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Adexa-Gewerkschaftstag

Kompetenz in der Reiseberatung

03.06.2013  11:15 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler, Nürnberg / Mit fachkundigen Informationen können PTA und Apotheker ihren Kunden helfen, bei Fernreisen gesund zu bleiben. Homöopathische Reiseapotheke Malaria-Prophylaxe und Hepatitis-Impfung: Je nach Ziel und individuellen Bedürfnissen sind dabei viele Aspekte zu beachten.

Zur »Fortbildung ohne Grenzen« begrüßte Barbara Neusetzer, Erste Vorsitzende der Apothekengewerkschaft Adexa, rund 110 Teilnehmer beim 3. Erlebnis- und Gewerkschaftstag Ende April in Nürnberg. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Verband Angestellter Apotheker Österreichs (VAAÖ) statt. Aus dem Nachbarland waren VAAÖ-Vorsitzende Ulrike Mayer sowie etwa 20 Kollegen angereist. »Mit unserer österreichischen Schwestergewerkschaft haben wir bereits im Jahr 2010 eine gemeinsame Fortbildungsveranstaltung für Approbierte in Innsbruck durchgeführt, nun findet im Gegenzug ein Tag in Süddeutschland statt. Uns ist es wichtig, auch innerhalb Europas vernetzt die Interessen der Angestellten zu vertreten. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit dem VAAÖ, aber auch mit anderen europäischen Gewerkschaften wie dem europäischen PTA-Verband, der European Association of Pharmacy Technicians (EAPT).«

Der nächste Erlebnis- und Gewerkschaftstag – im Jubiläumsjahr von Adexa – sei wieder in eigener Regie in Hamburg geplant, sagte Neusetzer gegenüber PTA-Forum. »2014 wird die Apothekengewerkschaft 60!«

In ihrer Begrüßung wies die Vorsitzende auf die sehr ähnlichen Slogans der beiden Verbände hin: »Gemeinsam stark« bei Adexa und »Stark auf Ihrer Seite« beim VAAÖ. Neusetzer: »Unser Adexa-Motto bedeutet, dass sich Angestellte aller Apothekenberufe in einer starken, solidarischen Gemeinschaft organisieren, um ihre berufs- und tarifpolitischen Interessen durchzusetzen und selbst, zum Beispiel durch die gewerkschaftliche Rechtsberatung, gestärkt zu werden.« Es sei gut und wichtig – und sogar im Grundgesetz verankert – , dass Arbeitnehmer/innen bei arbeitsrechtlichen Fragen und dem Aushandeln von Arbeitsbedingungen nicht auf sich selbst gestellt sind.

Mit einem temperamentvollen Vortrag zur homöopathischen Reiseapotheke startete Apothekerin Margit Schlenk das Fortbildungsprogramm. Sie empfahl als Potenz die D12, denn diese wirke akut und es gebe keine Kontraindikationen. Außerdem müsse keiner stoffliche Wirkungen befürchten, verdeutlichte sie am Beispiel von Hypericum perforatum. Das Mittel wirke sehr gut bei Nerven- und Schnittverletzungen, aber es trete keine Photosensibilisierung auf, wie sie bei Einnahme von Phytopharmaka mit Johanniskraut zu beachten ist. Zur Dosierung im Akutfall: In der ersten Stunde sollte der Patient jede Viertelstunde fünf Globuli (Kinder drei) im Mund zergehen lassen. Dann wird reduziert auf dreimal täglich eine Gabe.

Von Apis bis Veratrum

Die Referentin besprach Homöopathika von »A« wie Aconitum und Apis bis »V« wie Veratrum. So ist Aconitum das Parade-Mittel für »alles, was plötzlich kommt«, beispielsweise plötzliches hohes Fieber oder Durchfall. Auch nach einem großen Schrecken hilft der »Sturmhut«. Belladonna ist dagegen das Leitmittel bei hohem Fieber oder Sonnenstich mit starken Schweißausbrüchen.

Bryonia bezeichnete Schlenk als »homöopathisches Diclofenac«; es hilft bei Gelenkentzündungen und außerdem bei trockenem, sehr schmerzhaftem Husten. Ipecacuanha, das Hauptmittel gegen starke Übelkeit und Erbrechen, nannte sie das »homöopathische Metoclopramid«. Gegen Reiseübelkeit helfe Cocculus. Schlenks Tipp: Schon vor Reiseantritt mit der Einnahme beginnen, damit Schwindel, Übelkeit und Reiseangst gar nicht erst auftreten. Mit diesem Homöopathikum können Menschen, die zu Reiseübelkeit neigen, sogar vorbeugen.

Arsenicum album D12 stellte Schlenk als ein Mittel vor, das in ein Gesamt­behandlungskonzept hineingehört. Bei Magen-Darm-Infekten mit viraler oder bakterieller Belastung wirke es wie ein »Putzmittel«. Okoubaka D3 als »Darmsanierer« bereite die geschädigte Schleimhaut auf eine neue Besiedelung durch die normale Darmflora vor. Dazu eigneten sich Präparate mit Saccharomyces- oder Lactobacillus-Kulturen. Letztere sind wegen der Kühllagerung auf Reisen aber eher ungeeignet.

Leidet ein Patient an wässrigem Durchfall oder Brechdurchfall und fühlt sich schwindelig und schwach, hilft ihm Veratrum album. Nicht zu vergessen: viel trinken plus orale Rehydratations­lösung.

Vorsicht Malaria

Die Zahl der Menschen, die sich im Urlaub mit Malaria infizieren und krank nach Deutschland zurückkommen, hat in den letzten Jahren abgenommen, berichtete Dr. Annette Kapaun vom Tropeninstitut Heidelberg. Aus Afrika würden etwa 80 Prozent der Malaria-Infektionen importiert und zwar immer häufiger von Migranten, die in Deutschland leben und Familie und Freunde im Heimatland besuchen. Sie schützen sich in ihrem früheren Zuhause kaum vor Infektionen.

»Der Schutz vor Mückenstichen ist die halbe Miete«, betonte die Tropenärztin. Dazu empfahl sie in der Nacht (imprägnierte) Moskitonetze und eine ständig laufende Klimaanlage. Repellentien wie DEET und Icaridin halten zwar Stechmücken fern, wirken aber nur begrenzte Zeit.

Aktuelle Informationen darüber, in welchen Ländern eine Chemoprophylaxe gegen Malaria mit welchen Medikamenten notwendig ist, zeigt eine Weltkarte der Deutschen Tropenmedizinischen Gesellschaft unter www.dtg.org. Hauptmedikamente zur Chemoprophylaxe sind Atovaquon/Proguanil (Malarone®), vor allem für kürzere Reisen, Mefloquin (Lariam®), laut Kapaun »auch für Langzeitaufenthalte, aber nur für psychisch stabile Menschen geeignet«, und Doxycyclin, das in Deutschland für die Prophylaxe und Therapie der Malaria nicht zugelassen ist.

Für Reisen in Regionen mit nied­rigem oder mittlerem Übertragungs­risiko wird eine Stand-by-Medikation empfohlen. Das heißt, dass der Tourist das Mittel, meist Atovaquon/Proguanil, mitnimmt und erst bei den grippe-ähnlichen Malaria-Symptomen schluckt (Notfalltherapie). Dennoch müsse er unbedingt einen Arzt oder eine andere Malaria-kundige Person aufsuchen, betonte Kapaun.

Zur Therapie einer Malaria-Infektion sind Atovaquon/Proguanil und Artemether/Lumefantrin (Riamet®) zugelassen. Um die Resorption sicherzustellen, müssen beide Medikamente mit fettreicher Nahrung eingenommen werden. »Ein Malaria-Patient kann aber meist nichts essen.« Vorteile bietet ein neues Kombinationspräparat mit Di­hydroartemisinin/ Piperaquintetrphosphat (Eurartesim®), das der Patient nüchtern nehmen kann. Zur Stand-by-Therapie ist es nicht zugelassen. In manchen Regionen und bei bestimmten Malaria-Erkrankungen setzen Ärzte noch Chloroquin, Chinin und andere Medikamente ein.

Impfen gegen Hepatitis

Viral bedingte Leberentzündungen (Hepatitiden) können noch lange nach der Infektion ausbrechen. Die Inkubationszeit ist länger als 21 Tage, berichtete Professor Dr. Stefan Winkler von der Medizinischen Universität Wien. In der Reiseberatung sollten PTA und Apotheker darauf hinweisen, dass es kein »zero-risk«-Land für Hepatitis A und B gibt; der Tourist kann sich faktisch in jedem Land anstecken.

Drei Viertel der Erwachsenen, die sich über kontaminierte Nahrung oder Wasser mit Hepatitis-A-Viren (HAV) infizieren, erkranken auch, Kinder unter sechs Jahren jedoch fast nie, informierte Winkler. Bereits vor den ersten Symptomen scheiden die Infizierten die Viren aus. Die Beschwerden sind oft unspezifisch: Müdigkeit, Bauchschmerzen, mäßig erhöhte Temperatur, Übelkeit und Erbrechen oder Durchfall. Gelbsucht kann, muss aber nicht auftreten. Es gibt keine spezifische Therapie gegen Hepatitis A.

Für einen zuverlässigen Schutz gegen HAV sind zwei Impfungen nötig. Da sich nach der ersten Impfung innerhalb von zehn Tagen bereits ein etwa 80-prozentiger Schutz aufbaut, sei die Impfung noch am Abreisetag sinnvoll, informierte Winkler. Sie sei auch Reisenden in osteuropäische und mediterrane Länder sehr zu empfehlen und schützt vermutlich lebenslang.

Im Gegensatz zur Hepatitis A kann die Hepatitis B chronisch verlaufen. Weltweit sind etwa 400 Millionen Menschen infiziert. Das HB-Virus wird über Kontakt mit infiziertem Blut oder Körpersäften übertragen, die Inkuba­tionszeit dauert bis zu 180 Tage. »HBV ist viel infektiöser als HIV«, warnte der Tropenarzt. Je jünger die Menschen bei der Infektion sind, umso eher chroni­fiziere die Erkrankung.

Winkler warb für die Impfung gegen HBV: »Man kann sie jedem Reisenden empfehlen.« Vor der Reise sind mindestens zwei Impfungen – im Abstand von 28 Tagen – nötig, nach einem halben Jahr folgt die dritte. Wenn die Zeit drängt, können die Folgeimpfungen schon an den Tagen 7 und 21 folgen. Dann wird eine vierte Dosis nach einem Jahr empfohlen. Kombi-Impfstoffe gegen HAV und HBV müssen ebenfalls dreimal gespritzt werden.

Podiumsdiskussion

Eine Podiumsdiskussion zur Zukunft der Apotheke und ein Vortrag über ein Nepal-Projekt von »Apotheker ohne Grenzen« rundeten den Gewerkschaftstag ab. In der Diskussionsrunde warb Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer, für ein neues Leitbild der Offizinapotheker, das den Patienten in den Mittelpunkt stellt. »Wir müssen unseren Versorgungsauftrag ernstnehmen und fortentwickeln.« Um die Patienten gut zu versorgen, müssten alle Mitarbeiter der Apotheke zusammenarbeiten. Sollte sich die wirtschaftliche Situation einer Apotheke entspannen, müsse sich dies auch in der Entlohnung der Angestellten niederschlagen, so Kiefer. /

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