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Vergiftungen

Sofortige Hilfe ist gefragt

26.05.2014  16:25 Uhr

Von Michael van den Heuvel / Vor allem Kleinkinder vergiften sich mit Chemikalien oder Giftpflanzen, aber auch mit Medikamenten. Manche Senioren sind gefährdet, unbeabsichtigt ein Arzneimittel überzudosieren. Im Notfall können PTA und Apotheker entscheidende Hinweise geben.

Eine Patientin mit Herzinsuffizienz leidet plötzlich an Übelkeit und ihr Puls ist stark verlangsamt. Daher sucht sie in ihrer Apotheke Rat. In der Kundenkarte sieht die PTA, dass der Kardiologe der älteren Frau vor Kurzem herzwirksame Glykoside verschrieben hat. Nun hat sie einen Anhaltspunkt für die Symptome, denn aufgrund der geringen therapeutischen Breite treten bei Digoxin und Digitoxin relativ schnell Überdosierungen und damit Vergiftungserscheinungen auf. 

Gerade ältere Patienten vergessen leicht, dass sie ihr Arzneimittel bereits eingenommen haben. Da bei der Seniorin in der Apotheke plötzlich auch Halluzinationen auftreten, verständigt das Apothekenteam einen Notarzt. Aufgrund der Hinweise bestätigt der Arzt den Verdacht einer Digitalisvergiftung und weist die Patientin in die Klinik ein. Dort erhält sie ein spezielles Antidot: Fab-Antikörperfragmente binden Digoxin beziehungsweise Digitoxin und heben so die Wirkung auf.

Riskante Kardiologie

Die Vergiftung mit Herzglykosiden ist keine Seltenheit. Das gilt auch für andere von Kardiologen verordnete Arzneimittel. Neben versehentlichen Über­dosierungen schlucken manche Erwachsene die Medikamente, um sich das Leben zu nehmen. Je nach Aussehen und Farbe der Tabletten oder Dragees verwechseln Kinder diese mit Süßigkeiten oder nehmen sie aus purer Neugier ein. Dazu einige Beispiele für Vergiftungssymptome und ihre Behandlung: Betablocker verringern die Herzfrequenz und führen zu Bradykardien, Herzrhythmusstörungen, bei der die Herzfrequenz unter 60 Schlägen pro Minute abfällt. In schweren Fällen verabreicht der Notarzt zunächst Atropin, um den Kreislauf zu unterstützen beziehungsweise zu stabilisieren eventuell noch zusätzlich Adrenalin, Noradrenalin oder Dopamin. Das Gefährdungspotenzial von Calciumantagonisten ist vergleichbar. Neben der symptomabhängigen Notfallmedikation geben Ärzte dann Calciumgluconat als Antidot, damit mehr Calcium in die Herzmuskelzellen einströmen kann.

Gefahren im Haushalt

Neben Arzneimitteln lauern in vielen Wohnungen noch weitere Gefahrenquellen, insbesondere für kleine Kinder. So werden beispielsweise dem Gift­informationszentrum-Nord Vergiftungen vor allem bei kleinen Kindern bis zu 8 Jahren gemeldet. Mit 43 Prozent stehen Chemikalien an der Spitze der Negativ-Rangliste. Je wärmer die Abende, umso mehr Familien grillen im Garten, auf der Terrasse oder dem Balkon. Bei einbrechender Dunkelheit sorgen Öllampen durch ihr warmes Licht für eine besondere Atmosphäre. Doch die Kohlenwasserstoffgemische in Grill­anzündern oder Lampenölen bergen Gefahren für kleine Kinder. Schön eingefärbte Lampenöle verwechselten Kinder oft mit einem Erfrischungsgetränk. Seit dem Verbot gefärbter und parfümierter Lampenöle in der EU im Jahr 2000 wurden die sogenannten Sicherheitslampenöle auf Kokosöl- oder Rapsöl-Basis entwickelt. Dennoch kommt es in Deutschland immer wieder zu Vergiftungsfällen. Allein im Jahr 2006 ergab eine Auswertung des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) noch etwa 70, zum Teil schwere Vergiftungen von Kleinkindern mit Lampenöl. Laut Experten verursachen bereits 0,3 ml pro Kilogramm Körpergewicht – das sind bei einem 14 Kilogramm schweren Kind 4,2 ml – schwere Lungenschäden. Das Öl verursacht zunächst starken Hustenreiz und später eine chemisch induzierte Lungenentzündung. Toxikologen warnen eindringlich davor, in einem solchen Fall Erbrechen auszulösen, denn das erhöht die Gefahr, dass das Kind das Öl erneut aspiriert. Grundsätzlich müssen die Eltern so schnell wie möglich den Notarzt rufen und je nach Situation mit einem Giftinformationszentrum Kontakt aufnehmen. Der Arzt wählt die Behandlungsmethode je nach vorherrschender Symptomatik. Ein Tipp für Eltern: Auch die nicht gefärbten Lampenöle bergen Gefahren. Lampen und Nachfüllbehälter sollten immer für Kinder unerreichbar sein. Erste Bewertungen der Lampenöle auf Basis von Rapsöl haben ergeben, dass das Gefährdungspotenzial dieser Produkte deutlich geringer ist.

Sonderfall Methanol

Bei Modellbauern erfreut sich Methanol als Flugzeugbenzin großer Beliebtheit. Bei versehentlichem oder absichtlichem Trinken wird der Alkohol durch das Enzym Alkoholdehydrogenase (ADH) zu Formaldehyd und weiter zu Ameisensäure oxidiert. Es kommt zu einer schweren metabolischen Azidose, weil der Körper Ameisensäure – anders als Essigsäure – nur sehr langsam abbauen kann. Diese führt zu Nervenschädigungen, häufig des Sehnervs. Als Antidot verabreichten Ärzte früher Ethanol, weil die Alkoholdehyrogenase eine höhere Subs­tratspezifität zu Ethanol hat. Ist das Enzym also vorwiegend mit dem Abbau von Ethanol beschäftigt, entsteht Ameisensäure nur in geringen Mengen. Allerdings mussten die Ärzte die Patienten teilweise über mehrere Tage in einem künstlichen Rausch halten.

Mit Fomepizol steht ein neues Antidot zur Verfügung. Das Pharmakon wirkt als kompetitiver Hemmstoff der ADH. Bei schweren Vergiftungen oder Menschen mit Vorerkrankungen ist zudem eine Hämodialyse erforderlich. Erfolgt die Therapie rasch und konsequent, lassen sich sowohl Todesfälle als auch Spätschäden wie Erblindung weitgehend vermeiden.

Die »Fünf-Finger-Regel«

Ärzte haben beim Deutschen Internationalen Notfallkongress (DINK) eine Merkregel formuliert, wie Ersthelfer und Ärzte bei Vergiftungsopfern vorgehen sollten:

  • Lebensrettende Sofortmaßnahmen einleiten (Ersthelfer)
  • Notruf mit Hinweis auf eine mögliche Vergiftung absetzen (Ersthelfer)
  • Material für Toxikologen sicherstellen, beispielsweise Pflanzenreste, Erbrochenes, Packungen, Flaschen oder Flüssigkeitsreste (Ersthelfer)
  • Die Therapie einleiten (Notarzt/Rettungssanitäter; gegebenenfalls Kohlegabe durch Ersthelfer nach ärztlicher Anweisung)
  • Patienten in eine entsprechend ausgestattete Klinik transportieren (Notarzt/Rettungssanitäter)

Pflanzen in Haus und Garten

Jede zehnte Vergiftung bei Kindern ist auf eine giftige Pflanze oder deren Teile zurückzuführen. Als »sehr giftig« stufen Toxikologen unter anderem folgende Pflanzen ein: die Christrose (Helleborus niger), die Dieffenbachie (Dieffenbachia spp.), die Eibe (Taxus baccata), die Engels­trompete (Brugmansia spp.), den Eisenhut (Aconitum napellus), den roten Fingerhut (Digitalis purpurea), die Herbstzeitlose (Colchicum autumnale), das Maiglöckchen (Convallaria majalis), den Tabak (Nicotiana tabacum) und die Tollkirsche (Atropa belladonna).

Auch wenn manche dieser Pflanzen äußerst dekorativ und daher als Zierpflanzen sehr beliebt sind, beispielsweise die Engelstrompete, sollten Eltern kleiner Kinder auf diese Pflanzen verzichten beziehungsweise ihre Kinder von diesen fernhalten. Je nach toxischem Inhaltsstoff und Vergiftungssymptomatik setzen Ärzte unterschiedliche Antidota oder medizinische Kohle ein.

Medizinische Kohle

Hat ein Kind trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Teile einer Giftpflanze in den Mund gesteckt und heruntergeschluckt oder eine giftige Flüssigkeit getrunken, können Ersthelfer relativ wenig tun. Vor allem müssen sie immer zuerst Rücksprache mit einem Arzt oder Giftinformationszentrum halten. Nach deren Anweisung können sie Aktivkohle als Suspension verabreichen. Dazu muss das Kind oder der Erwachsene jedoch ansprechbar und bei vollem Bewusstsein sein. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Aktivkohle in die Atemwege gelangt. Bei Erwachsenen liegt die empfohlene Menge an Kohlepulver zwischen 25 bis 100 Gramm, bei Kindern zwischen einem Jahr und zwölf Jahren bei 25 bis 50 Gramm. Handelsübliche Präparate haben den Nachteil, dass sie nur 250 Milligramm medizinische Kohle pro Tablette enthalten. Erwachsene müssten somit die völlig unrealistische Menge von 100 oder mehr Tabletten schlucken. Besser geeignet ist medizinische Kohle als Rein­substanz, wie in Kohle Pulvis. Bei Vergiftungen mit Borsäure, Cyaniden, Eisen, Ethanol, Ethylenglycol, Lithium, Methanol oder Thallium wirkt dieses Adsorbens allerdings nicht!

Toxine und Antidota (Auswahl)

Giftstoffe Antidot Wirkmechanismus
Amatoxin (Knollenblätterpilze u.ä.) Silibinin Silibinin hemmt die Aufnahme von Amanitin in die Leberzellen.
Atropin, H1-Antihistaminika Physostigmin Das Antidot hemmt die Acetylcholinesterase und zeigt durch die Erhöhung der Acetylcholinkonzentration am Rezeptor indirekt parasympathomi­metische Effekte.
Benzodiazepine, Zaleplon, Zolpidem, Zopiclon Flumazenil Flumazenil wirkt als Antagonist am Benzodiazepin-Rezeptor.
Betablocker, Calciumantagonisten Glukagon Das Peptidhormon Glukagon aktiviert die Adenylatzyklase und erhöht den cAMP-Spiegel. Die Kontraktilität des Herzmuskels steigt.
Cyanide Natriumthiosulfat Hydroxocobalamin Thiosulfate reagieren mit Cyaniden unter Bildung des weniger toxischen Thiocyanats. Hydroxocobalamin bindet Cyanide zu einem stabilen Komplex.
Digitalisglykoside Fab-Antikörper- fragmente Fab-Antikörperfragmente binden freie Digitalisglykoside.
Gase (Rauchgase, die bei Bränden eingeatmet werden) Glucocorticoide zur Inhalation Glucocorticoide wirken an der Bronchialschleimhaut entzündungs­hemmend und abschwellend.
Methanol Ethanol oder Fomepizol Die Antidota hemmen das Enzym Alkoholdehydrogenase.
Opiate / Opioide Naloxon Naloxon wirkt als kompetitiver Antagonist an allen Opioidrezeptoren.
Paracetamol Acetylcystein Acetylcystein fängt toxische Stoffwechselprodukte ab.
Pilze wie Risspilze und Trichterlinge Atropin Der muskarinische Acetylcholinrezeptor wird blockiert.
Schwermetallsalze (wasserlöslich) Chelatbildner DMPS oder EDTA bilden mit Schwermetallsalzen stabile Komplexe, die ­ausgeschieden werden.
Tenside Simeticon Simeticon wirkt als Antischaummittel.
Trizyklische Antidepressiva Physostigmin Natriumhydrogen- carbonat Das Antidot hemmt die Acetylcholinesterase und bewirkt durch die ­Erhöhung der Acetylcholinkonzentration am Rezeptor parasympathomi­metische Effekte. Hydrogencarbonate erhöhen den pH-Wert, was wahrscheinlich zu einer Verminderung der Arzneistoff-Rezeptor-Bindung führt. Natriumionen bewirken einen stärkeren Natriumfluss durch teilweise blockierte Kanäle und vermindern die toxische Wirkung trizyklischer ­Antidepressiva.

Kindersicher aufbewahren!

Damit es gar nicht erst soweit kommt, sollten die Eltern alle Produkte mit giftigen Substanzen so aufbewahren, dass Kinder keinen Zugriff dazu haben. Diesen Rat sollten PTA oder Apotheker Eltern auch für die Aufbewahrung von Arzneimitteln geben.

Eine wissenschaftliche Arbeit zeigt, wie wichtig dieser Hinweis speziell bei Medikamenten ist. Über das National Poison Data System, eine US-amerikanische Datenbank, suchten Forscher speziell nach Vergiftungen durch Arzneimittel. Diese Zahl verglichen sie mit Verordnungsdaten rezeptpflichtiger Medikamente. Ihre Recherche ergab, dass im Zeitraum von 2000 bis 2009 Ärzte deutlich mehr orale Antidiabetika, Betablocker, Lipidsenker und Opiate verschrieben hatten. Fast zeitgleich erhöhte sich die Zahl der Vergiftungen von Kindern und Jugendlichen bis zu 19 Jahren.

Bei Opiaten bestand sogar mathematisch ein direkter Zusammenhang zwischen Intoxikationen und Verordnungshäufigkeit. An erster Stelle standen Vergiftungen mit Antidiabetika und Betablockern. Opioide kamen im Alltag der Notaufnahme zwar etwas seltener vor, führten aber zu besonders schweren Funktionsstörungen wie Atemdepression. PTA und Apotheker sollten Eltern deshalb vor allem bei der Abgabe eines verschreibungspflichtigen Medikaments an die kindersichere Aufbewahrung erinnern. Die Autoren der Arbeit machten auch darauf aufmerksam, dass manche Teenager Opioide bewusst einnehmen, um Drogenerfahrungen zu machen. /

Das Smartphone – ein wertvoller Helfer

Neue Medien unterstützen PTA oder Apotheker bei Fragen rund um Vergiftungen. Die kostenlose App »Notfall und Gift« bietet zahlreiche Informationen, um Vergiftungen vorzubeugen, zu erkennen und im Notfall richtig zu handeln. Das kleine Programm findet GPS-gestützt auch die nächstgelegene Giftinformationszentrale. Mit der App »Vergiftung – Erste Hilfe für Kinder« (1,99 bis 2,69 Euro) besteht Zugriff auf 500 Schlagwörter, beispielsweise werden Chemikalien, Pilze, Pflanzen, Tierbisse beziehungsweise -stiche und Medikamente genannt. Ein weiterer Vorteil der App: Hier haben Programmierer Telefonnummern aus 80 Ländern hinterlegt, der Notruf lässt sich also direkt absetzen.