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Weltsuizidpräventionstag

Damit das Leben nicht zur Last wird

27.08.2009
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Weltsuizidpräventionstag

Damit das Leben nicht zur Last wird

von Tanja Schweig

Selbstmord und Selbstmordgefährdung sind Themen, die in der Gesellschaft noch immer tabuisiert werden. Die kollektive Verdrängung verstärkt jedoch Vorurteile und vor allem die Hilflosigkeit der Gefährdeten. Der Weltsuizidpräventionstag am 10. September ist Anlass, über Suizid in der Öffentlichkeit zu sprechen.

Seit Mitte der 1970er-Jahre hat sich die Zahl der Suizide halbiert. Dennoch nehmen sich in Deutschland immer noch knapp 10.000 Menschen jährlich das Leben, Männer deutlich häufiger als Frauen: Im Jahr 2007 waren es 7009 Männer und 2393 Frauen. Die Zahl der Suizidversuche ist 20-mal so hoch. 

Der Selbstmord ist die Todesursache Nummer 1 bei den 15- bis 40-Jährigen. Am häufigsten versuchen 15-bis 25-jährige Frauen, sich umzubringen. In den letzen Jahren ist ein neuer Trend zu beobachten: Jeden zweiten Selbstmord bei Frauen begehen über 60-Jährige.

Keine Erbkrankheit

Welche Ereignisse veranlassen Menschen zu dieser Tat? Die Hintergründe für einen Selbstmord sind individuell höchst verschieden. Trotzdem stellen Fachleute in der Vorgeschichte oft typische Gemeinsamkeiten fest. Entgegen mancher Vorstellungen wird Suizidgefährdung nicht vererbt. Experten vermuten, dass die meisten Selbstmörder unter Depressionen leiden, aber auch Psychosen, Süchte oder chronische Schmerzen kommen als Auslöser in Frage. Zwar können Lebenskrisen, zum Beispiel die Trennung vom Partner oder der wirtschaftliche Ruin die Tat letztlich anstoßen, als alleiniger Grund machen sie aber schätzungsweise nur 5 bis 10 Prozent aller Fälle aus.

Das Risiko ist übrigens nicht gebannt, sobald der Selbstmordgefährdete sich in eine Behandlung begibt. Die meisten Suizide geschehen in den drei Monaten, nachdem die Krise überstanden scheint. Dann hat der Patient so viel Energie gewonnen, seinen selbstzerstörerischen Entschluss umzusetzen.

Welche Zeichen sollte jeder kennen, damit er Suizidgefährdeten aus kritischen Situationen heraushelfen kann? Die Experten der Präventionsinitiativen empfehlen, Selbsttötung zum öffentlichen Thema zu machen, um so die Sensibilität zu erhöhen. Denn Suizide kündigen sich in den allermeisten Fällen durch bestimmte Vorzeichen an (siehe Tabelle).

Mögliche Anzeichen einer Suizidgefährdung

Auffällige Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen Auffällige Verhaltensweisen bei Erwachsenen
selbstverletzendes Verhalten selbstverletzendes Verhalten
Schuleschwänzen, Rückzug Rückzug und Isolation
Weglaufen, Herumtreiben
verändertes Verhalten beim Essen Essstörungen wie Esssucht, Magersucht oder Bulimie
Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigkeit
Verwahrlosungstendenzen
Gewalttätigkeit
verbale Äußerungen über den Tod und das Sterben Sprechen über den Tod und Suizidabsichten
Interesse an Philosophie
schriftliche Äußerungen, Zeichen und Symbole wie Kreuze und Gräber ein oder mehrere Suizidversuche in der Vergangenheit ; intensives Bemühen, Alleinsein oder Verlassenwerden zu vermeiden
Psychische Veränderungen, unabhängig vom Lebensalter
Konzentrationsschwierigkeiten, Gleichgültigkeit, geringes Selbstwertgefühl, Stimmungsschwankungen, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung dito

Kaum einer nimmt sich das Leben, ohne seine Gefühle vorher einem anderen offenbart zu haben. Studien belegen: Acht von zehn Selbstmördern haben zuvor unmissverständlich von ihren Absichten gesprochen. Die meisten Menschen, die an Selbsttötung denken, schwanken zwischen dem Wunsch zu leben und dem zu sterben. Viele Selbstmörder wollen nur ein Zeichen setzen und hoffen insgeheim, rechtzeitig gefunden und gerettet zu werden.

Hinsehen und zuhören

Menschen im Umfeld müssen also hellhörig werden, wenn jemand wiederholt von Selbstmord spricht. In einer persönlichen Krise sollten Gefährdete nicht alleine gelassen werden. Jeder sollte die typischen Anzeichen einer Gefährdung sowie die möglichen Hilfsangebote kennen, um im Fall der Fälle richtig reagieren zu können. Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen, dass sich die Arztbesuche vieler Betroffener in den drei Wochen vor dem Suizid häuften, die Mediziner die Gefährdung aber offensichtlich nicht erkannten. Vermutlich suchen Suizidgefährdete auch Apotheken kurz vor der Tat häufiger auf. Dies fordert Apothekenmitarbeiter in mehrfacher Hinsicht heraus: Zum einen sind sie in die Pflicht genommen, sorgfältig auf die Anzeichen einer Selbstmordgefährdung zu achten. Zum anderen sollten sie gefährdeten Personen keine Arzneimittel aushändigen, die sie zur Durchführung der Tat einsetzen könnten. Dabei müssen sie mit besonders viel Fingerspitzengefühl beraten.

Viele Suizidversuche führen zu schweren, dauerhaften körperlichen Schäden. Damit verbunden sind meist hohe Kosten für das Gesundheitswesen. Außerdem verursacht ein Suizid erhebliche Behandlungskosten bei den Hinterbliebenen. Laut Studien der WHO sind durchschnittlich sechs Personen im Umfeld des Selbstmörders betroffen. Auch das verdeutlicht, wie wichtig es ist, in die Prävention zu investieren. Mitglieder von Suizid-Präventionsinitiativen vertreten die Auffassung, dass durch fachkundige Aufklärung über die Risikofaktoren und Risikogruppen die Zahl der Suizide massiv gesenkt werden könnte. Besonders nutzen sie den 10. September, um die Bevölkerung gezielt darüber zu infomieren. 

Der Weltsuizidpräventionstag geht auf eine Initiative der International Association for Suicide Prevention (IASP) zurück, die dabei von der Weltgesundheitsorganisation unterstützt wird. In Deutschland engagiert sich die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention für das Thema. Während bereits in mehreren europäischen Ländern nationale Suizidpräventionsprogramme existierten, wurde hierzulande erst 2001 beschlossen, ein solches Programm aufzubauen. Nachweislich können diese Programme die Zahl der Suizide tatsächlich senken.

Informationen und Hilfestellung

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
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