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Supplemente

Die optimale Dosis

13.05.2014  15:28 Uhr

Von Annett Zündorf / Werdende Mütter achten meist sehr auf eine gesunde Ernährung. Für zwei essen müssen sie nicht, dieses Motto gilt längst als überholt. Vitamine und Mineral­stoffe aber müssen für eine optimale Versorgung von Mutter und Kind in höheren Dosen als normal aufgenommen werden. Wie hoch genau – darüber wird häufig gestritten.

»Grundsätzlich ist es möglich, mit einer gesunden Ernährung den Nährstoff­bedarf in der Schwangerschaft zu decken«, sagt Professor Dr. Klaus Vetter. Der Gynäkologe und Sprecher der Nationalen Stillkommission am Bundesinstitut für Risikoforschung hat die Handlungsempfehlungen der Initiative »Gesund ins Leben« mitentwickelt. Mit dieser Initiative einigten sich die Fachgesellschaften der Hebammen, Kinder- und Jugendärzte sowie Gynäkologen auf gemeinsame Empfehlungen. Besonders wichtig ist demzufolge eine ausreichende Versorgung mit Folsäure, Iod und Eisen. Studien zeigen immer wieder, dass ein Großteil der Schwangeren mit diesen Stoffen unterversorgt ist.

Wichtig für Wachstum: Folsäure

Folsäure wird auch als Vitamin B9 oder Folat bezeichnet. Der menschliche Organismus kann es nicht selbst herstellen, benötigt es aber zur Synthese neuer Zellen. Da in der Schwangerschaft unzählige Zellen neu produziert werden, ist das Vitamin in dieser Zeit ganz besonders wichtig. »Der Mehrbedarf liegt bei 100 Prozent«, sagt Professor Dr. Peter Bung. Der Bonner Gynäkologe forschte lange zum Thema Folsäure.

Hier gilt: »Theoretisch gibt es keinen Mangel, aber man muss wissen, wie man sich ernährt.« Zu wenig Folsäure vor und während der Schwangerschaft sehen Wissenschaftler als Ursache für Spaltbildungen beim Baby. Dazu zählt zum Beispiel ein offenes Neuralrohr. Etwa 800 Kinder werden pro Jahr in Deutschland damit geboren. »Wir vermuten, dass auch Kiefer-, Gaumenspalten bei einem Folsäuremangel häufiger auftreten«, sagt der Experte. Studien zeigten, dass es bei erhöhten Folsäuregaben seltener ungeklärte Fehlgeburten gibt. Frauen, die lange Zeit nicht schwanger wurden, wurden es nach einer Folsäuretherapie und blieben es auch. Bei Frauen, die bereits ein Kind mit offenem Neuralrohr geboren hatten, sank die Wahrscheinlichkeit beim zweiten Kind nach Folsäuregabe um 80 Prozent.

»Dieses Vitamin bietet unglaubliche Vorteile«, sagt Bung. Überdosierungen sowie Nebenwirkungen sind quasi ausgeschlossen, da ein Überschuss des wasserlöslichen Vitamins einfach über die Niere ausgeschieden wird. Die Vorteile sind so gewaltig, dass zum Beispiel in der Provinz Ontario in Kanada sowie in den Vereinigten Staaten von Amerika handelsüblichem Mehl Folsäure beigemischt wird. In Deutschland müssen sich die Verbraucher selbst kümmern. Spinat, grüne Salate, Eigelb, Hefe, Leber, Orangen und Weizenprodukte enthalten hohe Mengen Folsäure. Damit ist es zwar theoretisch möglich, den Bedarf über eine ausgewogene Ernährung zu decken, doch 86 Prozent der deutschen Frauen nehmen nicht die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen 300 µg auf.

Schon vor der Schwangerschaft

Deshalb empfehlen Wissenschaftler schwangeren Frauen eine zusätzliche Einnahme von 400 µg Folsäure pro Tag. Allerdings gibt es hier eine Besonderheit: Damit Folsäure eventuelle Schäden am Nervensystem des Babys vorbeugen kann, muss das Vitamin idealerweise bereits vor Beginn sowie im ersten Drittel der Schwangerschaft eingenommen werden. »Sobald Frauen die Pille absetzen und Kinder möchten, sollten sie mit der Einnahme von Folsäure beginnen«, rät Bung. Dies gilt ebenso für Vegetarierinnen, auch wenn diese meist besser versorgt sind. Erwartet die Schwangere Mehrlinge, benötigt sie nicht mehr Folsäure als bei einem Baby.

Das Neuralrohr schließt sich etwa am 39. Tag der Schwangerschaft. Doch auch danach ist eine Einnahme des Supplements zu empfehlen. Studien weisen darauf hin, dass es seltener zu Frühgeburten kommt und die Kinder ein höheres Geburtsgewicht erreichen. Schwangere können Folsäure als Mono- oder als Kombipräparat einnehmen. In jedem Fall sollte das Präparat pro Tag 400 µg enthalten und in bioverfügbarer Form vorliegen.

Entwicklungsstörung durch Iodmangel

Vor nicht allzu langer Zeit hatten viele Menschen in Alpentälern und iod­armen Landstrichen einen Iodmangel-Kropf. Iod ist für den Körper ein wichtiges Spurenelement. Denn unter Verbrauch von Iod bildet die Schilddrüse Hormone, die für eine ausgeglichene Energiebilanz sorgen. Bei Kindern fördern sie das Wachstum. »Leiden Kinder unter einem Iodmangel, tragen sie schwere geistige und körperliche Entwicklungsstörungen davon«, sagt Dr. Hans Konrad Biesalski, Professor für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaften an der Universität Hohenheim.

Auch wenn die Zeiten des Iodmangels hierzulande vorbei sind, erreicht Deutschland bis heute nur knapp die Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation. Etwa 180 bis 200 µg sollten Erwachsene aufnehmen, empfiehlt die DGE, Schwangere etwa 230 µg. Das lässt sich mit einer ausgewogenen Ernährung durchaus erreichen. »Zwei mal die Woche Seefisch«, empfiehlt Biesalski, »dazu iodiertes Speisesalz, Brot, welches mit iodiertem Salz gebacken wurde sowie Milchprodukte.«

Laut der Initiative »Gesund ins Leben« beträgt die durchschnittliche Aufnahme von Iod in Deutschland nur 120 µg. Sie empfiehlt Schwangeren deshalb eine Supplementierung mit 100 bis 150 µg pro Tag.

Ganz besonders wichtig ist die zusätzliche Einnahme von Iod für Veganer und Vegetarier, die keinen Fisch essen. Auch Frauen, deren letzte Schwangerschaft noch nicht lange her ist sowie Mütter von Mehrlingen brauchen größere Mengen. Wer sich unsicher ist, kann den Iodstatus beim Arzt mit einem einfachen Urintest prüfen lassen.

Vor Iodvergiftungen oder Schäden durch Iod brauchen Frauen keine Angst zu haben. »Das ist Unsinn«, sagt Biesalski. »Das einzige, was passieren kann, ist, dass durch zusätzliche Iodgaben eine latente Überfunktion sichtbar wird.« Und das sei sogar gut, erklärt der Experte. Denn auf diese Weise wüssten Betroffene, warum sie ständig müde und schlapp sind. Betroffene sollten in diesem Fall die Iodaufnahme reduzieren. Aber das ist die Ausnahme.

Essenzielles Eisen

Als Spurenelement ist Eisen für den Menschen essenziell. Es wird vor allem für die Blutbildung benötigt. Im menschlichen Organismus dient es als zentrales Atom in Hämoglobin und Myoglobin, die Sauerstoff speichern und transportieren, außerdem spielt es in verschiedenen Stoffwechselprozessen eine wichtige Rolle. Schwangere Frauen sollten pro Tag etwa 30 mg Eisen zu sich nehmen. Das ist die doppelte Dosis, die normalerweise empfohlen wird. Kein Wunder, die zusätzliche Blutmenge im Körper der Mutter, im Fetus und der Plazenta, lässt den Eisenverbrauch stark steigen. Fleisch, Fisch, Vollkornprodukte und dunkle Gemüsesorten enthalten größere Mengen des Minerals. Allerdings ist Eisen aus verschiedenen Lebens­mitteln unterschiedlich gut für den menschlichen Körper verfügbar. Vitamin C zum Beispiel verbessert die Eisen­aufnahme.

Grundsätzlich sind die meisten Schwangeren in Deutschland gut mit Eisen versorgt. Die Initiative »Gesund ins Leben« rät deshalb von einer prophylaktischen Einnahme ab, zumal Eisen in hohen Dosen schädlich ist. Doch immerhin ein Fünftel der Frauen entwickelt während der Schwangerschaft eine Eisenmangelanämie. Die eine Hälfte aufgrund von Krankheiten, die andere durch eine zu geringe Eisenaufnahme. In diesen Fällen muss supplementiert werden. Denn »Kinder von Müttern mit einer Eisenmangelanämie wiegen bei der Geburt zu wenig und werden häufig zu früh geboren«, sagt Vetter. Ob eine Schwangere Eisenpräparate einnehmen sollte, kann jedoch nur ihr Arzt entscheiden. Er bestimmt den Gehalt des Eisens im Blut oder den Status der Eisenspeicher und bestimmt dann die wirksame Dosis.

Vitamin D für die Knochen

Vitamin D reguliert den Calcium-Spiegel im Blut und spielt beim Aufbau der Knochen eine bedeutende Rolle. Menschen können Vitamin D beispielsweise durch den Verzehr von Seefisch, Leber, Pilzen und Eigelb aufnehmen. Aber vor allem können sie es mit Hilfe der Sonne selbst synthetisieren. Schon zehn Minuten Arme und Gesicht in die Mittagssonne zu recken, reicht aus, um den Bedarf zu decken. Fehlt die Eigensynthese – weil die Schwangere die Sonne meidet, immer Sonnencreme nutzt oder ihre Haut bedeckt – sollten pro Tag 20 µg aufgenommen werden, empfiehlt die DGE. Dies gelingt kaum über die Nahrung, gerade einmal bei 2 bis 4 µg liegt die durchschnittliche Aufnahme.

Man könnte unzählige weitere Spuren­elemente und Vitamine aufzählen, die Schwangeren zur Supplementierung empfohlen werden. In den meisten Fällen sind Schwangere aber gut versorgt, bei Mangelerscheinungen steckt häufig eine Erkrankung dahinter. Aber auch bei Veganern oder anderen speziellen Ernährungsformen sind zusätzliche Gaben notwendig. In diesen Fällen muss der Gynäkologe über Supplemente und deren Dosis entscheiden.

Gern werden Schwangeren auch Magnesium und Omega-3-Fettsäuren empfohlen. »Mit Magnesium ist nicht mehr viel zu holen«, urteilt Vetter. Wer möchte, kann es trotzdem nehmen. »Es schadet dem Kind nicht, aber nützt der Mutter.« Sie leidet so weniger unter Verstopfungen. Auch Omega-3-Fettsäuren braucht nicht jede Frau. Die langkettigen Fettsäuren sollen dem Kind zu einer optimalen Hirnentwicklung verhelfen. Etwa 200 mg pro Tag empfiehlt die Initiative »Gesund ins Leben«. Das funktioniert mit Kapseln. Doch liegt zwei Mal in der Woche Seefisch auf dem Teller, gibt es in der Regel auch keinen Mangel. So wie eine ausgewogene Ernährung fast jeden zusätzlichen Bedarf in der Schwangerschaft ausgleichen kann. /