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Prostata-spezifisches Antigen

Umstrittener Tumormarker

23.05.2013  11:07 Uhr

Von Peter Findeisen / Zur Früherkennung von Prostatakrebs bestimmen Ärzte das Prostata-spezifische Antigen (PSA) aus dem Blut des Patienten. Diese Vorsorgeuntersuchung ist allerdings nicht unumstritten, da der Test sowohl falsch positive als auch falsch negative Ergebnisse liefern kann. Zudem wird nicht jeder auf diese Weise entdeckte Prostatakrebs zur Gefahr für den Patienten. Die Messung von PSA im Rahmen der Nachsorge bei Patienten mit gesichertem Prostatakarzinom hat dagegen einen festen Stellenwert in der Onkologie.

Das Prostatakarzinom ist das häufigste Krebsleiden bei Männern. Im Frühstadium der Erkrankung bestehen gute Heilungschancen. Allerdings verursacht ein Prostatatumor zu Beginn keine Beschwerden und bleibt dadurch lange unbemerkt. Daher erwarten viele Männer Gewissheit von einem frühen PSA-Test, ob sie an Prostatakrebs leiden. Das Ergebnis eines PSA-Screenings kann jedoch sowohl falsch positiv als auch falsch negativ sein. Für eine aussagekräftige Diagnose müssen Ärzte auch andere Faktoren wie das Alter des Patienten und weitere Untersuchungsergebnisse berücksichtigen.

Bei dem Prostata-spezifischen Antigen (PSA) handelt es sich um ein Eiweiß, welches nur von bestimmten Zellen der Prostata (Vorsteherdrüse) gebildet wird und sich in hoher Konzentration im Prostatasekret befindet. Beim Samenerguss (Ejakulation) wird es dem Sperma beigemischt und spaltet dort andere Eiweißmoleküle. So führt PSA zur Verflüssigung des Ejakulates und erhöht dadurch die Beweglichkeit der Spermien und die Wahrscheinlichkeit einer Befruchtung.

Auch im Blut ist PSA nachweisbar, allerdings nur in einer Konzentration, die etwa eine Million Mal geringer ist als in der Samenflüssigkeit. Daher kann der PSA-Wert im Blut nur mit sehr empfindlichen Labormethoden bestimmt werden. Hierzu verwenden Labormediziner ein Reagenz mit diagnostischen Antikörpern, die PSA auch noch in sehr geringer Konzentration binden. Das grundlegende Prinzip solcher immunologischer Messmethoden ist immer eine Antikörper-Antigen-Reaktion. PSA kommt im Blut in zwei verschiedenen Formen vor: einer frei zirkulierenden Form und einer proteingebundenen Form. Mit speziellen Tests können Labormediziner gezielt den Anteil von freiem PSA bestimmen. Damit erhalten sie eine weitere wichtige Information, wenn der PSA-Wert im Graubereich liegt.

Bei einem Wachstum der Prostata wird vermehrt PSA gebildet, was sich in einer erhöhten PSA-Konzentration im Blut widerspiegelt. Da beim Prostatakarzinom die Prostatazellen bösartig wachsen, liegen die PSA-Werte bei Tumorpatienten im Mittel deutlich höher als bei gesunden Männern.

Weitere Untersuchungen

Allerdings ist ein erhöhter PSA-Wert kein eindeutiges Zeichen für Prostatakrebs, denn auch eine Entzündung oder eine gutartige Vergrößerung der Prostata (benigne Prostatahyperplasie) können den PSA-Wert steigen lassen. Hinzu kommt, dass mechanische Reize wie Fahrrad fahren oder das Abtasten der Prostata bei der Vorsorgeuntersuchung oft den PSA-Wert kurzfristig in die Höhe treiben. Um das Risiko eines falsch positiven Testergebnisses zu verringern, tastet der Arzt bei der Vorsorgeuntersuchung die Prostata erst ab, nachdem die Blutprobe zur PSA-Messung entnommen wurde. Der Test kann allerdings auch falsch negativ sein, das heißt, bei einigen wenigen Männern mit Prostatakarzinom ist die PSA-Konzentration im Blut unverdächtig niedrig.

Screening in der Diskussion

Nicht jeder Mann, bei dem durch den Test ein Prostatakarzinom frühzeitig erkannt wird, profitiert tatsächlich von dieser Diagnostik. Das erscheint paradox, doch bei manchen Männern – vor allem bei älteren – wächst das Prostatakarzinom so langsam, dass es zu Lebzeiten nicht zu Problemen führt. Diese Patienten sterben mit dem Tumor, aber nicht durch den Tumor. Kritiker meinen daher, die PSA-Bestimmung im Rahmen von Screening-Untersuchungen erhöhe eher unnötig den Therapieaufwand, der zudem nicht ohne Risiko ist. So kann beispielsweise die operative Entfernung der Prostata, die Prostatek­tomie, eine Harninkontinenz oder eine erektile Dysfunktion verursachen.

Das Problem besteht derzeit darin, diejenigen Patienten ausfindig zu machen, bei denen die Krebserkrankung nicht langsam und stumm verläuft, sondern der Tumor schnell wächst und sich dann unter Absiedelung von Tochtergeschwülsten (Metastasen) im Körper ausdehnt.

Weitere Informationen

www.krebshilfe.de/ blaue-ratgeber.html

Blaue Ratgeber Nr. 17 Prostatakrebs der Deutschen Krebshilfe als Download verfügbar.

www.prostatakrebs-bps.de

Internetseite des Bundes­verbands Prostatakrebs Selbsthilfe e. V.

Mehrere Messungen

Diese Unterscheidung lässt sich nicht mit einer einzigen PSA-Messung treffen. Hier können zeitlich versetzte Wiederholungsmessungen hilfreich sein, in denen die PSA-Anstiegsgeschwindigkeit oder PSA-Verdoppelungszeit bestimmt werden. Je schneller der PSA-Wert ansteigt, desto eher handelt es sich um eine schnell wachsende Form des Prostatakarzinoms. Auch ein verminderter Anteil von freiem PSA kann auf ein Prostatakarzinom hinweisen. Schließlich ist zu beachten, dass die PSA-Messung alleine nicht aussagekräftig ist, sondern immer im Zusammenhang mit der klinischen Untersuchung und weiteren diagnostischen Maßnahmen, zum Beispiel einer Biopsie, beurteilt werden muss.

Referenzwerte

Die Referenzwerte dienen nur der Orientierung, da sie von der Methode abhängen und sich von Labor zu Labor stark unterscheiden können. Als Entscheidungsgrenze, bei der eine weitere Abklärung erforderlich ist, gilt häufig der Wert von 4 ng/ml (siehe auch Kasten oben). Allerdings spielt das Alter des Patienten eine wichtige Rolle und muss in die Bewertung des Testergebnisses mit einfließen. Neben dem Absolutwert ist auch die Anstiegsgeschwindigkeit des PSA im zeitlichen Verlauf von Bedeutung.

Bei einem PSA-Wert zwischen 2,5 und 10 ng/ml (Graubereich) kann es sinnvoll sein, zusätzlich den Anteil an freiem PSA zu bestimmen. Je geringer der Anteil an freiem PSA ist, desto wahrscheinlicher liegt ein Prostatakarzinom vor. Die im unteren Kasten angegebenen prozentualen Wahrscheinlichkeitswerte dienen lediglich der Orientierung! Als falsch positives Testergebnis wird ein PSA-Wert genannt, der die Entscheidungsgrenze überschreitet, ohne dass ein Prostatakarzinom vorliegt. Umgekehrt liegt bei einem falsch negativen Testergebnis ein Prostatakarzinom vor, ohne dass die Entscheidungsgrenze überschritten wird.

PSA im Alter

Alter (in Jahren) PSA (in ng/ml)
40–49 bis 2,5
50–59 bis 3,5
60–69 bis 4,5
70–79 bis 6,5

Interpretation der PSA-Werte

Anteil freies PSA (%) Wahrscheinlichkeit, dass ein Karzinom vorliegt (%)
0–10 56
20–25 28
10–15 20
15–20 16
> 25 8

Kostenübernahme

Bei Männern ab 45 Jahren übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen einmal jährlich eine Tastuntersuchung zur Früherkennung von Prostatakrebs. Es ist wissenschaftlich umstritten, ob PSA-Messungen zur Früherkennung von Prostatakarzinomen sinnvoll sind. Konsequenterweise handelt es sich bei einer PSA-Bestimmung ohne Krebs-Verdacht (Screening) um eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL), deren Kosten der Patient selbst übernehmen muss. Liegt nach der Tastuntersuchung allerdings der Verdacht auf Krebs vor, bezahlen die Krankenkassen die Kosten für die PSA-Bestimmung. Das gilt auch für PSA-Messungen im Rahmen der Nachsorge.

In Apotheken sind PSA-Schnelltests erhältlich, die der Patient zu Hause durchführen kann. Diese Testverfahren messen den PSA-Wert jedoch nicht so genau wie ein qualitätsgesichertes Labor. Zudem ist die Interpretation des Messergebnisses schwierig. Der Patient könnte sich unnütz sorgen beziehungsweise in falscher Sicherheit wiegen. Hier sind die ärztliche Beratung und eine weiterführende Diagnostik unersetzlich.

Im Alter wächst bei vielen Männern die Prostata gutartig (benigne Prostatahyperplasie). Damit steigt auch der PSA-Wert. Zur Beurteilung der Messergebnisse beachtet der Arzt daher altersspezifische Referenzwerte. Bei mäßig erhöhten PSA-Werten (Graubereich) kann er ergänzend das freie PSA bestimmen, um die Diagnose abzu­sichern.

Die PSA-Tests verschiedener Hersteller sind unzureichend standar­disiert. Zur Beurteilung der Anstiegsgeschwindigkeit oder Verdopplungszeit von PSA-Werten sollten die Messungen immer mit dem Test des gleichen Herstellers durchgeführt werden, um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten. /

E-Mail-Adresse des Verfassers

peter.findeisen(at)umm.de