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Arzneimittel in der Schwangerschaft

Sicherheit für Mutter und Kind

13.05.2014  15:27 Uhr

Von Verena Arzbach / Die wenigsten Frauen nehmen in der Schwangerschaft leichtfertig Medikamente ein. In einigen Fällen sind Arzneimittel jedoch unumgänglich. PTA und Apotheker können skeptische Schwangere beruhigen: Beachten sie einige Regeln bei der Auswahl der Medikamente, reduzieren sie die Risiken der Therapie meist auf ein verantwortbares Maß.

Kaum eine Mutter übersteht die Schwangerschaft heute komplett ohne: Schätzungen zufolge nehmen neun von zehn Frauen während dieser neun Monate ein Arzneimittel ein. Etwa 70 Prozent der angewandten Medikamente sind freiverkäuflich, meist sollen sie schwangerschaftstypische Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Krampfadern oder Schlafstörungen lindern. Chronisch kranke Frauen müssen dagegen dauerhaft verschreibungspflichtige Arzneimittel einnehmen, zum Beispiel gegen Asthma, Epilepsie, Diabetes oder Bluthochdruck. Diese Frauen sollten am besten schon bei einem Kinderwunsch mit ihrem Arzt sprechen, damit dieser die Behandlung anpassen kann.

Im Interesse von Mutter und Kind ist es also in vielen Fällen nicht möglich, neun Monate komplett auf alle Arzneimittel zu verzichten. Viele werdende Mütter haben dennoch Angst vor einer Arzneimitteleinnahme, nicht zuletzt aufgrund des Contergan®-Skandals. Das rezeptfreie Schlafmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid galt Ende der 1950er-Jahre als sicher und ungefährlich für das ungeborene Kind. Erst später entdeckte man den Zusammenhang zwischen der Einnahme und der plötzlich stark gestiegenen Zahl schwerer Missbildungen bei Neugeborenen.

Aufgrund ethischer Bedenken werden die meisten Medikamente vor der Zulassung nicht an Schwangeren getestet. Deshalb gibt es weniger Erfahrung zu Arzneimitteleffekten bei Schwangeren als bei anderen Patientengruppen. Die Hersteller sind daher zurückhaltend und raten häufig von einer Anwendung ihres Medikamentes während der Schwangerschaft ab. Oft schreiben sie auch in der Packungsbeilage, dass eine Schwangere das Medikament nur dann anwenden sollte, wenn der Nutzen das Risiko überwiegt. PTA und Apotheker stehen in der Apotheke daher häufig vor der Aufgabe, die werdende Mutter zwar umfassend über die Risiken eines Arzneimittel aufzuklären, ihr aber gleichzeitig bestehende Ängste zu nehmen. Bleibt die Frau unsicher, sollte sie zusätzlich ihren Arzt befragen.

Strenge Kriterien

Grundsätzlich gilt bei der Anwendung von Arzneimitteln in der Schwangerschaft immer eine strenge Indikationsstellung. Das heißt, es soll nur ein Medikament eingesetzt werden, wenn es wirklich nötig ist. Dann sollten Arzneimittel bevorzugt werden, die als sicher eingestuft werden und bereits längere Zeit auf dem Markt sind, da bei diesen mehr therapeutische Erfahrung besteht. PTA und Apotheker sollten am besten nur ein Monopräparat empfehlen und dazu raten, dieses so kurz wie möglich und in der niedrigsten therapeutischen Dosis anzuwenden. Die topische Applikation ist der systemischen immer vorzuziehen.

Ob und wie Arzneimittel den Embryo beziehungsweise den Fetus schädigen, hängt auch davon ab, zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft die Frau sie einnimmt (siehe Grafik). In den ersten beiden Wochen nach der Zeugung, in denen die Frau ja meist noch gar nicht weiß, dass sie schwanger ist, gilt das Alles-oder-nichts-Prinzip. Das heißt, nur ein gesunder Embryoblast wächst weiter. Werden die Zellen beispielsweise durch Gifte geschädigt, teilen sie sich nicht weiter und der Fetus stirbt ab.

Besonders kritisch ist die Einnahme von Arzneimitteln in der sechsten bis zwölften Schwangerschaftswoche. Denn in dieser Embryonalphase genannten Zeit ist der Embryo besonders empfindlich, da die Organe angelegt und entwickelt werden. In dieser Phase können Umweltgifte, Arznei- oder Genussmittel schwere und dauerhafte Fehlbildungen am Ungeborenen bewirken.

Ab der 13. Woche beginnt die Fetalzeit, in der die Organe wachsen und sich weiter ausdifferenzieren. Nimmt die Schwangere in diesem Zeitraum ein Arzneimittel ein, kann es – von Ausnahmen abgesehen – keine bleibenden schwerwiegenden Missbildungen mehr verursachen, jedoch zum Beispiel die Funktion eines Organs beeinträchtigen. In den Wochen kurz vor der Geburt sollte die werdende Mutter auch alle Substanzen meiden, die die Blutungszeit verlängern oder die Wehentätigkeit beeinflussen.

Sicher in der Schwangerschaft

Diese Substanzen (Auswahl) haben nach derzeitigem Wissensstand in therapeutischen Dosen keine schädlichen Auswirkungen auf das ungeborene Kind:

  • Antazida (außer Natriumionen- haltige)
  • Einige Antibiotika: Cephalosporine, Erythromycin, Lincosamide, Penicilline
  • Betablocker
  • β2-Sympathomimetika
  • Eisenpräparate
  • Enzympräparate
  • Hormone: Insulin, Schilddrüsenhormone
  • Laxanzien: Lactulose, Quellstoffe
  • Methyldopa
  • Röntgenkontrastmittel
  • Sucralfat
  • Vitamin-B-Komplex

Quelle: Mutschler Arzneimittelwirkungen

Beispiel Schmerzmittel

Viele werdende Mütter leiden in der Schwangerschaft unter leichten Schmerzen. Daher werden Analgetika und Antipyretika am häufigsten angewendet. Wichtig: Berichtet eine Schwangere im zweiten Trimenon in der Apotheke über anhaltende, starke Kopfschmerzen, kann dies auch auf eine ernste Erkrankung wie eine Präeklampsie oder eine Thrombose hindeuten. In diesen Fällen sollten PTA oder Apotheker unbedingt zum Arztbesuch raten.

Mittel der Wahl bei leichten Schmerzen in der Schwangerschaft ist Paracetamol. Es wirkt analgetisch und antipyretisch und ist gut magenverträglich. Schwangere können Paracetamol in therapeutischen Dosierungen während der gesamten neun Monate einnehmen, aufgrund der potenziellen Lebertoxizität jedoch nicht die Tageshöchstdosis von 4 Gramm überschreiten. Auch sollten sie den Arzneistoff nur kurzfristig einsetzen: Eine Studie aus dem Jahr 2013 hatte Entwicklungsverzögerungen bei Kindern ergeben, deren Mütter während der Schwangerschaft an mindestens 28 Tagen Paracetamol eingenommen hatten. Ein Zusammenhang ist jedoch noch nicht bewiesen.

Acetylsalicylsäure (ASS) und Ibuprofen wirken analgetisch, fiebersenkend und im Unterschied zu Paracetamol auch entzündungshemmend. ASS ist im dritten Trimenon kontraindiziert, da es bei der Mutter, dem Fetus und dem Neugeborenen Blutungen auslösen kann. Die verstärkte Blutungsneigung besteht drei bis fünf Tage nach einmaliger Einnahme von ASS. Zudem können alle nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) zum vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus Botalli führen. Das ist eine Gefäßverbindung zwischen Lungenschlagader und Aorta, die beim Fetus verhindert, dass die noch nicht benötigte Lunge zu stark durchblutet wird. Beim vorzeitigen Verschluss wird mehr Blut in die Lunge gepumpt, was zu Schäden führen und die Atmung des Neugeborenen stark beeinträchtigen kann. Bei leichten Schmerzen im ersten und zweiten Trimenon ist laut der Webseite www.embryotox.de Ibuprofen neben Paracetamol Mittel der Wahl. /

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