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Wolfstrapp

Herzkraut der Indianer

23.03.2015  10:53 Uhr

Von Monika Schulte-Löbbert / Schon im Mittelalter erwähnen die Autoren von Kräuter- und Heilpflanzen­büchern das Wolfstrappkraut. Doch erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts befassten sich Wissenschaftler mit der Pflanze. Dabei entdeckten sie ihre positive Wirkung auf Herz und Schilddrüse. Heute wird Wolfstrapp bei leichter Schilddrüsenüberfunktion und nervösen Herzbeschwerden eingesetzt.

Der Gemeine oder Europäische Wolfs­trapp (Lycopus europaeus L.) gehört zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Er ist eine bis zu einem Meter hohe, mehrjährige Staude mit langen unter­irdischen Ausläufern und kommt in ganz Europa, in Teilen Westasiens und in Nordamerika vor. Die Staude bevorzugt feuchte Standorte wie Fluss- und Bachufer, Sümpfe und nasse Wiesen, wächst aber auch in lichten Wäldern und erinnert Laien mitunter an die Brennnessel. Ihr vierkantiger Stängel ist mit gegenständigen, lanzettartigen und deutlich gezähnten Blättern besetzt. In den Monaten Juli bis September blüht Wolfstrapp. Dann stehen in den oberen Blattachseln dichte, kuge­lige Scheinquirle aus kleinen, weißen Lippenblüten mit violetten Punkten. Die Blüten reifen im Herbst zu Klausenfrüchten, die meist von Wasservögeln verbreitet werden.

In Anlehnung an ihren bevorzugten Standort am Wasser heißt die Pflanze im Volksmund auch Uferwolfsfuß, Wasserandorn oder Sumpfandorn. Der deutsche Name »Wolfstrapp« geht auf die Form der Blätter zurück, die dem Pfotenabdruck eines Wolfes ähneln. Auch der lateinische Gattungsname »Lycopus« leitet sich vom altgriechischen Wort »lykos« für Wolf und »pous« für Fuß ab. Der Beiname »europaeus« verweist auf die europä­ische Heimat dieser Art.

Der nordamerikanische, in Virginia beheimatete Verwandte der europä­ischen Art erhielt die lateinische Bezeichnung »Lycopus virginicus«. Die etwas kleinere virginische Art bildet weiße Blüten und wächst überwiegend auf Wiesen. In der Pflanzenheilkunde werden beide Arten eingesetzt, die Homöopathie verwendet überwiegend Lycopus virginicus.

Erste Studien in Europa

Über die medizinische Verwendung des Wolftrapps im Mittelalter ist wenig bekannt. Lange Zeit färbten die Menschen mit dem Sud der Pflanze Leinen, Wolle und Seide. Dazu wurde die ganze Pflanze mit Alaun gekocht. Der Sud verlieh den Geweben eine lang haltbare schwarze Farbe.

Die Sioux-Indianer Nordamerikas kannten dagegen schon lange die Heilkräfte des virginischen Wolfstrapps und setzten Abkochungen aus dem frischen Kraut erfolgreich bei Erkältungskrankheiten, zur Blutstillung und als Beruhigungsmittel ein. Besonders schätzten sie das Kraut als Herztonikum, vor allem bei nervös bedingten Herzbeschwerden.

In Europa interessierten sich Wissen­schaftler erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Wirkungen des europäischen Wolfstrapps. Dabei entdeckten sie beruhigende Effekte auf das Herz und in den 1940er-Jahren auch positive Wirkungen bei Schild­drüsenbeschwerden infolge einer Überfunktion.

Die Inhaltsstoffe von Lycopus europaeus L. und Lycopus virginicus L. erforschte als erster der spätere Hochschullehrer Apotheker Heinz Schilcher 1959 im Rahmen seiner Doktorarbeit. Auch führte Schilcher die erste chro­matographische Gesamtanalyse des Pflanzenextrakts durch und prüfte in ersten biologischen Studien dessen Wirksamkeit. Neue Studien einer Forschergruppe um Professor Hilke Winterhoff (1942–2010), Pharmakologin an der Universität Münster, bestätigen die positive Wirkung des Wolfstrapps bei einer Überfunktion der Schilddrüse. Schon geringe Mengen an Lycopus-­Extrakten verbesserten die Herzsymptome sowie das Engegefühl im Hals (Kloßgefühl).

Antithyreotrope Wirkung

Als Arzneipflanze dienen die kurz vor der Blüte geernteten, frischen oder getrockneten oberirdischen Teile von Lycopus europaeus L. und/oder Lycopus virginicus L. Die Droge stammt aus Wildsammlungen oder Kulturen ost­europäischer Länder. Ihre Hauptinhaltsstoffe sind Phenolcarbonsäuren mit Hydroxyzimt- und Kaffeesäurederivaten, Gerbstoffe, Lithospermsäure, Flavonoide, Diterpene und wenig ätherisches Öl. Als wirksame Komponenten gelten die Phenolcarbonsäuren sowie die Flavonoide.

Die Droge senkt spezifisch den TSH-Wert (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) im Blutserum. Vermutlich binden einige Inhaltsstoffe des Krauts an die gleichen Rezeptoren wie das TSH. Die leicht antithyreotrope Wirkung ergibt sich daraus, dass durch diese Rezeptorbindung die Schilddrüsenaktivität gedämpft wird. So werden die für eine Schilddrüsenüberfunktion typischen Beschwerden gelindert, wie Unruhe, Reizbarkeit, Angst, Schlafstörungen, Herzklopfen, Herzrasen und vermehrtes Schwitzen. Heute gilt Wolfstrappkraut als einziges sicheres und wirksames Phytotherapeutikum bei leichter Hyperthyreose mit vegetativ-nervösen Störungen.

Außerdem wirken Lycopus-Extrakte antigonadotrop, das heißt, sie hemmen die Bildung von Prolaktin, ein Hormon, das die Milchdrüsen in der Brust stimuliert, und lindern so zyklusbedingte Spannungen und Schmerzen in der Brustdrüse, die sogenannte prämens­truelle Mastodynie.

Für diese beiden Indikationen bewertete die Kommission E des früheren Bundesgesundheitsamtes das Wolfs­trappkraut positiv.

Als Tee oder Fertigpräparat

Wolfstrapp-Zubereitungen gibt es als Tee und Fertigarzneimittel sowie als homöopathisches Mittel. Ein Tee aus dem getrockneten Wolfstrappkraut lindert vegetativ-nervöse Störungen bei leichter Schildrüsenüberfunktion, prämenstruelle sowie Wechseljahresbeschwerden. Zur Teebereitung wird ein gehäufter Teelöffel fein geschnittene Droge (entspricht etwa einem Gramm) mit einer Tasse heißem Wasser übergossen, zehn Minuten ziehen gelassen und dann abgesiebt. Die Tagesdosis von zwei Gramm Droge sollte nicht überschritten werden.

Da Patienten mit Hyperthyreose unter­schiedliche Schilddrüsenhormonspiegel als optimal empfinden, sind für die Dosierung der Droge oder des Extraktes allenfalls grobe Anhaltspunkte möglich. Zudem gilt es, Lebensalter und Körpergewicht zu berücksichtigen. Die richtige Dosierung ermittelt jeder Patient am besten individuell, indem er auf sein persönliches Wohlbefinden und Körpergefühl achtet. Nebenwirkungen sind bei bestimmungsgemäßer Anwendung nicht zu erwarten.

Fertigpräparate sollten Patienten mit leichter Hyperthyreose nur auf ärztlichen Rat einnehmen. Für Patienten mit einer Schilddrüsenunterfunk­tion (Hypothyreose) oder einer vergrößerten Schilddrüse ohne Funktionsstörung ist Wolfstrapp kontraindiziert. Dasselbe gilt für Schwangere und Stillende sowie für Kinder unter 12 Jahren. Ebenso dürfen die Patienten nicht gleichzeitig Thyroxin-Präparate einnehmen. Bevor die Schilddrüsenfunk­tion mit dem Radioiod-Test (Schild­drüsen-Szintigramm) untersucht wird, muss der Arzt unbedingt auf die Einnahme von Wolfstrappkraut hingewiesen werden, da dadurch das Untersuchungsergebnis verfälscht sein kann.

Zu den wenigen Fertigarzneimitteln zählen zum Beispiel die Monopräpa­rate thyreo-loges® Tabletten und Thyreogutt® mono Tabletten und Tropfen sowie die Kombination thyreo-loges® comp. Tropfen (Stand Rote Liste 3/2015).

Jede Behandlung mit Wolfstrapp sollte einschleichend begonnen und nicht plötzlich beendet werden. Sonst könnten sich die Beschwerden verstärken. Das gilt insbesondere für Fertigpräparate. Bei Einnahme hoher Dosen oder über einen längeren Zeitraum kann es zu einer Vergrößerung der Schilddrüse kommen.

Amerikanischer Verwandter

Während in der Phytotherapie überwiegend der europäische Wolfstrapp eingesetzt wird, gelangt in der Homöopathie dagegen in erster Linie der vir­ginische Wolfstrapp zur Anwendung. Ausgangsstoff für das homöopathische Arzneimittel »Lycopus virginicus« ist die Urtinktur, die aus der frisch blühenden Pflanze gewonnen wird. Homöopathen empfehlen Lycopus virgi­nicus bei nervösen Herzerkrankungen und leichter Hyperthyreose sowie bei Beschwerden während des weiblichen Klimakteriums. Dazu zählen Angst­zustände, inneres Zittern und beschleunigter Puls. Außerdem wird Lycopus virginicus als unterstützendes Mittel bei der Therapie des Morbus Basedow, einer immunologisch bedingten Schilddrüsenüberfunktion, eingesetzt. Als Standarddosis hat sich die dreimal tägliche Gabe von fünf Globuli in der Potenz D6 bewärt. Die homöopathische Behandlung mit dem virginischen Wolfstrapp ist weitgehend frei von Nebenwirkungen. /