PTA-Forum online
Rotaviren

Brechdurchfall bei Babys

27.08.2009
Datenschutz

Rotaviren

Brechdurchfall bei Babys

von Leonore Dennhöfer

Säuglinge und Kleinkinder leiden bei Durchfall stark, besonders dann, wenn sie sich mit Rotaviren infiziert haben. Dies trifft in gut zwei Dritteln der Fälle zu. Extrem belastend für die Kleinen sind die heftigen Attacken mit Erbrechen und Durchfall, die täglich bis zu 20-mal auftreten können. 

In den meisten Fällen behält das Kind keinerlei Flüssigkeit oder Nahrung bei sich, die ihm die Eltern Löffel für Löffel mühsam einzuflößen versuchen. Innerhalb von wenigen Stunden gerät das Baby in eine bedrohliche Lage, weil der kleine Organismus den enormen Flüssigkeits- und Salzverlust nicht verkraftet. Dieser Verlust führt zu schwer beherrschbaren Kreislaufproblemen, oft kommt noch hohes Fieber hinzu. 

Die Eltern müssen rasch einen Arzt aufsuchen, wenn das Kind nichts mehr bei sich behält. Werden typische Zeichen einer Austrocknung wie eine trockene Zunge oder eingefallene Augen sichtbar, hilft nur die sofortige Einweisung in ein Krankenhaus. Denn dort können Infusionen und intensive Pflege die gefährlichen Folgen der Austrocknung auffangen. Ansonsten führt der starke Elektrolyt- und Wasserverlust zu Schäden im Gehirn oder an den Nieren. Im Extremfall sterben die Kinder an der Folgen der Infektion. Normalerweise können Kind und Eltern eine Woche nach der Krankenhauseinweisung wieder nach Hause gehen, allerdings meist gleichermaßen erschöpft von der heftigen Krankheit. Bis sich das Baby ganz erholt hat, wieder normal isst und sich der Magen-Darm-Trakt regeneriert hat, dauert es Wochen.

Das Rotavirus erhielt die Bezeichnung aufgrund des radähnlichen Aussehens der 65 bis 75 nm großen Viruspartikel (lateinisch rota = Rad). Weltweit sind unterschiedliche Typen der Rotaviren verbreitet. In Europa verursachen fünf verschiedene Typen die Erkrankungen. Rotaviren werden sehr leicht fäkal-oral durch Schmierinfektionen, unsauberes Wasser und Lebensmittel übertragen. Relativ häufig infizieren sich Säuglinge durch das Wasser in Schwimmbädern, beispielsweise beim Babyschwimmen. Auch erkranken Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen, zum Beispiel, weil sie unsauberes Spielzeug in den Mund nehmen. 10 bis 100 Viren lösen bereits die Erkrankung mit den typischen Symptomen Durchfall, Erbrechen und Fieber aus. Die Viren vermehren sich rasch in den Zellen der Dünndarmschleimhaut, die dann absterben. Die neu gebildeten Schleimhautzellen geben zu viel Flüssigkeit in den Darm ab, und der Körper verliert infolge der schweren Durchfälle sehr viel Wasser. Die Symptome beginnen ein bis drei Tage nach der Ansteckung. Das Virus befällt besonders häufig Kinder bis zum fünften Lebensjahr, hauptsächlich Säuglinge und Kleinkinder im zweiten Lebensjahr, und über 70-Jährige. Laut Mitteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken in Asien, Afrika und Lateinamerika jährlich etwa 140 Millionen Menschen an einer Infektion mit Rotaviren. Meist sind Säuglinge und Kleinkinder betroffen, etwa 500 000 sterben an den Folgen der Infektion, meldet die WHO.

In Deutschland schätzen Experten, dass jährlich mehr als 250 000 Kinder unter fünf Jahren erkranken, ohne dass die Eltern einen Arzt um Rat bitten. Weitere rund 145.000 Kinder dieser Altersgruppe werden wegen der Infektion mit Rotaviren ambulant behandelt, und etwa 22.000 Kinder müssen aufgrund des schweren Krankheitsverlaufs stationär therapiert werden. Dem Robert-Koch-Institut wurden 2008 nur knapp 80.000 Fälle gemeldet, also nur die Spitze des Eisberges. Die Dunkelziffer beträgt wahrscheinlich mehr als das 5-fache. Vermutlich melden Ärzte nur die schweren Fälle.

Schluckimpfung möglichst weltweit

Als Schutz vor dieser schweren Krankheit reicht sorgfältige Hygiene allein nicht aus. Die WHO hat im Juni dieses Jahres vorgeschlagen, dass weltweit alle Nationen die Impfung gegen Rotaviren in ihre Impfprogramme aufnehmen. Damit erweitert die Weltgesundheitsorganisation ihre frühere Empfehlung aus dem Jahr 2005 auf Europa, den gesamten amerikanischen Kontinent sowie insbesondere auf Afrika und Asien. In den USA steht seit drei Jahren ein Lebendimpfstoff mit fünf abgeschwächten Virustypen zur Verfügung. Seit 2008 ist dort ein weiterer Impfstoff mit nur einem Virustyp zugelassen. Kürzlich wurde dessen Wirksamkeit und sichere Anwendung auch bei Frühgeborenen bewiesen. Die Schutzwirkung beider Impfstoffe liegt bei 90 Prozent.

Für den Einsatz des Impfstoffs ist von entscheidender Bedeutung, dass es in den Staaten eine allgemeine Impfempfehlung gibt. Bislang lassen die US-Amerikaner knapp über die Hälfte aller Säuglinge gegen Rotaviren impfen. Jeweils einer der beiden Impfstoffe wird den Säuglingen als Schluckimpfung zwischen der 6. und der 26. Lebenswoche verabreicht, je nach Impfstoff zwei- oder dreimal. Die Kleinen können den Impfstoff zeitgleich mit den anderen Standardimpfungen erhalten. Der Erfolg der Impfung ist deutlich: Seit Einführung der Impfstoffe ist die Zahl der Krankheitsfälle drastisch gesunken. Anscheinend erzeugen die Impfstoffe eine sogenannte Herdenimmunität und hemmen damit die Ausbreitung der Rotaviren. 

Kostenübernahme unterschiedlich

Bislang hat die Ständige Impfkommission (STIKO) im Robert-Koch-Institut die Impfung in Deutschland noch nicht empfohlen. Deshalb ist die Kostenübernahme durch die Krankenkassen nicht einheitlich geregelt. Unter www.kinderaerzte-im-netz.de, Stichwort »Im Fokus« befindet sich eine Übersicht aller Krankenkassen, die die Rotavirus-Impfung erstatten. Zur Immunprophylaxe gegen Rotaviren sind hierzulande derzeit zwei Impfstoffe zugelassen: der monovalente Impfstoff Rotarix® (GlaxoSmithKline) und der pentavalente, rekombinante Impfstoff RotaTeq® (Sanofi Pasteur MSD). Beide können bei Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Monaten eingesetzt werden. Impfwillige Eltern sollten sich bei ihrer Krankenkasse erkundigen, da bereits viele Kassen die Kosten auf freiwilliger Basis übernehmen. In Deutschland ist bislang ungefähr jeder zehnte Säugling geimpft.

Im Freistaat Sachsen empfiehlt die sächsische Impfkommission seit Januar 2008 die Schluckimpfung gegen Rotaviren für alle Säuglinge ab der 6. Lebenswoche bis zum vollendeten 6. Lebensmonat. Diese Empfehlung zeigt erste Erfolge: Die derzeitige Durchimpfungsrate liegt bereits bei knapp 40 Prozent. Sicher wird in Sachsen bald die Zahl der Erkrankungen sinken.

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Leonore Dennhöfer
Hochstraße 2a
76530 Baden-Baden