuchungen in den Blickpunkt zu rücken. Denn einerseits lässt sich das Darmkrebs-Risiko durch eine gesunde Lebensweise verringern, andererseits bietet die Vorsorge eine Chance, den Tumor frühzeitig zu entdecken und damit effektiv behandeln zu können.

Häufiger Tumor

Mittlerweile ist der Darmkrebs die zweithäufigste Tumorart nach dem Prostatakrebs bei Männern und dem Brustkrebs bei Frauen. Etwa 65 000 Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland neu, mehr als 26 000 Betroffene sterben daran. Damit ist der Darmkrebs nach dem Lungenkrebs die zweithäufigste Todesursache aufgrund einer Tumorerkrankung. Doch es gibt auch ermutigende Nachrichten: Im Vergleich zum Jahr 2000 sanken die Sterbefälle hierzulande um etwa 7 Prozent. Unter Berücksichtigung des Alters der Betroffenen hat sich die Sterberate bei Frauen um 28 Prozent und bei Männern um 22 Prozent verringert. Diese Zahlen sind besser als in vielen anderen europäischen Ländern. Für Menschen unter 55 Jahren ist das Risiko zu erkranken gering – sofern sie nicht erblich belastet sind. Die Gefahr steigt allerdings zwischen dem 55. und dem 70. Lebensjahr stetig an und liegt bei Über-70-Jährigen am höchsten.

Langsame Entwicklung

Das bösartige Krebswachstum entsteht meist aus einer gutartigen Wucherung in der Darmschleimhaut, die Experten als Darmpolyp oder Adenom bezeichnen. Die Entwicklung vom gutartigen Polypen zum Karzinom dauert in der Regel fünf bis zehn Jahre. Sie kann aber auch schneller erfolgen, abhängig von der Art der genetischen Veränderungen (Mutationen) in den Zellen, die für das Wachstum verantwortlich sind. Die Mutationen häufen sich im Laufe der Zeit an und führen zu einer Entartung des Polypen. Je größer der Polyp, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich zum Karzinom weiterentwickelt. Daher ist es so wichtig, Polypen frühzeitig zu entdecken und zu entfernen.

Darmaufbau

Der menschliche Darm misst vom Magenausgang bis zum After etwa 8 Meter. An den Magen schließt sich zunächst der Dünndarm an, der aus Zwölffingerdarm (Duodenum), Leerdarm (Jejunum) und Krummdarm (Ileum) besteht. An der Krummdarmpapille geht der Dünndarm in den wesentlich kürzeren Dickdarm über. Dieser umgibt den Dünndarm an drei Seiten mit einem aufsteigenden (Colon ascendens), einem querverlaufenden (Colon transversum) und einem absteigenden Abschnitt (Colon descendens). Der letzte, S-förmige Abschnitt des Dickdarms (Colon sigmoideum oder Sigma) mündet in den End- oder Mastdarm (Rektum) mit dem After.

Karzinome entstehen nicht in allen Darmabschnitten gleich häufig, sondern überwiegend im Dickdarm (60 Prozent) und im Enddarm (30 Prozent). Ist der Enddarm betroffen, sprechen Fachleute von einem kolorektalen Karzinom, beim Dickdarm vom Kolonkarzinom. Im Dünndarm treten selten bösartige Karzinome auf.

Die eigentliche Ursache des Darmkrebses ist unbekannt. Sicher ist aber, dass verschiedene Faktoren seine Entstehung begünstigen. Manche Risikofaktoren wie das Alter lassen sich nicht beeinflussen. Senken lässt sich die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu erkranken, allerdings durch eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung. Günstig ist ballaststoffreiche Nahrung, da diese dafür sorgt, dass der Speisebrei inklusive krebserregender Stoffwechselprodukte nicht zu lange im Darm verbleibt. Häufige Verstopfungen wirken entgegengesetzt: Der Darm transportiert den Inhalt nur sehr langsam voran. Krebserregende Substanzen haben so die Möglichkeit, lange auf die Darmwand einzuwirken.

Fettreiche Ernährung

Woher stammen diese krebserregenden Stoffe? Fachleute machen unter anderem einen hohen Fettkonsum verantwortlich. Fetthaltige Nahrung regt die Gallensekretion an. Die in den Dickdarm abgegebenen Gallensäuren werden von Darmbakterien verstoffwechselt, wobei krebserregende Stoffe (Kanzerogene) entstehen. Isst ein Mensch regelmäßig größere Mengen an Fett, stellt sich seine Darmflora darauf ein: Es vermehren sich besonders solche Darmbakterien, die Gallensäuren verstoffwechseln, wodurch mehr Kanzerogene produziert werden. Ein ähnlicher Prozess kommt durch den Verzehr von Fleisch beziehungsweise den darin enthaltenen Proteinen in Gang. Sie werden von Darmbakterien zu kanzerogenem Ammoniak abgebaut.

Allerdings dürfen die einzelnen Nahrungsbestandteile nicht nur isoliert betrachtet werden, denn bei einer ausgewogenen Ernährung enthält die Nahrung Bestandteile, die den ungünstigen Prozessen entgegen wirken. Dazu zählen neben den Ballaststoffen beispielsweise Calcium, das an Gallensäuren bindet und sie unschädlich macht. Auch Pflanzensterine sowie die Vitamine C und D scheinen schützend zu wirken.

Tabelle 1: Faktoren, die dem Darmkrebs entgegenwirken beziehungsweise seine Entstehung fördern

Hemmende Faktoren Fördernde Faktoren
ballaststoffreiche Nahrung (viel Gemüse, Getreide, Obst) ballaststoffarme Kost
ausreichende Flüssigkeitsaufnahme hohe Kalorienzufuhr
mehrfach ungesättigte Omega-6- Fettsäuren hoher Fleischkonsum
gesättigte und einfach ungesättigte pflanzliche Fette gesättigte Fette tierischen Ursprungs
calciumreiche Ernährung hoher Alkoholkonsum
Vitamin C Rauchen
Vitamin D Übergewicht
Bewegung und Sport Bewegungsarmut

Neben der Ernährung spielt zudem die Bewegung eine wichtige Rolle. Wie eine große Studie zeigte, erkranken Menschen, die regelmäßig Sport treiben, seltener an Darmkrebs als unsportliche. Zudem verbessert sich die Überlebenschance der Krebspatienten deutlich, die nach ihrer Diagnose körperlich aktiv sind.

Erhöhtes Risiko

Bei Menschen mit chronisch-entzünd­lichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn ist das Risiko erhöht, Darmkrebs zu entwickeln. Für Colitis ulcerosa-Patienten gibt es gesonderte Empfehlungen, wie häufig sie zur Vorsorgeuntersuchung gehen sollten:

  • Ist der gesamte Dickdarm von der chronischen Entzündung betroffen, sollten sie ab dem achten Jahr nach dem Beginn der Erkrankung einmal im Jahr zur Darmspiegelung gehen
  • Sind nur der absteigende Bereich und der S-förmige Teil des Dickdarms entzündet, sollte die Untersuchung ab dem 15. Erkrankungsjahr einmal jährlich erfolgen.

Morbus Crohn-Patienten sind zwar ebenfalls in höherem Maße darmkrebsgefährdet, spezielle Empfehlungen existieren für sie jedoch nicht.

Darmkrebs in der Verwandtschaft bedeutet für die Angehörigen ebenfalls ein erhöhtes Risiko. Neuere Untersuchungen legen nahe, dass dieses umso höher ist, je jünger die Angehörigen bei der Diagnose waren und je mehr Verwandte ersten Grades erkrankt sind. In diesen Fällen sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen bereits in jüngeren Jahren ratsam.

Darüber hinaus existieren Darmkrebsformen, die vererbt werden, beispielsweise das Krebssyndrom HNPCC (Hereditary Non-Polyposis Colorectal Cancer, oder Lynch-Syndrom) sowie die Familiäre Adenomatöse Polyposis (FAP).

Da die ersten Anzeichen schleichend auftreten und sehr unspezifisch sind – beispielsweise extreme Müdigkeit, Gewichtsverlust, Leistungsabfall, Nachtschweiß oder Fieber – wird Darmkrebs häufig erst spät diagnostiziert. Ein wichtiger Hinweis, der auf keinen Fall übergangen werden sollte, ist Blut im Stuhl. Zwar können dafür auch harmlose Hämorrhoiden verantwortlich sein, dennoch sollte der Betroffene dies abklären lassen. Zuverlässig ist dieses Zeichen jedoch nicht, denn nicht immer hinterlässt ein Darmtumor sichtbare Blutspuren im Stuhl. Zur Darmkrebsvorsorge gehört deshalb unter anderem die Untersuchung auf verstecktes Blut im Stuhl mit dem Hämokkult-Test.

Frühzeitige Anzeichen

Weitere frühe Symptome sind plötzliche Veränderungen der Verdauung, etwa wenn sich Verstopfung und Durchfall abwechseln. Verdächtig sind zudem ein faulig-eitrig riechender Stuhl, unangenehm riechende Flatulenzen oder Schleim auf dem Stuhlgang. Den Besuch beim Internisten oder Proktologen sollte das Apothekenteam denjenigen empfehlen, bei denen Schmerzen beim Stuhlgang auftreten oder unwillkürlich Stuhl oder Blähungen abgehen. Auf eine Verengung im Darm weisen »Bleistiftstühle« hin, in späteren Stadien kann ein großer Tumor sogar zum Darmverschluss führen. Tumore im Blinddarm können Schmerzen im rechten Unterbauch auslösen, im Enddarm gehen sie häufig mit schmerzhaftem Stuhlgang sowie Blut- und Schleimbeimischungen einher. Gefürchtet sind die Metastasen des fortgeschrittenen Karzinoms, die meist die Leber befallen und dort zu Leberversagen führen.

Unkomplizierte Vorsorge

Bei Verdacht auf Darmkrebs tastet der Arzt zunächst den Mastdarm ab. Neben dem Hämokkult-Test auf Blut im Stuhl gibt es mittlerweile auch immunulogische Stuhluntersuchungen. Gemäß einer Studie sind diese der Darmspiegelung (Koloskopie) gleichwertig. Allerdings haben sie den Nachteil, dass bei positivem Befund dennoch eine Koloskopie nötig wird.

Die Koloskopie ist derzeit die gängigste Methode zur Diagnose des Darmkrebses. In Deutschland gehört sie schon lange zu den Früherkennungsuntersuchungen. Eine aktuelle Auswertung umfasst 2,8 Millionen Koloskopien, die innerhalb von sechs Jahren durchgeführt wurden. Dabei fanden die Fachärzte bei knapp 20 Prozent der Teilnehmer Adenome und bei knapp 1 Prozent Karzinome. Von den Karzinomen befand sich die Hälfte im Stadium I – also einem noch gut heilbaren Stadium. Viele Experten beklagen, dass nur etwa 20 Prozent der Bundesbürger das Angebot zur Darmkrebsvorsorge wahrnehmen, obwohl sie ab einem gewissen Alter Anspruch darauf haben.

PTA oder Apotheker sollten dazu raten, die Koloskopie immer von einem Spezialisten (Gastroenterologen) durchführen zu lassen. Denn in einer Untersuchung stellte sich heraus, dass die Fachärzte mehr Adenome fanden als andere Mediziner.

Während der Koloskopie führt der Arzt einen biegsamen Schlauch (Endoskop) in den Darm ein, mit dessen Hilfe er die Darmwände auf Veränderungen untersucht. Da der Patient vorab meist ein leichtes Beruhigungsmittel erhält, bereitet ihm die Untersuchung kaum Beschwerden. Manche Ärzte setzen auch ein Kurzzeitnarkotikum ein, sodass der Untersuchte gar nichts verspürt. Als großer Vorteil dieser Vorgehensweise gilt, dass der Arzt verdächtige Polypen sofort entfernt.

Ab dem Alter von 50 Jahren übernehmen die gesetzlichen Krankenversicherungen einmal im Jahr die Kosten für den Stuhltest auf verstecktes Blut sowie die Tastuntersuchung des Mastdarms. Ab dem 55. Lebensjahr bezahlen sie die Koloskopie, die im Abstand von zehn Jahren wiederholt werden kann. Bei Menschen mit erhöhtem Darmkrebsrisiko übernehmen die Krankenkassen auch die Kosten einer engmaschigeren Überwachung.

Karzinome behandeln

Die Therapie des Darmkrebses richtet sich nach seiner Lage und seinem Entwicklungsstadium. Je weiter die Tumor­entwicklung fortgeschritten ist, desto geringer sind die Heilungschancen (siehe Tabelle 2). Nach Möglichkeit wird der Tumor operativ entfernt. Im Anschluss daran führen Ärzte eine kombinierte Bestrahlungs- und Chemotherapie im Sinne einer adjuvanten Therapie durch, um das Risiko für einen Rückfall zu verringern. Wie neue Untersuchungen zeigen, bewährt es sich, die Strahlen-/Chemotherapie in bestimmten Fällen bereits vor der Operation als sogenannte neoadjuvante Therapie einzusetzen. Sie hilft, große Tumoren vor der Operation zu verkleinern, sodass sie leichter entfernt werden können.

Tabelle 2: Überlebensrate der Patienten mit Rektum- oder Kolonkarzinom fünf Jahre nach Ausbruch der Krankheit

5-Jahres- Überlebensrate Rektum­karzinom (in Prozent) Kolon­karzinom (in Prozent)
Stadium I kleine und mittelgroße Tumoren ohne Metastasen 95 95
Stadium II mittelgroße und große Tumoren ohne Metastasen 85 90
Stadium III alle Tumorgrößen mit Metastasen in Lymphknoten 55 65
Stadium IV alle Tumorgrößen mit Metastasen in Lymph­knoten und weiter entfernten Metastasen 5 5
Quelle: www.internisten-im-netz.de

Als Standard der adjuvanten Chemotherapie für kolorektale Tumoren im Stadium III gilt die Kombination aus Oxaliplatin, 5-Fluoruracil (5-FU) und Folin­säure. Patienten mit kolorektalem Karzinom im Stadium II sollen gemäß den Leitlinien eine Monotherapie mit Fluoropyrimidinen erhalten. /

Hilfe für Betroffene

Auf folgenden Internetseiten finden Betroffene weitere Informationen sowie Hilfestellungen im Umgang mit der Erkrankung:

www.darmkrebs.de

www.krebshilfe.de

www.darmkrebszentrale.de

www.lebensblicke.de

www.krebsgesellschaft.de

www.gastro-liga.de

www.netzwerk-gegen-darmkrebs.de

E-Mail-Adresse der Verfasserin
hofmann_assmus(at)t-online.de