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Arzneimitteltherapie

Neuer Arzneistoff im August 2009

27.08.2009
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Arzneimitteltherapie

Neuer Arzneistoff im August 2009

von Sven Siebenand

Das Sommerloch macht sich auch bei den Markteinführungen bemerkbar. In den vergangenen Wochen kam nur ein neuer Wirkstoff auf den Markt. Mit Gefitinib steht nun eine weitere Therapieoption bei Lungenkrebs zur Verfügung.

Wenn Lungenkrebs in einem frühen Stadium diagnostiziert wird, also bevor er in andere Organe oder Lymphknoten metastasiert ist, überleben rund die Hälfte der Patienten fünf Jahre und länger. Leider wird die überwiegende Zahl der Lungenkrebserkrankungen jedoch erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Die 5-Jahres-Überlebensrate beträgt dann nur noch etwa 15 Prozent.

 

Zwei unterschiedliche Zellarten 

Mediziner unterscheiden zwei Arten von Lungenkrebs: das kleinzellige und das nicht kleinzellige Bronchialkarzinom (non-small cell lung cancer, NSCLC). Die Bezeichnungen leiten sich aus der Form der Krebszellen unter dem Mikroskop ab. 

 

Jährlich werden weltweit mehr als 1,35 Millionen neue Lungenkrebsfälle diagnostiziert, und fast 1,2 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an dieser Krankheit. Allein in Deutschland entdecken Ärzte jedes Jahr bei rund 46000 Menschen Lungenkrebs neu, mehr als Brust- und Prostatakrebs zusammen.

 

Seit Anfang August ist mit Gefitinib (Iressa® 250 mg Filmtabletten, AstraZeneca) ein weiteres Arzneimittel für Lungenkrebs-Patienten auf dem deutschen Markt verfügbar. Der Wirkstoff kann zur Behandlung von Erwachsenen mit nicht kleinzelligem Lungenkrebs, der lokal fortgeschritten oder metastasiert ist, zum Einsatz kommen. Gefitinib wird bei Patienten angewendet, deren Krebszellen eine Genmutation eines bestimmten Rezeptors auf der Zelloberfläche aufweisen: Der sogenannte epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGFR) besitzt einen extrazellulären Außenbereich, an den Liganden wie Wachtumsfaktoren oder Arzneistoffe angreifen können, und eine intrazelluläre Domäne mit Enzymaktivität. Ist der Rezeptor genetisch verändert, überreagiert die intrazelluläre Tyrosinkinase-Domäne und beschleunigt über eine komplexe Signalkette letztlich das Tumorwachstum. In der westlichen Welt sind schätzungsweise rund 10 bis 15 Prozent aller Lungenkrebspatienten von dieser speziellen Genmutation betroffen.

 

Die empfohlene Dosis des neuen Arzneistoffs beträgt 250 mg täglich. Die Tablette können die Patienten unabhängig von den Mahlzeiten einnehmen. Patienten mit Schluckproblemen können die Filmtablette auch in Wasser (ohne Kohlensäure) auflösen.

 

Hemmstoff der Tyrosinkinase

Gefitinib gehört wie die bereits zugelassenen Substanzen Imatinib, Erlotinib und Lapatinib in die Gruppe der Tyrosinkinase-Hemmstoffe. Gefitinib blockiert den EGF-Rezeptor und bremst die intrazelluläre Enzymaktivität. Durch die EGFR-Hemmung trägt der neue Wirkstoff dazu bei, das Wachstum und die Ausbreitung der Krebszellen bei nicht kleinzelligem Lungenkrebs zu verlangsamen. Wichtig: Gefitinib wirkt nur in Zellen von Lungentumoren, die eine Mutation im EGFR-Gen aufweisen. Deshalb muss vor Therapiebeginn diese Mutation per Analyse nachgewiesen werden. Eine Untersuchung zeigte, dass fast drei Viertel aller Patienten mit dieser Genmutation auf Gefitinib ansprachen, jedoch nur 1 Prozent der Patienten ohne diese spezielle Mutation.

 

PTA und Apotheker sollten die Patienten auf eine wichtige Interaktion hinweisen: Arzneimittel, die die Aktivität des Enzyms CYP3A4 induzieren, können die Wirksamkeit von Gefitinib verringern. Dazu zählen zum Beispiel Phenytoin, Carbamazepin, Rifampicin und Johanniskraut-Präparate. Der Hersteller empfiehlt in der  Fachinformation, die gleichzeitige Einnahme daher zu vermeiden. Ferner können Arzneimittel, die den pH-Wert im Magen auf Werte über 5 erhöhen wie Protonenpumpenhemmer und H2-Antihistaminika, die Wirksamkeit des neuen Arzneistoffs verringern.

 

Interaktionen als Risiko

Bei gleichzeitiger Behandlung mit starken CYP3A4-Hemmern (zum Beispiel Ketoconazol, Clarithromycin und Protease-Inhibitoren) sollten die Patienten hinsichtlich Nebenwirkungen engmaschig überwacht werden. Apropos Nebenwirkungen: Zu den am häufigsten beobachteten unerwünschten Wirkungen von Gefitinib zählen Appetitlosigkeit, Durchfall, Erbrechen, Übelkeit, Entzündung der Mundschleimhaut, erhöhte Leberenzym-Werte, Haut-reaktionen (zum Beispiel akneartiger Ausschlag) und Schwäche. Zudem besteht das Risiko für eine schwere, lebensbedrohliche Lungenerkrankung.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
siebenand@govi.de