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Verstopfte Nase

Aufklärung bei Nasensprays und Tropfen

Jeden Tag kaufen viele Patienten abschwellende Nasentropfen und -sprays – nicht immer in der Apotheke. Allerdings wissen bei Weitem nicht alle über das Abhängigkeitspotenzial dieser Medikamente Bescheid. Umso wichtiger ist bei der Abgabe, dass PTA oder Apotheker über diese mögliche Gefahr aufklären.
Ulrike Viegener
03.04.2017  10:20 Uhr
Aufklärung bei Nasensprays und Tropfen

Mindestens 100 000 Menschen sollen in Deutschland von abschwellenden Nasensprays beziehungsweise -tropfen abhängig sein. Manche Experten schätzen die Zahl der Betroffenen sogar auf eine Million. Das Phänomen hat auch einen Namen: Privinismus lautet der Fachbegriff. Die Wirkstoffe in diesen Medikamenten sind alpha-Sympathomimetika. Sie verengen die Blutgefäße und hemmen die Sekre­tion. In der Folge klingt das unan­genehme Gefühl einer verstopften Nase ab. Der Effekt, endlich wieder durch die Nase atmen zu können, hält einige Stunden an. Dann schwillt die Schleimhaut in Nase und Nebenhöhlen jedoch erneut zu. Deshalb sprühen oder tropfen viele Patienten nach wenigen Stunden erneut, und der Griff zum Nasenspray entwickelt sich zur Gewohnheit.

Schon nach zwei Wochen regel­mäßiger Anwendung fällt es vielen dann schwer, wieder davon loszukommen. In dieser kurzen Zeitspanne stellt sich der abschwellende Effekt nur noch durch immer höhere Dosen in immer kürzeren Abständen ein. Die Betroffenen entwickeln das Gefühl, nicht mehr ohne ihr Spray auszukommen. Pollen­allergiker, die in der »Flugsaison« unter chronisch verstopfter Nase leiden, sind besonders gefährdet, in einen solchen Teufelskreis aus immer höherer Dosis und verstärkten Symptomen hinein zu geraten.

 

Dauerhafte Schäden

Die pathologischen Veränderungen durch den längerfristigen Gebrauch abschwellender­ Sprays oder Tropfen werden als Rhinitis medicamentosa bezeich­net. Die Nasenschleimhaut schwillt dauerhaft und stärker an, als es zu Beginn der Fall war. Wieso es dazu kommt, ist nicht abschließend geklärt. Möglicherweise reagieren die alpha-Rezeptoren mit der Zeit weniger empfindlich auf die Arzneistoffe. Aber auch Beta-Rezeptoren könnten eine Rolle spielen. Sie werden durch die Sympathomimetika ebenfalls stimuliert. In der Folge weiten sich die Blutgefäße, was zunächst durch den gegenläufigen »alpha-Effekt« nicht zum Tragen kommt. Da der »beta-Effekt« jedoch länger anhält, könnte er bei Rhinitis medicamentosa für das Rebound­phänomen verantwortlich sein.

In deren weiterem Verlauf trocknen die Schleimhäute aus und bilden sich zurück. Die Folge: Die Reinigungs- und Barrierefunktion der Nasenschleimhaut lässt nach, das Infektionsrisiko steigt. Aber nicht nur Erreger, auch Allergene­ und andere Schadstoffe können jetzt leichter über die Atemwege eindringen. Die Flimmerhärchen, die für den Abtransport von kontaminiertem Schleim sorgen, tragen eventuell bleibende Schäden davon, wenn Patien­ten dauernd Nasensprays benutzen. In der Summe dieser Effekte bessert­ sich das Beschwerdebild der verstopften Nase nicht, sondern es weitet sich im Gegenteil immer mehr aus. Im schlimmsten Fall degeneriert die Mukosa und Keime siedeln sich an. Deren typisch grünlicher Belag verströmt einen fauligen Geruch, weshalb diese – auch belastende – Komplikation als »Stinknase« bezeichnet wird.

 

Konsequenter Entzug

Der Ausstieg aus dieser Abhängigkeit sollte unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Der sogenannte kalte Entzug führt in vielen Fällen nicht zum Erfolg, da die Nase ohne den Wirkstoff komplett verstopft. Deshalb ist es die gängige Strategie, erst nur einem Nasenloch den Wirkstoff zu entziehen. Hat dies geklappt, ist das andere Nasenloch an der Reihe.

 

Um von der hohen Dosis herunterzukommen, eignen sich niedrig konzentrierte Präparate für Kinder und Säuglinge, wobei die Anzahl der Sprühstöße nicht erhöht werden darf. Außerdem hat es sich bewährt, die abschwellenden Nasensprays sukzessive durch Nasensprays mit Dexpanthenol beziehungsweise Meersalz zu ersetzen. Diese Präparate befeuchten zum einen die angegriffene Schleimhaut und zum anderen bleibt das gewohnte Ritual des Sprühens zunächst erhalten. Auch nasale Glucocorticoide helfen manchen Patienten, bis sich ihre Nasenschleimhaut beruhigt hat. Setzen Betroffene das Vorgehen konsequent um, kommen sie häufig nach einigen Wochen wieder ohne Nasenspray aus.

 

Nur sieben Tage!

Das Szenario der Abhängigkeit lässt sich verhindern, wenn die Verschnupften das Nasenspray oder die -tropfen streng nach Vorschrift anwenden, also maximal sieben Tage und nur in der im Beipackzettel angegebenen Dosierung. Viele Patienten beachten die entsprechenden Hinweise auf den Beipackzetteln der freiverkäuflichen Präparate nicht, sodass dem Beratungsgespräch in der Apotheke große Bedeutung zukommt.­ Grundsätzlich scheinen Präparate ohne Konservierungsstoffe von Vorteil, weil gängige Konservierungsmittel verdächtigt werden, Rhinitis medicamentosa zu begünstigen.