PTA-Forum online
Selbstmedikation

Kleinkindern bei Ohrenschmerzen sinnvoll helfen

20.08.2010
Datenschutz

Selbstmedikation

Kleinkindern bei Ohrenschmerzen sinnvoll helfen

von Andrea Gerdemann

In ihrem ersten Lebensjahr erkranken etwa 60 Prozent der Säuglinge wenigstens einmal an einer Mittelohrentzündung, bis zum vierten Jahr sogar circa 90 Prozent der Kleinkinder. Ab dem Schulalter können Eltern aufatmen: Dann werden die Mittelohrentzündungen seltener. Erkrankungen kleiner Kinder müssen in den meisten Fällen von einem Pädiater oder HNO-Arzt abgeklärt werden.

Den Eltern oder Patienten die Grenzen der Selbstmedikation aufzuzeigen, wenn sie in der Apotheke nach einem Arzneimittel fragen, zählt zu den Aufgaben von PTA oder Apotheker. Außerdem sollten sie sich in Kooperation mit dem behandelnden Arzt für einen verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika bei Otitis media einsetzen. Dieses Ziel verfolgt auch die S3-Leitlinie Ohrenschmerzen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Die Ursachen für Ohrenschmerzen sind vielfältig. Neben Infektionen kommen auch Verletzungen sowie neurogene, das heißt nervlich bedingte Auslöser in Frage. Die Tabelle gibt eine Übersicht über die häufigsten Ursachen.

Am häufigsten löst die akute Otitis media Schmerzen in den Ohren der Patienten aus. Für diese Erkrankung typisch sind plötzlich einsetzende, heftige Ohrenschmerzen, nicht selten verbunden mit Hörstörungen. Auch der Allgemeinzustand verschlechtert sich meist, Kinder werden reizbar und quengelig. Teilweise kommen Fieber und Schwindel hinzu. Besonders häufig erkranken Kleinkinder. Das hat anatomische Gründe: Bei kleinen Kindern ist die eustachische Röhre kürzer als bei Erwachsenen, und sie verläuft horizontal. Außerdem erkranken Kleinkinder häufiger an Atemwegsinfekten und in deren Verlauf an einer Mittelohrentzündung. Die häufigsten bakteriellen Erreger der akuten Otitis media sind Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae und Moraxella catarrhalis. In etwa 40 Prozent der Fälle verursachen aber Viren die Entzündung des Mittelohres.

Als Otitis externa werden Ohrenerkrankungen bezeichnet, bei der Kutis und Subkutis des äußeren Gehörgangs entzündet sind. Die Betroffenen klagen über Juckreiz, die Schmerzen sind eher mäßig. Durch Druck auf den Gehörgang oder Zug an der Ohrmuschel werden die Schmerzen typischerweise stärker. Aufgrund der Entzündung sondern die Ohren oft ein schleimiges Sekret ab. Ursache der Otitis externa können die unsachgemäße Reinigung des Gehörgangs, Kontaktallergien gegenüber Kosmetika oder Haarwaschmitteln, aber auch ein Schwimmbadbesuch sein. Bei Diabetikern besteht die Gefahr, dass die Entzündung chronisch wird oder zu weiteren Komplikationen führt.

Beim Tubenkatarrh ist das Tubenlumen verschlossen und dadurch bedingt die Paukenhöhle ungenügend belüftet. Zu den möglichen Auslösern zählen Infekte oder auch rasche Wechsel des Luftdrucks, beispielsweise während Starts und Landungen von Flugzeugen.

Hat sich im Gehörgang ein Furunkel gebildet, klagt der Patient meist über Schmerzen, insbesondere bei Druck auf das Ohr oder auch bei Zug an der Ohrmuschel. Ausgelöst werden die eitrig entzündlichen Schwellungen häufig durch Staphylokokken. Die Patienten sollten auf keinen Fall versuchen, selbst den Furunkel zu entfernen. Dies gehört in die Hand eines Arztes (siehe dazu auch Dermatologie: Wenn sich ein Haarbalg entzündet).

Diagnose des Arztes erforderlich

Grundsätzlich sollte ein Arzt die Ursachen der Ohrenschmerzen abklären. Haben PTA oder Apotheker den Patienten vom Arztbesuch überzeugt, möchten viele vorab ein Arzneimittel gegen ihre Schmerzen einnehmen. Für Erwachsene geeignet sind Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen wegen ihrer antiphlogistischen Wirkkomponente. Die Einzeldosis von ASS beträgt 500 bis 1000 mg, von Ibuprofen 400 mg. Bei kleinen Kindern ist ASS aufgrund der Gefahr des Reye-Syndroms kontraindiziert, hier eignen sich Ibuprofen oder auch Paracetamol zur Behandlung der Schmerzen oder auch des Fiebers. Klagen Patienten über Juckreiz, können PTA oder Apotheker Antihistaminika empfehlen, beispielsweise Dimetinden (orale Dosis 1 bis 2 mg) oder Clemastin (orale Dosis 1 mg).

Häufige Ursachen von Ohrenschmerzen

  • akute Mittelohrentzündung
  • Otitis externa
  • Fremdkörper
  • Tubenkatarrh
  • Furunkel
  • Verletzung
  • Sinusitis, Tonsillitis

Auch nicht medikamentöse Maßnahmen können die Situation des Patienten rasch zu verbessern. Die DEGAM empfiehlt körperliche Schonung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr sowie bei den meist kleinen, von Schmerzen geplagten Patienten intensive Zuwendung der Eltern.

Ohrentropfen mit lokalen Analgetika können die Diagnosestellung des Arztes erschweren und die Symptome verschleiern. Ausnahmen stellen die diffuse Gehörgangsentzündung oder chronische Mittelohrentzündungen dar; hier kann die Anwendung von Ohrentropfen sinnvoll sein. Je nach Zusammensetzung wirken diese antibakteriell oder antiphlogistisch. Bessern sich die Beschwerden allerdings nach zwei Tagen der Selbstbehandlung nicht oder werden sogar stärker, muss der Patient unbedingt einen Arzt aufsuchen.

Ein Praxistipp für die Anwendung von Ohrentropfen: Diese vor der Anwendung in der Hand leicht erwärmen, um einen Kältereiz beim Einträufeln zu vermeiden. Den Kopf beim Einträufeln zur Seite neigen, damit die Tropfen besser auf den Grund des Gehörgangs fließen können. Anschließend den Gehörgang nicht mit Watte verschließen. Das könnte zu einer feuchten Kammer führen, in der sich Bakterien und Pilze optimal vermehren.

Als weitere Maßnahme vor dem Arztbesuch kann die Gabe von abschwellenden Nasentropfen oder -sprays sinnvoll sein, beispielsweise mit Oxymetazolin oder Xylometazolin als Wirkstoffe. Laut eines Cochrane Reviews beeinflussten diese Arzneimittel statistisch nicht den Verlauf der akuten Mittelohrentzündung. Dennoch zeigen die Beobachtungen in der Praxis, dass gerade bei einer zusätzlichen Rhinitis die Nasentropfen oder das -spray die Beschwerden lindern.

Zur Behandlung der akuten Mittelohrentzündung sind Antibiotika nicht die Mittel der ersten Wahl. Aus mehreren Gründen: Zum einen heilt die akute Otitis media in 80 Prozent der Fälle innerhalb von 7 bis 14 Tagen spontan. Zum anderen ergab eine Untersuchung bei Kindern, dass circa 80 Prozent innerhalb von 24 Stunden schmerzfrei sind. Daher kann es sinnvoll sein, vor der Antibiotikagabe erst einmal abzuwarten, gerade wenn die Patienten in ihrem Allgemeinbefinden nur wenig eingeschränkt sind – immer die Mitarbeit des Patienten und der Eltern vorausgesetzt. Dieses Vorgehen würde den Einsatz von Antibiotika erheblich verringern. Das zeigte auch eine Untersuchung aus dem Jahre 2001: Nur 36 von insgesamt 150 Eltern lösten dabei ein vorsorglich ausgestelltes Rezept über ein Antibiotikum für ihr erkranktes Kind tatsächlich ein. 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
andrea(at)gerdemann.info