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Entbindung

Natürliche Geburt oder Kaiserschnitt?

13.05.2014  15:28 Uhr

Von Dagmar Schneck / Nach etwa 40 Wochen Schwangerschaft ist es so weit: Das Kind ist bereit für ein Leben außerhalb des Mutterleibs. Wie die Geburt ablaufen soll – ob natürlich oder per Wunschkaiserschnitt – können werdende Eltern in vielen Fällen selbst entscheiden. Welche Art der Entbindung die richtige ist, sollten sie zuvor genau abwägen.

Die Geburt ist für sowohl für die Mutter als auch das Kind ein einschneidendes Ereignis. Wie die Mutter entbindet, sollte sie gemeinsam mit ihrem Arzt anhand medizinischer Gründe auswählen. Die Gesundheit von Mutter und Kind steht bei der Entscheidung immer an erster Stelle.

Der natürliche Geburtsvorgang kündigt sich unterschiedlich an: Häufig bemerken werdende Mütter als erstes ein regelmäßiges Ziehen im Unterbauch, die Wehen. Der Abstand zwischen den Wehen beträgt zunächst etwa 15 Minuten und verkürzt sich im Verlauf der Geburt. Seltener beginnt die Geburt mit dem sogenannten Blasensprung, also damit, dass die Fruchtblase platzt und etwas Fruchtwasser abgeht. Auch kann es in bestimmten Fällen notwendig sein, die Geburt vor Einsetzen der Wehen einzuleiten, etwa dann, wenn das Kind im Mutterleib unterversorgt ist, die Mutter unter einer Schwangerschaftsvergiftung (Gestose) leidet oder der errechnete Geburtstermin bereits mehr als 14 Tage zurückliegt. Dann erhält die Schwangere Arzneimittel wie Oxytocin oder Prostaglandine, die Wehen auslösen sollen.

Spontane Geburt

Eine natürliche Geburt läuft immer in drei Phasen ab. Sie beginnt mit der Eröffnungsphase, in der sich die Gebärmutter zusammenzieht. Außerdem drückt das Köpfchen des Kindes auf den Muttermund, der sich dadurch allmählich öffnet.

Ist der Muttermund vollständig geöffnet, also etwa 8 bis 10 Zentimeter weit, beginnt die Austreibungsphase. Dabei tritt der Kopf des Kindes durch den geöffneten Muttermund in das Becken der Mutter ein. Er drückt auf den Darm und löst bei der Mutter den Drang aus, zu pressen. Die Kontraktionen der Gebärmutter und das Pressen der Mutter schieben das Kind durch den Geburtskanal nach außen. Ist das Kind schließlich geboren, folgt die Nachgeburtsphase: Der Mutterkuchen (Plazenta) löst sich aus der Gebärmutter und wird ausgestoßen.

Die Dauer einer spontanen Geburt ist von Frau zu Frau sehr unterschiedlich. Besonders beim ersten Kind dauert es länger, bis sich der Muttermund weit geöffnet hat. Durchschnittlich vergehen etwa acht bis zwölf Stunden, bis das Kind auf der Welt ist. Gesteuert wird die Geburt unter anderem durch das Hormon Oxytocin. Es führt dazu, dass sich die Gebärmutter zusammenzieht, löst also die Wehen aus. In den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt trägt Oxytocin außerdem dazu bei, dass sich die Gebärmutter allmählich wieder auf ihre ursprüngliche Größe zurückbildet. Das ist ein entscheidender Faktor dafür, dass die Blutung nach der Geburt zum Stillstand kommt. Eine wichtige Bedeutung hat dieses Hormon auch für das Stillen.

Wenn Probleme auftreten

Manchmal sind im Verlauf einer natürlichen Geburt Maßnahmen notwendig, um die Entbindung zu beschleunigen, zum Beispiel wenn es Anzeichen gibt, dass das Kind nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt ist. Die Ärzte erkennen dies meist relativ schnell, denn sie überwachen die Herztöne des Kindes in Verbindung mit Länge und Häufigkeit der Wehen während der Geburt mit einem Wehenschreiber (Kardiotokograph, CTG). In einigen Fällen müssen Ärzte auch den Verlauf der Geburt beeinflussen, um die Mutter zu schützen, etwa wenn sie bei bestimmten Herz- oder Gefäßerkrankungen nicht pressen darf oder nach lang andauernder Wehentätigkeit erschöpft ist.

Zu den Hilfsmitteln, mit denen der Geburtshelfer die Geburt durch die Scheide zu Ende führen kann, gehören Zange und Saugglocke (Vakuumextraktion). Kommen diese zum Einsatz, sprechen Ärzte von einer vaginal operativen Entbindung. Diese Verfahren sind vor allem dann geeignet, wenn das Kind bereits mindestens in der Mitte des Beckens liegt und kein mechanisches Hindernis überwinden muss. Vor einer vaginal operativen Entbindung wird sich der Geburtshelfer in der Regel durch Tastuntersuchungen und Ultraschall ein genaues Bild von der Lage des Kindes im Becken der Mutter machen. Das hilft ihm dabei, die Erfolgsaussichten abzuschätzen. Denn die vaginal operative Entbindung birgt auch Risiken, hauptsächlich Verletzungen von Mutter und Kind. Bei der Mutter können etwa Risse am Damm, an der Scheide oder am Enddarm entstehen. Beim Kind sind bei einer Zangengeburt Hautabschürfungen, Blutergüsse und vorübergehende Lähmungen von Gesicht oder Armen möglich.

Beim Einsatz einer Saugglocke kommt es relativ häufig zu Blutergüssen der Kopfhaut. Das typische Kopfgeschwulst ist aber harmlos und bildet sich nach der Geburt wieder zurück. Jedoch gibt es auch potenziell schwere Komplikationen: Bei starken Schwankungen des Hirndruckes kann eine Gehirnblutung beim Kind auftreten. Gefährdet sind vor allem Babys, die bei der Geburt jünger sind als 36 Wochen. Daher empfehlen Experten den Einsatz der Saugglocke vor der 36. Schwangerschaftswoche nur in seltenen Fällen.

Generell gibt es wenig eindeutige Argumente, die für oder gegen ein bestimmtes Verfahren sprechen. Insgesamt setzen Geburtshelfer seit einigen Jahren häufiger die Saugglocke ein. Für eine vaginal operative Entbindung ist in aller Regel eine Narkose oder eine Regionalanästhesie notwendig.

Kaiserschnitt bei Komplikationen

Der Kaiserschnitt ist eine echte Operation: Der Arzt öffnet Bauchdecke und Gebärmutter und entbindet das Kind so von der Mutter. Andere Ausdrücke für einen Kaiserschnitt sind Schnittentbindung oder Sectio (kurz für Sectio caesarea). Dieser Eingriff erlaubt eine Entbindung innerhalb weniger Minuten. Notwendig ist er immer dann, wenn die Geburt auf normalem Weg nicht möglich ist oder Mutter oder Kind gefährden würde. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn das Kind quer im Mutterleib liegt oder im Verhältnis zum Becken der Mutter zu groß ist. Auch wenn der Mutterkuchen vor dem Muttermund liegt (Plazenta praevia) ist ein Kaiserschnitt zwingend.

Bestimmte Komplikationen in der Schwangerschaft oder während der Geburt gelten als Notfall, zum Beispiel ein drohender Einriss der Gebärmutter oder eine vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens aus der Gebärmutter. In diesen Fällen ist ein sofortiger Kaiserschnitt notwendig. Gibt es unter der Geburt Hinweise auf einen bedrohlichen Sauerstoffmangel des Kindes, muss der Arzt ebenfalls auf dem schnellstmöglichen Weg entbinden. Mediziner sprechen dann von einer Notsectio, die für Mutter und Kind oft lebensrettend ist.

Sind Probleme bei einer normalen Geburt bereits während der Schwangerschaft vorhersehbar oder bestehen Erkrankungen, die Mutter oder Kind während der Geburt gefährden könnten, kann der Arzt gemeinsam mit der Mutter einen Kaiserschnitt im Voraus planen. Ärzte sprechen dann von einer primären Sectio. Diese sollte möglichst nicht vor der 38. Schwangerschaftswoche durchgeführt werden, denn es gibt Hinweise, dass Neugeborene nach einer frühen Sectio häufiger unter Anpassungsstörungen leiden als nach einem Kaiserschnitt in der 40. Woche. Als Anpassungsstörungen bezeichnen Mediziner Schwierigkeiten bei der Umstellung lebenswichtiger Funktionen auf das Leben außerhalb des Mutterleibes, zum Beispiel Probleme bei der Atmung.

In anderen Situationen empfehlen Ärzte einen Kaiserschnitt, auch wenn er nicht zwingend notwendig ist. Dazu zählen zum Beispiel eine Beckenendlage des Kindes, eine Mehrlingsschwangerschaft oder ein sehr großes Kind. Hier ist – abhängig von der Erfahrung des Geburtshelfers – häufig auch eine spontane Geburt möglich.

Entbindung nach Wunsch

Verbesserungen von Operations- und Anästhesietechniken haben in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass eine Sectio für Mutter und Kind heute relativ risikoarm ist. In den Industrienationen ist die Anteil an Kaiserschnitten kontinuierlich angestiegen. Die Gründe sind vielfältig. So gab es lange die Vermutung, ein Kaiserschnitt beuge einer Beckenbodenschwäche vor, die in höherem Lebensalter zu einer Stressinkontinenz führen kann. Mittlerweile gilt jedoch als sicher, dass die Ursachen der Muskulaturschwäche zum größten Teil in der Schwangerschaft liegen, weniger in einer vaginalen Geburt. Auch ein größerer Anteil Spätgebärender und, damit verbunden, häufigere Vorerkrankungen der Mutter haben wahrscheinlich ebenso wie ein zunehmendes Bewusstsein für Geburtsrisiken dazu beigetragen, dass sich Geburtshelfer und Schwangere heute schneller für einen Kaiserschnitt entscheiden als früher.

Caesar und der

Der genaue Ursprung des Begriffs »Kaiserschnitt« ist unklar. Der Legende nach soll der römische Staatsmann Gaius Julius Caesar (100 bis 44 vor Christus) aus dem Bauch seiner Mutter geschnitten worden sein. Caesar, von dessen Name sich der Begriff »Kaiser« ableitet, wurde damit zum Namens­patron der Sectio.

Ein Kind aus dem Bauch seiner Mutter zu schneiden, war im alten Rom sogar gesetzlich geregelt: Ärzte mussten einer im Sterben liegenden oder bereits verstorbenen Schwangeren das Kind herausschneiden, um beide getrennt zu beerdigen. Doch Caesars Geburt lief sicher nicht so ab: Eine gesunde Schwangere in der damaligen Zeit hätte solch einen Eingriff kaum überlebt, und Caesars Mutter lebte nachweislich noch viele Jahre nach seiner Geburt. Womöglich geht der Begriff »Kaiserschnitt« eher auf das lateinische Wort caedere (schneiden) zurück.

Dennoch müssen sie immer berücksichtigen, dass bei einer Sectio nach wie vor einige Komplikationen auftreten können. Der Bauchschnitt und die daraus folgenden Schmerzen bereiten einigen Müttern nach der Entbindung Probleme. Es besteht zudem ein höheres Risiko für Blutungskomplikationen sowie für Thrombosen oder Embolien. Auch Schwierigkeiten beim Stillen treten nach Schnittentbindungen häufiger auf als nach spontanen Geburten. Eine Rolle dabei spielt wahrscheinlich ein Mangel des Wehen- und Stillhormons Oxytocin. Mütter, die per Sectio entbunden haben, weisen häufig niedrigere Konzentrationsspiegel auf. Das gilt insbesondere für primäre Kaiserschnitte, bei denen die Mutter keine Wehen hatte. Bekannt ist auch, dass eine Sectio das Risiko für Probleme in einer späteren Schwangerschaft erhöht. Daneben gibt es Hinweise, dass per Kaiserschnitt entbundene Kinder im Jugendalter öfter an Erkrankungen wie Asthma, Diabetes oder Zöliakie leiden. Viele Experten sehen einen Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation daher kritisch. Jede Schwangere, die sich für einen Wunschkaiserschnitt interessiert, muss der Arzt daher ausführlich über Risiken aufklären. /