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Nagelpilz

Mit viel Geduld behandeln

23.05.2013  11:19 Uhr

Von Andrea Gerdemann / Mit dem Sommer kommt auch die Zeit, wieder barfuß oder in leichten Sandalen zu laufen. Patienten mit Fußnagelpilz sehen dieser Jahreszeit häufig mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn sie empfinden ihre befallenen Nägel meist als ästhetisches Problem. Dabei sind Nagelmykosen nicht nur ein kleiner Schönheitsfehler, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung. Nagelpilz verschwindet nicht von selbst, sondern muss behandelt werden.

Nagelpilz – von Medizinern auch als Onychomykose bezeichnet – wird am häufigsten durch Fadenpilze (Dermatophyten) hervorgerufen. Dermatophyten lieben es kühl und nicht warm, wie man früher annahm. Daher befallen sie Haut, Nägel und auch Haare, jedoch keine Schleimhäute. Weiterhin kommen als Erreger Hefe- und Schimmelpilze in Frage. Der Befall des Fußnagels ist häufig Folge eines nicht ausreichend behandelten Fußpilzes. Daher sollte jede auch noch so harmlos wirkende Fußpilzerkrankung ernst genommen werden.

Nagelpilz ist die häufigste Erkrankung der Nägel. Laut epidemiologischen Untersuchungen leiden etwa 12 Prozent der Deutschen an einer Nagelpilzerkrankung, Männer häufiger als Frauen, Erwachsene und ältere Menschen mehr als Kinder. Darüber hinaus ist bei manchen Patientengruppen das Risiko für Onychomykosen erhöht. Hierzu gehören Patienten mit Durchblutungsstörungen, Diabetiker und Raucher.

Meist kalte Extremitäten

Bei allen drei Risikogruppen ist aufgrund einer verminderten Durchblutung die Körpertemperatur vor allem an Füßen und Händen erniedrigt. Ein Umstand, der für die Besiedelung der Dermatophyten von Vorteil ist, da sie eine »kühlere« Umgebung bevorzugen. Diabetiker haben häufig zusätzlich das Problem, dass sie aufgrund peripherer Nervenschäden die Symptome, beispielsweise den Juckreiz, erst relativ spät oder gar nicht bemerken. Während in Deutschland Nagelpilz schon als Volkskrankheit gilt, kennen Naturvölker, die vorwiegend barfuß laufen, das Problem so gut wie nicht.

Auch andere Faktoren können Nagelpilz begünstigen, zum Beispiel wiederholte Verletzungen der Nägel bei der Pediküre oder beim Sport, ein geschwächtes Immunsystem, Fehlstellungen der Füße, eine familiäre Veranlagung oder auch Störungen des Nagelwachstums. Auch »Schweißfüße« erhöhen das Risiko für eine Pilzinfektion der Nägel oder der Haut. Typische Orte, sich mit einem Pilz zu infizieren, sind Saunen, Schwimmbäder, Fitnessstudios sowie Umkleidekabinen in Sporthallen.

Fragen zur Abklärung

  • Sind Sie selbst betroffen?
  • Welche Art von Beschwerden haben Sie?
  • Seit wann bestehen die Beschwerden (akut, chronisch, rezidivierend)?
  • Beobachten Sie Begleitsymptome und wenn ja, welche?
  • Nehmen Sie weitere Arzneimittel ein?
  • Rauchen Sie?
  • Haben Sie bereits eine Behandlung ausprobiert? Mit welchem Erfolg?

Verfärbungen und Flecken

Ein vom Pilz befallener Nagel verformt, verdickt und verfärbt sich meist. Darüber hinaus werden die Nägel häufig brüchig oder sogar krümelig. Die ersten Symptome erscheinen oft am vorderen Nagelrand als Verfärbungen, die aber oft noch nicht mit einer Nagelpilz­erkrankung in Verbindung gebracht werden.

In einem zweiten Schritt breiten sich die Pilzsporen über die ganze Nagelplatte aus. Sie sammeln sich oft in entstandenen luftgefüllten Hohlräumen, in denen sie viele Wochen und Monate lebensfähig bleiben. Die Hohlräume entstehen in der Nagelsubstanz, da der Pilz das Keratin, einen Bestandteil der Nagelsubstanz, langsam auflöst. Äußerlich werden sie als weiße Flecken oder auch Streifen sichtbar.

Langer Atem nötig

Um Nagelpilz erfolgreich zu behandeln, braucht der Patient viel Ausdauer. Fehlt diese, bleibt die Therapie erfolglos. Die Mykose muss so lange behandelt werden, bis der befallene Teil des Nagels komplett herausgewachsen ist. Das dauert mehrere Monate bis zu einem Jahr.

PTA oder Apotheker sollten gerade ältere Patienten, bei denen die Nägel von Natur aus langsamer wachsen, darauf hinweisen, dass die Behandlung nur dann erfolgreich ist, wenn sie den Pilz mindestens 6 bis 12 Monate behandeln.

Rat in der Apotheke

Viele Patienten mit Nagelpilz suchen zunächst Rat in der Apotheke. Nach einer ersten Symptomabklärung (siehe auch Kasten rechts) müssen PTA oder Apotheker entscheiden, ob eine Selbstmedikation verantwortbar ist. Sind mehr als zwei oder drei Nägel befallen, sollten sie den Patienten an einen (Haut-)Arzt verweisen.

Gleiches gilt bei einem Befall von mehr als 60 Prozent einer Nagelplatte. Auch wenn der Pilz sich auf die Nagelwurzel ausgebreitet hat, sollte der Patient den Arzt aufsuchen. Dann muss der Arzt entscheiden, ob eine lokale Therapie noch ausreicht oder er zusätzlich ein orales Antimykotikum (wie Terbinafin oder Fluconazol) verschreiben muss.

Lokale Therapie

Die lokale Therapie im Rahmen der Selbstmedikation ist bei allen leichten Formen des Nagelpilzes möglich. Als leichte Form gilt, wenn nur einzelne Nägel befallen sind und diese zu weniger als 60 Prozent. Für die lokale Behandlung des Nagelpilzes stehen verschiedene antimykotisch wirkende Nagellacke sowie Cremes oder Salben zur Verfügung.

Je nach Formulierung und Inhaltsstoff werden Nagellacke unterschiedlich angewendet (siehe Tabelle unten). Wasserlösliche Lacke sollten abends aufgetragen werden, damit sie über Nacht in den Nagel einziehen können. Wer abends duscht (zum Beispiel Allergiker während der Pollenflugzeit), sollte wissen, dass er den wasserlöslichen Lack erst nach dem Duschen auftragen darf, damit dieser nicht gleich abgewaschen wird.

Bei den wasserunlöslichen Nagel-lacken finden sich in der Verpackung häufig Einmalfeilen sowie Alkoholtupfer zum Entfernen des Lackes. Vor jedem erneuten Auftragen muss alter Lack mit einem Alkoholtupfer oder Nagellackentferner gut abgelöst werden. Die Einmalfeilen sind dazu da, verändertes Nagelmaterial abzutragen oder aufzurauen.

An Desinfektion denken

Im Beratungsgespräch sollten PTA oder Apotheker unbedingt darauf hinweisen, dass die Feilen nur zum einmaligen Gebrauch bestimmt sind und auf keinen Fall mit gesunden Nägeln in Kontakt kommen dürfen, um keine weiteren Nägel zu infizieren. Will der Patient einen »kranken« Nagel mit einer Schere entfernen, muss er die Schere nach dem Gebrauch sorgfältig reinigen – am besten sogar desinfizieren.

Nicht-medikamentöse Tipps

Nicht-medikamentöse Maßnahmen helfen, eine Neu- beziehungsweise Reinfektion der Nägel zu verhindern. Hierzu gehört alles das, was einer Fußpilzinfektion vorbeugt, da Fußpilz häufig Auslöser einer Nagel­pilz­infek­tion ist.

Tipps bei Nagelpilz

  • Füße morgens und abends gründlich waschen
  • Nach dem Duschen oder Baden insbesondere die Zehenzwischenräume sorgfältig abtrocknen!
  • Täglich die Strümpfe wechseln
  • Strümpfe bei mindestens 60 °C waschen, um Pilze und Sporen abzutöten. Ansonsten Waschzusätze verwenden (wie Canesten® Hygiene­spüler), die Pilzsporen auch bei niedrigeren Temperaturen beseitigen.
  • Geeignetes Schuhwerk tragen, zum Beispiel Lederschuhe ohne Gummisohle, und so oft wie möglich barfuß laufen
  • Schuhe häufig wechseln und gut auslüften lassen
  • Schuhe eventuell desinfizieren
  • Rauchen einstellen beziehungsweise Zigarettenkonsum einschränken
  • Als Diabetiker regelmäßig zur Fußpflege gehen und die Füße auf Veränderungen untersuchen lassen

Harnstoff als Zusatz

Ein weiterer Ansatz, Nagelpilz zu behandeln, sind Cremes, die neben einem antimykotischen Wirkstoff Harnstoff in Konzentrationen zwischen 20 und 40 Prozent enthalten (siehe Tabelle oben). In diesen Konzentrationen wirkt Harnstoff keratolytisch, das heißt, die Nagelplatte wird aufgeweicht und aufgelöst. Der Patient muss die hochprozentige Harnstoffsalbe einmal täglich auf den erkrankten Nagel auftragen und mit einem dicht abschließenden Pflasterverband (in der Verpackung enthalten) abdecken. Eventuell kann er umliegende Haut mit Zinkpaste gegen den keratolytischen Effekt schützen.

Vor jeder neuen Anwendung der Harnstoff-haltigen Salbe sollte der Patient den Fuß etwa zehn Minuten lang in warmem Wasser baden und die angelöste Nagelschicht mit einem mitgelieferten Spatel abtragen. Diese Behandlung muss über 14 Tage durchgeführt werden.

Im Anschluss an die Keratolyse muss der Patient weitere vier Wochen lang eine Creme mit nur einem antimykotischen Wirkstoff wie Bifonazol auftragen. Da diese allerdings nicht in der Verpackung enthalten ist, muss er sie zusätzlich kaufen – eine Tatsache, die den meisten Patienten nicht klar ist und die PTA oder Apotheker ansprechen müssen. Als Alternative zur vierwöchigen Cremebehandlung können Betroffene die keratolytisch vorbehandelten Nägel auch mit einem medizinischen Lack weiterbehandeln.

Darüber hinaus eignen sich bei verfärbten oder deformierten Nägeln einige Medizinprodukte aus der Apotheke, um das Erscheinungsbild der Nägel zu verbessern und Infektionen entgegenzuwirken.

Sinnvolle Zusatzverkäufe

Fragt der Betroffene in der Apotheke, welche weiteren Präparate er sinnvollerweise bei Nagelpilz anwenden kann, ist die Empfehlung eines Hygienespülers sicherlich sinnvoll. Denn viele Strümpfe können nicht bei 60 °C in der Waschmaschine gewaschen und somit die Pilzsporen nicht ausreichend beseitigt werden. Menschen mit Schweißfüßen können PTA oder Apotheker ein Fußdeo oder auch ein desodorierendes Fußbad empfehlen. Einige Patienten sind für ein Desinfektionsmittel dankbar, insbesondere für Schuhe, die sie selten tragen oder die nicht atmungsaktiv sind wie manche Turnschuhe.

Erkundigt sich ein Patient nach einem zusätzlichen homöopathischen Mittel, kommen bei Nagelpilz beispielsweise Antimonium crudum D12 Globuli oder Silicea D12 Globuli in einer Dosierung von zweimal täglich je fünf Globuli in Frage. Antimonium crudum hilft bei verhornten, gespaltenen Nägeln oder auch bei Hornhaut an Händen und Füßen, Silicea bei weichen, deformierten Nägeln sowie bei kaltschweißigen Händen und Füßen.

Die Kunst besteht darin, im Beratungsgespräch für jeden Patienten individuell das passende Mittel zu finden. Im Rahmen der Selbstmedikation müssen PTA und Apotheker die Patienten kompetent und umfassend beraten und dabei betonen, wie wichtig Ausdauer für den Behandlungserfolg ist. /

Antimykotische Nagellacke (Beispiele)

Wirkstoff Produkt­name Beispiele) Dosierung Anwendungs­dauer Abtragen Aufrauen Dekorativer Nagellack? Zu beachten
Ciclopirox (wasserlös­liche Grundlage) Ciclopoli® 1 mal täglich abends Mehrere Monate Nein Nein 30 sec. trocknen lassen, Nägel 6 h nicht waschen
Ciclopirox (wasser- unlös­lische Grundlage) Nagel Batrafen® Monat 1: alle 2 Tage Monat 2: 2 mal/Woche ab Monat 3: 1 mal/Woche Mehrere Monate Ja Ja
Amorolfin (wasser­unlösliche Grundlage) Loceryl® Amofin® 1-2 mal pro Woche Mehrere Monate Ja Ja 5 min. trocknen lassen

Quelle: Dr. Hiltrud von der Gathen, Pharmacon Davos 2013: Antimykotika im Beratungsgespräch

Weitere Ansätze zur Behandlung des Nagelpilzes

Wirkstoff Produkt­name (Beispiele) Dosierung Anwen­dungs­dauer Abtragen Aufrauen Dekorativer Nagellack Zu beachten
Bifonazol Canesten extra® Nagelset 1 mal täglich 2 + 4 Wochen Ja Nein Okklusivpflaster für 24 h, dann 10 min. Fußbad
Medizin­pro­dukt (Propylen­glykol, Harnstoff, Milchsäure) Naloc® 1 mal täglich Mehrere Monate Nein Nein Anwendung abends, nach Auftragen trocknen lassen
Medizin­pro­dukt ohne aktiven Wirkstoff Myfungar® 1 mal täglich dünn auftragen Mehrere Monate Nein Ja Anwendung zur Nacht

Quelle: Vortrag Dr. Hiltrud von der Gathen, Pharmacon Davos 2013: Antimykotika im Beratungsgespräch

E-Mail-Adresse der Verfasserin

andrea(at)gerdemann.info