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Verdauung

Wenn Gase Druck machen

13.05.2013  14:05 Uhr

Von Annette Immel-Sehr / Gefährlich sind Blähungen nicht, Krankheitswert haben sie meist auch nicht und doch machen die Beschwerden den Betroffenen mitunter stark zu schaffen. PTA und Apotheker können dem Kunden bei der Beratung manche Sorge nehmen und hilfreiche Tipps geben.

Während des Verdauungsprozesses bilden sich natürlicherweise Gase. Im Dickdarm sind dies vor allem Kohlendioxid, Methan und Wasserstoff. Diese Gase werden zum Großteil durch die Kapillargefäße im Darm resorbiert und geruchlos über die Lunge ausgeatmet. Eine kleine Menge entweicht auch vor oder während des Stuhlgangs. Wie viel Gas entsteht, hängt von der Ernährung ab. Vor allem ballaststoffreiche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte und Kohlgemüse verursachen häufig Blähungen, denn die Enzyme des Menschen können die langkettigen Cellulose-Moleküle der Ballaststoffe nicht zerlegen. Deswegen gelangen sie in tiefere Darmabschnitte, wo sie von den Bakterien der Darmflora unter Gasbildung abgebaut werden.

Manche Menschen reagieren auf eine ungewohnte, sehr zuckerreiche Ernährung mit Blähungen, wenn die Transportsysteme des Dünndarms überfordert sind. Dann gelangen die nicht resorbierten Kohlenhydrate in den Dickdarm und werden dort, ebenso wie die Ballaststoffe, von den Darmbakterien unter Entstehung von Gasen abgebaut. Kohlensäurehaltige Getränke können ebenfalls zu Blähungen führen – vor allem beim Konsum großer Mengen.

Ein beträchtlicher Teil der Gasmenge im Darm besteht aus Luft, die der Mensch unbewusst beim Essen und Trinken verschluckt. Schätzungsweise 2 bis 3 Milliliter Luft gelangen mit jedem Schlucken in den Magen. Wer hastig oder unter Anspannung isst und trinkt, verschluckt häufig weitaus mehr. Auch beim Kaugummikauen wird mit dem verstärkt gebildeten Speichel immer wieder Luft hinuntergeschluckt. Nicht zu vergessen: Viele Lebensmittel enthalten Luft.

Mediziner-Latein

Meteorismus ist der Fachbegriff für eine übermäßige Ansammlung von Gasen im Darm. Führen diese zu einem vermehrten Abgang von Winden, sprechen Ärzte von Flatulenz. Umgangssprachlich heißen beide Phänomene Blähbauch oder Blähungen. Sie verursachen Darmgeräusche und Völlegefühle. Der Bauch wölbt sich vor und fühlt sich gespannt und aufgebläht an. Über eine Stimulation von Schmerzrezeptoren in der Darmwand können sich die Gase schmerzhaft bemerkbar machen.

Blähungen treten isoliert oder als Symptom einer anderen Erkrankung auf. Beispielsweise bei Lactose- oder Fructoseintoleranz ist Flatulenz ein häufiges Problem. Den Betroffenen fehlen Enzyme zum Abbau von Lactose beziehungsweise Fructose. Dadurch gelangen diese Zucker unverdaut in den Dickdarm, wo Darmbakterien die Stoffe unter Gasbildung verstoffwechseln. Von Zöliakie sprechen Ärzte, wenn der Darm das Getreide-Eiweiß Gluten nicht verträgt. Auch Zöliakie-Patienten leiden häufig unter Blähungen. Zudem ist Flatulenz eine häufige Beschwerde beim Reizdarmsyndrom oder wenn die Drüsenzellen nicht genügend Magensaft, Galle oder Verdauungsenzyme produzieren.

Blähungen als Nebenwirkung

Manchmal ist das Symptom Folge einer Arzneimitteltherapie, beispielsweise der oralen Antidiabetika Acarbose und Miglitol. Diese Substanzen hemmen das Enzym α-Glucosidase. Dadurch kann der Körper Di- und Polysaccharide aus der Nahrung nicht im Dünndarm spalten und die aus den Kohlenhydraten stammende Glucose nur verlangsamt in das Blut aufnehmen. So gelangen jedoch die unverdauten Kohlenhydrate vermehrt in den Dickdarm und werden dort von den Bakterien der Darmflora abgebaut. Als Folge entstehen auch hier verstärkt Gase. Die Beschwerden fallen milder aus, wenn Ärzte diese Medikamente bei Neuverordnung einschleichend dosieren. Meist verschwinden die Blähungen im Verlauf der Behandlung, sobald sich der Körper an die Veränderung gewöhnt hat.

Auch das Schlankheitsmittel Orlistat führt sehr häufig zu Blähungen. Der Arzneistoff hemmt fettverdauende Enzyme (Lipasen) im Magen-Darm-Trakt. Somit können diese die Nahrungsfette nicht mehr in freie Fettsäuren und Monoglyceride spalten. Das aber ist Voraussetzung für deren Resorption. Das Fett wird demnach unverdaut wieder mit dem Stuhl ausgeschieden. Als Nebenwirkungen treten vermehrte Darmbewegungen, erhöhter oder plötzlicher Stuhlgang sowie Flatulenz auf. Die Winde verlassen den Körper häufig zusammen mit öligem Austritt, was die Abnehmwilligen meist als sehr unangenehm empfinden. Sie können diese Nebenwirkung jedoch selbst mildern, indem sie den Fettanteil der einzelnen Mahlzeiten reduzieren.

Meist haben Blähungen keinen Krankheitswert. Immerhin gelten 24 Windabgänge pro Tag als normal. Doch das heißt nicht, dass Menschen nicht unter der starken Gasproduktion im Darm leiden und Rat in der Apotheke suchen. Meist steht einer Selbstmedikation nichts entgegen. Doch wenn die Blähungen sehr schmerzhaft und quälend sind oder es zu Gewichtsverlust, Blut am oder im Stuhl kommt, sollten PTA oder Apotheker den Patienten an den Arzt verweisen, damit dieser gegebenenfalls ernsthafte Darmerkrankungen rechtzeitig erkennen und behandeln kann. Auch Lebererkrankungen, Gallensteinleiden oder eine Herzinsuffizienz können mit starken Gasansammlungen im Darm einhergehen.

Das hilft, um Blähungen vorzubeugen:

  • langsam essen und gründlich kauen
  • stark blähende Lebensmittel individuell herausfinden und meiden
  • auf stark kohlensäurehaltige Getränke verzichten
  • verdauungsfördernde Gewürze verwenden: Kümmel, Anis, Bohnen­kraut, Koriander, Majoran, Thymian, Rosmarin und Ingwer
  • dem Stuhldrang nachgeben und den Toilettengang nicht verschieben
  • Obstipation abklären und behandeln
  • bei Bedarf Darmflora mit Probiotika regenerieren
  • ausreichend bewegen

Physikalisch wirkende Entschäumer

Medikamente zur Behandlung von Blähungen enthalten meist die Wirkstoffe Dimeticon oder Simeticon. Dies sind Makromoleküle aus der Gruppe der Polysiloxane, die die Oberflächenspannung von Gasschäumen im Darm herabsetzen, also rein physikalisch wirken. Dadurch zerfallen die Gasblasen und die Verdauungsgase können den Darm auf natürliche Weise, hauptsächlich über die Atemluft, verlassen. Die Substanzen werden nicht resorbiert und sind sehr gut verträglich – deswegen können sie auch während Schwangerschaft und Stillzeit eingesetzt werden. PTA und Apotheker sollten den Kunden empfehlen, die Produkte regelmäßig zu oder nach den Mahlzeiten einzunehmen. Damit Kautabletten ihre Wirkung gut entfalten, ist es wichtig, sie fein zu zerkauen. In flüssiger Form sind Dimeticon- und Simeticon-Zubereitungen auch für Säuglinge geeignet. Suspensionen müssen vor Gebrauch gut geschüttelt werden.

Wenn die Blähungen mit Völlegefühlen und Unwohlsein einhergehen, kann ein Mangel an Pankreasenzymen dahinterstecken. In diesem Fall hilft ein Kombinationspräparat aus Enzymen und einem entschäumenden Wirkstoff. Sollte der Kunde über schmerzhafte Blähungen klagen und nach einem krampflösenden Medikament fragen, können PTA und Apotheker ihm ein Präparat mit dem Wirkstoff Butylscopolamin empfehlen. Allerdings sollten sie dem Patienten raten, bei wiederkehrenden starken Krämpfen unbedingt einen Arzt aufzusuchen, damit dieser die Ursache abklärt. Bei leichteren Beschwerden verschafft eine Wärm-flasche oder ein warmer Leibwickel meist ausreichend Linderung. Mit einigen Tipps können PTA und Apotheker ihren Kunden helfen, Blähungen vorzubeugen (siehe Kasten).

Gute Erfahrungen mit Phytopharmaka

Eine Vielzahl von Heilpflanzen enthält ätherische Öle, die sich aufgrund ihrer spasmolytischen, gärungswidrigen und verdauungsfördernden Wirkungen als Therapeutika bei Blähungen eignen. Zu den klassischen Carminativa gehören Pfefferminze, Anis, Fenchel und Kümmel. Sie werden oft als Tee oder Tinktur angewendet.

Da die Ursachen für Blähungen vielfältig sind, enthalten pflanzliche Präparate häufig nicht nur carminativ wirkenden Heilpflanzen, sondern auch bitterstoffhaltige Drogen wie Pomeranzenschale, Condurangorinde, Wermutkraut und Enzianwurzel. Diese regen die Magensaft- und Galleproduktion an und helfen vor allem dann, wenn Verdauungsstörungen die Blähungen verursachen. Zubereitungen aus bitterstoffhaltigen Drogen entfalten ihre Wirkung am besten, wenn sie eine halbe Stunde vor der Mahlzeit eingenommen werden. Scharfstoffhaltige Phytopharmaka und Gewürze wie Senfsamen, Kalmus-, Galgant- und Ingwerwurzel steigern ebenfalls die Magensaftsekretion und fördern die Darmbewegungen. So können sie Blähungen reduzieren.

Probleme auf Reisen vermeiden

Gerade im Urlaub kämpfen viele Menschen mit Flatulenz. Bei ungewohnter Ernährung, vor allem aber bei eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten wie während langer Bus- oder Schiffsreisen bleiben Verdauungsgase im Darm »stecken«. Deswegen sollte ein entschäumendes Präparat im Reisegepäck nicht fehlen. Die regelmäßige Einnahme zu den Mahlzeiten beugt den Beschwerden vor. Ein leichtes Abführmittel kann dafür sorgen, dass der Darm in Bewegung bleibt. Vor Antritt eines Langstreckenflugs sollten Menschen, die zu Blähungen neigen, ein entschäumendes Präparat einnehmen. Denn durch die veränderten Druckverhältnisse an Bord dehnen sich die Darmgase um bis zu 40 Prozent aus und verursachen teils erheb­lichen Druck.

Hilfe bei Dreimonatskoliken

Etwa 80 Prozent der Säuglinge leiden in den ersten drei Lebensmonaten unter Blähungen, ein Teil der Kinder sogar unter heftigen krampfartigen Bauchschmerzen. Kinderärzte sprechen von einer Dreimonatskolik, weil die Beschwerden meist nur in dieser ersten Zeit auftreten. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Charakteristischerweise zieht das Baby die Beinchen an den geblähten Bauch, sein Gesicht verfärbt sich hochrot, blau oder fahlweiß, die Füße sind meist kalt und es ballt die Händchen zusammen.

Die Ursachen starker Blähungen bei Babys sind wahrscheinlich vielfältig. Möglicherweise ist der Magen-Darm-Trakt noch nicht ausreichend entwickelt, sodass er manche Nährstoffe nicht gut verdauen kann. Auch das Trinkverhalten spielt sicherlich eine Rolle. Wenn der Säugling sehr schnell trinkt und dabei Luft verschluckt, ohne zwischendurch aufzustoßen, kann dies zu Blähungen führen. Gegen diese Beschwerden verordnen Kinderärzte häufig ein entschäumendes Präparat oder Fenchel-Anis-Kümmel-Tee. Vielen Babys tut es gut, wenn Mutter oder Vater ihr Bäuchlein im Uhrzeigersinn rund um den Nabel massiert oder mit Kümmelöl einreibt. Bewährt hat sich auch, das Kind im »Fliegergriff« herumzutragen. Dabei liegt das Baby mit dem Bauch auf den Unterarm und wird mit der anderen Hand gestützt.

Stillende Mütter machen sich häufig Gedanken darüber, ob ihre Ernährungsweise die Beschwerden des Kindes auslöst. Ein allgemeingültiger Zusammenhang zwischen der Ernährung der Mutter und Blähungen beim gestillten Säugling ist allerdings nicht erwiesen. Trotzdem sollten die Mütter beobachten, ob der Verzehr bestimmter Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Knoblauch oder Zwiebeln ihrem gestillten Kind Probleme macht und sie diese dann gegebenenfalls weglassen. /

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