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Analgetika

Schmerztherapie individuell anpassen

23.05.2013  10:21 Uhr

Von Verena Arzbach, Frankfurt am Main / Mehr als 40 Prozent aller Schmerzpatienten leiden unter Gelenkbeschwerden. Verantwortlich dafür sind meist entzündliche Erkrankungen wie Arthrose, rheumatoide oder Gicht-Arthritis. Aber nicht jedes Analgetikum eignet sich für jeden Erkrankten gleich gut. Daher sollten Patienten immer eine auf sie zugeschnittene Schmerz- therapie erhalten.

Entzündungsprozesse sind die häufigste Ursache von Gelenkschmerzen. In der Regel werden sie mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) behandelt. Diese hemmen das Enzym Cyclooxygenase (COX) und somit die Bildung schmerz- und entzündungsfördernder Botenstoffe, der sogenannten Prostaglandine. Die Arzneistoffe lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Traditionelle NSAR wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Diclofenac blockieren beide Formen der COX (COX-1 und COX-2), die neueren Coxibe hingegen spezifisch die Isoform COX-2, die der Körper bei Entzündungen vermehrt bildet.

Nimmt ein Patient aufgrund von Gelenk- und Arthroseschmerzen dauerhaft ein traditionelles NSAR ein, sollte der behandelnde Arzt regelmäßig mögliche gastrointestinale Veränderungen kontrollieren, empfahl Hausarzt Dr. Michael Küster auf einer Pressekonferenz der Firma Grünenthal in Frankfurt am Main. Denn das Enzym COX-1 ist an der Bildung von Prostaglandin E2 und damit indirekt an der Magensäureproduktion beteiligt. Somit können bei der COX-1-Hemmung durch die erhöhte Säureproduktion als Nebenwirkungen Magen-Darm-Komplikationen wie Blutungen oder Geschwüre auftreten. Aus diesem Grund verordnen Ärzte häufig begleitend zu einem NSAR einen Protonenpumpeninhibitor (PPI) zur Prophylaxe.

Probleme in Magen und Darm

Küster wies darauf hin, dass NSAR jedoch auch zu Komplikationen im Darm führen können, und zwar unabhängig von der Säurebildung im Magen. Insbesondere in den ersten vier Wochen der Therapie sei das Risiko für Ulzera und Blutungen in unteren Darmabschnitten erhöht, die teilweise völlig symptomlos auftreten. Je nach Risikoprofil des Patienten für Magen-Darm-Komplikationen müsse der Arzt daher abwägen, ob er ein traditionelles NSAR oder eine Alternative verordnet.

Bei vorbelasteten Patienten, beispielsweise mit gastrointestinalen Ulzera in der Vergangenheit, komme ein selektiver COX-2-Hemmer als Therapiealternative in Betracht, so Küster. Im oberen Gastrointestinaltrakt seien die Coxibe bei gleicher Wirksamkeit besser verträglich: Komplikationen wie Ulzerationen oder Blutungen treten bei Coxiben im Vergleich zu den traditionellen NSAR signifikant seltener auf. So hatte eine systematische Cochrane-Analyse ergeben, dass das Risiko gastrointestinaler Ulzera unter Coxiben um 74 Prozent geringer war als unter den traditionellen NSAR.

Coxibe stehen jedoch in der Diskussion, seit der Hersteller den Arzneistoff Rofecoxib (Vioxx®) im Jahr 2004 freiwillig vom Markt genommen hatte. Damals war eine Langzeitstudie ab- gebrochen worden, da sich die Herz- infarkt- und Schlaganfall-Rate bei den Probanden, die das Medikament erhielten, im Vergleich zu Placebo nahezu verdoppelt hatte.

Dabei ist der schlechte Ruf der Coxibe möglicherweise unberechtigt: Die europäische Arzneimittelagentur EMA folgerte aufgrund der Datenlage im Jahr 2012, dass das kardiovaskuläre Risikoprofil von Coxiben mit dem von Diclofenac vergleichbar sei. Denn auch bei einer Langzeittherapie mit anderen NSAR – mit Ausnahme von Naproxen – ist das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse erhöht.

»Bei der Entscheidung, einen selektiven COX-Hemmer zu verschreiben, muss das Gesamtrisiko des Patienten berücksichtigt werden. Da das kardiovaskuläre Risiko mit Dosis und Behandlungsdauer ansteigen kann, sollten Coxibe in der niedrigst wirksamen Dosis über einen möglichst kurzen Zeitraum verabreicht werden«, bekräftigte Orthopäde Dr. Fritjof Bock. In vielen Fällen eigneten sich Coxibe als Alternative für Patienten, die traditionelle NSAR aufgrund der Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt nicht vertragen oder bei denen das Risiko für diese Nebenwirkungen erhöht ist, so Bock. Dies treffe beispielsweise auf viele ältere Patienten zu, vor allem bei bestehender Polymedikation oder Begleitmedika- tion mit Corticosteroiden. Günstig für die Compliance: Patienten müssen beispielsweise Etoricoxib aufgrund seiner langen Wirkdauer nur einmal täglich einnehmen, die zusätzliche Einnahme eines PPI entfällt in der Regel. /

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