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Stillen

Rundum gut versorgt

13.05.2014  15:26 Uhr

Von Judith Amann / Die Experten sind sich einig: In den ersten Lebensmonaten ist Muttermilch das Beste für ein Baby. Aber was, wenn die Mutter krank ist oder Medikamente einnehmen muss – sind das Gründe zum Abstillen? PTA und Apotheker können den Müttern beim Thema Stillen mit einfühlsamer Beratung weiter helfen.

»Säuglinge sollten mindestens vier Monate voll gestillt werden«, sagt Dr. Elke Jäger-Roman aus dem Vorstand der Bundesvereinigung der Kinder­ und Jugendärzte (BVKJ). Vier bis sechs Monate Stillen – das empfiehlt auch die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Stillen hat einige Vorteile: Es fördert die Mutter-Kind-­Bindung und gestillte Kinder haben ein geringeres Risiko an Diabetes mellitus oder Allergien zu erkranken.

Deshalb wird besonders Müttern allergiegefährdeter Kinder das Stillen empfohlen. Da die Muttermilch Abwehrstoffe wie Antikörper oder Zellen des mütterlichen Immunsystems enthält, sind gestillte Kinder vor Infektionskrankheiten wie Erkältung oder Durchfallerkrankungen besser geschützt. Studien belegen, dass sie besonders im ersten Lebensjahr seltener darunter leiden als nicht gestillte Kinder. Aber nicht nur die Kinder, auch die Mütter profitieren. Stillen vermindert zum Beispiel das Risiko der Mutter an Brustkrebs oder Osteoporose zu erkranken.

Mütter sollten ihre Säuglinge dann stillen, wenn sie Hunger haben – also nach Bedarf. Das kann in den ersten Tagen zehn- bis zwölfmal täglich sein. Das häufige Anlegen fördert die Milchbildung. Ein Säugling trinkt etwa 15 bis 20 Minuten an jeder Brust. Aber jedes Kind ist individuell: Manche Genießer trinken länger, während ältere Babys es schaffen, die Brust in fünf Minuten zu leeren.

Babys erster Brei

Ab dem fünften Monat kann Beikost – also Brei – eingeführt werden, spätestens ab dem siebten Monat sollten Eltern damit beginnen. Früher gab es Empfehlungen, Lebensmittel mit Allergiepotenzial, beispielsweise Fisch, erst im zweiten Lebensjahr einzuführen. Heute raten Experten jedoch, diese Lebensmittel im ersten Lebensjahr einzuführen, am besten »unter dem Schutz des Stillens«, so Jäger­-Roman. Die Stillbeziehung selbst dauert genau so lange, wie es Mutter und Kind gefällt. Hierzulande werden Kinder aber nur selten über das erste Lebensjahr hinaus gestillt.

Laut nationaler Stillkommission werden in Deutschland in den ersten Wochen 90 Prozent aller Säuglinge gestillt, mit sechs Monaten sind es nur noch knapp die Hälfte. Untersuchungen zeigen, dass Mütter oft abstillen, weil sie beim Stillen Probleme haben. Hier kann die richtige Beratung durch Hebammen, Kinderärzte oder Stillberaterinnen helfen. Aber auch Apotheken sind wichtige Anlaufstellen bei Stillproblemen.

Häufige Komplikationen sind zum Beispiel wunde Brustwarzen, weil das Kind nicht richtig angelegt wird und falsch saugt – hier können Stillberaterinnen oder Hebammen helfen. Wichtig – wenn die Brustwarzen bereits wund sind oder zur Vorbeugung – sind gute Stilleinlagen, am besten luftdurchlässige Produkte. Da feuchtes Klima Infektionen fördert, sollten die Stilleinlagen oft gewechselt werden. Auch häufiges Händewaschen und eine sorgfältige Reinigung der Brustwarzen, beispielsweise mit steriler Kochsalzlösung, pH­-neutraler Seifenlösung oder einem Antiseptikum, beugen Infektionen vor.

Muttermilch oder hochgereinigtes Lanolin auf die wunde Brustwarze aufzutragen, hilft der Haut zu heilen. Paraffin­ oder alkoholhaltige Produkte sind nicht geeignet. Frauen, die Milchpumpen benutzen, sollten diese richtig verwenden. Zu kleine oder zu große Saugaufsätze oder zu starker Sog können zu Problemen führen. Hier ist eine gute Beratung durch PTA und Apo­theker wichtig.

Kein Grund zum Abstillen

Weitere Gründe zum Abstillen sind für junge Mütter oft Milchstau oder Brustentzündungen. In ihrer aktuellen S3-­Leitlinie empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), trotzdem weiter zu stillen: Eine vollständige Entleerung der Brust durch regelmäßiges Anlegen ­ist jetzt besonders wichtig. Selbst eine bakterielle Infektion ist meist kein Grund zum Abstillen, denn es gibt stillverträgliche Medikamente.

Laut S3-­Leitline sind Cephalosporine der ersten und zweiten Generation oder Penicilline plus Betalactamase-­Inhibitoren die Antibiotika der ersten Wahl. Manchmal kann es jedoch ratsam sein, eine Stillpause einzulegen. Das heißt, die Mutter pumpt Muttermilch ab und verwirft diese. Der Säugling wird währenddessen mit Flaschennahrung oder vorher eingelagerter Muttermilch gefüttert. Das regelmäßige Abpumpen stellt sicher, dass die Brust vollständig entleert wird. Dann geht auch die Milchproduktion nicht zurück.

Erkältungskrankheiten, Magen­-Darm-Erkrankungen oder andere Infekte sind in der Regel kein Grund abzustillen. Auch hier gibt es stillverträgliche Arzneistoffe. Nur bei schweren Erkrankungen oder Infektionen wie HIV, Hepatitis ­C oder Tuberkulose müssen Mütter abstillen.

Umfangreiche Informationen

Egal ob verschreibungspflichtig oder frei verkäuflich – bei der Behandlung und Beratung stillender Mütter sollte sich das Apothekenteam nicht ausschließlich auf die Angaben in der Roten Liste stützen. Die Tatsache, dass ein Medikament in die Muttermilch übergeht, führt hier zu der Empfehlung, dass nicht weiter gestillt werden soll. Zur endgültigen Entscheidung sollten aber auch zusätzliche Daten herangezogen werden, zum Beispiel aus wissenschaftlichen Studien oder anderen Datenquellen. Das Problem dabei: Es gibt nur wenige Daten und manchmal widersprechen sich die Studien.

Eine Hilfestellung für PTA und Apotheker ist das Pharmakovigilanz­- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie an der Charité Berlin. Dessen Mitarbeiter sammeln medizinische Daten und Studien zur Verträglichkeit von Medikamenten bei Schwangeren und Stillenden. Auf der Internetseite www.embryotox.de finden Ärzte, Apotheker und PTA Informationen zu verschiedenen Arzneistoffen. Zusätzlich gibt es für medizinisches Fachpersonal die Möglichkeit, sich telefonisch beraten zu lassen (Tel.: 030 30308­111, montags bis freitags, 9 Uhr bis 12.30 Uhr, sowie alle Nachmittage außer Mittwoch, 13.30 Uhr bis 16 Uhr).

Einen guten Überblick über freiverkäufliche Arzneimittel bietet das Materialset »Medikation in Schwangerschaft und Stillzeit« des Deutschen Grünen Kreuzes (DGK). Teil des Pakets ist eine Beratungstabelle zu 70 rezeptfreien Arzneimitteln, für die häufigsten Beschwerden und Mangelzustände in Schwangerschaft und Stillzeit.

Pre-­Nahrung und Anfangsmilch

Auch wenn Stillen viele Vorteile für Mutter und Kind bringt – nicht jede Mutter kann oder möchte ihr Kind stillen. In diesen Fällen ist Flaschennahrung eine gute und sichere Alternative. Laut Jäger-Roman vom BVKJ bekommen Säuglinge am besten die ersten vier bis sechs Wochen Pre­-Nahrung, danach die sogenannte Anfangsmilch 1. Sowohl Pre­-Nahrung als auch Anfangsmilch 1 sind der Muttermilch sehr ähnlich. Außerdem werden sie nach einer europaweit geltenden Norm hergestellt. Das gilt jedoch nicht für Folgemilch. Die brauchen Babys in der Regel aber nicht: Nach dem ersten Lebensjahr können sie problemlos Vollmilch trinken, am besten aus dem Becher.

Für allergiegefährdete Kinder gibt es HA­-Nahrung. HA steht für hypoallergen. Bei dieser Nahrung sind die Eiweiße in Peptid-Teilstücke aufgespalten. »Hypoallergene Milchprodukte bringen etwas, wenn sie hochgespalten sind – die schmecken allerdings nicht gut«, sagt Dr. Jäger-­Roman. »Hochgespalten« bedeutet, dass die Teilstücke besonders klein sind. Manche Nahrung wird sogar so weit gespalten, dass nur noch einzelne Eiweißbausteine (Aminosäuren) enthalten sind. Es gibt noch eine Reihe weiterer Spezialnahrungen, die allerdings nur bei seltenen Stoffwechselerkrankungen zum Einsatz kommen und vom Arzt verordnet werden müssen, wie Nahrung ohne Milcheiweiß im Fall einer echten Eiweißallergie. /