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Schwangerschaftsübelkeit

Morgens immer schlecht

13.05.2014  15:26 Uhr

Von Ewelina Zmyslowska / Frisch gebrühter Kaffee, ein zartes Parfüm oder ein saftiges Steak – bei den meisten Menschen lassen diese Gerüche das Herz höher schlagen. Nicht aber bei vielen Schwangeren. Schon allein der Gedanke an feine Leckereien oder Düfte löst bei ihnen ein flaues Magengefühl aus.

Wie hat sich Martina Flick* immer gefreut, wenn ihr Mann das Frühstück ans Bett gebracht hat. Ein großes Schoko­croissant mit einem Cappuccino. Doch daran ist seit einigen Wochen nicht mehr zu denken. Flick ist in der 24. Woche schwanger und hat mit Schwangerschaftsübelkeit zu kämpfen. »Warum muss ich so leiden, wenn ich mich doch eigentlich freuen möchte?«, fragt sich die werdende Mutter seitdem häufig.

So wie Flick geht es schätzungsweise 80 Prozent der Schwangeren. Bei den meisten Frauen beginnen die Beschwerden etwa in der vierten bis siebten Schwangerschaftswoche und dauern bis zur 20. Woche an. Die Symptome reichen von Geruchsempfindlichkeit über Übelkeit bis zum Erbrechen. Leider haben nur wenige das Glück, lediglich morgens unter Übelkeit zu leiden – meist bleibt das flaue Gefühl den ganzen Tag bestehen oder taucht sofort wieder auf, sobald ein bestimmter Geruch um die Nase weht. Die Gynäkologin Dr. Birgit Beer aus Ismaning bei München kennt diese Symptome. »Viele meiner Patientinnen berichten mir von Übelkeit in den ersten Wochen ihrer Schwangerschaft. Etwa 50 Prozent zeigen jedoch eine sehr milde Form, sie sind nur von Übelkeit betroffen. Bei 30 Prozent lässt sich eine mäßige Ausprägung mit Übelkeit und gelegentlichem Erbrechen feststellen.« Bei letzterem sprechen Experten von Emesis gravidarum. Doch auch wenn sich die Betroffenen regelrecht krank fühlen, betont Beer: »Es ist eine normale Begleiterscheinung der Schwangerschaft.«

Lediglich bei 0,5 bis 2 Prozent der Betroffenen weltweit sind die Symptome so stark ausgeprägt, dass Mediziner durchaus von einer Erkrankung sprechen, der Hyperemesis gravidarum. Dies ist der Fall, wenn die Patientin mehr als fünfmal am Tag erbricht, mehr als 5 Prozent ihres Gewichtes verliert und Schwierigkeiten bei Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme hat, schreibt Dr. Ionnais Mylonas im Deutschen Ärzteblatt zum Thema Erbrechen in der Schwangerschaft. Diese Frauen sollten sich auf jeden Fall von ihrem Gynäkologen beraten lassen.

Psyche oder Hormone?

Die werdende Mutter Flick weiß nun, dass sie zwar zu einer Minderheit gehört, bei der die Übelkeit noch über die 20. Schwangerschaftswoche hinaus andauert, sie aber nicht von der schweren Form betroffen ist. Dennoch brennen ihr noch viele Fragen auf den Nägeln: »Warum gibt es die Schwangerschaftsübelkeit überhaupt? Es ist doch eine der schönsten und natürlichsten Sachen auf der Welt. Warum wehrt sich mein Körper gegen die Schwangerschaft?«

Was genau die Ursachen der Übelkeit in den ersten Schwangerschaftswochen sind, dazu gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Sehr alt ist die psychosomatische Begründung. So neigte man in früheren Zeiten dazu, Frauen, die sich in der Schwangerschaft häufig übergaben, zu unterstellen, sie wehrten sich innerlich gegen das ungeborene Kind und hätten Angst vor der Elternschaft. Ein Zusammenhang zwischen diesen Sorgen und der Schwangerschaftsübelkeit ist bis heute jedoch nicht ausreichend untersucht. Aber es gibt Studien, die auf eine Verbindung von depressiver Verstimmung und Hyperemesis gravidarum hindeuten.

Kleine Botenstoffe

Meist lässt sich die Übelkeit rein physiologisch begründen. »Ursächlich für die Schwangerschaftsübelkeit ist die hormonelle Umstellung in den ersten Schwangerschaftswochen, insbesondere der Anstieg des Schwangerschaftshormons hCG (humanes Choriongonadotropin), welches etwa ab der zwölften Schwangerschaftswoche wieder abfällt«, erklärt die Gynäkologin Beer. Der Konzentrationsspiegel des Hormons steigt zu Beginn der Schwangerschaft an, erreicht um die zehnte Schwangerschaftswoche seinen höchsten Punkt und fällt bis zur 20. Schwangerschaftswoche wieder auf das Basallevel zurück. Studien haben belegt, dass von Hyperemesis gravidarum betroffene Frauen häufig einen überdurchschnittlich hohen hCG-Spiegel zeigen. Diese These wird auch von der Beobachtung gestützt, dass Schwangere, die Mehrlinge erwarten, deutlich mehr hCG produzieren und stärker zu Schwangerschaftsübelkeit neigen. Auch Krebspatientinnen mit einem Chorionkarzinom weisen erhöhte hCG-Spiegel auf. Diese Frauen leiden jedoch nicht unter Übelkeit. Forscher vermuten daher, dass bei Hyperemesis-gravidarum-geplagten Schwangeren eine veränderte Form des Hormons verantwortlich für die Beschwerden ist.

Aufgrund einer strukturellen Ähnlichkeit zwischen hCG und dem Schilddrüsenhormon TSH (thyreoidstimulierendes Hormon) nehmen Forscher außerdem an, dass es zu einer Kreuzreaktion am TSH-Rezeptor kommt. Das Schwangerschaftshormon bindet anstelle von TSH an den TSH-Rezeptor und stimuliert die Schilddrüse. In der Folge steigert der Körper die Schilddrüsenfunktion und regt den Stoffwechsel an. Die TSH-Ausschüttung wird hingegen gedrosselt, was den Hormonhaushalt der Schilddrüse durcheinander bringt. Aber auch ein Überschuss an TSH und eine daraus resultierende Schilddrüsenüberfunktion können die schwere Form der Schwangerschaftsübelkeit mit Erbrechen auslösen.

Flick plagt nun schon seit vielen Wochen die immer wieder aufkommende Übelkeit, die manchmal auch zu Erbrechen führt. In dieser Zeit hat sie einiges ausprobiert und Mittel und Wege gefunden, die Symptome abzumildern. »Morgens und sobald ich merke, dass ein flaues Gefühl im Magen beginnt, trinke ich einen Ingwer-Tee. Das hilft meist wunderbar.« Wer keinen Tee mag, kann den Ingwer auch frisch, als Bonbon oder in Form von Kapseln zu sich nehmen. Die Gynäkologin Beer verrät noch weitere Tipps, wie Betroffene zumindest der milden Form der Schwangerschaftsübelkeit ein Schnippchen schlagen können: »Man legt sich am besten etwas langweilige, geschmacksarme Nahrung wie Zwieback, Grissini oder Toast neben das Bett und isst etwas davon, noch bevor man in der Früh aufsteht.« Generell sei es besser, auf starke Gewürze und fettreiche Speisen zu verzichten. Auch kleine und leichte Mahlzeiten mehrmals am Tag entlasten den strapazierten Magen. »Außerdem sollte man auf viel Ruhe und genügend Schlaf achten«, rät Beer. Auch die Einnahme von Vitaminen des B-Komplexes kann die Beschwerden mildern.

Druck lindert Beschwerden

Mittlerweile gibt es Studien, die eine positive Wirkung von Akupressur bei Schwangerschaftsübelkeit nahelegen. Zwar ist der Wirkmechanismus nicht bekannt. Aber sanfter Druck, zum Beispiel mit einem Akupressurband, auf einen bestimmten Punkt – den P6-Punkt am Handgelenk – im vierstündigen Intervall scheint die Symptome deutlich zu lindern.

Lediglich in schwereren Fällen, wie bei der Hyperemesis gravidarum, muss die Schwangere Medikamente einnehmen. In diesem Fall eignet sich ein Antihistaminikum wie Dimenhydrinat oder Doxylamin. »Auf diese Medikamente, welche der Hyperemesis gravidarum vorbehalten sind, sollte aber erst nach Rücksprache mit dem Gynäkologen zurückgegriffen werden«, warnt Beer.

Vorfreude trotz Übelkeit

Flick nippt an ihrem Ingwertee. Trotz der Beschwerden überwiegt ihre Freude über die Schwangerschaft. »Naja, ich spüre eben etwas mehr als andere Frauen, wie mein Körper auf das kleine, entstehende Baby reagiert. Aber es ist ein gutes Zeichen, es zeigt mir, dass sich da etwas tut«, sagt Flick. Ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, weiß die werdende Mutter noch nicht. Nach einer Volksweisheit deuten starke Übelkeit und Erbrechen jedenfalls eher auf ein Mädchen hin. Dieser Zusammenhang hat sich sogar in Studien bestätigt. /

*Name von der Redaktion geändert