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Selbstmedikation bei Migräne

Wenn es im Kopf hämmert

22.07.2011
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Von Melanie Witt / Aus dem Apothekenalltag kennen PTA und Apotheker die Bitte: »Ich brauche etwas gegen Kopfschmerzen.« Die meisten Betroffenen behandeln ihre Beschwerden, ohne vorher den Arzt aufgesucht zu haben. Bei Migräne helfen Analgetika oder rezeptfreie Triptane. Doch oft beurteilen Patienten ihre Kopfschmerzen falsch und verwechseln Migräne mit Spannungskopfschmerz.

Etwa 70 Prozent der Deutschen leiden zumindest zeitweise unter Kopfschmerzen. Jedoch nur 20 Prozent haben vom Arzt eine exakte Diagnose stellen lassen. Daher müssen im Beratungsgespräch PTA oder Apotheker die Eigendiagnose des Patienten hinterfragen. Sind die geschilderten Symptome typisch für Migräne oder eher für eine andere Kopfschmerzform? Von der Beantwortung dieser Frage hängt es schließlich ab, welches Arzneimittel sie dem Patienten empfehlen. In manchen Fällen müssen sie auch von der Selbstmedikation ganz abraten und den Kunden bitten, einen Arzt aufzusuchen.

Der Fachbegriff Hemikranie für Migräne leitet sich vom griechischen Wort hemikranion (= halber Schädel) ab und weist auf ein wichtiges Charakteristikum dieser neurologischen Erkrankung hin, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. Migräne gehört zu den primären Kopfschmerzerkrankungen, also zu den Kopfschmerzen, die selbst als Erkrankung gelten und nicht die Folge einer anderen Krankheit sind. Im zweiten Fall sprechen Mediziner von sekundären Kopfschmerzen. Migräne ist nach dem Spannungskopfschmerz die zweithäufigste Kopfschmerzform. Schätzungsweise 10 Prozent der Gesamtbevölkerung zählen zu den Migränikern. Darunter sind Frauen dreimal häufiger betroffen als Männer.

Häufig fehlt die Aura

Die meisten Patienten leiden an Migräne ohne Aura, auch einfache Migräne genannt. Die Migräne mit Aura (klassische Migräne) tritt nur bei 10 bis 15 Prozent der Betroffenen auf. Die Charakteristika der Kopfschmerzen sowie die Symptome der Aura fassen die zwei Tabellen (siehe unten) zusammen. Sowohl die Migräne mit als auch ohne Aura kündigt sich einige Stunden bis zwei Tage mit Vorbotensymptomen an wie Müdigkeit, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsstörungen und Übelkeit. Bei der Migräne mit Aura treten unmittelbar vor der Kopfschmerzphase neurologische Reiz- oder Ausfallerscheinungen auf. Während der Auraphase haben die Patienten Seh-, Sprach- oder halbseitige Sensibilitätsstörungen, die sich innerhalb von 5 bis 20 Minuten entwickeln und bis zu 60 Minuten anhalten können.

Die Kopfschmerzphase kann noch während der Aura einsetzen oder folgt ihr innerhalb von einer Stunde. Übelkeit und/oder Erbrechen sowie Licht- und Lärmüberempfindlichkeit gehören zur Kopfschmerzphase, nicht zur Aura.

Grenzen der Selbstmedikation

Ein Arztbesuch ist angezeigt, wenn die Kopfschmerzen

  • an mehr als 10 Tagen pro Monat auftreten,
  • mit weiteren Symptomen wie Lähmungen, Gefühls-, Seh-, Gleichgewichtsstörungen, Augentränen oder starkem Schwindel einhergehen,
  • mit psychischen Veränderungen wie Störungen des Kurzzeitgedächtnisses oder Störungen der Orien­- tierung zu Zeit, Ort und Person einhergehen,
  • erstmals im Alter von über 40 Jahren auftreten,
  • in ihrer Intensität, Dauer und/oder Lokalisation unüblich sind,
  • erstmals während oder nach körperlicher Anstrengung auftreten,
  • sehr stark sind und in den Nacken ausstrahlen,
  • von hohem Fieber begleitet sind,
  • nach einer Kopfverletzung, beispielsweise einem Sturz auftreten,
  • trotz Behandlung an Häufigkeit, Stärke und Dauer zunehmen,
  • zusammen mit einem epileptischen Anfall und Bewusstlosigkeit auftreten,
  • nicht mehr auf die bisher wirksamen Medikamente ansprechen.

Viele Patienten lernen im Verlauf ihrer Erkrankung, welche Faktoren die Migräne auslösen können, beispielsweise erhöht sich bei manchen Patientinnen das Risiko für eine Migräneattacke 48 Stunden nach Einsetzen der Menstruation. Andere Faktoren wirken wie Verstärker und erhöhen die Häufigkeit der Attacken oder die Schwere der einzelnen Attacke. Hierzu zählen beispielsweise psychosozialer Stress und häufiger Alkoholkonsum.

Diagnose ist Sache des Arztes

Grundsätzlich können Patienten primäre Kopfschmerzerkrankungen, das heißt Kopfschmerz vom Spannungstyp und Migräne mit oder ohne Aura, selbst behandeln. Doch sind der Selbstmedikation einige Grenzen gesetzt. So dürfen die Kopfschmerzen nur leicht bis mittel-schwer sein und müssen akut auftreten. Als chronisch werden Kopfschmerzen eingestuft, wenn sie an mehr als 15 Tagen pro Monat für eine Dauer von mindestens 4 Stunden auftreten und dieser Zustand länger als 3 Monate anhält. Auch bei Verdacht auf eine sekundäre Kopfschmerzerkrankung muss der Patient einen Arzt aufsuchen.

Um die Kopfschmerzart besser abschätzen zu können, müssen PTA oder Apotheker den Patienten zum Beschwerdebild, zu Charakter, Lokalisation und Intensität der Schmerzen, zur Dauer der Kopfschmerzphasen und eventuellen Begleitsymptomen befragen. Dafür eignen sich am besten offene Fragen, sogenannte W-Fragen. Die genaue Diagnose ist Sache des Arztes.

Die Grenzen der Selbstmedikation sind erreicht, sobald sich Unsicherheiten ergeben, ob tatsächlich ein Spannungskopfschmerz oder eine Migräne vorliegt. Wann der Arztbesuch allgemein bei Kopfschmerzen angezeigt ist, führt der Kasten auf. Für Patienten mit Migräne gelten noch Besonderheiten: Dauert die Migräneattacke schon länger als 24 Stunden an, sollte er diese nicht mehr selbst behandeln. Das Gleiche gilt, wenn vier oder mehr Migräne-attacken pro Monat auftreten.

Im Jahr 2009 haben die Deutsche ­Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), die Österreichische Kopfschmerzgesellschaft (ÖKSG) und die Schweizerische Kopfwehgesellschaft (SKG) ihre Therapieempfehlungen aktualisiert. Danach gelten als evidenzbasierte Mittel der ersten Wahl zur Akuttherapie der Migräne in der Selbstmedikation zwei Tabletten der fixen Kombination aus ASS (250 bis 265 mg) plus Paracetamol (200 bis 265 mg) plus Coffein (50 bis 65 mg) oder alternativ die Einmalgabe von 1000 mg ASS, 400 mg Ibuprofen, 2,5 mg Naratriptan, 1000 mg Paracetamol oder 1000 mg Phenazon. Bei der Abgabe eines der genannten Arzneistoffe sollten PTA oder Apotheker den Pa­tienten darauf hinweisen, dass er Analgetika und Triptane in der Selbstmedikation

  • maximal 3 Tage hintereinander und
  • maximal 10 Tage pro Monat einnimmt.

 

Diese Regel gilt unabhängig vom Wirkstoff und der Zusammensetzung der Präparate und auch unabhängig von der eingenommenen Menge. Wer Analgetika oder Triptane häufiger einnimmt, erhöht damit das Risiko, einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz zu entwickeln.

Und noch ein Rat für die Patienten: Sie sollten das Analgetikum so früh wie möglich nehmen und ausreichend hoch dosieren. Triptane dürfen sie erst nach der Aura, möglichst zu Beginn der Kopfschmerzphase einnehmen. Möchte der Patient ein nicht-verschreibungspflichtiges Triptan kaufen, sollten PTA oder Apotheker vorher klären, dass ein Arzt bereits die Migräne-Erkrankung diagnostiziert hat und der Patient Migräne-Attacken von Spannungskopfschmerz unterscheiden kann (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1: Charakteristika der Migräne im Unterschied zum Spannungskopfschmerz

Migräne Spannungskopfschmerz
Beschreibung wiederkehrende Kopfschmerzattacken Kopfschmerzepisoden
Dauer 4 bis 72 Stunden (unbehandelt oder erfolglos behandelt) 30 Minuten bis 7 Tage
Schmerzcharakter pulsierend, pochend, mit dem Herzschlag verändernd, hämmernd beengend, drückend, nicht pulsierend
Schmerzintensität mittel oder stark leicht bis mittel
Schmerzlokalisation meist einseitig, meist im Be- reich der Stirn und der Schläfe beidseitig
Begleitsymptome Verstärkung bei körperlicher Routineaktivität wie Gehen oder Treppen steigen keine Verstärkung bei körperlicher Routineaktivität wie Gehen oder Treppen steigen
während der Kopfschmerzphase entweder Übelkeit und/oder Erbrechen oder keine Übelkeit oder Erbrechen (Appetitlosigkeit kann auftreten)
Photo- und Phonophobie (Licht- und Lärmüberempfindlichkeit) Licht- oder Lärmüberempfindlichkeit können auftreten, nicht jedoch beides

Auch Migräniker haben ab und zu Spannungskopfschmerzen, bei denen Triptane nicht wirken. Nimmt der Patient regelmäßig andere Medikamente ein, gilt es, mögliche Interaktionen und eventuell auch Kontraindikationen zu beachten.

Sonderfall Schwangerschaft

Bei 50 bis 80 Prozent der Migräne-Patientinnen bessert sich die Migräne in der Schwangerschaft, und bei etwa 20 Prozent setzt die Migräne meist nach den ersten drei Monaten der Schwangerschaft ganz aus. Vor allem Schwangere, die an mens­truationsbedingter Migräne ohne Aura leiden, bemerken während der Schwangerschaft, dass die Beschwerden geringer und Attacken seltener werden. Eine Migräne mit Aura bleibt häufig während der gesamten neun Monate bestehen.

Grundsätzlich sollten Schwangere und Stillende ihre Migräne und auch andere Kopfschmerzen nicht selbst behandeln, ohne vorher mit dem Arzt gesprochen zu haben. Hier muss die Risiko-Nutzen-Abwägung besonders sorgfältig erfolgen. Mittel der ersten Wahl in Schwangerschaft und Stillzeit ist Paracetamol.

Kinder als Migräniker

Laut Studien leiden 20 bis 30 Prozent aller Schulkinder unter gelegentlichen oder häufig wiederkehrenden Kopfschmerzen. Die Unterscheidung zwischen Migräne und Spannungskopfschmerz ist bei Kindern schwerer als bei Erwachsenen. So äußern sich beispielsweise Migräne-Kopfschmerzen bei jüngeren Kindern oft beidseitig oder die Dauer einer Attacke liegt unter einer Stunde. Viele Kinder schlafen sogar während einer Migräne-Attacke ein und wachen nahezu beschwerdefrei wieder auf. Außerdem können Kinder Begleitsymptome wie Licht- und Lärmempfindlichkeit nur schwer beschreiben und klagen stattdessen häufig über »Bauchweh«. Bei manchen Kindern führt die Migräne zu Schwindelattacken mit Übelkeit und Erbrechen, aber nicht zu Kopfschmerzen.

Bei Kindern ist zunächst immer eine ärztliche Diagnose erforderlich. Zudem muss der Arzt abklären, ob die Kopfschmerzen ein Begleitsymptom einer anderen Erkrankung, zum Beispiel einer Meningitis, einer Augenerkrankung, Kieferfehlstellung oder eines Infektes sind. Eine Selbstmedikation könnte dem Kind unter Umständen mehr schaden als nutzen, denn auch Kinder können einen durch Medikamente induzierten Dauerkopfschmerz entwickeln.

Eltern, deren Kind häufiger unter Kopfschmerzen leidet, sollten ein Kopfschmerztagebuch führen, das sie unter www.forum-schmerz.de abrufen können. Darin werden die Kopfschmerzdauer, Begleitsymptome sowie deren Auslöser und Auswirkungen eingetragen. Zur Beschreibung der Schmerzintensität eignen sich bei kleinen Kindern sogenannte »Smiley-Analog-Skalen«, bei größeren Kindern »Schulnoten-Analog-Skalen«. Die Eintragungen liefern dem Arzt wichtige Anhaltspunkte für die Diagnose und die Behandlung.

Bei der Therapie von Kindern stehen immer nicht-medikamentöse Maßnahmen im Vordergrund. Ist die Migräne-Attacke nur leicht, hilft oft schon der Schlaf in einem abgedunkelten, stillen Raum. Häufig lindert auch ein kaltes Tuch oder sanftes Einmassieren von Pfefferminzöl auf Schläfe, Scheitel und Nacken die Beschwerden. Gegen stärkere Kopfschmerzen verordnen Kinderärzte dem Kind entweder Ibuprofen (10 mg pro kg Körpergewicht) oder Paracetamol (15 mg pro kg Körpergewicht), falls nötig auch ein Arzneimittel gegen Übelkeit und Erbrechen, zum Beispiel Dimenhydrinat (1 bis 2 mg pro kg Körpergewicht) oder Domperidon (1 Tropfen pro kg Körpergewicht). Bleiben die Analgetika bei schweren Attacken wirkungslos, sollten die Eltern einen Schmerzspezialisten aufsuchen. Dieser verschreibt je nach Fall auch ein Triptan. Bewährt hat sich vor allem Suma­triptan als Nasenspray.

Attacken verhindern

Manche Patienten kaufen zur Prophylaxe weiterer Migräneattacken Nahrungsergänzungmittel mit Magnesium, Coenzym Q10, Vitamin B2 und α-Liponsäure. Allerdings liegen keine ausreichenden Daten zum Nachweis ihrer Wirksamkeit vor. Mittel der ersten Wahl sind die verschreibungspflichtigen Betablocker Propranolol und Metoprolol, der Calciumkanalblocker Flunarizin und die Antikonvulsiva Valproinsäure und Topiramat. Leiden Kinder öfter als dreimal pro Monat an einer Migräne-Attacke oder dauert ihre Attacke länger als 48 Stunden, kann auch bei ihnen eine medikamentöse Prophylaxe mit Propranolol, Metoprolol und Flunarizin indiziert sein.

Tabelle 2: Beispiele möglicher Symptome einer Aura

visuelle Symptome flackernde Lichter, Punkte oder Linien, Sehverlust, Sehunschärfe
sensible Symptome Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheitsgefühl

Ein Präparat mit Pestwurz-Spezialextrakt wurde als Migräneprophylaktikum in die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und in die Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) aufgenommen. Auch die Aufnahme in die Leitlinien der Europäischen Neurologischen Fachgesellschaft ist erfolgt. Mitte Juli 2009 ist jedoch die Zulassung für das einzige Arzneimittel im Handel erloschen. Das BfArM versagte eine Nachzulassung wegen des Auszugsmittels für den Extrakt und verlangte vom Hersteller eine komplette Neuzulassung wie für einen neuen Wirkstoff, was aus finanziellen Gründen nicht erfolgte.

Zu einer Reduktion der Attackenhäufigkeit können auch Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und Biofeedback-Verfahren beitragen. Bei Kindern steht die nicht-medikamentöse Prophylaxe mithilfe von Entspannungs- oder Biofeedbackmethoden sogar an erster Stelle. /

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