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Krebstherapie

Nebenwirkungen vorbeugen odergezielt behandelnei

27.08.2009
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Krebstherapie

Nebenwirkungen vorbeugen oder gezielt behandeln

von Brigitte M. Gensthaler, Meran

Die Diagnose Krebs belastet die Patienten massiv. Bestrahlung und Chemotherapie verursachen zudem quälende Nebenwirkungen. Viele Patienten wissen nicht, dass sie die unverwünschten Wirkungen verhüten oder lindern können. Ratschläge von PTA oder Apotheker können in diesen Fällen sehr wertvoll sein.

Bei den meisten Betroffenen löst die Diagnose Krebs Angst und Entsetzen aus, denn die Erkrankung ist immer existenziell bedrohlich. Dazu kommt die Furcht vor der Chemo- und Strahlentherapie und ihren Nebenwirkungen sowie vor entstellenden Operationen. Bei vielen Patienten gerät die Lebensplanung ins Wanken. In dieser Situation suchen die meisten Menschen fachlichen Rat beim Onkologen. Zusätzlich informieren sie sich in der Familie oder bei Freunden, in Büchern, Broschüren oder im Internet. Seltener kommen Betroffene mit ihren Sorgen in die Apotheke. 

»Viele Patienten wissen nicht, wo und wie sie Apotheken finden, in denen sie kompetent beraten werden«, sagte Professor Dr. Ulrich Jaehde, der an der Universität Bonn das Fach Klinische Pharmazie lehrt. Beim Pharmacon in Meran stellte der Apotheker Möglichkeiten zur Vorbeugung und Behandlung von Nebenwirkungen vor. In der Fachsprache heißt dies Supportivtherapie.

Vorbeugung beginnt mit Information: PTA und Apotheker können Krebspatienten darauf aufmerksam machen, dass sie Nebenwirkungen einer Chemo- oder Strahlentherapie heute gut in den Griff bekommen können. Sie sollten sie ermutigen, darüber mit ihrem Arzt zu sprechen.

Informieren und Mut machen

Außerdem kann das Apothekenteam dem Patienten hilfreiche Tipps für den Alltag geben. Als klares Ziel der Beratung definierte Jaehde, die Lebensqualität der Patienten zu erhalten oder zu verbessern. Fast alle Nebenwirkungen einer Tumortherapie seien vorhersehbar, erklärte der Apotheker. Häufige Probleme wie Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen (Nausea und Emesis), Schleimhautschäden (Mucositis) und Durchfall führen zu Gewichtsverlust. Starke Auszehrung wiederum begünstigt Infektionen und eine ständige bleierne Müdigkeit (Fatigue). 

Je nach Art der Tumortherapie gehören Übelkeit und Erbrechen zu den häufigs-ten Nebenwirkungen. Tritt das Problem innerhalb von 24 Stunden auf, sprechen Ärzte vom akuten Erbrechen. Als verzögerte Form bezeichnen sie Übelkeit und Erbrechen innerhalb von fünf Tagen nach einem Behandlungszyklus. Als dritte Formgibt es das »antizipatorische Erbrechen«, das auf Konditionierung beruht: Dem Patienten wird schon vor der Therapie schlecht, weil er sich an frühere üble Erfahrungen mit der Chemotherapie erinnert. Manchmal reichen schon der Geruch oder der Anblick der Klinik oder der Station, und der Patient muss erbrechen. Eine gute Prophylaxe hilft, dies zu verhindern.

Der Übelkeit vorbeugen

PTA oder Apotheker könnten dem Patienten eine positive Botschaft mitgeben, sagte Jaehde: »Übelkeit und Erbrechen kann man heute gut unterdrücken.« Das genaue Vorgehen ist in Leitlinien der Multinational Association for Supportive Care in Cancer (MASCC) festgelegt. Es richtet sich nach den eingesetzten Arzneistoffen und dem individuellen Risiko. Beispielsweise trifft das Übel jüngere Menschen häufiger als ältere, Frauen häufiger als Männer, Nichtalkoholiker häufiger als Alkoholiker. Wirkstoffe wie Cisplatin, Carmustin und Dacarbazin schlagen neun von zehn Patienten auf den Magen, während andere Substanzen ein geringes Risiko bergen. Auch eine Bestrahlung kann Übelkeit auslösen. 

Wichtig ist es, dem Patienten zu erklären, dass er die vom Arzt verordneten Arzneimittel gegen die Übelkeit (Antiemetika) unbedingt vor der Chemotherapie nehmen muss, wenn er sich noch wohl fühlt. Bei stark Brechreiz erregenden (emetogenen) Therapien sind drei verschiedene Medikamente notwendig, da sie an jeweils anderer Stelle im Körper -angreifen. Dies sind erstens Corticosteroide wie Dexamethason, zweitens 5-HT3-Antagonisten (»Setrone«) wie Ondansetron sowie drittens der Arzneistoff Aprepitant. Bei anderen Therapien kann Aprepitant wegfallen; manchmal ist auch Dexamethason alleine ausreichend wirksam. Dies entscheidet der Arzt. Metoclopramid und Dimenhydrinat wirken nur schwach. Gegen die verzögerte Übelkeit ist Dexamethason der wichtigste Arzneistoff. 

Wenn die Prophylaxe eine aufkommende Übelkeit nicht verhindert, kann dies einen simplen Grund haben. Manche Patienten lassen aus Angst vor Cortison das Dexamethason einfach weg. PTA oder Apotheker sollten ihnen erklären, dass sie bei kurzzeitiger Einnahme keine schweren Nebeneffekte befürchten müssen, erklärte Jaehde. 

Noch einige Tipps für den Alltag. Der Patient soll alles essen, was ihm schmeckt. Jedoch sind mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt günstiger als wenige große Portionen. Wer an Übelkeit leidet, verträgt kalte Kost oft besser als heiße. Ebenso sind süße, sehr fette und stark gebratene Speisen zu vermeiden. Auch starke Gerüche können die Übelkeit anfachen; also lieber milde Gerichte ohne intensive Gewürze und nur leicht gesalzen bevorzugen. 

Wunder Mund ist eine Qual

Sowohl Chemotherapie als auch Bestrahlung können Entzündungen an allen Schleimhäuten des Magen-Darm-Trakts auslösen. Besonders qualvoll ist die Mucositis, also die Schleimhautentzündung im Mund. Sie beginnt mit einer leichten Rötung und kann zu tiefen Geschwüren führen. Werden die Speicheldrüsen geschädigt, trocknet der Mund völlig aus,  und die Zunge klebt unangenehm am Gaumen. Die Mucositis könne so schmerzhaft sein, dass die Patienten nicht mehr essen, trinken und schlucken könnten, berichtete Jaehde. 

Auch hier ist die Vorbeugung das A und O. PTA oder Apotheker sollten dem Patienten unbedingt erklären, wie wichtig eine sorgfältige Mundhygiene ist, damit keine Schleimhautschäden auftreten. Sehr weiche Zahnbürsten sind empfehlenswert, da sie die empfindliche Schleimhaut nicht zusätzlich verletzen. Zur regelmäßigen Mundspülung (mehrmals täglich und nach jedem Essen) eignen sich Wasser, leichte Salzlösungen oder milde Tees. Aromatisierte, saure und alkoholhaltige Mundwässer sind tabu. Der Patient sollte auf alkoholhaltige Getränke und Rauchen verzichten. Scharfe, sehr heiße oder saure Speisen und krümeliges Essen können zusätzliche Schmerzen auslösen. 

In der Therapie der Mucositis spielen neben der Mundpflege vor allem Schmerzmittel und lokal betäubende Substanzen (Lokalanästhetika) eine wichtige Rolle. Es gibt auch Rezepturvorschriften für Mundspüllösungen, denen beispielsweise Lidocain oder Tetracain zugesetzt ist. Bei sehr starken Schmerzen verordnet der Arzt Opioide wie Morphin. Gels oder Lösungen mit Allopurinol sollten mangels Wirksamkeitsnachweis nicht mehr verwendet werden, empfahl Jaehde. 

Ständig erschöpft

Häufigstes Problem nach Übelkeit und -Erbrechen ist das Fatigue-Syndrom. Die Patienten klagen über extreme Müdigkeit und Kraftlosigkeit, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und fehlende Energie. Ihnen wurde früher meist Ruhe und Schonung empfohlen. Dies ist vorbei. »Bewegen statt schonen« heißt heute die Devise. 

Eine große Studie mit britischen Krankenschwestern habe gezeigt, dass schon leichte, aber regelmäßige Bewegung das Überleben verbessert, berichtete Jaehde. Schon Spazierengehen kann helfen. Man könne den Patienten raten, gezielt aktiv zu sein, sich aber immer wieder ausreichend zu entspannen (siehe dazu Fatigue: Bewegungstraining hilft, PTA-Forum 05/2009).

Zudem muss der Arzt nach möglichen Ursachen der Erschöpfung, zum Beispiel Schmerzen, Schlafstörungen und Depressionen, fahnden und diese behandeln. Bei Blutarmut regt Erythropoietin die Blutbildung an und hebt den Hämoglobin-Wert. Dieses Medikament wird heute jedoch eher zurückhaltend eingesetzt. 

Essen, was schmeckt

Ein großes Problem ist der unfreiwillige Gewichtsverlust, der etwa zwei Drittel der Krebspatienten betrifft. Das hat Folgen: Verlieren die Patienten viel Gewicht, sinken Lebensqualität und Aktivität und sie erleiden mehr Komplikationen bei der Tumortherapie. Die Auszehrung (Kachexie) könne sogar die Lebenserwartung verkürzen, informierte Dr. Karin Nemec vom Donauspital in Wien in einem Seminar in Meran. 

Der rapide Gewichtsverlust entsteht nicht nur durch die verminderte Nahrungsaufnahme, zum Beispiel wegen ständiger Übelkeit oder Entzündungen im Mund. Vielmehr verändert sich der Stoffwechsel infolge einer chronischen Entzündung im Körper, die durch den Krebs ausgelöst wird. Typisch ist der Abbau von Muskel- und Fettgewebe. Auch übergewichtige Menschen können während einer Krebserkrankung auszehren. 

»Mit der Ernährung alleine kann man die sogenannte katabole Stoffwechsellage nicht umkehren«, sagte die Apothekerin. Zunächst müssen Probleme wie Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Mucositis oder Depression behandelt werden. Kurzzeitig kann der Arzt auch Steroide wie Megestrolacetat und Medroxyprogesteron verordnen. 

Unerlässlich ist eine gute Ernährungstherapie. »Es gibt aber keine spezielle Krebsdiät«, informierte Nemec und bestätigte Jaehdes Aussage: »Tumorpatienten sollten essen, was ihnen schmeckt.« Da der Energiebedarf leicht erhöht ist, sollten sich die Patienten kalorienreich ernähren. Bei Bedarf kann man das Essen anreichern mit Proteinen, Kohlenhydraten oder Fetten. Zusätzlich oder auch ausschließlich kann der Patient kalorienreiche Trinknahrungen (bis zu 2 kcal/ml) zu sich nehmen. Diese Nahrungen gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen, sie eignen sich für Patienten, die beim Essen zu schnell satt werden und deshalb nicht mehr genügend Kalorien aufnehmen. 

Erst wenn der Patient auf natürlichem Weg nicht mehr genügend essen und trinken kann, zum Beispiel wegen massiver Schluckstörungen, sei die enterale Ernährung angebracht, erklärte Nemec. Dabei bringt eine Sonde die Spezialnahrung direkt in den Magen oder den Dünndarm. Die dritte Stufe ist die parenterale Ernährung, bei der Speziallösungen über einen Katheter in eine Vene eingeleitet werden. Die industriell gefertigten Lösungen enthalten alle lebenswichtigen Nährstoffe und Elektrolyte. Seit es diese Lösungen für alle Indikationen gibt, ist die parenterale Ernährung auch zu Hause durchführbar.

Entlastung für die Seele

Die Diagnose Krebs belastet die Seele stark. Manche Patienten können den Schock und die Angst selbst verarbeiten, andere kommen damit gar nicht zurecht. Experten schätzen, dass etwa 30 Prozent der Krebspatienten fachliche Hilfe brauchen. Die psychoonkologische Betreuung will dazu beitragen, die Belastungen, Sorgen und Ängste der Betroffenen zu reduzieren. Sie will den Patienten bei der Bewältigung der Krankheit helfen und damit ihre Lebensqualität verbessern. Dies entlastet auch die Angehörigen. Die Psychoonkologie ist eine relativ neue interdisziplinäre Form der Psychotherapie. Damit Patienten rasch einen kompetenten Ansprechpartner finden, hat die Initiative »Psyche hilft Körper«, die von der Firma GlaxoSmithKline unterstützt wird, ein bundesweites Adressverzeichnis von Psychoonkologen erstellt. Unter www.gsk-onkologie.de , Rubrik »Information für Patienten«, ist die aktualisierte Fassung abrufbar.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
bm.gensthaler(at)t-online.de