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Herzzentrum

Spezialisiert auf Kinder

03.06.2013  11:08 Uhr

Von Annette Immel-Sehr / Das Deutsche Kinderherzzentrum in Sankt Augustin zählt weltweit zu den modernsten Krankenhäusern seiner Art. Die Patienten, die dort wegen angeborener Herzfehler operiert werden, sind meist noch sehr jung: vor allem Neugeborene und Säuglinge. Das Zentrum gilt als eines der besten in Europa.

Sankt Augustin ist eine Kleinstadt im Rhein-Sieg-Kreis, etwa 10 Kilometer von Bonn und 30 Kilometer von Köln entfernt. Hier wurde im Jahr 2001 das erste Zentrum für Kinderherzchirurgie in Deutschland gegründet. Zwar führten viele Universitätskliniken und Krankenhäuser längst Herzoperationen bei Kindern durch, doch keine dieser Institutionen war voll und ganz auf Kinder spezialisiert. Auch heute noch werden Erwachsene und Kinder vielerorts von ein- und demselben Herzchirurgen operiert. »In den USA und England hat man schon früh begonnen, die Kinder- und Erwachsenen-Herzchirurgie zu trennen. In Deutschland ist das bis heute nicht selbstverständlich. Dabei ist es etwas ganz anderes, ob man ein Herz eines Neugeborenen oder eines Erwachsenen operiert«, sagt Professor Dr. Boulos Asfour, Direktor und Chefarzt des Deutschen Kinderherzzentrum (DKHZ). Das interdisziplinäre Team des DKHZ besteht ausschließlich aus Kinder-Spezialisten. Dies gilt nicht nur für die Chirurgen, sondern beispielsweise auch für die Anästhesisten und Intensivmediziner. »Von Vorteil ist unsere direkte Anbindung an eine Kinderklinik, die alle Fachrichtungen aufweist. Auch das ist in Deutschland einzigartig.«

Gemeint ist die Asklepios-Kinderklinik, zu der das DKHZ mittlerweile gehört. Seit 2010 verfügt die Klinik in Sankt Augustin zudem über eine Geburtshilfestation, sodass Neugeborene mit schweren Herzfehlern direkt nach der Geburt intensivmedizinisch und chirurgisch behandelt werden können.

Zur Versorgung der Patienten stehen im DKHZ drei Operationssäle, ein Herzkatheterlabor, 18 Beatmungsplätze auf der Intensivstation und 26 Betten auf der allgemeinen Pflegestation zur Verfügung. »Wir bieten das gesamte Diagnose- und Behandlungsspektrum unter einem Dach an«, so Asfour. »Damit bleiben den Kindern anstrengende Transporte von einem Krankenhaus in das nächste erspart.«

Frühe Operation

Je schwerer der Herzfehler, desto früher muss operiert werden. So lassen sich die meisten kleinen Patienten in Sankt Augustin bezüglich ihres Alters in drei Gruppen einteilen: Neugeborene, Kinder im ersten Lebenshalbjahr und Kleinkinder. »Wir haben auch Schulkinder und Jugendliche unter unseren Patienten. Aber wir empfehlen, leichte Herzfehler schon vor dem Kindergartenalter zu korrigieren, weil sich die Kinder dann später nicht mehr daran erinnern«, erklärt Asfour.

Für die Kinder und ihre Eltern sind die Operation und der Krankenhausaufenthalt eine belastende Ausnahme­situation. Sozialarbeiter und Psychologen helfen ihnen, damit zurechtzukommen. Das Krankenhaus stellt des Weiteren Unterkunft und Verpflegung für einen Elternteil sowie ein Betreuungsangebot für Geschwisterkinder bereit.

Häufige Fehlbildungen

Angeborene Herzfehler gehören zu den häufigsten Fehlbildungen bei Neugeborenen. Von 1000 Kindern kommen acht bis zehn mit einem Herzfehler zur Welt – einige davon mit einem so gravierenden Fehler, dass sie ohne chirurgischen Eingriff bereits nach wenigen Tagen sterben würde. Der häufigste angeborene Herzfehler ist ein Loch in der Kammerscheidewand. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer Fehlerbildungen, insbesondere an den Gefäßen und Klappen. Frauenärzte können die meisten Herzfehler – vor allem die schweren – per Ultraschall bereits im Mutterleib diagnostizieren. Manchmal fallen die Kinder aber erst in den ersten Lebensmonaten auf, weil sie sich zu langsam entwickeln, häufig erbrechen, zu wenig trinken und am Kopf schwitzen. Zwar kann sich Vieles hinter diesen unspezifischen Zeichen verbergen, aber sie könnten auch auf eine Herzfehlbildung hinweisen.

Herausragende Stellung

Das DKHZ ist das mit Abstand größte Zentrum zur Behandlung angeborener Herzfehler in Deutschland. Die Patienten in Sankt Augustin kommen aus dem ganzen Bundesgebiet und auch aus dem Ausland. Hinsichtlich Behandlungsdauer, Komplikationsrate und Sterblichkeit zählt das DKHZ zu den besten Zentren in Deutschland und Europa. Dies belegt ein europäisches Register, das europaweit die Art und Komplexität durchgeführter Operationen und ihre Ergebnisse dokumentiert. »Fast 98 Prozent aller am Herzen mit Herz-Lungenmaschine operierten Kinder können nach der OP wieder ein weitgehend normales Leben führen«, sagt Asfour.

Schluss mit vielen OPs

Im Laufe des mittlerweile zwölfjährigen Bestehens des DKHZ hat sich die Kinderherzchirurgie weiterentwickelt. »Wir führen mittlerweile auch sehr komplexe Eingriffe komplett durch. Früher hat man gedacht, dass kleine Kinder eine lange Operation nicht durchstehen, doch das geht«, erläutert Asfour. Die meisten Eingriffe benötigen zwei bis vier Stunden, sehr komplizierte Operationen können jedoch auch bis zu zehn Stunden dauern.

Einen weiteren Fortschritt gibt es bei der OP-Technik. Früher waren bei Herzoperationen immer große Schnitte über dem Brustbein nötig. Heute kommen die Chirurgen mit einem relativ kleinen Schnitt unterhalb des Schulterblattes aus, um einen einfachen Herzfehler wie Defekte der Vorhofscheidewand zu korrigieren. So bleibt keine auffallende Narbe zurück. /

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