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Die Sonne bringt es an den Tag

23.05.2013  16:30 Uhr

Von Annette Behr / Lange haben wir in diesem Jahr auf gutes Wetter warten müssen. Viele Menschen hängen deshalb mit dem Frühjahrsputz noch hinterher. An sonnigen Tagen macht das Ausmisten den meisten sogar Spaß.

»Das ist doch der Lauf der Welt«, hatte ein Ex-Freund gerne gemächlich von sich gegeben, wenn mir im Frühling die Staubschicht und die Stapel seiner Zeitschriftensammlungen zu hoch wurden, deren Exemplare bis ins Jahr 1970 zurückreichten. Manche Männer meinen wohl, es wäre eine Frauenmarotte, wenn diese ihr Heim gerne aufgeräumt und sauber halten. Oder aber sie denken, putzen sei ein primär weibliches Hobby. Eine machohafte und diskriminierende Ansicht, die Frauen keinesfalls durchgehen lassen sollten! Es soll ja auch putzwütige Männer geben, besonders wenn es um Automobile geht.

»Steter Tropfen höhlt den Stein«, sagte meine Oma in solchen Fällen gern. Also keinesfalls nachlassen mit den erzieherischen Maßnahmen und der regelmäßigen Putzwut in den vier Wänden. »Kinder und Kerle schmutzen ungemein«, meint dazu meine Freundin Andrea, die vermutlich deswegen nur mit zwei Katzen zusammenlebt. Recht hat sie. Allerdings muss ich einräumen, dass auch ich bisweilen unordentlich und etwas nachlässig bin, obwohl ich es zu gerne immer sauber und ordentlich hätte. Über den Winter hatten sich in der gesamten Wohnung alte und neue Bücher breit gemacht, dazu nervten mich unordentliche Kleiderschränke und das chaotische Zimmer meiner Tochter. Wochenlang bin ich unmotiviert durch die Wohnung geschlichen und habe mal hier und da etwas weggeräumt, aber es waren keine sichtbaren Ergebnisse zu verzeichnen. Dann wurde es wärmer und ich putzmunter. Schließlich war auch den Temperaturen zufolge Frühlingsanfang. Da halte ich es mit 88 Prozent der Deutschen, die sich laut einer Befragung von Sonnenstrahlen zum Putzen animieren lassen.

Aufgaben ordnen

Um etwas Struktur und mehr Motiva­tion in das Projekt Frühjahrsputz zu bringen, fertigte ich eine To-do-Liste an, ergänzt durch eine Excel-Tabelle im Computer. Aber die handgeschriebenen Papierlisten haben einen besonderen Charme. Außerdem sehen sie nach getaner Arbeit so schön aus, wenn ich die erledigten Positionen wunderbar farbig markiere: Müllsäcke und Putzzeug kaufen, Papierkram auf dem Schreibtisch sortieren, Kosmetik und Medikamente nach Haltbarkeitsdaten ausrangieren, den ganzen Kleiderschrank durchsehen, Schuhe sortieren, Steuerklärung vorbereiten, Sommerbetten aufziehen, Gartengeräte überprüfen, Auto in die Inspektion bringen, Termine beim Hausarzt machen … Meine Liste wurde immer länger.

Geschickt ist es, die größten Brocken nicht gleich an die erste Stelle zu schreiben. »Fangen Sie klein an, dann gibt es schnell eine Belohnung und die Motivation bleibt«, lese ich in einer Frauenzeitung zum Thema. »Manchmal schreibe ich sogar noch etwas auf die Liste, was ich bereits erledigt habe, um dann einen Haken dahinter machen zu können«, berichtete mir mein Cousin Olaf neulich. Dieses Phänomen kenne ich auch. Es soll ja auch nicht vergessen werden, was ich schon alles geleistet habe! Schließlich gilt auch hier: »Ordnung muss sein!«

Bei größeren Projekten wie den Kleiderschrank aufzuräumen, komme ich als Frau bisweilen schnell an meine Grenzen. Häufig trenne ich mich nur schwer von einst geliebten Accessoires oder Schnäppchen. Zuerst braucht es den Drang nach Befreiung und Frische, dann folgt das Loslassen. Aber hat die Ordnungswut einmal Überhand genommen, räume ich mich in Rage und kann kaum noch aufhören.

Mission Kleiderkammer

»Je mehr Platz man hat, desto schneller ist alles vollgekramt«, sagt meine Mutter häufig. Beim Anblick meines begehbaren Kleiderschranks muss ich ihr Recht geben. Pullover, T-Shirts, Hemden und Blusen … ich hatte im Winter und über die Jahre leicht den Überblick, verloren. Immerhin existieren bereits Ordnungs-Körbe unterschiedlichster Größe, in denen ich Socken und Dessous sammele. Jetzt ging ich systematisch vor: Regal für Regal trug ich alles auf den Balkon in die Sonne und sortierte: Einiges für den Second Hand-Laden, etwas für den Internet-Kleidertausch meiner Tochter und den Rest für die Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes. Überraschend stellte ich fest, wie viele Paar Socken und BHs ich mein Eigen nennen durfte. Auch entdeckte ich schöne Stücke, an deren Existenz ich mich gar nicht mehr erinnerte: Eine Strickjacke aus feinster Merinowolle, Schals aus Leinen und Baumwolle und einen Woll-Poncho. An letzterem hatten leider im Laufe der Zeit auch die Motten Gefallen gefunden.

Kleinschmetterlingsfamilie

Wirklich überrascht war ich über die neuen Mitbewohner nicht. Ab und an hatte ich ein kleines goldenes Insekt gesehen, wenn ich Licht ins Dunkel des Schrankes brachte. Motten gelangen auf unterschiedlichsten Wegen in Textilien, beispielsweise werden sie durch Decken, Teppiche und Wollbekleidung eingeschleppt. Vor allem bereits getragene Kleidung zieht Motten an. Denn ihre Larven ernähren sich von Schweiß, Fett-, und Hautpartikeln. Daher stammen auch die kleinen und größeren Löcher in den betroffenen Textilien. Als Tierfreundin musste ich nun schauen, wie ich die Kleinschmetterlingsfamilie, so der Oberbegriff für die verschiedenen Mottenarten, dauerhaft wieder ausquartierte. Hatten sie sich doch in der feinen Wolle und dem Korb wohlgefühlt. Die normalerweise für Motten abschreckenden Lavendelsäckchen in meinem Schrank waren zwar vorhanden, nicht aber in diesem besagten Korb.

Auch hatte ich vergessen, die duftenden Kräuter regelmäßig zu erneuern, da diese ihre abschreckende Wirkung mit der Zeit verlieren. Leider legen die hübschen Nachtfalter ihre Eier überall ab, auch in den Ritzen des Schrankes. Weiteren zukünftigen Populationen musste ich also schnellstmöglich den Nährboden entziehen. Noch mehr Kleidung wollte ich den Motten nicht zum Fraß vorwerfen.

Schlupfwespen

Ich kontrollierte, reinigte und lüftete. Die Schränke saugte und wischte ich aus. Da ich nicht mit giftigen Substanzen hantieren wollte, besorgte ich Pappkärtchen mit Schlupfwespeneiern. Sie sind die natürlichen Feinde meiner Schrankbewohner. Die Schlupfwespen zerstören die Eier der Motten und sterben nach getaner Arbeit. Auch nicht wirklich schön, aber biologisch vertretbar.

Damit sich nicht sofort neue Motten einnisten konnten, verteilte ich frische Lavendelkissen. Auch den Geruch von Zedern- und Zirbelkiefer mögen die kleinen Tiere nicht. Der Handel bietet ganz unterschiedliche Produkte an, unter anderem dekoratives Papier mit abtötenden Substanzen. Alle sechs Monate muss ich diese nun austauschen, weil auch diese mit der Zeit an Wirkung verlieren.Um Motten fernzuhalten, ist es ideal, die Kleidungsstücke regelmäßig zu kontrollieren und zu bewegen. Auch Lüften und Reinigen der Kleidung sind gute Präventivmaßnahmen. Außerdem sollten die Textilien nicht zu dicht aufeinander liegen.

»Zuviel ist in jedem Fall ungünstig«, stellte mein Liebster grinsend fest. Er hatte nach eigenen Aussagen noch nie Motten in seinem Schrank. Kein Wunder, bei drei Jeans, fünf Hemden, ein paar Pullovern, einem Anzug, Unterwäsche und Socken. Sein Schrank ist übersichtlich und immer aufgeräumt. Etwas neidvoll werde ich mir diesen Anblick einprägen, damit ich beim nächsten Einkauf nicht über die Stränge schlage und langfristig Ordnung halte. /

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