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Postpartale Depression

Tränen statt Mutterglück

13.05.2014  15:26 Uhr

Von Barbara Erbe / Kaum ein Ereignis stellt das Leben einer Frau so auf den Kopf wie die Geburt eines Kindes. Während des Wochen­betts sind Körper und Psyche in einem Ausnahmezustand, der bei vielen frischgebackenen Müttern depressive Stimmungen auslöst. Wird die postpartale Depression aber frühzeitig erkannt und behandelt, bessern sich die Beschwerden meist schnell.

Ob Wunschkind oder nicht, spielt keine Rolle: Zwischen 50 und 80 Prozent aller Mütter durchleben innerhalb der ersten 14 Tage nach der Entbindung einen sogenannten »Baby-Blues« beziehungsweise ein »postpartales Stimmungstief« (postpartal = nach der Entbindung), erläutert die Stuttgarter Psychotherapeutin Constanze Weigle. Meist ist ein solches Tief die Folge der hormonellen und psychischen Umstellung wenige Tage nach der Geburt und dauert maximal zwei bis drei Tage. »In dieser Zeit werden betroffene Mütter von starken Gefühlsschwankungen gebeutelt, sind traurig und nieder­geschlagen und weinen auch viel. Dazu kommen häufig Schlaf- und Ruhelosigkeit, Konzentrations- und Appetit­störungen, aber auch Angstgefühle und eine besondere Reizbarkeit.«

Häufig unerkannt

Der vorübergehende Baby-Blues ist sehr verbreitet und verschwindet meist ohne therapeutisches Zutun ebenso rasch, wie er gekommen ist. Dauert die schlechte Stimmung aber länger als zwei Wochen an, kann dies Symptom einer »postpartalen Depression« sein. Studien zufolge erkranken daran 10 bis 20 Prozent aller Mütter, berichtet Christian Bredl, Leiter der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK) in Bayern. Die TK hat zum Thema eine umfassende Broschüre heraus­gegeben: »Depression nach der Geburt. Ratgeber für Betroffene und Angehö­rige«. »Diagnostiziert und dokumentiert wird die postpartale Depression aber viel seltener – in Bezug auf die bei uns versicherten Mütter beispielsweise nur bei ungefähr 3 Prozent.« Hier sehen Fachleute großen Aufklärungsbedarf.

Als typische Kennzeichen einer postpartalen Depression gelten vor allem Müdigkeit, Erschöpfung und Energiemangel – in Verbindung mit Traurigkeit und häufigem Weinen, Ängsten, Aggressionen, Schuldgefühlen oder einem Gefühl innerer Leere bis hin zu Suizid­gedanken. Wichtig zu wissen ist dabei, dass eine solche Depression zwar meist, aber längst nicht immer kurz nach der Entbindung auftritt. Die Mutter kann noch bis ins zweite Lebensjahr des Kindes hinein erkranken. Die Erkrankung belastet nicht nur die Mutter, sondern auch das Kind. Denn die mütterlichen Gefühle ihm gegenüber sind depressionsbedingt sehr zwiespältig und erschweren den Aufbau der Mutter-Kind-Beziehung. Kinder von Betroffenen leiden nicht zuletzt deshalb oft unter Schlafstörungen oder Fehlernährung.

Stress und Druck nehmen

»Dass die meisten Mitmenschen von einer jungen Mutter aber gerade das Gegenteil erwarten, nämlich ungetrübte Freude und Glückseligkeit, macht deren Situation umso schlimmer«, betont Weigle, die Mitglied der Marcé-Gesellschaft für Peripartale Psychische Erkrankungen, der Internationalen Studiengemeinschaft für prä- und perinatale Psychologie und Medizin (ISPPM) sowie der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPTV) ist. Umso wichtiger, dass Familie, Freunde und Bekannte einer frischgebackenen Mutter Stress und Erwartungsdruck abnehmen, zum Beispiel, indem sie sie vor allem in der Anfangsphase im Haushalt und im Alltag mit dem Kind unterstützen. »Auch wenn eine PTA gegenüber einer Kundin in der Apotheke betont, dass das Wochenbett acht Wochen dauert und eine Schonzeit für Kind und Mutter gleichermaßen sein sollte, kann sie ihr damit etwas von dem Druck nehmen, alles spielend bewältigen zu müssen.«

Suche nach Ursachen

Denn fest steht: Körperliche und auch psychische Überlastung können – im Zusammenspiel mit hormonellen, biochemischen und auch sozialen Faktoren – eine postpartale Depression auslösen. Dabei bestimmen Anzahl und Intensität der einzelnen Belastungsfaktoren das Ausmaß der Erkrankung.

In der bundesweit aktiven und von Gesundheitsexperten anerkannten Initiative »Schatten und Licht e. V. – Krise rund um die Geburt«, wirkt Weigle ebenfalls mit, im Internet zu finden unter www.schatten-und-licht.de. Laut der Initiative sind körperliche Faktoren wie die hormonellen Veränderungen im mütterlichen Körper nach der Entbindung hauptsächlich für die Depression verantwortlich. Auch eine veränderte Schilddrüsenfunktion, biochemische Anpassungen im Körper durch die schlaflosen Nächte sowie psychische Vorerkrankungen und eine genetische Veranlagung können mögliche Ursachen einer postpartalen Depression sein.

Außerdem haben Forscher am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München kürzlich körpereigene Biomarker gefunden, mit denen Mediziner in Zukunft bereits vor der Geburt Risiko­patientinnen identifizieren und entsprechend behandeln können. »Dabei spielt das Hormon Estrogen eine wichtige Rolle«, erklärt Direktorin Elisabeth Binder, »denn ein Teil der Biomarker reguliert den Estrogenhaushalt im Körper.«

Dazu kommen aber immer auch schwangerschaftsbedingte, psychische und soziale Faktoren. Waren Schwangerschaft und/oder Geburt etwa aufgrund von Komplikationen sehr belastend, ist auch das Risiko einer Wochenbettdepression erhöht. Ebenso können Beziehungsprobleme, Geldsorgen, ein Ortswechsel oder auch plötzlich wiederkehrende unverarbeitete Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte zur Entstehung einer postpartalen Depression beitragen. Nicht zuletzt spielt es eine Rolle, wie anspruchsvoll das eigene Baby in der Pflege ist (Ist es gesund? Schreit es viel?) und wie viel Unterstützung die Mutter in ihrer neuen Rolle durch ihr soziales Umfeld erfährt.

Entlastung und Gespräche

Glücklicherweise benötigt nicht jede postpartal erkrankte Frau eine stationäre psychiatrische Behandlung oder eine längerfristige Psychotherapie, berichtet TK-Studienautorin Kathrin Heyde­breck. »Vielen betroffenen Müttern kann mit ambulanten Beratungsgesprächen bereits sehr gezielt und gut geholfen werden. Nur leider ist diese Form der professionellen Hilfe nach wie vor im Zusammenhang mit postpartalen seelischen Erkrankungen wenig bekannt.« So wissen beispielsweise nur wenige (werdende) Eltern und auch Fachleute, dass die Zuständigkeit der meisten Schwangerenberatungsstellen bis zum vollendeten dritten Lebensjahr des Kindes reicht und damit genau den Zeitraum umfasst, der für postpartale Erkrankungen relevant ist.

Um mögliche belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit zu verarbeiten und in neues, hilfreiches Denken, Fühlen und Verhalten umzusetzen, kann es auch sehr sinnvoll sein, eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch zu nehmen, betont Heydebreck.

Darüber hinaus sind bei schweren Verläufen oft Psychopharmaka nötig, um Körper und Geist wieder auszubalancieren. Eine solche Behandlung sollte aber nur in enger Zusammen­arbeit mit einem Facharzt, einem Psychiater oder Nervenarzt, erfolgen. Mittlerweile gibt es viele Medikamente, die mit dem Stillen vereinbar sind, Informationen dazu gibt es unter www.embryotox.de sowie unter www.motherisk.org.

»Möchte eine Mutter stillen, sollte man auf diese Informationen zurückzugreifen« betont Heydebreck, »denn ein erzwungenes Abstillen kann eine Depression noch verstärken.«

Bei Frauen, die schon einmal eine postpartale Depression durchgemacht haben, ist bei einer weiteren Entbindung das Risiko erhöht, wieder zu erkranken. Um dem vorzubeugen, sollten sie gleich nach der Geburt mit einer Psychotherapie beginnen, gegebenenfalls unter ärztlicher Aufsicht auch Psychopharmaka einnehmen. Grundsätzlich lasse sich eine postpartale Depression sehr gut behandeln und die meisten Mütter werden wieder vollständig gesund, betont Heydebreck. »Voraussetzung ist jedoch, dass die Krankheit erkannt wird, indem sich die Betroffenen nicht scheuen, darüber zu sprechen, und an Fachleute geraten, die eine Wochen­depression diagnostizieren können. Damit auch über die negativen Gefühle nach der Geburt gesprochen wird, die Diagnose rechtzeitig gestellt und schnell Hilfe geleistet werden kann, müssen wir uns auf gesellschaftlicher und fachlicher Ebene um mehr Aufklärung rund um die Wochenbettdepression kümmern.« /