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Neu auf dem Markt

Wirkstoff-Quartett im Mai

23.05.2013  10:41 Uhr

Von Sven Siebenand / Vier Wirkstoffe kamen im vergangenen Monat neu auf den deutschen Markt: ein Psychopharmakon, ein Mittel zum Einsatz bei bestimmten Patienten mit Reizdarm‑ syndrom, ein Leukämie-Medikament und ein erster Wirkstoff gegen eine Augenkrankheit, die schwere Sehstörungen verursachen kann.

Im Laufe des natürlichen Alterungsprozesses löst sich bei manchen älteren Menschen der Glaskörper von der Makula ab. Als lichtempfindlicher Teil im Augenhintergrund ist die Makula für die zentrale Sehschärfe zuständig. Löst sich der Glaskörper nur teilweise, kann dies die Makula mechanisch so belasten, dass durch die Zugkraft (Traktion) sogar Löcher in der Makula entstehen. Augenärzte bezeichnen diese Erkrankung als vitreomakuläre Traktion. Wird sie nicht behandelt, ist die Sehschärfe des Patienten beeinträchtigt, das zentrale Sehvermögen geht verloren und er sieht nur noch optisch verzerrt. In Europa leiden schätzungsweise 250 000 bis 300 000 Patienten an dieser Erkrankung. Die einzige derzeit in der EU verfügbare therapeutische Strategie ist die »aktive Beobachtung«, bis dem Patienten in einer sehr späten Phase der Erkrankung nur noch mit einem chirurgischen Eingriff geholfen werden kann. Dabei wird der Glaskörper operativ entfernt und die Netzhaut (Retina) wiederhergestellt.

Erstes Mittel gegen vitreomakuläre Traktion

Mit Ocriplasmin (Jetrea® 0,5 mg/0,2 ml Konzentrat zur Herstellung einer Injektionslösung, Alcon Pharma) ist Anfang Mai das erste Arzneimittel zur Behandlung der vitreomakulären Traktion auf den Markt gekommen. Ocriplasmin ist eine rekombinante Form des menschlichen Proteins Plasmin. Es wird von Hefezellen produziert, in die ein Gen eingebracht wurde, das sie zur Bildung von Ocriplasmin befähigt. Der Arzneistoff löst die Proteinfasern auf, die den übermäßigen Zug zwischen Glaskörper und Makula verursachen, sodass die Traktion nachlässt. Dies trägt dazu bei, dass sich der Glaskörper vollständig von der Makula löst.

Das verschreibungspflichte Medikament muss im Gefrierschrank bei - 20 °C (plus/minus 5 °C) gelagert werden. Als empfohlene Dosis injiziert der Augenarzt einmalig 0,125 mg unter aseptischen Bedingungen in den Glaskörper. Das andere möglicherweise ebenfalls betroffene Auge sollte erst nach Ablauf von mindestens sieben ­Tagen behandelt werden, um zunächst den Effekt des Arzneistoffs beziehungsweise eine mögliche Sehverschlechterung am behandelten Auge beobachten zu können. Er sollte den Patienten nach der Injektion bezüglich Infektionen oder erhöhtem Augeninnendruck überwachen. Prophylaktisch kann der Arzt – auch schon vor dem Eingriff – Antibiotika-haltige Augentropfen geben. Ferner muss er die Patienten bitten, sich bei möglichen Symptomen einer Entzündung oder Infektion im Auge sowie Sehbeschwerden unverzüglich bei ihm zu melden, damit er rechtzeitig gegensteuern kann.

Selbstverständlich darf Ocriplasmin nicht bei Patienten mit einer Infektion in den oder um die Augen angewendet werden, selbst wenn der Arzt diese nur vermutet. In der Fachinformation führt der Hersteller weitere Patientengruppen auf, bei denen der Wirkstoff nicht untersucht wurde und daher nicht zur Behandlung empfohlen wird. Dazu zählen zum Beispiel stark kurzsichtige Patienten, Patienten mit großen Löchern (Durchmesser > 400 µm) in der Makula oder solche Patienten, die kürzlich am Auge operiert beziehungsweise mit einem Laser behandelt wurden.

Alle im Zusammenhang mit der Ocriplasmin-Therapie gemeldeten Nebenwirkungen beziehen sich auf das Auge. Sehr häufig sahen die Patienten sogenannte fliegende Mücken. So werden kleine, oft unregelmäßige dunkle Gebilde im Sehfeld bezeichnet. Auch Augenschmerzen, Lichtblitze im Sehfeld und Bindehautblutungen traten sehr häufig auf. Die häufigsten Nebenwirkungen seien von kurzer Dauer und können als handhabbar betrachtet werden, so das Urteil der europäischen Arzneimittelagentur EMA im Hinblick auf die Sicherheit von Ocriplasmin. Das Risiko schwerwiegenderer Nebenwirkungen, wie eine nicht wiederherstellbare verminderte Sehfähigkeit oder sonstige Veränderungen der Netzhautfunktion, ist der EMA zufolge gering. Der Hersteller muss sicherstellen, dass alle Augenärzte, die das Mittel injizieren möchten, Material mit wichtigen Informationen über die Anwendung des Arzneimittels sowie Informationsmaterial für die Patienten erhalten.

Systemische Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Ocriplasmin nicht zu erwarten. Es wird empfohlen, keine anderen Arzneimittel mit geringem zeitlichem Abstand in dasselbe Auge zu verabreichen, da dies die Aktivität beider Arzneimittel beeinflussen kann.

Sekretion im Darm erhöhen

Das Reizdarmsyndrom geht mit einer veränderten Darmfunktion einher. Betroffene Patienten klagen häufig über Schmerzen oder Unwohlsein im Unterleib, Blähungen sowie über Verstopfung und Durchfall.

Mit Linaclotid (Constella® 290 µg Hartkapseln, Almirall) ist in Deutschland Anfang Mai ein verschreibungspflichtiges Medikament zur symptomatischen Behandlung des mittelschweren bis schweren Reizdarmsyndroms mit Obstipation bei Erwachsenen eingeführt worden. Den Patienten wird empfohlen, täglich eine Kapsel à 290 µg Wirkstoff mindestens eine halbe Stunde vor einer Mahlzeit einzunehmen. Laut Angabe eines Expertenausschusses der EMA profitiert nur rund die Hälfte der Patienten von der Behandlung. Bessern sich also nach vier Behandlungswochen die Symptome nicht, sollte der Arzt daher darüber nachdenken, ob er Linaclotid wieder absetzt.

Der Wirkstoff ist ein synthetisches Peptid aus 14 Aminosäuren, das an die Guanylatcyclase-C-Rezeptoren im Darm ­­­bindet. Dadurch lindert Linaclotid die Schmerzen und erhöht die Sekretion von Flüssigkeit in den Darm, wodurch der Stuhl aufgelockert und der Darm aktiver wird. Die Teilnehmer der Studien berichteten sehr häufig über meist leichten bis moderaten Durchfall. Das EMA-Gremium hält diese Nebenwirkung aber für handhabbar. Nur in sehr seltenen Fällen führt die Diarrhö zu Dehydrierung, erniedrigtem Kaliumspiegel und Abnahme des Bikarbonats im Blut, Schwindel und niedrigem Blutdruck beim Aufstehen (Orthostase). In der Fachinformation rät der Hersteller dazu, Patienten über das mögliche Auftreten von Durchfall während der Behandlung aufzuklären und ihnen zu ­raten, bei schweren oder anhaltenden Durchfällen einen Arzt aufzusuchen.

Die gleichzeitige Behandlung mit Protonenpumpenhemmern, Laxanzien oder nicht-steroidalen Antiphlogistika kann das Durchfallrisiko erhöhen. Ferner beeinträchtigt starker oder anhaltender Durchfall die Resorption anderer oral angewendeter Arzneimittel, zum Beispiel die Wirksamkeit oraler Kontrazeptiva und Levothyroxin.

Linaclotid ist kontraindiziert bei Patienten mit einer Verengung im Magen-Darm-Trakt, auch wenn diese nur vermutet wird. Da der Wirkstoff nicht bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa untersucht wurde, sollen diese ihn nicht erhalten. Aus Vorsicht wird auch von der Anwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit abgeraten.

Neue Therapieoption bei Leukämie

Der Wirkstoff Bosutinib (Bosulif® 100 und 500 mg Filmtabletten, Pfizer) erweitert seit Anfang Mai das Spektrum der Therapiemöglichkeiten bei erwachsenen Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie (CML), einer Krebserkrankung der weißen Blutkörperchen. Bosutinib wurde »unter Auflagen« als Orphan Drug zugelassen. Das bedeutet, dass der Hersteller der EMA fortlaufend weitere Informationen über das Arzneimittel liefern muss. Die EMA wird diese jährlich prüfen und gegebenenfalls neue Schritte einleiten. Bis dato gelangte ein Expertengremium der EMA aber zu dem Schluss, dass bei einer Untergruppe von Patienten der Nutzen von Bosutinib größer ist als die Risiken. Zudem wurde ein Risikomanagementplan entwickelt, sodass ­Bosutinib so sicher wie möglich angewendet wird.

Ärzte dürfen den neuen Wirkstoff nur den Patienten verordnen, die »Philadelphia-Chromosom-positiv« sind. Auf die meisten CML-Patienten trifft dies zu. Ein solches Philadelphia-­Chromosom entsteht, wenn sich Gene des Patienten umgelagert haben. Das Philadelphia-Chromosom stößt letztlich die Produktion des Enzyms Bcr-Abl-­Kinase an, das zur Entwicklung der Leukämie führt. Indem Bosutinib dieses Enzym blockiert, trägt es dazu bei, dass sich die Krebszellen nicht weiter ausbreiten. Bosutinib darf während dreier Stadien der CML angewendet werden: der »chronischen Phase«, der »akzelerierten Phase« und der »Blastenkrise«. Zugelassen ist Bosutinib jedoch nur dann, wenn die CML-Patienten bereits mit einem oder mehreren Tyrosinkinase-Inhibitoren behandelt wurden und wenn der Arzt Imatinib, Nilotinib und Dasatinib nicht als geeignete Therapiemöglichkeit sieht.

Als empfohlene Dosis nehmen Patienten einmal täglich 500 mg Wirkstoff während einer Mahlzeit ein. Der Arzt kann die Dosis auf 600 mg pro Tag erhöhen. Aufgrund von Nebenwirkungen muss er die Therapie möglicherweise für eine gewisse Zeit unterbrechen und die Dosis später auf 400 mg pro Tag ­reduzieren.

Laut Fachinformation trat fast bei allen Patienten mindestens eine Nebenwirkung auf. Sehr häufig, das heißt, mehr als 20 Prozent aller Patienten klagten über Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall, Übelkeit und Erbrechen, Bauchschmerzen, Ausschlag, ­Anämie und Fieber. Außerdem waren sehr häufig die Anzahl der Blutplättchen erniedrigt und die Leberenzymwerte erhöht.

Patienten mit Leberfunktionsstörung dürfen das Arzneimittel nicht erhalten. Vor Therapiebeginn und später in regelmäßigen Abständen sollte der Arzt die Leberfunktion seiner Patienten testen. Auch das komplette Blutbild sollte er anfangs wöchentlich, später monatlich oder in Abständen seines Ermessens überprüfen. Bei Patienten mit einer erheblichen Herzerkrankung ist Vorsicht geboten, wenn Bosutinib zum Einsatz kommen soll. Gleiches gilt für Patienten mit einer klinisch relevanten Erkrankung des Gastrointestinaltrakts.

Auch in Sachen Wechselwirkungen gibt es einiges zu beachten. Bosutinib sollte nicht zusammen mit CYP3A-Inhibitoren eingenommen werden, da dadurch die Plasmakonzentration von Bosutinib ansteigt. Nach Möglichkeit sollte der Arzt dem Patienten ein alternatives Arzneimittel ohne oder mit minimalem CYP3A-Hemmpotenzial verordnen. Ist die Einnahme eines CYP3A-Inhibitors während der Bosutinib-­Behandlung unverzichtbar, sollte der Arzt erwägen, die Bosutinib-Behandlung zu unterbrechen oder die Dosis des Tyrosinkinase-Hemmers zu reduzieren. Andersherum sollte Bosutinib auch nicht gleichzeitig mit CYP3A-Induktoren eingenommen werden, da dadurch die Plasmakonzentration von Bosutinib sinkt.

Darüber hinaus kann Bosutinib den Metabolismus anderer Medikamente beeinflussen. Auf Grundlage einer Studie wird davon ausgegangen, dass der neue Wirkstoff möglicherweise die Plasmakonzentration von Arzneimitteln erhöht, die Substrate von P-Glykoproteinen (P-gp) sind, zum Beispiel ­Digoxin, Tacrolimus, Immunsuppressiva oder HIV-Medikamente. Last but not least ist bei Patienten Vorsicht geboten, deren QT-Zeit verlängert ist oder zukünftig verlängert sein könnte, einschließlich der Patienten, die Antiarrhythmika wie Amiodaron, Procainamid und Sotalol einnehmen, weil diese ­Arzneistoffe die QT-Zeit verlängern können.

Frauen im gebärfähigen Alter sollten zuverlässig verhüten, um nicht während der Behandlung mit Bosutinib schwanger zu werden. Schwangere sollten kein Bosutinib einnehmen und Mütter während der Behandlung mit Bosutinib das Stillen unterbrechen.

Mittel gegen Schizophrenie

Bis zu acht Millionen Erwachsene leiden schätzungsweise in der EU an ­Schizophrenie oder einer bipolaren Störung, also einer psychischen Erkrankung, bei denen sich Phasen des Hochgefühls und Depressionen abwechseln. Agitation, also eine krankhafte Unruhe, ist als Symptom bei beiden Erkrankungen verbreitet.

Mitte Mai kam erstmals ein Medikament zur schnellen Beherrschung leichter bis mittelschwerer Agitation auf den deutschen Markt, das nicht injiziert werden muss: Loxapin (Adasuve® einzeldosiertes Pulver zur Inhalation, Trommsdorff Arzneimittel). Die Patienten dürfen das verschreibungspflichtige Präparat nur im Krankenhaus und unter Aufsicht von medizinischem Fachpersonal inhalieren. Wegen des ­Risikos eines Bronchospasmus muss immer ein kurzwirksames Betasympathomimetikum, etwa Salbutamol, zur Hand sein, um die Atemwege gegebenenfalls wieder weitzustellen. Die EMA kam zu dem Schluss, dass Loxapin leichte bis mittelschwere Agitiertheit bei Patienten mit Schizophrenie oder bipolarer Störung, die sich in Bezug auf die Anwendung eines Inhalators kooperativ zeigen, innerhalb von Minuten kontrolliert.

Als Anfangsdosis muss der Patient 9,1 mg Wirkstoff inhalieren. Sofern der Arzt dies für erforderlich hält, kann nach zwei Stunden eine zweite Dosis von 9,1 mg folgen. Patienten, die die 9,1-mg-Dosis nicht vertragen, kann der Arzt auch 4,5 mg verordnen. Bronchospasmen traten üblicherweise innerhalb von 25 Minuten nach der Inhalation auf. Sicherheitshalber sollten alle Patienten nach jeder Anwendung eine Stunde lang auf Zeichen einer Kurz­atmigkeit überwacht werden. Ferner sollten sie nach Beherrschung der akuten Agitationssymptome ihre Standardtherapie weiter erhalten. Wichtig: Das Arzneimittel muss in seiner Verpackung, einem versiegelten Beutel, bis unmittelbar vor der Anwendung bleiben, um es vor Licht und Feuchtigkeit zu schützen.

Loxapin hemmt hauptsächlich ­Dopamin-2-Rezeptoren und Serotonin-Rezeptoren vom Typ 5-HT2A. Da die beiden Neurotransmitter an der Agitiertheit der Patienten beteiligt sind, hilft der neue Wirkstoff, die Gehirn­aktivität zu normalisieren und dadurch die Agitiertheit des Patinenten zu reduzieren. Dass Loxapin zudem an noradrenerge, histaminerge und cholinerge Rezeptoren bindet, kann für die Wirkung ebenfalls eine Rolle spielen.

Sehr häufig kam es unter Loxapin-Therapie zu Geschmacksstörungen, Schwindel sowie Sedierung oder Schläfrigkeit (Somnolenz). Die bereits erwähnten Bronchospasmen traten bei Patienten mit Atemwegserkrankungen häufiger auf. Bei kurzatmigen Patienten oder Asthmatikern sowie Patienten mit chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) ist Loxapin kontra­indiziert.

Kontraindikationen

Außerdem sollen Patienten mit bekannten kardiovaskulären oder zere­brovaskulären Erkrankungen sowie ­Beschwerden, die Hypotonie begünstigen, den neuen Wirkstoff nicht inhalieren. Vorsicht ist angebracht, wenn Patienten mit konvulsiven Störungen Lox­apin erhalten sollen, da es die Anfallsschwelle herabsetzt. Das gilt insbesondere für Kombinationen mit anderen Arzneimitteln, die ihrerseits die Anfallsschwelle erniedrigen wie viele Neuroleptika, Antidepressiva und Tramadol.

Aufgrund seiner anticholinergen Wirkung ist bei Patienten mit Glaukom oder Tendenz zur Harnverhaltung Vorsicht geboten, insbesondere bei gleichzeitiger Gabe eines anticholinergen Arzneimittels gegen Morbus Parkinson. In der Fachinformation weist der Hersteller ferner darauf hin, dass Patienten, die zusätzlich ein Benzodiazepin einnehmen, auf übermäßige Sedierung und orthostatische Hypotonie überwacht werden sollten.

Schwangere dürfen das Psychopharmakon nur dann anwenden, wenn der potenzielle Nutzen das mögliche Risiko für den Fetus rechtfertigt. Mütter sollten bis 48 Stunden nach der Inhalation von Loxapin nicht stillen und die zwischenzeitlich produzierte Milch verwerfen. /

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