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Alternative Ernährungsformen

Von Ayurveda bis zur Vollwertkost

20.07.2012  15:18 Uhr

Von Andrea Pütz / Viele Menschen hoffen, gesünder zu leben, wenn sie sich vegetarisch oder nach den Vorgaben der Anthroposophie ernähren. Doch bei manchem alternativen Konzept widersprechen sich die Empfehlungen und Laien können die Vor- und Nachteile nur schwer durchschauen. Einige Ernährungsformen bergen sogar Gesundheitsgefahren, da sie zu einseitig sind.

»Alternativ« bedeutet zunächst einmal, etwas anders zu machen und mehr oder weniger stark von der Norm abzuweichen. In Bezug auf die Ernährung heißt das konkret, bewusst nicht den Mischkost-Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zu folgen. Typisch für alternative Ernährungsformen sind konkrete Anweisungen, zum einen Empfehlungen zum anderen Verbote. Manchmal sind ganze Lebensmittelgruppen tabu.

Doch die postulierte gesundheitsschädliche Wirkung »aussortierter« Lebensmittel ebenso wie die vermeintlich heilende Wirkung der empfohlenen Lebensmittel entbehrt in vielen Fällen jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Die Beweggründe für eine alternative Ernährungsweise sind häufig eher religiöser oder weltanschaulicher Natur. Für andere zählt ein alternativer Ernährungsstil einfach mit zu einer positiven Lebensphilosophie. Von A wie Anthroposophisch bis V wie Vollwertkost nach Bruker werden im Folgenden die bekanntesten alternativen Ernährungsformen unter die Lupe genommen.

Anthroposophie – Natur und Kosmos in Harmonie

PTA und Apothekern ist der Natur- und Geisteswissenschaftler Rudolph Steiner (1861 bis 1925) sicherlich ein Begriff. Als Begründer der Anthroposophie nannte er als sein größtes Ziel, Körper und Geist mit der Natur und dem Kosmos in einen harmonischen Einklang zu bringen. Neben vielen Teilaspekten wie der von ihm entwickelten Naturmedizin, in der er die klassische Homöopathie mit der traditionellen Pflanzenheilkunde kombinierte, spielt auch die Ernährung eine wichtige Rolle.

Die Grundlage der anthroposophischen Ernährung gleicht der ovo-lacto-vegetabilen. Die Getreidesorten Reis, Hirse, Roggen, Mais, Hafer und Weizen bilden als Vollkornvariante die Basis des alternativen Konzeptes. Milch und Milchprodukte sowie Eier empfiehlt Steiner, denn diese stellen seiner Ansicht nach ein »Gleichgewicht zwischen einer materialistischen und einer vergeistigten Bewusstseinshaltung« her. Fleisch sollte hingegen eher selten verzehrt werden, da es den Geist in seiner Entwicklung behindere. Dies gilt auch für das Genussgift Alkohol. Großen Wert legte Steiner auf reichlich Obst und Gemüse. Seine Überzeugung: Je nach Pflanzenteil (Wurzel, Blatt, Stengel oder Blüte) könnten diese bestimmte Körperregionen gezielt positiv beeinflussen. Wurzelgemüse beispielsweise gilt als Nervennahrung, Blattsalate und Kohlsorten sollen Herz und Lunge stärken und Früchte und Samen den Stoffwechsel anregen. Um Körper und Geist gesund zu erhalten, sei es daher empfehlenswert, dass Lebensmittel aus allen drei Bereichen täglich auf dem Speiseplan stehen.

Da keine Lebensmittel besonders angepriesen und keine strikt verboten werden, ist jeder somit frei in seinen Entscheidungen. Anthroposophen legen jedoch sehr viel Wert auf die Qualität der Lebensmittel: So sollten diese möglichst frisch und aus dem biologisch-dynamischen Landbau stammen, damit sie die höchsten Konzentrationen an Vitalstoffen enthalten. Fazit: Die Ernährungsform ist ausgewogen und durchaus abwechslungsreich und somit als Dauerkost gut geeignet – auch wenn nicht jeder den philosophischen und ­ernährungswissenschaftlichen Hintergrund nachvollziehen kann.

Ayurveda – Fünf- Elemente-Ernährung

Ayurveda ist eine traditionelle indische Heilkunst und gleichzeitig die älteste überlieferte. Übersetzt bedeutet Ayurveda so viel wie »das Wissen vom langen Leben« (ayus = langes Leben, veda = Wissen). Da liegt es nahe, dass auch die Ernährung eine elementare Rolle spielt.

Als ganzheitliches Lebenskonzept setzt sich Ayurveda mit dem Sinn und Ziel des Lebens auseinander. Mensch und Natur sollen in Einklang gebracht und dadurch verschiedene Krankheiten geheilt oder verhindert werden. Die ayurvedische Ernährungslehre unterscheidet sechs Geschmacksrichtungen, die unterschiedlich auf den Körper einwirken: süß, sauer, salzig, scharf, bitter und adstringierend. So sollen »Süßes« wie Früchte und Honig und stärkehaltige Lebensmittel wie Getreide den Körper beruhigen, stärken und stabilisieren. »Scharfes« hingegen soll ihn stimulieren, Schmerzen stillen und den Schweiß treiben und findet sich vor allem in Kräutern und Gewürzen. Aus diesem Grund enthalten anregende ayurvedische Teemischungen auch Ingwer, schwarzen Pfeffer, Zimt und Kardamom. »Bittere« Lebensmittel wie Löwenzahn und Spinat sollen das Blut reinigen und entgiften und damit den gesamten Körper.

Neben der Einteilung der Lebensmittel in sechs Geschmacksrichtungen kennt die Ayurveda-Lehre drei Grundtypen (Doshas) und deren Mischformen. Doshas sind Kräfte, die das gesunde Gleichgewicht zwischen Körper und Geist regeln und großen Einfluss auf die individuelle Verträglichkeit von Lebensmitteln haben. Um sich gezielt nach der Lehre des Ayurveda ernähren zu können, muss der Interessierte mithilfe von Ratgebern oder einem Experten zuerst seinen Konstitutionstyp bestimmen. Erst dann kann er mit der Ernährung gezielt »sein« Dosha kräftigen. Kleines Manko: Die Zubereitung der häufig schmackhaften Gerichte ist mitunter sehr zeitaufwendig und anspruchsvoll.

Makrobiotik – mit Yin und Yang zur Gesundheit

Die Ursprünge der Makrobiotik stammen aus dem Taoismus. So liegen ihr die entgegengesetzten und sich doch anziehenden Energien Yin und Yang, die sich zu einem vollkommenen Ganzen vereinen, zugrunde. Mithilfe der Lebensmittel soll der Mensch sein inneres Gleichgewicht finden. Gestaltet er seine Ernährung hinsichtlich der beiden Gegensätze ausgeglichen und bereichert sie durch zahlreiche »neutrale« Lebensmittel, so können – laut Anhängern der Makrobiotik – viele Krankheiten verhindert, möglicherweise sogar geheilt werden. Den Begriff der Makrobiotik hat in Deutschland der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland (1762 bis 1836) geprägt. Sogar Goethe und Schiller sollen zu seinen Patienten gezählt haben.

In den 1960er Jahren wendete der Japaner George Ohsawa als erster Hufelands Lehre gezielt auf die Ernährung an. Naturreis, Gemüse (hauptsächlich als Rohkost), Meeresalgen und reichlich Kochsalz bildeten die Hauptbestandteile der Kost. Dagegen waren Obst, Kräuter, Kaffee, Zucker und Milchprodukte komplett tabu. Mit seinen nicht nachvollziehbaren Empfehlungen, beispielsweise so wenig wie möglich zu trinken, erntete Ohsawa viel Kritik. In den USA wurde die Kostform seinerzeit sogar verboten, da es durch die einseitige Lebensmittelauswahl zu Todesfällen gekommen war.

In den 1970er und 1980er Jahren passte der Japaner Mishio Kushi die Makrobiotik an die westlichen Essgewohnheiten an, was sie populär machte. Naturreis und Vollkorngetreide bilden mit weiteren pflanzlichen Lebensmitteln nach wie vor die Basis der heute noch praktizierten Variante. Gemüse wird meist schonend gegart, seltener als Rohkost verzehrt. Hülsenfrüchte bereichern ebenso den Speiseplan wie Obst, häufig als Kompott oder Trockenobst. Nüsse, Samen, Meeresalgen sowie ein- bis zweimal die Woche Fisch runden die Empfehlungen ab. Kaffee, schwarzer Tee und Alkohol sind verboten. Makrobiotiker verzehren eher selten Fleisch, Eier und Milch, sodass diese Kostform bei konsequenten Anwendern der veganen Ernährung ähnelt. Milch und Milchprodukte sollen angeblich »Schleim« absondern. Als Eiweißalternativen werden asiatische Produkte wie Miso, Tempeh & Co. empfohlen, die aus Sojabohnen hergestellt werden.

Durch den Mangel an tierischen Produkten sollte – wie bei Vegetariern und Veganern – ein besonderes Augenmerk auf die Nährstoffversorgung mit Eisen und Vitamin B12 gelegt werden. Für Schwangere, Stillende und Kinder ist eine makrobiotische Kost ohnehin nicht geeignet, denn der geringe Gehalt an Eiweiß, Vitamin A und D, Folsäure und Calcium kann die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes verzögern und zu Rachitis führen.

Trennkost – nach wie vor im Trend

Vor allem im Zusammenhang mit Diäten zur Gewichtsabnahme scheint die Trennkost ein »modischer« Dauerbrenner zu sein. Oberstes Prinzip ist es, Kohlenhydrate und Eiweiß nur getrennt zu verzehren. Der amerikanische Arzt William Howard Hay (1866 bis 1940) begründete die Trennkost. Er propagierte, der Mensch könne die beiden Nährstoffe nicht gleichzeitig verdauen. Dadurch käme es zu Gärungsprozessen im Dünndarm und in der Folge zu einer Übersäuerung (Azidose). Diese angebliche Stoffwechselfehlfunktion macht er für zahlreiche Zivilisationserkrankungen verantwortlich. Da Hülsenfrüchte Lieferanten von Kohlenhydraten und Eiweiß sind, eignen sich diese Lebensmittel nach Hay nicht für die Ernährung. Viele andere, die ebenfalls sowohl Kohlenhydrate als auch Eiweiß enthalten, erlaubt er dagegen oder ordnet sie unlogisch bestimmten Gruppen zu.

Die Hay’sche Trennkosttheorie ist wissenschaftlich längst widerlegt. Wie anders würden sich sonst Säuglinge allein mit Muttermilch so prächtig entwickeln, wenn sie die einzelnen Komponenten nicht parallel verdauen könnten? Der menschliche Organismus hat sich evolutionsbedingt zu einem komplexen System entwickelt, das den Anforderungen durch unterschiedliche Lebensmittel – zumindest im gesunden Zustand – sehr wohl gerecht wird. Leichte Übersäuerungen werden zudem abgepuffert. Zu einer Azidose kommt es nur in Extremsituationen wie beim Fasten oder im Hochleistungssport.

Auch viele der neueren Trennkost-Diäten wie »Fit for Life« entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Manche führen eher zu Mangelerscheinungen, zum Beispiel durch zu wenige B-Vitamine, wenn die Kohlenhydrat-Zufuhr zu stark limitiert wird. Durch den manchmal missbräuchlichen Konsum von Eiweiß anstelle von Kohlenhydraten steigen die Harnsäurewerte an, was Gichtanfälle auslösen kann. Fazit: Einige Trennkost-Varianten empfehlen zwar einen fettreduzierten und ausgewogenen Speiseplan, bieten jedoch ernährungswissenschaftlich keinen Vorteil gegenüber der DGE-Mischkost. Andere erhöhen als Dauerkost eher das Risiko eines Nährstoffmangels.

Vegetarismus – glücklich ohne Fleisch

Alle Vegetarier verzichten auf Fleisch und daraus hergestellte Lebensmittel. Zum einen soll dies einem gesunden Lebensstil dienen, zum anderen aber lehnen die meisten Vegetarier vor allem das Töten von Tieren ab. Am weitesten verbreitet sind die Ovo-Lakto-Vegetarier, die zumindest tierische Produkte wie Milch und Eier essen. Pisko-Vegetarier hingegen verzehren kein Fleisch, aber wegen der gesundheitsfördernden Eigenschaften Fisch und Meeresfrüchte.

Dem gegenüber stehen die Veganer, die aus ethisch-religiösen Gründen auch auf Produkte wie Honig und vom Tier stammende Materialien, zum Beispiel Wolle und Leder verzichten. Die meisten Vegetarier trinken auch weniger Alkohol, rauchen seltener und legen großen Wert auf ihre Ernährung. Untersuchungen zur Folge scheint die vegetarische Ernährung einen gesundheitlichen Vorteil zu bringen. Unklar ist, ob dies auf die vegetarische Ernährung oder auf den insgesamt gesünderen Lebensstil zurückzuführen ist. Mit fundiertem Fachwissen schaffen es viele Vegetarier, Nährstoffmangel zu vermeiden. Mangelsituationen, insbesondere hinsichtlich Eisen und Vitamin B12, können ansonsten leicht auftreten, wenn tierische Nahrungsquellen komplett fehlen. Die streng vegane Kostform ist für Schwangere, Stillende und Kinder nicht geeignet. Wenn auch die tierischen Calcium-Quellen wie Milchprodukte entfallen, können bei Kindern Rachitis und bei Erwachsenen Osteoporose die Folge sein.

Eine besondere Gruppe sind die sogenannten »Pudding-Vegetarier«. Damit sind Menschen gemeint, die sich bewusst fleischlos ernähren, aber ansonsten nicht auf ihre Ernährung achten. Vor allem Kohlenhydrate, Süßigkeiten und Fertigprodukte prägen ihren Speiseplan. Diese einseitige Kost macht Pudding-Vegetarier zu einer Risikogruppe für einen breit gefächerten Nährstoffmangel. Meist zählen Jugendliche dazu, die aus ethischen Gründen auf Fleisch verzichten.

Vollwertkost nach Bruker

Bruker selbst bezeichnete seine Ernährungsform als »vitalstoffreiche Vollwertkost«. »Vollwertig« und möglichst »naturbelassen« soll sie sein – die Ernährung, für die der Mensch ursprünglich geschaffen ist. Die von Max Otto Bruker (1909 bis 2001) begründete Kost hat nach wie vor viele Anhänger. Die Basis der Ernährung sind Vollkorngetreideprodukte – möglichst frisch gemahlen – sowie Obst, Gemüse, Salate und unbehandelte Nüsse. Kaltgepresste Öle wie natives Olivenöl oder Sonnenblumenöl sowie Butter und Sahne bilden die Hauptfettquellen. Industriell gefertigte Produkte wie »Fabrikzucker« und »Auszugsmehle« sowie Margarine und raffinierte Pflanzenöle lehnte Bruker konsequent ab. Darüber hinaus empfahl er, auf Fleisch, Fisch und Eier sowie Fruchtsäfte zu verzichten, bei bestimmten Krankheiten sogar auf Milchprodukte wie Quark, Käse und Jog­hurt. Auch Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke stehen nicht auf seinem Speiseplan, denn sie sollen das vegetative Nervensystem schädigen und zur Sucht führen.

Aus aktueller ernährungswissenschaftlicher Sicht sind viele von Brukers Aussagen widerlegt und oftmals irreführend. Vor allem der Verzicht auf Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte kann zu einer Mangelproblematik führen (Eisen, Vitamin B12, Calcium). Viele Anwender von Brukers Kost klagen über Magen- und Darmprobleme wie Völlegefühl und Blähungen, die sicher auf die relativ hohen Vollkornanteile zurückzuführen sind. Ernährungswissenschaftler lehnen diese Kostform in ihrer konsequenten Umsetzung ab, einige Ansätze, beispielsweise weniger Fertigerzeugnisse zu essen, begrüßen sie jedoch. Allerdings erfordert es im Alltag viel Zeit und Muße, komplett auf industrielle Produkte zu verzichten.

Resümee

Viele Menschen schaffen mit einer »alternativen« Kostform tatsächlich das, was auf den Durchschnitt der deutschen Bevölkerung nicht zutrifft: sich gesünder zu ernähren. Sie essen weniger fette und süße Speisen und dafür mehr pflanzliche Lebensmittel mit einem hohen Anteil an bioaktiven Substanzen. Dennoch sind viele Gesundheitsversprechen schlicht falsch und widersprüchlich. Extreme Kostformen wie die vegane Ernährung und bestimmte Makrobiotik-Varianten sind aus ernährungswissenschaftlicher Sicht wegen des potenziellen Nährstoffmangels abzulehnen. Andere jedoch können einen positiven Beitrag zu einem gesunden Lebensstil leisten, wenn sie bewusst und mit fundiertem Fachwissen umgesetzt werden. Gegenüber den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) bieten sie allerdings keinen Vorteil. Sie können aber Anregungen liefern, die »normale« Mischkost zu bereichern, zum Beispiel mit gesundheitlich wirksamen Komponenten wie orientalischen Gewürzen. /

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