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Selbstmedikation bei Durchfall

Gut gefragt und richtig reagiert

01.09.2007  20:43 Uhr

Selbstmedikation bei

Gut gefragt und richtig reagiert

Karin Berger, Berlin

Durchfall ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom. Daher müssen PTA oder Apotheker im Beratungsgespräch erst einmal mit dem Kunden klären, was den Durchfall verursacht haben könnte. Deutet der Verdacht auf eine chronische Krankheit hin, muss der Patient einen Arzt aufsuchen.

Ein Kunde betritt die Apotheke und bittet die PTA um »etwas Starkes gegen Durchfall«. Wie einfach wäre es, ein Präparat mit dem Wirkstoff Loperamid auszuwählen und den Kunden über die Anwendung zu informieren. Doch ist das eine gute Beratung? Weit gefehlt! Ohne die Eigendiagnose des Patienten hinterfragt zu haben, kann von Beratung keine Rede sein. Denn »beraten« heißt nicht nur »informieren«, sondern vor allem »fragen«. Erst danach können PTA oder Apotheker entscheiden, ob eine Selbstmedikation zu verantworten ist und welche Arzneimittel für den Patienten geeignet sind.

Hätte die PTA im genannten Beispiel nachgefragt, hätte sie möglicherweise erfahren, dass der Kunde bereits seit zwei Wochen unter Durchfall mit drei- bis viermal täglichen Stuhlentleerungen leidet, und er ein Arzneimittel ausprobiert hat, ohne dass sich die Beschwerden gebessert haben. In diesem Fall wären die Grenzen der Selbstmedikation deutlich überschritten, und der Kunde müsste dringend einen Arzt aufsuchen.

Akut oder chronisch

Ein Durchfall liegt vor, wenn mehr als drei nicht geformte bis wässrige Stühle pro Tag auftreten. Eine akute Diarrhö dauert einige Tage bis maximal zwei Wochen. Von einem chronischen Verlauf sprechen Mediziner, sobald sich der Durchfall über einen längeren Zeitraum erstreckt. Akute Durchfälle bei gesunden Erwachsenen sind meist harmlos und klingen auch ohne Therapie innerhalb von zwei bis drei Tagen wieder ab. Durch die zahlreichen Stuhlgänge befreit sich der Organismus von den viralen oder bakteriellen Erregern. Chronischen Durchfällen können hingegen das Symptom einer schweren Erkrankung sein.

Zwei physiologische Prozesse im Darm bewirken den Durchfall: Der Darm bewegt sich stärker, so dass die Nahrung den Darm deutlich schneller passiert. Außerdem sezerniert der Körper mehr Flüssigkeit in den Darm, weil die Wasser- und Elektrolytenbilanz gestört ist.

Mögliche Ursachen erkennen

Einen akuten Durchfall lösen fast immer Viren, Bakterien oder bakterielle Toxine infolge einer Infektion des Magen-Darm-Trakts aus. Der chronische Durchfall hat in der Regel nicht infektiöse Ursachen. Ist die Immunabwehr eines Menschen geschwächt, zum Beispiel bei HIV-Infizierten, können auch Bakterien, bei Fernreisenden Parasiten chronische Diarrhö herbeiführen. Häufige Ursachen für Durchfall sind:

  • Infektionen mit Bakterien (zum Beispiel Salmonellen, Shigellen, Staphylokokken, Escherichia coli), Viren (zum Beispiel Rotaviren) oder Protozoen (zum Beispiel Amöben, Lamblien)
  • chronische Darmentzündungen, zum Beispiel Morbus Crohn, Colitis ulcerosa
  • Tumore, zum Beispiel Kolon- oder Pankreaskarzinome
  • Stoffwechselstörungen, zum Beispiel Schilddrüsenüberfunktion
  • Reizdarmsyndrom (Colon irritabile)
  • Nahrungsmittelallergien oder -unverträglichkeiten, zum Beispiel Laktoseintoleranz
  • unerwünschte Arzneimittelwirkungen, zum Beispiel durch Antibiotika, Digitalis-Glykoside, NSAR, Abführmittel, Zytostatika, motilitätsfördernde Mittel, Antidepressiva, Cholinergika, Magnesium- und Eisenpräparate

Vor der Arzneimittelempfehlung müssen PTA oder Apotheker die Situation des Patienten klären. Oft können sie den Betroffenen nicht selbst befragen, denn in vielen Fällen schicken die Erkrankten einen Boten in die Apotheke. Sind Säuglinge oder Kleinkinder unter 2 Jahren erkrankt, sollten die Eltern unbedingt einen Arzt aufsuchen, vor allem dann, wenn der Durchfall schon länger als 24 Stunden besteht. Der hohe Flüssigkeitsverlust kann für die kleinen Patienten sehr rasch lebensbedrohend werden. Auch Schwangere und Stillende sowie ältere, insbesondere multimorbide Patienten, sind bei Durchfall an den Arzt zu verweisen.

Weiterhin müssen PTA oder Apotheker sich die Art der Beschwerden, deren Dauer und Begleiterscheinungen wie Fieber oder Krämpfe genau beschreiben lassen. Bei einer auffälligen Färbung sowie Blut oder Schleim im Stuhl muss ein Arzt den Patienten untersuchen. In die Arztpraxis gehört auch, wer mehr als 5 Prozent seines Körpergewichtes an Flüssigkeit verloren hat. Kein Fall für die Selbstmedikation ist Durchfall, der länger als drei Tage andauert.

Wichtig ist abzuklären, ob der Patient andere Erkrankungen hat, Arzneimittel einnimmt oder vor kurzem einnahm. Beispielsweise treten während oder nach einer oralen Antibiotika-Therapie bei circa 30 Prozent der Patienten harmlose Durchfälle auf, weil die Darmflora durch die Behandlung geschwächt wurde. Zwar normalisiert sich die Stuhlfrequenz in aller Regel innerhalb weniger Tage wieder, doch Achtung: In seltenen Fällen steckt eine lebensbedrohliche pseudomembranöse Kolitis dahinter, die stationär behandelt werden muss. Wichtige Fragen, die einem Durchfall-Patienten gestellt werden können, sowie die Grenzen der Selbstmedikation fasst die Tabelle zusammen.

Wichtige Fragen im Beratungsgespräch und Grenzen der Selbstmedikation

Fragen An den Arzt verweisen
Für wen ist das Durchfallmittel bestimmt? Säuglinge, Kleinkinder, Schwangere, Stillende, Personen über 65 Jahre
Wie äußern sich die Beschwerden genau? Auffällige Färbung, Blut oder Schleim im Stuhl, Oberbauchschmerzen, Krämpfe, Fieber (über 39 Grad), starke Flüssigkeitsverluste (mehr als 5 Prozent des Körpergewichts), Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung
Seit wann bestehen die Beschwerden? Mehr als 3 Tage andauernder Durchfall
Liegen andere Erkrankungen vor? Chronische Erkrankungen, immungeschwächte Patienten
Nehmen Sie andere Arzneimittel ein oder haben Sie vor kurzem Arzneimittel genommen Verdacht auf Arzneimittelnebenwirkung (Antibiotika, Digitalis-Glykoside, Langzeiteinnahme von NSAR, Missbrauch von Abführmitteln)

Quelle: Braun R., Schulz M., Selbstbehandlung: Beratung in der Apotheke, Eschborn 1994, inklusive 8. Erg.-Lfg. 2007

Elektrolyte ersetzen

Wenn nichts gegen eine Selbstmedikation spricht, sollte die Behandlung zuerst auf den Ersatz der verloren gegangenen Flüssigkeit und Elektrolyte abzielen. In der Apotheke stehen diverse Fertigpräparate zur Verfügung, die der Patient in Wasser auflösen und nach jedem Stuhlgang trinken muss.

Wer auf Reisen kein Arzneimittel gegen den Flüssigkeitsverlust kaufen kann, sollte sich mit einer Lösung aus einem Teelöffel Kochsalz und zwei Teelöffeln Rohrzucker in einem Liter Wasser helfen. Von Cola und Salzstangen sollen Betroffene dagegen die Finger lassen, da Cola durch ihren hohen Kohlenhydratgehalt den Durchfall noch verstärken kann. Außerdem wirkt das enthaltene Koffein entwässernd und zentral anregend, was insbesondere bei Kindern problematisch ist. Auch Milch und Milchprodukte können den Durchfall fördern.

Um die lästigen Toilettenbesuche rasch zu beenden, ist Loperamid das Mittel der Wahl. Als Opioid-Derivat ohne nennenswerte zentrale Wirkung vermindert es die Darmperistaltik und hemmt die Flüssigkeitssekretion. Bei bakteriell oder viral bedingten Durchfällen schränkt die Substanz zwar die Erregerausscheidung ein, doch gilt andererseits, dass die größte Menge an Viren oder Bakterientoxinen den Körper schon mit den ersten Stuhlgängen verlässt.

Die Anwendung von Loperamid in der Selbstmedikation ist sicherheitshalber auf zwei Tage begrenzt. Die Anfangsdosis für Erwachsene beträgt 4 mg Loperamid (2 Kapseln) und nach jeder weiteren Stuhlentleerung 2 mg (1 Kapsel), jedoch nicht mehr als 12 mg (6 Kapseln) pro Tag. Bei Kindern unter 12 Jahren darf Loperamid in der Selbstmedikation nicht eingesetzt werden. Die Höchstdosis für Kinder über 12 Jahren beträgt 0,4 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag.

Beruhigend auf die Darmmuskulatur wirkt auch ein Extrakt aus der Uzarawurzel. Die Bitterstoffe normalisieren außerdem die Magen-Darm-Motilität nach einer Durchfallerkrankung. Für Kinder ab zwei Jahren gibt es einen Saft, für Erwachsene Tropfen oder Dragees. Die Dosierung beginnt mit einer Bolusgabe, danach erhält der Patient mehrmals täglich eine niedrigere Dosis. Chemisch sind die Inhaltstoffe der Uzarawurzel mit den Digitalis-Glykosiden verwandt. Daher sollten digitalisierte Patienten die Extrakte nicht einnehmen.

Adstringenzien wie Tanninalbuminat und Ethacridinlactat dichten die Darmwand ab und erschweren so die Resorption giftiger Stoffe. Ethacridinlactat soll außerdem antibakteriell und krampflösend wirken und eignet sich ebenfalls für Kinder. Die therapeutische Wirksamkeit der adstringierend wirkenden Substanzen ist allerdings nicht eindeutig belegt.

Als Adsorbenzien wirken Kaolin und medizinische Kohle. Sie werden selbst nicht resorbiert, sondern sollen die für die Durchfallerkrankung verantwortlichen Toxine binden. Die Wirksamkeit ist für Kaolin nicht ausreichend belegt und bei Kohle für die in der Regel angegebenen Dosierungen zu bezweifeln. Außerdem wirken Adsorbenzien unspezifisch, so dass sie auch andere Substanzen wie Arzneistoffe binden und damit in der Wirkung beeinträchtigen können.

Präparate mit Saccharomyces boulardii binden Toxine und hemmen deren Anheftung an die Darmmukosa. Sie eignen sich als Ergänzung der symptomatischen Behandlung von akuten Durchfällen. Die Gabe ist auch bei kleinen Kindern ab einem Alter von zwei Jahren möglich.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
k.berger(at)abda.aponet.de 

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