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Beratungswissen

Diabetiker brauchen Magnesium

27.08.2009
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Beratungswissen

Diabetiker brauchen Magnesium

von Ernst-Albert Meyer

Schon seit 1996 empfiehlt die US-amerikanische Diabetes-Gesellschaft, jeden Typ-2-Diabetiker auf einen Magnesium-Mangel hin zu untersuchen. Ein Defizit sollten die Patienten durch Magnesiumpräparate ausgleichen. In Deutschland hat die Gesellschaft für Magnesium-Forschung im März 2009 eine vergleichbare Leitlinie verabschiedet. Welche Rolle spielt Magnesium bei der Zuckerkrankheit?

Magnesium wirkt als Insulin-Sensitizer, das heißt, es kann eine bestehende Insulinresistenz günstig beeinflussen. Bei einer Insulinresistenz sprechen Insulin-sensitive Gewebe wie Muskulatur, Fettgewebe und Leber nur noch schlecht auf Insulin an. Diese verringerte Insulinwirkung entsteht unter anderem durch

  • die Verminderung der Zahl der Insulinrezeptoren (Down-Regulation),
  • die Störung der Tyrosin-Kinase-Aktivität des Insulinrezeptors,
  • Insulin-Antikörper (IgG) im Blut.

Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass sich bei fast jedem Typ-2-Diabetiker erniedrigte Magnesium-Konzentrationen im Blut nachweisen lassen: Der Serum-Magnesium-Spiegel liegt meist unter 0,75 mmol Magnesium pro Liter Blut. Der normale Serumspiegel beträgt 0,8 bis 1,1 mmol/l. Ursache für diese Hypomagnesiämie ist, dass vermehrt Magnesium mit dem Urin ausgeschieden wird als Folge einer diabetischen Nephropathie. Dabei verändern sich die Glomeruli krankhaft (Glomerulosklerose). Außerdem wird bei Typ-2-Diabetikern weniger Magnesium tubulär rückresorbiert. 

Aber auch wenn die Messung normale Magnesium-Blutwerte ergibt, kann bei Diabetikern dennoch ein Magnesium-Mangel vorliegen. Häufig kompensiert der Körper das Magnesium-Defizit im Blut, indem er aus den Knochen verstärkt Magnesium freisetzt. Deshalb sollte der Arzt neben der Bestimmung der Magnesium-Konzentrationen im Blut auch auf klinische Symptome eines Magnesium-Mangels achten (siehe Kasten).

Typische Symptome eines Magnesium-Mangels

  • Muskelkrämpfe
  • Muskelverspannungen
  • gastrointestinale Spasmen
  • Unruhe
  • Müdigkeit
  • Nervosität
  • Kloßgefühl im Hals
  • Kopfschmerzen
  • Herzrhythmusstörungen
  • Depressionen
  • Hyperventilation
  • Schlafstörungen

Nehmen Diabetiker zusätzlich Laxanzien oder ein Diuretikum aus der Gruppe der Thiazide oder Schleifendiuretika ein, verstärken diese das Magnesium-Defizit im Organismus.

Deutliche Unterschiede zu Placebo

Zahlreiche Studien belegen, dass die Insulinresistenz deutlich abnimmt, wenn Patienten mit Magnesium-Mangel das Mineral ergänzen. In einer doppelblinden, placebo-kontrollierten Studie aus dem Jahr 2003 behandelte das Ärzteteam um Dr. Martha Rodriguez-Moran und Dr. Fernando Guerrero-Romero vom Mexican Social Security Institute, Durango, 63 Typ-2-Diabetiker mit Magnesium-Mangel. Der Serumspiegel der Studienteilnehmer lag unter 0,74 mmol/l. Die Patienten erhielten zusätzlich zu Glibenclamid 16 Wochen lang täglich eine Lösung mit 2,5 g Magnesiumchlorid (400 mg Magnesium-Ionen) oder Placebo. Im Ergebnis stellten die Wissenschaftler in der Verumgruppe im Vergleich zur Placebogruppe folgende Unterschiede fest:

  • der Magnesium-Spiegel im Serum stieg an,
  •  der HbA1c-Wert besserte sich deutlich,
  • der Nüchtern-Blutzucker-Spiegel wurde gesenkt,
  • die Insulinresistenz nahm ab.

Als Maß für die Insulinresistenz gilt der HOMA-Index (HOMA = Homeostasis Model Assessment). Dieser errechnet sich aus dem Nüchternwert an Insulin (µU/ml) multipliziert mit dem Nüchternwert an Blutzucker (mmol/l).

Schutz vor Folgeerkrankungen

Heute sehen Diabetologen als wichtigstes Ziel der Therapie des Typ-2-Diabetes, die Spätschäden oder Folgeerkrankungen zu verhindern oder zumindest ihr Auftreten zeitlich zu verzögern. Bei den diabetischen Spätschäden wird zwischen Makro- und Mikroangiopathien unterschieden. Dabei verstehen Fachleute unter einer Makroangiopathie die Arteriosklerose, wie sie auch bei Stoffwechselgesunden auftritt. Bedingt durch die Gefäßschäden sterben Diabetikerinnen im Vergleich zu Stoffwechselgesunden sechsmal häufiger an den Folgen kardiovaskulärer Erkrankungen und Diabetiker dreimal häufiger. Magnesium-Mangel erhöht das Risiko noch einmal zusätzlich. So besteht bei Patienten mit Typ-2-Diabetes ein deutlicher Zusammenhang zwischen einem Magnesium-Mangel und der Entwicklung einer koronaren Herzkrankheit, der häufigsten Todesursache von Diabetikern. Herzinfarkte, Schlaganfälle, Bluthochdruck und die periphere arterielle Verschlusskrankheit verkürzen die Lebenserwartung von Diabetikern um sechs bis sieben Jahre.

Als Calcium-Antagonist wirkt Magnesium Gefäß erweiternd und Blutdruck senkend. Der Mineralstoff ist in der Lage, Spasmen der Herzkranzgefäße zu verhindern und Herzrhythmusstörungen zu stabilisieren. Hinzu kommt ein positiver Effekt auf die Blutgerinnung und die Blutfettwerte. Damit schützt eine gute Magnesium-Versorgung Herz und Blutgefäße des Diabetikers und senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Bei den gefürchteten Mikroangiopathien werden die feinsten Blutgefäße durch verzuckerte Moleküle, meist Proteine, geschädigt. Als Folge nehmen Nieren, Augen und Nerven Schaden. So gilt in Deutschland die diabetische Retinopathie als die häufigste Diabetes-Komplikation. Bereits bei 10 bis 20 Prozent der Typ-2-Diabetiker liegt eine nicht proliferative Retinopathie vor, wenn der Arzt Diabetes neu diagnostiziert. Dies ist umso bedeutsamer, da in Deutschland jedes Jahr rund 6000 Diabetiker als Folge dieser Augenkrankheit erblinden. 

Möglichst früh beginnen

Sind die Serum-Konzentrationen von Magnesium niedrig, tritt diese Erkrankung der Netzhaut häufiger auf und verläuft schwerer als bei Diabetikern mit hohen Magnesiumwerten im Blut. Magnesium senkt die Blutfettwerte, erweitert die Gefäße und wirkt antioxidativ. Deshalb sollten Diabetiker so zeitig wie möglich mit einer Magnesium-Substitution beginnen. Aufgrund der krankhaften Veränderungen in den kleinsten Blutgefäßen werden die Nerven unterversorgt und letztlich geschädigt (Polyneuropathie). Besonders bei langen Nerven summiert sich die Vielzahl kleiner Schädigungen. Im Verlauf der Erkrankung entwickeln sich Beschwerden, die den Diabetiker stark belasten, zum Beispiel der diabetische Fuß.

Je nach Schweregrad beeinträchtigt die diabetische Polyneuropathie wichtige Körperfunktionen: So lässt beispielsweise die Schmerzwahrnehmung nach sowie die Tätigkeit des Magen-Darm-Trakts oder der Blase. Studien belegen, dass 300 mg Magnesium-Ionen pro Tag signifikant die Nervenstörungen wie Taubheitsgefühl oder Kribbeln lindern.

Beim metabolischen Syndrom 

Das metabolische Syndrom gilt als Vorstufe eines Typ-2-Diabetes. Es ist gekennzeichnet durch Übergewicht, Hypertonie, Hyperlipidämie und verschlechterte Glucosetoleranz. Wie Studien zeigten, spielt Magnesium auch in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle: Die frühzeitige Substitution von Magnesium kann die Manifestation eines Diabetes mellitus verhindern beziehungsweise verzögern.

In einer 2008 durchgeführten randomisierten, placebokontrollierten Doppelblind-Studie wurden die Effekte von Magnesium an 52 Patienten mit metabolischem Syndrom untersucht. Die Verumgruppe (27 Probanden) erhielt sechs Monate lang dreimal täglich 5 mmol Magnesium-Ionen als Magnesiumaspartat-hydrochlorid (Magnesiocard®). Das entspricht einer Tagesdosis von 364,5 mg Magnesium-Ionen. 

Zu Studienbeginn war bei keinem der 52 Patienten Magnesium-Mangel festgestellt worden. Als Studienparameter wurde auch hier unter anderem die Veränderung des HOMA-Index unter Gabe der Magnesium-Ionen festgehalten. Während der Studie reduzierte sich der HOMA-Index in der Verumgruppe von 1,73 auf 1,66, in der Placebogruppe stieg er dagegen von 1,67 auf 1,76. Diese Studie zeigt, wie wichtig auch für Patienten mit metabolischem Syndrom die regelmäßige Magnesium-Gabe ist.

Neue Leitlinie in Deutschland 

Die neue »Leitlinie Magnesium und Diabetes« der Gesellschaft für Magnesium-Forschung richtet sich in erster Linie an Diabetologen. Sie soll den Therapeuten helfen, bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und metabolischem Syndrom Magnesium-Mangel zu erkennen und zu behandeln. Aber auch PTA oder Apotheker finden in der Leitlinie wertvolle Hinweise, die sich als Argumente für das Beratungsgespräch eignen. So sollen Diabetiker bereits Magnesium-Präparate einnehmen, wenn ihr Serum-Wert unter 0,8 mmol Magnesium/l liegt. Wichtig für die Beratung: Magnesium-Präparate können mit oralen Antidiabetika und Insulin sowie Antihypertensiva kombiniert werden, da keine Wechselwirkungen auftreten. 

Als Dosierung empfiehlt die Gesellschaft täglich 240 bis 480 mg (10 bis 20 mmol) Magnesium-Ionen. Patienten mit schwerer Niereninsuffizienz dürfen kein Magnesium einnehmen. Nach Rücksprache mit dem Arzt ist bei eingeschränkter Nierenfunktion die Dosierung anzupassen. Magnesium-Präparate sind gut verträglich, auch bei hoher oraler Dosierung sind keine schwerwiegenden Nebenwirkungen bekannt. Weicher Stuhl kann zwar auftreten, meist ist er aber nur vorübergehend.

Organische Salze empfehlen

Bei der Auswahl des Magnesium-Präparates ist es wichtig, auf das enthaltene Magnesiumsalz zu achten. Denn organische Magnesiumsalze wie Magnesiumaspartathydrochlorid oder Magnesiumcitrat (wie in Magnesium Diasporal® 400 extra) werden – wie Studien an Erwachsenen zeigen – viel besser resorbiert als anorganische Salze wie Magnesiumoxid oder Magnesiumcarbonat. Aufgrund ihrer besseren Bioverfügbarkeit sind organische Salze wirksamer. Magnesiumcitrat (wie in Magnesium Verla® 300) eignet sich laut Gebrauchsinformation »zur besonderen Ernährung bei Diabetes mellitus im Rahmen eines Diätplanes«.

Außerdem belegen Studien, dass sich die Resorptionsquote weiter erhöht, wenn die Tagesdosis an Magnesium auf mehrere Einzeldosen verteilt wird. Deshalb sollten PTA oder Apotheker den Patienten bitten, die Tagesdosis des Magnesiumsalzes in mehreren Portionen einzunehmen.

Defizit als eigenständiger Risikofaktor

Doch es gibt noch eine weitere interessante Feststellung: Ein niedriger Magnesium-Spiegel im Blut (0,25 bis 0,7 mmol/l) erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes um 55 Prozent im Vergleich zu Gesunden, -deren Blut-Magnesium-Werte über 0,94 mmol/l liegen. Das ist ein Ergebnis der ARIC-Studie (Atherosclerosis Risk In Communities Study), bei der mehr als 12000 stoffwechselgesunde Männer und Frauen im Alter zwischen 45 und 64 Jahren über 6 Jahre beobachtet wurden. Auch die Nurses Health Study mit 850 00 Frauen und die Health Professionals Follow-up-Studie mit rund 43 000 Männern belegten, dass Probanden mit einem gesunden Stoffwechsel durch hohe Magne-siumgaben signifikant seltener an Typ-2-Diabetes erkrankten. 

Während in Deutschland die Bedeutung eines Magnesium-Mangels für die Entstehung dieser Stoffwechselkrankheit noch diskutiert wird, gilt in den USA: Magnesium-Defizit ist bei gesunden Personen ein eigenständiger Risikofaktor für die Entstehung des Typ-2-Diabetes.

Einerseits können PTA oder Apotheker Patienten mit metabolischem Syndrom und Diabetiker im persönlichen Beratungsgespräch über die Bedeutung des Magnesiums informieren. Andererseits können sie spezielle Aktionstage oder Verbrauchermessen rund um die Gesundheit nutzen, sowie selbst Vorträge halten, um den Diabetikern dieses wichtige Thema näher zu bringen.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
MedWiss-Meyer(at)t-online.de