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Couvade-Syndrom

Kein bisschen schwanger

13.05.2014  15:26 Uhr

Von Daniel Rücker / Auf den ersten Blick ist eine Schwangerschaft kein erstrebenswerter Zustand, eher ein Handicap. Dennoch soll es Männer geben, die ihrer schwangeren Partnerin nacheifern, glauben Psychologen. Wenn das mal stimmt.

Nicht zum ersten Mal sind Männer Ziel medizinischer Absurditäten. Vor etwa zehn Jahren sahen sie sich mit der überraschenden Erkenntnis konfrontiert, unter Wechseljahresbeschwerden zu leiden. Auf den Namen Aging-Male-Syndrom wurde dieser Zustand getauft. Die anfänglich große mediale Begeisterung für dieses Thema hielt aber nicht lange an. Ob alternde Männer tatsächlich unter Hormonschwankungen leiden oder die Pharma­indus­trie diese Indikation erfunden hat, um eine neue Zielgruppe für ihre Produkte zu gewinnen, blieb damals offen.

Jetzt kommt es noch schlimmer. Ein nicht unerheblicher Teil werdender Väter soll angeblich unter Schwangerschaftssymptomen leiden. Eine Untersuchung britischer Psychologen an rund 300 Männern wird als Beweis für diese These angeführt. Und weil auch dieses Kind einen Namen braucht, wird es Couvade-Syndrom genannt. Schließlich ist eine respektable Bezeichnung eine wichtige Voraussetzung dafür, dass aus einer Befindlichkeit eine Indikation wird.

Wichtige Gemeinsamkeit

Natürlich kann es einer Partnerschaft gut tun, wenn Mann und Frau sich ähnlich sind, etwa beide gern ins Kino gehen, Florian Silbereisen schätzen oder Briefmarken pazifischer Inselstaaten sammeln. Warum auch nicht? Das tut niemandem weh. Es gibt aber auch Grenzen der Gleichmacherei. Mann und Frau können sich zwar ähnlich sein, ein paar Unterschiede wird es dennoch immer geben. Das muss man Naturwissenschaftlern nicht im Detail erläutern.

Die britischen Psychologen sehen allerdings weitreichende intergeschlechtliche Homologien, die ebenso überraschend wie wenig nachvollziehbar sind. Angeblich legen nicht nur Weibchen der Spezies Homo sapiens während der Schwangerschaft an Bauchumfang zu. Die Männchen tun es ihnen gleich. Nach der Untersuchung nahmen einige Männer schwangerer Frauen in den neun Monaten rund 15 Kilo zu, im Durchschnitt waren es immer noch vier Kilo. Außerdem sollen die Männer unter Heißhungerattacken, Übelkeit, Sodbrennen, Verstopfungen und anderen schwangerschaftstypischen Ärgernissen gelitten haben. Bei manchem Erzeuger sei die Wampe analog zum Bauch der Partnerin angeschwollen. Auch der männliche Hormonhaushalt habe sich umgestellt, heißt es. Mit weniger Testosteron und mehr Estrogen soll Mann kompatibler für die Brutpflege geworden sein.

Warum dies so ist, können die britischen Psychologen leider nicht zweifelsfrei erklären. Empathie für die Beschwerden der leidenden Partnerin ist ein Erklärungsversuch, Narzissmus ein anderer. Die Männer könnten nicht ertragen, dass ihre schwangere Partnerin nun im Mittelpunkt des Interesses steht, so eine Vermutung. Die Frau könne etwas besser als ihr Partner, nämlich Kinderkriegen. Sie selbst seien dagegen nicht in der Lage, ein Kind zu bekommen und hegten deshalb insgeheim Gebärneid. Nach einem anderen Erklärungsansatz macht die Hormonumstellung Männer weniger aggressiv. Dem Neugeborenen drohe weniger Gefahr, wenn beim Vater aus purer Aggression Fürsorge werde.

Wirklich glaubhaft?

Sollen wir all dies glauben? Besser nicht. Natürlich ist es für den Mann eine große Sache, wenn sich ein weiterer Mitbewohner ankündigt. Aber muss der männliche Körper deshalb gleich im Chaos versinken? Dass Männer dicker werden, wenn die Frau schwanger ist, lässt sich auch simpler erklären. Hat die Frau regelmäßig Heißhungerattacken, sind Kollateralschäden beim mitfutternden Mann nicht verwunderlich. Treibt die schwangere Frau weniger Sport, reduziert der Erzeuger seine Aktivitäten womöglich auch, was ebenfalls dem Astralkörper abträglich ist.

Mehr als absurd ist auch die Vermutung, die koschwangeren Männer litten unter Gebärneid. Neidisch ist man auf Menschen, die etwas haben, was man auch gern hätte. Geld, Erfolg, Anerkennung zum Beispiel. Starke Schmerzen bei der Geburt gehören nicht dazu. Der Evolutionsbiologe dürften auch darüber rätseln, welchen Vorteil ein hormonell heruntergeregelter Vater für ein Kind hat. Heute mag es in einigen Familien zwar schadensbegrenzend sein, wenn der Vater sich domestiziert; unseren frühzeitlichen Vorfahren hätte ein Ernährer mit einem hohen Estrogenspiegel aber wenig genutzt. Was hat das Neandertalerbaby davon, wenn sich Vater und Mutter um die Brutpflege kloppen, aber niemand Nahrung herbeischafft? Tiere jagen und Futterkonkurrenten vertreiben war damals lebensnotwendiges Tagesgeschäft. Heute mag dies von untergeordneter Bedeutung sein. Bei Aldi, Lidl oder Rewe macht man mit EC-Karte Beute. Unser Erbgut hat das archaische Verhalten aber noch gespeichert.

Es gibt noch ein paar andere Indizien, die auf eine eher bescheidene Evidenz für das Couvade-Syndrom hindeuten. Es gibt zwar eine ganze Reihe von Zeitschriften und Online-Medien, die über die sonderbare Mutation der Männer berichtet haben. Es wird aber immer nur die eine britische Untersuchung zitiert. Zudem arbeiten die Autoren vieler Beiträge mit einem Kniff, der in andropologischen Untersuchungen bei dünner Faktenlage häufig verwendet wird: Das Couvade-Syndrom werde auch bei Naturvölkern beobachtet und – fast ebenso bedeutsam – beim Weißbüscheläffchen. Bedarf es an dieser Stelle noch eines weiteren Beweises? Sind doch die legendären Weißbüscheläffchen in Verhalten und Genom eine Blaupause des Menschen.

Bleibt noch ein letzter Punkt, der dem Zweifler in die Karten spielt. Haben Sie selbst schon mal einen Mann mit offenbaren Schwangerschaftsmerkmalen am Körper gesehen? Nein? In der Redaktion konnte auch niemand eine Sichtung vermelden. Die Stichprobe ist zwar vermutlich nicht signifikant. Dennoch erscheint es mehr als unwahrscheinlich, dass bis zu 80 Prozent der werdenden Väter unter dem Syndrom leiden. So schön sich dies auch in Frauen- und Lifestylemagazinen vermarkten lässt. /