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Racecadotril ohne Rezept

Zuwachs bei den Antidiarrhoika

23.05.2013  17:02 Uhr

Von Elke Wolf, Ingelheim / Neu und doch nicht neu: Zwar ist ­Racecadotril seit 2004 als verschreibungspflichtige Substanz ­gegen akute Durchfallerkrankungen auf dem deutschen Markt. Doch hat es an Bedeutung eingebüßt, nachdem alle Antidiarrhoika ihre Erstattungsfähigkeit verloren hatten. Jetzt ist Racecadotril aus der Verschreibungspflicht entlassen worden und kommt voraussichtlich im Juni als Vaprino® in die Apotheken.

Als erste therapeutische Maßnahme bei akuten Durchfallerkrankungen gilt die Rehydratation mit oralen Glucose-Elektrolyt-Lösungen. Diese beheben zwar Flüssigkeits- und Mineralienverluste, doch sie haben keinen Einfluss auf die Krankheitsdauer. Zur symptomatischen Therapie bieten sich entweder lokal im Darm wirkende Substanzen wie Quellstoffe, Probiotika und Adstringenzien an oder systemisch verfügbare Arzneistoffe. Aus dieser Gruppe war der Motilitätshemmer Loperamid bislang der einzige Wirkstoff für die Selbstmedikation.

Doch die Palette möglicher Therapieoptionen erhielt Zuwachs. »Der sogenannte Enkephalinasehemmer Racecadotril wurde im März aus der Verschreibungspflicht entlassen und wird ab Juni als Vaprino® in den Apotheken erhältlich sein«, informierte Professor Dr. Wolfgang Fischbach, Ärztlicher Direktor am Klinikum Aschaffenburg, bei der Einführungspressekonferenz. »Racecadotril ist ein gut verträglicher Arzneistoff, der eine akute Diarrhö wirksam behandelt und als Zusatztherapie zu oralen Rehydratationsmaßnahmen eingesetzt werden kann.« Zusätzlich ist Racecadotril in Granulatform für Kinder ab drei Monaten zugelassen, ist dann aber verschreibungspflichtig. Trotz eines komplett anderen Wirkmechanismus sei Racecadotril ebenso effektiv wie Loperamid, und sogar besser verträglich. Im Gegensatz zu Loperamid beeinflusse es weder Darmmotilität noch -peristaltik.

Hemmer der Hypersekretion

Racecadotril ist ein Prodrug, das nach peroraler Einnahme rasch resorbiert und zu Thiorphan als wirksamen Metaboliten umgesetzt wird. Die Substanz wirkt im Darm nur antisekretorisch und beeinflusst die übermäßige Abgabe von Wasser und Elektrolyten in den Darm. Racecadotril erzielt seine Wirkung, indem es ein spezielles Enzym, die Enkephalinase, hemmt. Diese baut physiologisch Eiweiße wie Enkephaline ab. Enkephaline sind endogene Opioide, die im Gastrointestinaltrakt die Sekretion von Wasser und Elektrolyten hemmen.

Indem der Arzneistoff das abbauende Enzym spezifisch hemmt, wirkt er antisekretorisch. »Die übermäßige Flüssigkeitsausscheidung in den Darm wird also reduziert, doch ohne die Basalsekretion zu beeinflussen. Das Risiko einer Dehydratation wird vermindert«, erklärte Fischbach. Die Hemmung der Enkephalinase tritt etwa eine halbe Stunde nach Einnahme des Medikamentes ein und hält rund acht Stunden an.

Die Hemmung der Hypersekretion hat folgenden klinischen Effekt: Stuhlvolumen und Durchfalldauer werden durch Racecadotril signifikant verringert. Die Hälfte der in Studien mit Racecadotril behandelten Patienten erholte sich innerhalb von zehn Stunden nach Beginn der Behandlung, 80 Prozent innerhalb von 24 Stunden. Im Gegensatz dazu litten von den Placebo-Patienten etwa die Hälfte noch am zweiten Tag unter Durchfällen. Erwachsene beginnen die Behandlung mit einer Hartkapsel à 100 Milligramm Wirkstoff unabhängig von der Tageszeit und nehmen danach dreimal täglich je eine ein, wenn möglich vor einer festen Mahlzeit. Niemand sollte Durchfall in Eigenregie länger als drei Tage behandeln.

»Die Wirksamkeit von Racecadotril scheint unabhängig vom Krankheitserreger zu sein, wie Vergleiche zwischen dem Effekt bei Rotavirus-bedingter und sonstiger akuter Diarrhö zeigen. Bei Cholera-induziertem Durchfall ist die Substanz allerdings nicht wirksam«, teilte Fischbach mit.

Keine verlängerte Transitzeit

»Racecadotril ist vergleichbar effektiv wie Loperamid«, zog Fischbach das Fazit aus verschiedenen Studien. So lag der Behandlungserfolg beider Substanzen in einer Vergleichsstudie aus dem Jahr 2002 mit etwa 500 Patienten bei 92 Prozent. Doch während der Enkephalinasehemmer die Hypersekretion hemmt, wirkt Loperamid an peripheren Opiodrezeptoren in der Darmwand. Das erhöht den Tonus im Darm, vermindert die propulsive Peristaltik und reduziert die Stuhlentleerungsfrequenz. Weil der Stuhl länger im Darm verbleibt, werden Wasser- und Elektrolytresorption verbessert. Durch die motilitätshemmende Wirkung auf den Darm ist die Gefahr einer verringerten Toxinausscheidung etwa nach einer Infektion mit Salmonellen, Shigellen, Yersinien oder Campylobakter denkbar. Dazu Fischbach: »Der Krankheitsverlauf könnte protrahiert werden, und weil Krankheitserreger nicht ausgeschieden werden, könnte sich die Infektion ausbreiten.«

Racecadotril verändert dagegen die Darmtransitgeschwindigkeit nicht, wie Studien an Tieren und Menschen zeigen. »Außerdem tritt die nach Loperamid-Gabe gehäuft beobachtete Obstipation unter Racecadotril seltener auf. Und: Racecadotril zeigt keine Interaktionen mit anderen Arzneimitteln und eignet sich daher besonders für ältere Patienten mit Begleitmedikation. Dokumentierte Nebenwirkungen liegen auf Placeboniveau.« /

Grenzen der Selbstmedikation

Die häufigste Ursache akuter Durchfallerkrankungen, über 90 Prozent der Fälle, ist eine Infektion durch Viren oder Bakterien. Mehrere Kriterien sprechen gegen eine Selbstmedikation bei Diarrhö. Dann sollten PTA oder Apotheker auf jeden Fall zum Arztbesuch raten und Arzneimittel allenfalls in kleiner Menge zur Überbrückung abgeben.

Keine Selbstmedikation bei:

  • Durchfall, der länger als zwei bis drei Tage anhält
  • Symptomwechsel zwischen Diarrhö und Obstipation
  • Fieber
  • Schleimig-blutige Durchfällen
  • Durchfall nach einem Auslandsaufenthalt, der schon mehrere Wochen zurückliegen kann
  • Patienten mit Dehydratationszeichen. Zu erkennen an spärlichem, dunklem Urin und trockenen Schleimhäuten
  • Durchfall im nahen zeitlichen Zusammenhang mit einer Antibiotikaeinnahme

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