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Schwangerschaftsdiabetes

Gesund ernähren, genug bewegen

13.05.2014  15:26 Uhr

Von Verena Arzbach / Die Diagnose Schwangerschafts­diabetes verunsichert werdende Mütter meist sehr. Die gute Nachricht: In der Regel bekommen Betroffene die Stoffwechselstörung mit der richtigen Ernährung und ausreichend Bewegung schnell in den Griff.

Meist entwickelt sich ein Schwangerschaftsdiabetes, auch Gestationsdiabetes genannt, unbemerkt in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft. Ursache der erhöhten Blutzuckerwerte ist eine Insulinresistenz als Folge hormoneller Veränderungen. Das heißt, das in der Bauchspeicheldrüse gebildete Insulin wirkt nicht mehr so effektiv wie zuvor. Bei den meisten Schwangeren kompensiert der Körper dies, indem er mehr Insulin freisetzt. Bei einigen Frauen funktioniert dieser Mechanismus jedoch nicht. Sie produzieren weniger Insulin als nötig, sodass nicht ausreichend Glucose aus dem Blut in die Körperzellen transportiert wird. In der Folge steigt der Blutzuckerspiegel.

Beim Baby kann Gestationsdiabetes zu übermäßigem Wachstum, einem hohen Geburtsgewicht und damit zu Komplikationen bei der Geburt führen. Außerdem erhöht er das Risiko, dass Mutter und Kind dauerhaft an Diabetes mellitus erkranken. Die mit dem Gestationsdiabetes verbundenen Probleme lassen sich aber verhindern, wenn ein Arzt die Stoffwechselstörung rechtzeitig diagnostiziert, die Schwangere ihre Ernährung umstellt oder – falls erforderlich – Insulin spritzt.

Mit Ernährung vorbeugen

Übergewichtige Schwangere, Über-45-jährige und Frauen mit genetischer Vorbelastung haben ein erhöhtes Risiko, an Schwangerschaftsdiabetes zu erkranken. »Generell kann man mit einer ausgewogenen Ernährung einem Gestationsdiabetes vorbeugen«, sagt Professor Dr. Ute Schäfer-Graf im Gespräch mit PTA-Forum. Schäfer-Graf ist Gynäkologin und Diabetologin im Sankt Joseph Krankenhaus in Berlin und hat in den vergangenen Jahren bei der Erstellung zahlreicher Leitlinien und Behandlungsstandards des Schwangerschaftsdiabetes mitgewirkt. »Die Nahrung sollte nicht zu viele Kohlenhydrate enthalten«, so Schäfer-Graf. Isst eine Frau zum Beispiel in der Schwangerschaft plötzlich sehr viel und fast ausschließlich Obst, etwa weil sie sich gesund ernähren möchte, könne der hohe Zuckergehalt auch die Insulinresistenz fördern. Im Buch »Schwangerschaftsdiabetes im Griff«, das Schäfer-Graf gemeinsam mit der Ernährungswissenschaftlerin Bettina Snowdon verfasst hat, empfehlen die beiden Autorinnen einen Kohlenhydratanteil von 50 Prozent – wie auch bei einer normalen gesunden Ernährung.

Diabeteszentren

Frauen mit Gestationsdiabetes oder einem erhöhten Risiko sollten sich an ein Diabeteszentrum wenden. Eine Liste mit Ärzten und Kliniken, Rezepte und weitere nützliche Informationen finden sie auf www.diabetesde.org

Auch sollten Schwangere nicht übermäßig viel, sondern nur dann essen, wenn sie wirklich Hunger haben. Das Motto »für zwei essen« gilt längst als überholt. »Schwangere sollten unbedingt auch aktiv bleiben, um einem Gestationsdiabetes vorzubeugen«, sagt Schäfer-Graf weiter. Geeignet sind Sportarten ohne abrupte Start- und Stoppbewegungen, die außerdem Bänder und Gelenke schonen, beispielsweise Spazieren gehen oder Schwimmen. »Die Schwangere sollte ihre gewohnte Aktivität beibehalten oder gegebenenfalls auch intensivieren«, sagt die Expertin.

Obst, Gemüse und Kaffee

Hat eine Schwangere die Diagnose Gestationsdiabetes erhalten, ist dies laut Snowdon und Schäfer-Graf kein Grund zur Panik. Die Therapie besteht nun zunächst aus Bewegung und einer Ernährungsumstellung: viele Vollkornprodukte, Gemüse, hin und wieder etwas Obst. Mehrere kleine Mahlzeiten am Tag sind besser als drei große, denn so lassen sich starke Schwankungen des Blutzuckerspiegels vermeiden. Auf zuckerhaltige Getränke wie Cola oder Fruchtsäfte sollten Schwangere möglichst verzichten. Kaffee und Tee hingegen können durchaus in den Speiseplan integriert werden, denn in Maßen wirken sie positiv auf den Blutzucker. »Ein moderater Kaffeekonsum schadet dem Baby nicht, zwei bis drei Tassen täglich sind vollkommen in Ordnung«, sagt Schäfer-Graf.

In rund 80 Prozent der Fälle sinken allein durch Änderung des Lebensstils die Blutzuckerwerte wieder in den Normbereich. »Man beobachtet eine Zeit lang, ob sich die Werte unter einer Diät bessern, etwa 14 Tage oder auch etwas länger«, erklärt Schäfer-Graf. Ist dies nicht der Fall, wird die Gabe von Insulin nötig. Zur Insulin-Spritze gibt es keine Alternative, orale Antidiabetika sind in der Schwangerschaft nicht zugelassen.

In den meisten Fällen verschwindet der Gestationsdiabetes nach der Geburt wieder. Schäfer-Graf empfiehlt ihren Patientinnen, den gesunden Lebensstil in jedem Fall nach der Geburt fortzusetzen. Dennoch: »Etwa ein Drittel der Betroffenen behält nach der Schwangerschaft eine Stoffwechselstörung«, sagt die Diabetologin. Dann bleiben die Blutzuckerwerte entweder grenzwertig erhöht oder die Mutter behält einen manifesten Diabetes mellitus, der behandelt werden muss. /

Buchtipp

Die Diagnose Schwangerschaftsdiabetes verunsichert viele Betroffene. Doch mit einer bewussten Ernährung und ausreichend Bewegung können Schwangere meist ihren Blutzuckerspiegel auf ein normales Maß senken, ohne Insulin spritzen zu müssen. Der Ratgeber »Schwangerschafts-Diabetes im Griff« unterstützt Betroffene bei der Umstellung und enthält einfach umzusetzende Ernährungstipps, beispielsweise Empfehlungen bei typischen Schwangerschaftsgelüsten. Die Ökotrophologin Bettina Snowdon hat 90 Rezepte entwickelt, die den ganzen Tag vom Frühstück über Zwischenmahlzeiten bis zum Abendessen abdecken, alle relativ unkompliziert und schnell zubereitet. Mitautorin Professor Dr. Ute Schäfer-Graf hat in Deutschland als einzige Ärztin die Qualifikationen Gynäkologin und Diabetologin. Sie ist Oberärztin am St. Joseph-Krankenhaus in Berlin und leitet dort das Berliner Diabeteszentrum für Schwangere.

Bettina Snowdon, Ute Schäfer-Graf: Schwangerschafts-Diabetes im Griff. Gesund essen für mein Baby und mich. 128 Seiten, Broschiert. TRIAS Verlag 2014. ISBN 978-3830468547. EUR 14,99.