PTA-Forum online
Migräne

Bewährte Arzneistoffe

26.05.2014  16:25 Uhr

Von Ulrike Viegener / Migräne ist nicht gleich Migräne. Deshalb sollten Betroffene zur genaueren Abklärung einen Arzt zu konsultieren, bevor sie ihre Beschwerden selbst behandeln. Hat der Arzt Migräne eindeutig diagnostiziert, stehen zur Selbstmedikation verschiedene Arzneimittel zur Auswahl. Welche Empfehlung sprechen die Autoren der entsprechenden Leitlinie aus?

Die meisten Menschen behandeln ihre Kopfschmerzen selbst. Das gilt auch für Migräne. Trotz wiederholter Migräneattacken haben rund 40 Prozent der Betroffenen deswegen noch nie einen Arzt konsultiert – das hat eine repräsentative Befragung von 5000 Migränepatienten ergeben. Außerdem zeigte sich, dass viele Patienten nur sehr wenig über die Ursachen der Migräne und die Möglichkeiten der Behandlung wissen. Manche hatten sogar völlig falsche Vorstellungen. Bei der Auswahl eines Medikamentes in der Selbstmedikation folgen nur 7 Prozent der Patienten dem Rat eines Arztes, 18 Prozent lassen sich immerhin in der Apotheke beraten. Die weitaus meisten Patienten jedoch richten sich nach Empfehlungen von Familie, Freunden und Bekannten. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sie freiverkäufliche Medikamente häufig zu niedrig oder zu hoch dosieren. Die Ergebnisse der Befragung belegen nachdrücklich, welche wichtige Aufgabe PTA und Apotheker bei der Beratung von Migräne-Patienten zukommt.

Migräne oder Spannungskopfschmerz

Machen die Kopfschmerzen den Betroffenen regelmäßig zu schaffen, sollten sie einen Arzt aufsuchen, damit dieser die Ursachen differentialdiagnostisch abklärt. Einerseits muss er schwere organische Ursachen wie Hirntumore ausschließen, andererseits durch befragen der Patienten herausfinden, ob es sich bei den Beschwerden tatsächlich um Migräne oder Spannungskopfschmerzen handelt. Rund 90 Prozent aller Menschen mit Kopfschmerzen leiden an einem dieser beiden Kopfschmerztypen oder einer Mischform.

Typisch für Migräne ist der meist einseitige und allmählich zunehmende Kopfschmerz. Oft hält dieser über Stunden, manchmal Tage an und wird von Übelkeit und Erbrechen begleitet. Die meisten Patienten reagieren während dieser Zeit überempfindlich gegenüber Licht und Geräuschen und ziehen sich daher in einen abgedunkelten, ruhigen Raum zurück. Die Migräne mit Aura ist charakterisiert durch zusätz­liche neurologische Symptome wie Seh-, Sprach- und Empfindungsstörungen sowie Lähmungserscheinungen. Ein Migräneanfall mit Aura kündigt sich häufig mit dem sogenannten Flimmerskotom an. Dann flimmert es den Patienten plötzlich vor den Augen und sie sehen Blitze. Nicht immer tritt das Flimmerskotom im Vorfeld auf, manchmal auch während der Aura- beziehungsweise Kopfschmerzphase.

Die Ursachen der Migräne sind trotz intensiver Forschung noch nicht geklärt. Viele Hypothesen haben sich als Irrtum erwiesen, beispielsweise die lange favorisierte Hypothese, der Migräne­schmerz beruhe auf einer Mangeldurchblutung des Gehirns. Zwar ist korrekt, dass sich die Gefäße engstellen und dadurch schlechter durchblutet werden, doch nach aktuellem Verständnis ist dieses Phänomen eine Begleiterscheinung und nicht die Wurzel des Übels.

Serotonin spielt Schlüsselrolle

Derzeitig erklären Wissenschaftler die Pathogenese der Migräne folgendermaßen: Durch eine genetische Disposition stehen Migränepatienten ständig unter Hochspannung. Stress oder hormonelle Einflüsse können dann leicht eine Attacke auslösen: Das Gehirn wird mit erregenden Neurotransmittern überschwemmt, wobei Serotonin vermutlich eine Schlüsselrolle spielt.

Die erhöhte Konzentration an Nervenbotenstoffen bewirkt nach einiger Zeit im Gehirn eine Dämpfung von Nervenzellen, auch »Spreading Depres­sion« genannt. Zunächst jedoch werden die Nervenzellen exzessiv erregt und feuern Signale ab. Anschließend verfallen sie in einen Zustand der Lethargie. Diese neuronale Störung geht mit einer Minderdurchblutung einher, breitet sich rasch aus und ist für die Aura­symptome verantwortlich.

Ärzte bezeichnen die Einflüsse, die bei entsprechender genetischer Veranlagung einen Migräneanfall auslösen, als Triggerfaktoren. Generelle Triggerfaktoren zu benennen, ist schwierig. Viele Menschen mit Migräne reagieren empfindlich, wenn sich ihr Schlaf-Wach-Rhythmus beziehungsweise ihr Tagesablauf ändert. Das ist auch der Grund, warum die Attacken häufiger in Zeiten der Entspannung auftreten. Sonntagsmigräne lautet das Stichwort. Als Trigger kommen auch Nahrungsmittel wie Käse, Schokolade, scharfe Gewürze und Rotwein in Frage.

Triggerfaktoren möglichst ausschalten

Leidet der Patient unter häufigen Migräne-Attacken, sollte er ein Migräne­tagebuch führen. Vor allem, um seine persönlichen Triggerfaktoren auszumachen, muss er seinen Tagesablauf möglichst genau festhalten, ebenso wie Schwere, Dauer und Lokalisation der Kopfschmerzen und die Begleitsymptome. Anhand dieser Aufzeichnungen kann der Arzt gemeinsam mit dem Patienten über das therapeutische und eventuell prophylaktische Vorgehen entscheiden. Möglicherweise hilft es bereits, die erkannten Triggerfaktoren zu vermeiden. In jedem Fall sollten die Möglichkeiten der nicht-medikamentösen Migräneprophylaxe ausgeschöpft werden, zu denen die kognitive Verhaltenstherapie und Entspannungstechniken zählen. Bei manchen Patienten erzielte auch die Akupunktur gute Erfolge.

Leitlinie zur Selbstmedikation

Bei ihren Empfehlungen sollten sich PTA und Apotheker an den Leitlinien zur »Selbstmedikation bei Migräne und beim Kopfschmerz vom Spannungstyp« orientieren, die die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und den Fachgesellschaften in Österreich und der Schweiz herausgegeben hat. Die Leitlinien basieren auf den Ergebnissen von insgesamt 59 kontrollierten klinischen Studien.

Gegen die Beschwerden einer akuten Attacke empfehlen die Experten eine fixe Kombination aus Acetylsalicylsäure (250 bis 265 mg), Paracetamol (200 bis 265 mg) und Coffein (50 bis 65 mg) oder eine Monotherapie mit Acetylsalicylsäure (900 bis 1000 mg), Ibuprofen (400 mg), Naratriptan (2,5 mg), Paracetamol (1000 mg ) oder Phenazon (1000 mg). Mit Ausnahme des Triptans wirken die genannten Medi­ka­mente ausschließlich analgetisch, sodass für die Begleitsymptome der Migräne eventuell weitere Arzneimittel erforderlich sind, zum Beispiel Domperidon zur Bekämpfung der Übelkeit.

Für die Wirksamkeit der alleinigen Kombination von ASS und Paracetamol ohne Coffein, ASS plus Vitamin C, für Phenazon-haltige Kombinationen sowie für den Wirkstoff Naproxen sehen die Kopfschmerzexperten keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz.

Das Wichtigste in Kürze

  • Migränepatienten sollten die Grenzen der Selbstmedikation kennen und bei wiederholten Migräneattacken einen Arzt aufsuchen.
  • PTA oder Apotheker sollten die Patienten bei der Abgabe eines freiverkäuflichen Medikamentes gegen Migräne über die richtige Dosierung informieren.
  • Das Führen eines Migränetagebuchs kann dem Patienten helfen, seine persönlichen Triggerfaktoren herauszufinden und diese gezielt zu vermeiden.
  • Migränepatienten sollten den Unterschied zwischen Akutbehandlung und Prophylaxe kennen.
  • Die Patienten müssen ausführlich über das Risiko Analgetika-induzierter Dauerschmerzen bei unsach­gemäßer Anwendung der Medikamente informiert werden.

Lange Tradition, aber keine Evidenz

Auf der Basis der vorliegenden Studien fehle ebenfalls der Wirksamkeitsnachweis für Pestwurz-Extrakte (Petasites hybridus) zur Migräneprophylaxe, heißt es in den Leitlinien zur Selbst­medikation weiter. In punkto Magne­sium gebe es begründete Hinweise auf eine prophylaktische Wirksamkeit, auch wenn der Nachweis nicht streng wissenschaftlich erbracht sei. Für Coenzym Q10 und Riboflavin (Vitamin B2) stufen die Experten die vorliegenden Daten zumindest als so interessant ein, dass ihnen eine Überprüfung unter kontrollierten Bedingungen gerechtfertigt erscheint.

Regeln beim Einsatz von Triptanen

Naratriptan wurde im Jahr 2006 in einer Einzeldosis von 2,5 mg als erstes Triptan aus der Rezeptpflicht entlassen. Im Unterschied zu den klassischen Analgetika greifen Triptane als selektive Serotonin-Agonisten gezielt in das pathologische Geschehen der Migräne­attacke ein. Sie lindern nicht nur den Kopfschmerz, sondern auch typische Begleitsymptome wie Übelkeit und Erbrechen sowie Lärm- und Lichtempfindlichkeit.

Für die Einnahme der Triptane gelten einige wichtige Regeln: Die Patienten sollten das Triptan nicht in der Auraphase einnehmen, sondern erst zu Beginn der Kopfschmerzphase, dann aber möglichst früh. Ein Triptan darf in der Selbstmedikation nur eingesetzt werden, wenn ein Arzt die Migräne sicher diagnostiziert hat. Kontraindiziert sind Triptane für Menschen mit koronaren oder zerebralen Durchblutungsstörungen. Außerdem sollte der Patient wissen, dass er das Triptan nicht mit einem Ergotamin kombinieren darf, da sich die gefäßverengenden Effekte unter Umständen gefährlich addieren. Klingt die Wirkung des Triptans ab und kehrt der Kopfschmerz wieder, darf der Patient pro Tag nur eine Folgedosis einnehmen. Lindert das Triptan seine Beschwerden nicht ausreichend, muss er die Therapie ändern. Möglicherweise wird ihm sein Arzt dann eine Kombinationstherapie empfehlen. Für die Einnahme von Triptanen gelten dieselben Grundsätze wie für die Kopfschmerzbehandlung generell: Unabhängig von der Dosis sollte der Patient das Triptan nicht öfter als zehn Tage im Monat anwenden und nicht länger als drei Tage hintereinander. Sonst besteht die Gefahr, dass sich ein durch Medikamente induzierter Dauerkopfschmerz entwickelt.

Das Risiko des übermäßigen Medikamentengebrauchs ist bei der Selbst­medikation der Migräne generell ein Problem und zwar unabhängig davon, ob der Patient ein Mono- oder Kombinationspräparat einnimmt, warnen die Autoren der Leitlinie.

Homöopathie mit Cyclamen und Iris

Die klassischen Mittel der Homöopathie bei Migräne sind Iris, Cyclamen, Sanguinaria und Glonium. Das Komplexpräparat Antimegren®SL, das als Tabletten oder Tropfen angeboten wird, ist eine Kombination dieser vier Komponenten und bei Migräne breit einsetzbar. Monopräparate setzen Homöopathen differenziert ein, nach der Migräneform und der Situation des Patienten. Cyclamen wählen sie für Patienten mit klopfenden, pulsierenden Kopfschmerzen mit Augenflimmern sowie bei menstruations-assoziierter Migräne.

Schließlich sind einige alte Hausmittel bei leichteren Migräneformen durchaus einen Versuch wert. Die westliche Erfahrungsmedizin empfiehlt, zur schnellen Schmerzlinderung ein Stück Ingwerwurzel zu kauen. Um die Beschwerden langfristig abzumildern, sollen Migränepatienten Ingwerwurzel reiben, in Wasser oder Fruchtsaft einrühren oder als Tee aufbrühen und möglichst täglich trinken. Speziell bei witterungsbedingter Migräne soll Schafgarbentee sowohl akut als auch prophylaktisch helfen.

Die traditionelle chinesische Medizin setzt zur Behandlung der Migräne ebenfalls eine Reihe von Heilkräutern ein. Im akuten Anfall empfiehlt sie beispielsweise einen Tee mit hochdosierten Chrysanthemenblüten und Bocksdornfrüchten. /