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Studie

Stressiges Stadtleben

22.07.2011  17:13 Uhr

PTA-Forum / In Städten erkranken sehr viel mehr Menschen an Depressionen und Angststörungen als auf dem Land, an Schizophrenien sogar doppelt so viele. Die entsprechenden Zahlen, die bislang nur statistisch erfasst wurden, konnten nun durch bildgebende Verfahren bestätigt werden.

Ein Forscherteam um Professor Dr. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim suchte in Groß- und Kleinstädten sowie unter Landbewohnern gesunde Freiwillige aller Altersklassen ohne psychische Auffälligkeiten. Die 160 Testpersonen wurden in drei Gruppen eingeteilt (Städter, Landbewohner und Kontrollgruppe) und mussten unter Zeitdruck Rechenaufgaben lösen, während sie im Kernspintomografen lagen. Waren die Ergebnisse falsch, stressten die Forscher die Teilnehmer zusätzlich mit kritischen Kommentaren. Anschließend konnten die Forscher beobachten, wie bei den Prüflingen Blutdruck, Puls und Cortisolwerte in die Höhe schnellten. Eindeutig reagierten die städtischen Probanden signifikant stärker auf Stress.

Hirnareale verändert

Außerdem entdeckten die Wissenschaftler folgendes Phänomen: Je länger die Versuchsteilnehmer in einer Stadt lebten, desto ausgeprägter fiel die Stressreaktion aus. Das Mannheimer Team ist davon überzeugt, dass sich im gleichen Maße das Risiko für psychische Erkrankungen erhöht.

Die anschließende Auswertung der Scans ergab, dass sich bei Städtern und Landbewohnern ausschließlich zwei Hirnareale, die Amygdala und Teile des anterioren cingulären Cortex (ACC), unterschieden. Beide Hirnstrukturen und ihre Verknüpfung sind maßgeblich an der Regulation emotionaler Reize oder negativer Gefühle wie Angst beteiligt.

So fanden die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen der Größe der Stadt und der Stressreaktion der Probanden: Je größer die Stadt, in der die Versuchsperson wohnte, desto stärker reagierte die Amygdala auf sozialen Stress.

Auch die Zeitspanne, die der Proband als Kind in einer städtischen Umgebung lebte, hatte Einfluss auf die Aktivierung des ACC. Bei den ehemaligen Stadtkindern war außerdem der Signalaustausch zwischen diesen beiden Gehirnarealen reduziert.

In Folgetests bestätigt

Um sicher zu stellen, dass der beobachtete Effekt tatsächlich mit dem Stadtleben zusammenhängt, führte das Team Folgetests mit anderen Versuchspersonen und anderen Testaufgaben durch. Genauso wie beim ersten Versuchsaufbau trat der Effekt nur bei sozialen Stressreizen auf. Die Probanden unter Zeitdruck zu setzen, genügte nicht.

Die Wissenschaftler wollen nun herausfinden, welche Aspekte des Stadtlebens die beobachteten Veränderungen bewirken. Weitere Forschungen sollen helfen, die verschiedenen Einflussgrößen wie Lebensstil, berufliche Situation oder bau­liches Umfeld voneinander zu trennen. /

Quelle: Nature