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Eleutherococcus senticosus

Wurzel stärkt Gesundheit und sorgt für mehr Elan

22.07.2011  17:05 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Im Vergleich zu anderen Europäern greifen die Deutschen in der Selbstmedikation gern zu Phytopharmaka. Dennoch nutzen sie manche Heilpflanzen kaum. Ein Beispiel dafür ist Eleuthero­coccus senticosus, eine Heilpflanze mit vielen wertvollen Anwendungsmöglichkeiten, die in klinischen Studien belegt sind.

Vor über 50 Jahren erforschten russische Wissenschaftler systematisch die Taiga, ein riesiges Urwald ähnliches Waldgebiet im Osten Russlands. Wildhüter hatten unter anderem darauf hingewiesen, dass Renntiere immer wieder bestimmte Sträucher anfraßen und deren Wurzeln ausgruben. Als die Wissenschaftler diesen Beobachtungen nachgingen, fanden sie im äußersten Südosten Russlands Eleuthero-coccus senticosus, auch Eleuwurzel, Teufelsbusch oder Taigawurzel genannt. Im Jahr 1962 wurde in der damaligen Sowjetunion erstmals ein Fluid-Extrakt aus der Eleutherococcus-Wurzel in die Therapie eingeführt. Hunderte von wissenschaftlichen Arbeiten über die verschiedenen Wirkungen der Wurzel erbrachten interessante Ergebnisse, liegen jedoch meist nur in russischer Sprache vor.

Aus der Eleuwurzel hergestellte Phytopharmaka gehören in Russland seitdem zur Volksmedizin. Auch in Korea, Japan und den USA sind sie seit langem bekannt und erfreuen sich wachsender Beliebtheit. In Deutschland wurde diese Heilpflanze zunächst kaum verwendet, im Westen wurde sie erst nach der Wende in größerem Ausmaß bekannt.

Der 2 bis 3 Meter hohe Strauch bildet in den Wäldern Südostsibiriens ein dichtes Unterholz. Typisch für die Pflanze aus der Familie der Araliaceae (Efeugewächse) sind an den Stängeln schräg nach unten gerichtete circa 5 Millimeter lange verholzte nadelförmige Stacheln und die fünfzählig gefiederten Blätter.

Die kleinen, gelblichen oder blauen Blüten bilden Dolden, aus denen sich von September bis Oktober schwarze Beeren entwickeln. Die verzweigte Wurzel liefert die Droge Radix Eleutherococci, die fast ausschließlich extrahiert wird. Die Wurzeln stammen aus Wildvorkommen und werden per Hand ab Mitte September geerntet. Bestände der Pflanze außerhalb Südostsibiriens befinden sich in Korea, Japan und den Nordprovinzen Chinas.

Unter dem Namen Eleutheroside werden vereinfacht mehrere Wirkstoffgruppen zusammengefasst: Lignane, Phenylpropanderivate, Cumarine, Triterpensaponine und Polysaccharide. Die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Eleuwurzel ergeben sich aus dem pharmakologischen Zusammenwirken der einzelnen Wirkstoffgruppen. Da der Begriff Eleutheroside im Unterschied zu den Ginsenosiden der Ginseng-Wurzel chemisch ganz verschiedene Verbindungen umfasst, sollten die Namen sibirischer oder russischer Ginseng für die Eleuwurzel nicht mehr verwendet werden.

Stärkt das Immunsystem

Der Gesamtextrakt der Wurzel stimuliert in In-vitro- und In-vivo-Untersuchungen die Phagozytosetätigkeit (»Fresstätigkeit«) der Mono- und Granulozyten und erhöht über eine Aktivierung der Interleukine 1 und 6 die Anzahl der T- und B-Lymphozyten. Das verstärkt deutlich die »Schlagkraft« des Immunsystems, sodass der Organismus vor Infektionskrankheiten besser geschützt ist.

Große, in der damaligen Sowjetunion durchgeführte Studien belegen diesen Effekt: So nahmen rund 15 000 Arbeiter des Wolga-Automobilwerkes in Togliatti zehn Jahre lang entweder im Frühjahr oder im Herbst einen Fluidextrakt über jeweils zwei Monate ein. Durch die Medikation sanken die Ausfallzeiten durch Krankheit um 25 Prozent, aufgrund einer Grippe­erkrankung sogar um 40 Prozent. Darüber hinaus verbesserte sich der allgemeine Gesundheitszustand der Arbeiter.

Adaptogene Eigenschaften

Wissenschaftler zählen die Eleuwurzel zu den »Adaptogenen«, also zu den Stoffen, die die Resistenz des Organismus gegenüber Stressfaktoren erhöhen. Das bedeutet, dass der Körper Stresssituationen besser toleriert. In Tierversuchen verringerte die Eleuwurzel den Stress bedingten Cortisol-Anstieg, und in Rezeptorbindungsstudien wurde nachgewiesen, dass Inhaltsstoffe der Eleuwurzel an bestimmte Steroid-Rezeptoren anknüpfen. Auch reduzierte der Drogenextrakt deutlich die Ausschüttung des Stress-Hormons Adrenalin. Das führt bei Stress dazu, dass die Intensität und Dauer einer Alarmphase merklich kürzer wird. Die Heilpflanze verlängert hingegen die Widerstandsphase und verzögert die Erschöpfungsphase oder verhindert sie ganz. Damit stärkt die Taigawurzel die Widerstandskraft des Organismus gegen Stress, ohne die normalen Körperfunktionen zu beeinflussen.

Folgende Wirkungen von Eleutherococcus gelten als belegt:

  • adaptogen
  • anabolisch
  • antiviral
  • stressbelastungserhöhend beziehungsweise leistungssteigernd
  • immunmodulierend beziehungsweise immunstimulierend

In umfangreichen Studien mit Sportlern (Gewichthebern, Ringern, Turnern) verbesserte die Heilpflanze deren Leistungsfähigkeit und Stimmung und verminderte die Erschöpfung. Insgesamt stabilisierte sich der körperliche Gesamtzustand der Sportler deutlich. Die Ausdauer gesunder Sportler steigerte die Eleuwurzel um durchschnittlich 60 Prozent. Heute profitieren Leistungssportler weltweit von den Effekten der Wurzel.

Doch die Droge fördert nicht nur die Leistungsfähigkeit beim sportlichen Wettkampf, auch Hubschrauberpiloten erzielten bei Leistungstests unter Wirkung der Eleuwurzel bezüglich ihrer psychomotorischen und kognitiven Leistungen signifikant bessere Ergebnisse.

Das Burnout-Syndrom

Zwar liegen keine verlässlichen Aussagen darüber vor, wie viele Menschen vom Burnout-Syndrom betroffen sind, doch sind sich Experten darin einig, dass das Erschöpfungssyndrom bedeutender ist denn je und die Zahl der Erkrankten weltweit zunimmt. »Es ist ein öffentliches Thema, dessen Brisanz in Folge der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zunehmen wird«, formulierte Professor Dr. Matthias Burisch, Hamburg, in einem Interview. Das »Ausgebranntsein« ist keine Krankheit mit eindeutigen diagnostischen Kriterien, sondern eher der Zustand einer völligen körperlichen, emotionalen und geistigen Erschöpfung. Die Ursache liegt häufig in der Kombination aus beruflicher Überlastung und anderer Probleme, die zum Dauerstress führen. Rund 130 Symptome werden dem Burnout-Syndrom zugeordnet: Chronische Müdigkeit, Schlafstörungen, Magen-Darm-Probleme, Verlust von Emotionalität und Empathiefähigkeit sind nur einige. Eine kausale Therapie für diese Erkrankung gibt es bisher nicht.

Die durch Studien belegten Wirkungen von Eleutherococcus senticosus enthält der Kasten. Damit beeinflusst die Wurzel an mehreren Punkten das Krankheitsgeschehen des Burnout-Syndroms.

Selbstmedikation im Alter

Im Alter lassen viele Körperfunktionen wie Sehen und Hören nach, die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit nehmen ab und die Zahl der Erkrankungen zu. Deshalb fragen viele ältere Menschen PTA oder Apotheker nach einem gut verträglichen und wirksamen Mittel, das sie zusätzlich zu den verordneten Arzneimitteln einnehmen können. Um die Gruppe der Senioren gezielt anzusprechen, bewerben viele Hersteller ihre Präparate gegen Altersbeschwerden mit Versprechungen, die nicht durch klinische Studien belegt sind. Eleutherococcus senticosus und daraus herstellte Phytopharmaka haben sowohl die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts und auch die europäischen Experten der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) positiv bewertet. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Monographie »Radix Eleutherococci« veröffentlicht, was die weltweite Beliebtheit dieser Heilpflanze belegt. Die Kommission E empfiehlt Eleutherococcus-senticosus-Wurzel als Tonikum zur Stärkung und Kräftigung bei Müdigkeits- und Schwächegefühl, nachlassender Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sowie in der Rekonvaleszenz. Genau über diese Beschwerden klagen heute viele Senioren. In einer Studie verbesserte die Einnahme von Phytopharmaka aus der Eleuwurzel die physische und kognitive Leistungsfähigkeit der Teilnehmer und in einer weiteren die Erschöpfungszustände auch bei älteren Menschen.

Hinzu kommt, dass insbesondere Se­nioren auf ein »schlagkräftiges« Immunsystem achten sollten, denn für sie kann eine an sich harmlose Erkältung durchaus problematisch werden, wenn gleichzeitig eine Herz-Kreislauf-Erkrankung vorliegt. Auch für diese Indikation haben sich Phytopharmaka aus der Eleuwurzel bewährt, wie große Studien belegen. Die Heilpflanze verbessert darüber hinaus auch die ­Seh- und Hörleistung älterer Menschen und nicht zuletzt ihre kognitiven Fähigkeiten.

Fertigarzneimittel wählen

Bewährte Phytopharmaka aus der Eleuwurzel sind Eleu Curarina® Tropfen und Eleu-Kokk®. Fluidextrakte garantieren die ausreichende Konzentration wirksamkeitsbestimmender Inhaltsstoffe, Voraussetzung für den Therapieerfolg. Die Arzneiform »Tropfen« sorgt für einen schnellen Wirkungseintritt. Die Tropfen sollten kurmäßig über 2 bis 3 Monate eingenommen und die Kur bei Bedarf nach einer Pause von einem Monat wiederholt werden.

Da keine ausreichenden Erfahrungen bei Kindern unter 12 Jahren, Schwangeren und Stillenden vorliegen, sollten diese keine Präparate mit Taigawurzel anwenden. Auch Menschen mit zu hohem Blutdruck sollten Präparate aus der Eleuwurzel vorsichtshalber nicht einnehmen. Die Anwendung als Tee ist nicht üblich. /

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