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Fructose

Ein süßer Verführer

23.05.2013  09:54 Uhr

Von Claudia Borchard-Tuch / Immer mehr Lebensmittel werden mit Fructose gesüßt. Da zahlreiche Obstsorten Fructose enthalten, denken viele Menschen, Fruchtzucker sei gesund. Neuen Studien zufolge steigert Fructose den Appetit und fördert damit Übergewicht.

In den westlichen Industrienationen nimmt die Zahl Übergewichtiger und Adipöser stetig zu. Manche Experten sprechen bereits von einer Adipositas-Epidemie. An dieser Entwicklung sind viele Ursachen beteiligt. Zwar spielen die Gene hierbei eine Rolle, doch von noch größerer Bedeutung sind Veränderungen des Lebensstils, beispielsweise Bewegungsmangel durch zu langes Sitzen vor dem Fernseher oder Computer. Außerdem haben sich die Ernährungsgewohnheiten gewandelt: In vielen Familien kommen häufig Fertiggerichte auf den Tisch. Diese enthalten oft viel zu viel Zucker und Fett und teilweise appetitanregende Zusatzstoffe.

Dass Haushaltszucker Appetit auf mehr macht, ist lange bekannt. Denn die Glucose gelangt schnell auf direktem Weg ins Blut – im Gegensatz zu Fetten, Eiweißen oder komplexen Kohlenhydraten, die im Darm zunächst gespalten werden müssen. Reguliert durch das Hormon Insulin, fällt der Blutglucosespiegel aber auch schnell wieder ab und der Appetit kommt zurück. Glucose-haltige Lebensmittel verleiten so dazu, mehr zu essen.

Als potenziellen Förderer des Übergewichts haben Forscher ein besonderes Genussmittel im Visier: die Fructose. Dieser Einfachzucker hat eine deutlich höhere Süßkraft als Glucose: Er schmeckt 2,5-mal süßer als der Traubenzucker. Gemessen an Haushalts­zucker, schmeckt reine Fructose immerhin bis zu 1,7-mal so süß. Indem die Hersteller den Glucoseanteil verringern und gleichzeitig den Fructoseanteil erhöhen, können sie die Süßkraft eines Sirups deutlich steigern. Immer mehr Lebensmittel – von Babynahrung über Ketchup, von Limonaden bis zu Fertiggerichten – erhalten ihren süßen Geschmack deshalb inzwischen vorwiegend durch Fructose.

Viele Menschen meinen, Fructose sei harmlos. Sie gilt als gesund und natürlich – schließlich ist Fruchtzucker in freier Form vor allem in vielen Früchten wie Trauben, Äpfeln oder Birnen, aber auch in Honig enthalten.

Für die Metabolisierung der Fructose ist die Leber zuständig. Ein übermäßiger Konsum an Fructose kann zu Problemen führen. So wird dann die Biosynthese beispielsweise von Proteinen in der Leber beeinträchtigt. Zudem kommt es zu einer vermehrten Fetteinlagerung in den Leber­zellen. Ärzte sprechen dann von einer nichtalkolischen Fettleber.

Was ist HFCS?

In den USA setzen Hersteller von Softdrinks ihren Produkten mehrheitlich High Fructose Corn Syrup (HFCS) zu. HFCS ist ein Glucose-Fructose-Sirup aus Maisstärke und findet sich seit den 1970er-Jahren als Zuckerersatz in verarbeiteten Lebensmitteln. HFCS ist chemisch und geschmacklich von Haushaltszucker aus Zuckerüben oder Zuckerrohr kaum zu unterscheiden – aber viel preiswerter.

Nicht jeder verträgt Fructose

Bei Menschen mit Fructosemalabsorption liegt ein Defekt des Transporters GLUT 5 im Dünndarm vor. Die Resorption von Fructose ist dadurch gestört, sodass Fructose in größeren Mengen in den Dickdarm gelangt. Dort werden die Fructose-Moleküle durch Darmbakterien zu Wasserstoff, Kohlendioxid und kurzkettigen Fettsäuren verstoffwechselt. Die Betroffenen leiden unter Blähungen und Durchfällen.

Fructosemalabsorption ist eine relativ häufige Störung und betrifft hierzulande etwa 10 bis 20 Prozent der Erwachsenen.

Dagegen ist angeborene hereditäre Fructoseintoleranz eine sehr seltene Erkrankung. Dabei ist die Verwertung von Fructose gestört, weil ein wichtiges Enzym, die Leber-Phosphofructaldolase fehlt. Daher reichert sich nach dem Verzehr Fructose-haltiger Nahrungsmittel das Zwischenprodukt Fructose-1-phosphat in der Leber an.

Da Fructose-1-phosphat wiederum die Leber-Phosphorylase hemmt, ist als Folge der Glykogenabbau gestört. Durch die Fructosebelastung sinkt der Blutzuckerspiegel, was bis zum hypoglykämischen Schock führen kann. Menschen mit hereditärer Fructose intoleranz müssen lebenslang auf fructosehaltige Lebensmittel verzichten.

Im Unterschied zur Glucose bewirkt Fructose keine Insulinausschüttung. Insulin aber hat einen wichtigen Effekt auf das Sättigungsgefühl und wirkt dem Hunger entgegen. Über die Insulin­ausschüttung wird auch die Produktion von Leptin geregelt. Dieses Hormon zählt zu den wichtigsten Sättigungshormonen: Sinkt der Leptinspiegel im Blut, verspürt der Mensch ein Hungergefühl.

Durch den Konsum großer Mengen Fructose erhöhen beide Effekte – weniger Insulin und weniger Leptin – höchstwahrscheinlich das Risiko für eine Gewichtszunahme. Diese These unterstützen Tests mit Ratten: Die Tiere, die mit Fruchtzucker gefüttert wurden, fraßen weitaus mehr als ihre Artgenossen, die Glucose als Süßungsmittel erhielten.

Hirnscans nach süßen Getränken

Bereits in den 1950er-Jahren entdeckten Forscher im Hypothalamus ein Sattheits- und ein Hungerzentrum. Durch Elektrostimulation des Sattheitszentrums konnte eine reduzierte, durch elektrische Reizung des Hungerzentrums eine vermehrte Nahrungsaufnahme bewirkt werden. Die tatsächliche Regulation des Hunger- und Sattheitgefühls ist jedoch um einiges vielschichtiger.

Injizierten Forscher Nagetieren Fructose in das Gehirn, fraßen die Nager mehr. Glucose bewirkte das Gegenteil. Der Grund: Das aus dem Abbau von Glucose entstehende Zwischenprodukt Malonyl-Coenzym A löst eine Signalkaskade im Hypothalamus aus, die zum Sättigungsgefühl führt. Bei Glucosemangel sind die Spiegel dieses Zwischenproduktes niedrig.

Eine US-amerikanische Forschergruppe um Kathleen A. Page von der Yale University New Haven untersuchte, ob die Aufnahme von Fructose über die Nahrung die Hirnaktivität beeinflusst – insbesondere der Bereiche, die das Sättigungsempfinden steuern. An der randomisierten Doppelblind-Studie nahmen 20 Versuchspersonen teil. Die Studienteilnehmer konsumierten ein Getränk, das entweder Fructose oder Glucose enthielt. Anschließend analysierten die Wissenschaftler mit der funktionellen Magnet­resonanztomo-grafie (fMRT) die Gehirnaktivitäten der Teilnehmer. Diese Technik stellt die Stärke des Blutflusses in verschiedenen Hirnregionen als Maß für deren Aktivität dar.

Bei den Probanden, die Glucose-haltige Flüssigkeiten getrunken hatten, war die Durchblutung im Hypothalamus, in der Insula und im Striatum deutlich verringert. Diese Hirnregionen spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation des Hungergefühls und für das körpereigene Belohnungssystem, den Schaltkreis, der das angenehme Gefühl des Genusses und der Befriedigung verschafft. Sind sie weniger stark durchblutet und damit weniger aktiv, tritt ein Sättigungsgefühl ein und der Appetit wird gehemmt. Wie die Untersuchung zeigte, blieb diese Wirkung bei Fructose aus.

In einem Kommentar zu dieser Studie schrieben die Wissenschaftler Jonathan Purnell und Damien Fair von der Oregon Health & Science University, die zunehmende Verwendung von Fructose in Lebensmitteln fördere offenbar übermäßiges Essen und damit Übergewicht. Die Ergebnisse wiesen darauf hin, dass Fructose wichtige neurobiologische Schaltkreise für die Appetitregulation verändere und so die Ernährungsgewohnheiten nachhaltig beeinflusse. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

claudia.borchardtuch(at)gmail.com