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Gesundheitstage

Sehbehindertentag

23.05.2013  10:05 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler / Viele ältere und alte Menschen können nur noch schlecht sehen. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband will das Bewusstsein für Sehprobleme im Alter schärfen.

Um auf die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen aufmerksam zu machen, hat der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) 1998 einen eigenen Jahrestag eingeführt: den Sehbehindertentag. Er findet jährlich am ­­6. Juni statt, in diesem Jahr lautet das Motto »Sehen in Alterseinrichtungen«. Dabei kooperiert der DBSV mit dem Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) und dem gemeinnützigen Projekt www.heimverzeichnis.de. Der Gesundheitstag wird von Bayer HealthCare unterstützt.

»Der Aspekt Sehen im Alter stellt derzeit einen gewissen Schwerpunkt unserer Verbandsarbeit dar«, erklärt Klaus Hahn, Seniorenbeauftragter und Präsidiumsmitglied des DBSV, im Gespräch mit PTA-Forum. »Wir wissen, dass Sehbehinderungen gerade bei Menschen, die in Alten- und Pflegeheimen leben, häufig nicht genügend beachtet werden.« Räumliche Desorientierung, unsichere Bewegungen, Rückzugstendenzen, Stolpern oder Stürze seien nicht immer Zeichen einer Demenz oder Verwirrtheit. Das könne auch an Sehproblemen liegen.

»Wir wollen Problembewusstsein dafür schaffen, dass manche Bewohner einen Augenarzt brauchen«, sagt Hahn, der selbst blind ist. Bei einer Augenerkrankung könne die Sehhilfe angepasst oder eventuell eine Therapie eingeleitet werden. Auch wenn Heilung nicht immer möglich ist, könne das Pflegepersonal nach der Diagnose besser auf den Bewohner eingehen, wenn es weiß, dass dieser schlecht sieht.

Sehbehindert oder blind?

Exakte Zahlen, wie viele Menschen in Deutschland blind oder sehbehindert sind, gibt es laut DBSV nicht. Hochrechnungen, die auf Zahlen der WHO basieren und 2005 veröffentlicht wurden, gehen von etwa 1,2 Millionen im Jahr 2002 aus. Circa 60 Prozent davon sind Frauen.

Nach deutschem Recht gilt ein Mensch als sehbehindert, wenn er auf dem besser sehenden Auge mit Brille oder Kontaktlinse nicht mehr als 30 Prozent von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. Fachleute sprechen dann von einem Sehrest unter 30 Prozent. Liegt das verbliebene Sehvermögen unter 5 Prozent, ist der Mensch hochgradig sehbehindert. Er ist blind, wenn sein Sehvermögen unter 2 Prozent liegt.

Der DBSV erklärt, was diese Werte bedeuten. Beträgt der Sehrest unter 5 Prozent, so kann der Sehbehinderte einen Gegenstand erst aus 5 Meter Entfernung erkennen, den ein normal Sehender bereits aus 100 Meter Abstand wahrnimmt. Oder sein Gesichtsfeld ist auf 5 Prozent eingeschränkt, er sehe wie durch einen Tunnel. Dabei wirken sich Augenerkrankungen extrem unterschiedlich aus. Zu den fünf häufigsten gehören Glaukom, Katarakt, Makula-Degeneration, Diabetische Retinopathie und Retinitis pigmentosa. Der »Sehbehinderungs-Simulator« unter www.absv.de/sbs/sbs_intro.html vermittelt einen Eindruck, wie sich dabei das Sehen verändert.

Mit zunehmendem Alter lässt die Sehschärfe nach. Zudem kann sich das Auge schlechter an die Sehentfernung und an Helligkeitsunterschiede (Akkommodation und Adaptation) anpassen und nimmt Kontraste schlechter wahr. Außerdem reagieren Senioren empfindlicher auf Blendung. Das alles ist unabhängig von einer Erkrankung des Auges, wird aber dadurch verschärft.

Eine Sehbehinderung entsteht häufig schleichend und kann ältere Menschen enorm belasten, ohne dass ihre Umgebung dies bemerkt. Zudem nehmen viele Senioren die Einschränkungen klaglos hin. Daher gehen der DBSV und der Augenärzte-Verband davon aus, dass viele Menschen in Alten- und Pflegeheimen mehr unter den Folgen ihrer Sehbehinderung leiden, als nötig wäre.

Aktionen in über 20 Heimen

Um dem Problem auf den Grund zu gehen, finden am 6. Juni Aktionen in bundesweit rund 20 Heimen statt. Das Projekt habe »Pilotcharakter«, betont der Seniorenbeauftragte.

Die kooperierenden Augenärzte bieten den Bewohnern Untersuchungen an, um Sehprobleme aufzudecken. Zudem begehen Fachkräfte, sogenannte »Reha-Lehrer für blinde und sehbehinderte Menschen«, die Häuser und weisen danach auf bauliche Verbesserungsmöglichkeiten hin. Den Abschluss bildet ein Gespräch zwischen der Einrichtungsleitung, dem Reha-Trainer, dem Augenarzt und einem Vertreter des regionalen Blinden- und Sehbehindertenverbands, die die Aktion und ihre Ergebnisse bewerten.

Broschüre für Heimleiter

Die gewonnenen Erkenntnisse werden auch in das Qualitätsmanagement der Heime einfließen, ist Hahn überzeugt. Parallel zu den Aktionen vor Ort wird die DBSV-Broschüre »Sehbehinderte Menschen in Alterseinrichtungen« auch an die Leiter aller Pflegeheime in Deutschland versandt.

Oft bewirken schon einfache Maßnahmen viel. Zum Beispiel erleichtern kontrastreiche Farben die Orientierung in Räumen und Gängen. Hahn erklärt: »Sehbehinderte können eine Tür leichter finden, wenn der Türrahmen mit dunkelblauer Farbe gegen die weiße Wand abgesetzt ist.« Ebenso wichtig seien markierte Treppenstufen, farbige Handläufe, hindernisfreie Wege und eine blendfreie Beleuchtung. »Doch um dies zu beachten, muss man wissen, wo das Problem liegt.«

Apotheken hätten viele Möglichkeiten, sehbehinderten Menschen zu helfen, sagt der blinde Experte. Wenn das Apothekenteam beispielsweise beo­bachtet, dass ein Kunde unsicher im Raum steht, sich nicht orientieren kann oder über Aufsteller stolpert, sollte es daran denken, dass er möglicherweise nicht richtig sehen kann. Dann könnten die Mitarbeiter dies ansprechen und dem Kunden empfehlen, den Augenarzt aufzusuchen.

»Wir wollen das Bewusstsein für Sehprobleme in der Öffentlichkeit schärfen. Die Apotheke sehen wir als wertvollen Multiplikator dieser Botschaft«, betont Hahn. Der DBSV nutze gerne die Möglichkeit, mit Apotheken zusammenzuwirken. /

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