PTA-Forum online
Arzneimittel

Selbstmedikation entlastet Kassen deutlich

26.05.2014  16:25 Uhr

Von Daniel Rücker / Wenn es um Arzneimittel geht, dann stehen deren Preise schnell im Mittelpunkt der Diskussion. Nur wenige Gesundheitsexperten bedenken, dass Arzneimittel auch Ausgaben überflüssig machen können. Das gilt vor allem für die nicht-verschreibungspflichtigen Medikamente.

»Apotheken sparen dem Gesundheitswesen mit ihrem OTC-Angebot viel Geld« sagte der Gesundheitsökonom Professor Uwe May beim Wirtschaftsforum des Deutschen Apothekerverbandes (DAV) am 7. und 8. Mai in Berlin. In Berlin rechnete May vor, dass der Einsatz von nicht-verschreibungspflich­tigen Arzneimitteln die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) um etwa 4,5 Milliarden Euro pro Jahr entlastet.

Ein wesentlicher Teil der Einsparungen entsteht, weil Patienten bei einer kleineren Gesundheitsstörung nicht direkt zum Arzt gehen, sich nicht krank schreiben lassen und der Arzt ihnen kein teures Arzneimittel verordnet. »Vom Patienten selbst gekaufte Arzneimittel reduzieren die Zahl der Arztbesuche«, so May. Wenn nur 10 Prozent der Patienten bei leichten Beschwerden statt zum Arzt in die Apotheke gehen, dann bleiben in jeder Praxis zwei Stunden pro Tag mehr Zeit für andere Patienten. Auch die Patienten verlieren weniger Zeit, wenn sie in eine Apotheke gehen, anstatt sich ins Wartezimmer eines Allgemeinmediziners zu setzen. Tun sie dies in ihrer Freizeit, kostet es die GKV natürlich nichts.

Mehrfach gespart

Geht ein Kranker aber in seiner Arbeitszeit zum Arzt, dann verursacht der damit verbundene Arbeitsausfall Kosten beim Arbeitgeber. Die Zeitdifferenz zwischen einem Arzt- und einem Apothekenbesuch ist ziemlich groß: Gerade einmal 22 Minuten benötige ein Kranker im Durchschnitt, um in die Apotheke zu fahren, sich dort beraten zu lassen und ein passendes OTC-Arzneimittel zu kaufen. Ein Arztbesuch dauert dagegen inklusive Anfahrt rund 75 Minuten, hat May ausgerechnet. Für May steht der wirtschaftliche Nutzen der Selbstmedikation deshalb außer Frage: »Jeder ausgegebene Euro für ein OTC-Medikament entlastet das System um 4,50 Euro.«

Wie May sagte, beeinflussen PTA und Apotheker diese Einsparungen erheblich. Apotheken förderten und veranlassten Selbstmedikation, weil sie einen niedrigschwelligen Zugang zu OTC-Arzneimitteln darstellten. Sie erhöhten damit die Bereitschaft der Pa­tienten, sich bei Befindlichkeitsstö­rungen selbst zu behandeln. Durch die Beratung optimierten PTA und Apotheker den therapeutischen Nutzen der Selbstbehandlung, sie machten den Therapieerfolg wahrscheinlicher und helfen, so der Gesundheitsökonom, Risiken und Nebenwirkungen zu vermeiden. Damit erhöhten sie sowohl die Effizienz als auch die Wirtschaftlichkeit der Therapie.

Die Einsparungen durch die apothekengestützte Selbstmedikation in Höhe von 4,5 Milliarden Euro pro Jahr sind mehr, als die Gesetzliche Krankenversicherung allen Apotheken in Deutschland zusammen als Honorar zugesteht. May kann diese Summe nachvollziehbar erklären: »Der OTC-Markt in Deutschland hat ein Volumen von 5 Milliarden Euro pro Jahr. Wenn wir davon ausgehen, dass Apotheken 20 Prozent dieses Umsatzes induziert haben, dann wären dies 1 Milliarde Euro.« Stimmt die Erkenntnis, dass jeder für Selbstmedikation ausgegebene Euro 4,50 Euro spart, dann ergibt das die Summe von 4,5 Milliarden Euro. Dies sei ein erheblicher gesundheitsökonomischer Nutzen, sagte May. Sein Fazit: »Die Apotheke ist allemal das wert, was sie im System kostet.«

Schnelle Hilfe

Selbstverständlich geht es May nicht darum, kranke Menschen von einem Arztbesuch abzuhalten. Bei unklaren oder starken Beschwerden, müsse ein Kranker unbedingt einen Arzt aufsuchen. Handelt es sich jedoch um eine womöglich schon bekannte Befindlichkeitsstörung, dann könne die Beratung von PTA oder Apotheker zum OTC-Arzneimittel den Arztbesuch durchaus ersetzen. Oft sei dies auch im Sinne des Patienten, weil ihm in der Apotheke schnell und zuverlässig geholfen wird.

Nun ist es natürlich nicht so, dass Apotheken völlig selbstlos oder nur mit Blick auf den gesamtwirtschaftlichen Nutzen ihre Patienten mit nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimitteln versorgen. Im Gegenteil: Die Apotheken profitieren von den rezeptfreien Medikamenten laut May ganz erheblich. Wahrscheinlich sogar stärker als sie selbst vermuten. Nach Mays Untersuchung haben nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel einen ganz erheblichen Nutzen für die Apotheken. Dieser gehe deutlich über ihren Anteil von 20 Prozent am Gesamtumsatz mit Arzneimitteln hinaus. OTC-Arzneimittel trügen ganz erheblich zur Kundenfrequenz in einer Apotheke bei. Der Kauf eines OTC-Arzneimittels sei häufig der Auslöser, eine Apotheke aufzusuchen.

Bei der Anzahl der verkauften Arzneimittel liegen Selbstmedikationsmedikamente derzeit schon gleichauf mit rezeptpflichtigen Medikamenten. Fast jedes zweite Medikament sucht der Patienten selbst aus oder es wird ihm vom Arzt empfohlen. Fast zwei Drittel aller Patienten und Kunden kommen in die Apotheke, weil sie ein nicht-­verschreibungspflichtiges Arzneimittel kaufen wollen.

Gleichzeitig profitieren OTC-Arzneimittel aber auch erheblich vom guten Image der Apotheken. Diese gelten bei den Patienten als deutlich wirksamer und qualitativ hochwertiger als Drogerie-Arzneimittel – sie sind es auch. Für den Ökonomen steht deshalb fest: »Die Apotheke braucht die Selbstmedika­tion und die Selbstmedikation braucht die Apotheke.« /