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Diphtherie

Tierblut rettet Kinderleben

26.05.2014  16:25 Uhr

Von Edith Schettler / Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts starb fast jedes zweite Kind an Diphtherie. Erst die genauere Kenntnis der Ursachen der Infektionskrankheit ermöglichte die Forschung nach einer wirksamen Therapie. Wegen seiner Verdienste bei der Entwicklung eines Antiserums gegen die Diphtherie wurde Emil von Behring daraufhin »Retter der Kinder« genannt.

Schon in den ersten Jahren seiner ärztlichen Laufbahn wurde Emil Adolf Behring (1854–1917) mit den Schrecken der Diphtherie konfrontiert, als im Jahr 1884 in Westpreußen diese Infektionserkrankung der oberen Atemwege ausbrach. Im Zeitraum von 1875 bis 1887 erreichte die Diphtherie das Ausmaß einer Volkskrankheit: In Preußen starben an den Folgen der Infektion jährlich durchschnittlich 45 000 Menschen, davon 98 Prozent Kinder. Ihr Tod war sehr qualvoll, sogar wenn ein Arzt sie mit einem Luftröhrenschnitt vor dem Ersticken bewahren konnte, war noch lange nicht sicher, ob sie die Erkrankung überlebten. Im Volksmund hieß die Diphtherie deshalb »Würge­engel der Kinder«. Außer dem drastischen chirur­gischen Eingriff gab es keine medizi­nischen Behandlungsmöglichkeiten.Der junge Arzt war sehr betroffen, den Kindern nicht helfen zu können. Später äußerte sich Behring, dieses Gefühl der Machtlosigkeit habe ihn angetrieben, nach neuen Therapien zu suchen.

 

Von innen bekämpfen

Im Unterschied zu vielen seiner Kollegen vertrat Behring die Ansicht, dass Infektionskrankheiten nicht mit chemischen Substanzen von außen, sondern mit körpereigenen Mitteln von innen bekämpft werden müssen. So war er darüber froh, als er an das Hygiene­institut nach Berlin versetzt wurde. Dort arbeitete Robert Koch (1843–1910) konzentriert an der Erforschung des Tuberkulose-Erregers, des Corynebacteriums diphtheriae. Koch war immer bemüht, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten und in seinen Labors die neuesten Methoden einzuführen, beispielsweise die eben erst ent­wickelte Fotografie. Behring fand also bei Koch nicht nur beste Arbeitsbedingungen vor, sondern auch einen offenen und modernen Wissenschaftler, mit dem er regen Gedankenaustausch betreiben konnte.

Doch Behring musste mit seinen Forschungen nicht bei Null beginnen: So war bereits bekannt, dass Krankheiten durch Bakterien übertragen werden können. In Behrings Bücherschrank stand auch die lateinische Ausgabe von Edward Jenners (1749–1823) klassischem Werk »Disquisitio de Caussis et Effectibus Variolarum Vaccinarum« über die Kuhpockenimpfung aus dem Jahr 1799. Außerdem hatten die Forschungen der Franzosen Émile Roux (1853–1933) und Alexandre Yersin (1863–1943) ergeben, dass nicht die Diphtherie-Bakterien selbst den Menschen krank machen, sondern die von ihnen produzierten Stoffwechselprodukte, die sogenannten Toxine.

 

Behring suchte nach Substanzen, die der Körper selbst bildet, um die Keime abzutöten und die Krankheit zu überwinden. Denn die bekannten Desinfektionsmittel töteten zwar die Erreger von Infektionskrankheiten ab, waren jedoch auch für den Menschen toxisch. Sein neuer, genialer Gedanke: Er vermutete, der Mensch selbst könne Gegengifte (Antitoxine) gegen die Erreger bilden. Das würde auch erklären, warum manche Menschen bestimmte Infektionskrankheiten überstanden und später nie wieder daran erkrankten.

 

Schönstes Weihnachtsgeschenk

Gemeinsam mit dem befreundeten Kollegen Erich Wernicke (1859–1928) und dem Japaner Shibasaburo Kitasato (1853–1935) suchte Behring im Blut infizierter Tiere nach den vermuteten Abwehrstoffen. Die Wissenschaftler arbeiteten bis zur physischen Erschöpfung. So schrieb Behring einem Studienfreund: »Ich habe erneut eine Anzahl von Nächten durchgearbeitet und leide an schrecklichen Nervenschmerzen.« In Experimenten mit Meerschweinchen beobachtete er, dass einige Tiere nach der Injektion von abgeschwächten Erregern immun wurden. Daraufhin spritzte er den Meerschweinchen, die keine Immunität entwickelt hatten, das Serum von widerstandsfähigen Tieren. »Damit ist es uns gelungen, sowohl infizierte Tiere zu heilen, wie die gesunden derartig vorzubehandeln, dass sie nicht an Diphtherie erkranken«, schrieb Behring im Dezember 1890. Seine Versuchsergebnisse bewiesen erstmals, dass das Blutserum Antitoxine – heute Antikörper genannt – enthält, die die Immunität hervorrufen. Nun musste sich nur noch Behrings Hoffnung erfüllen: Um aus dem Blut der infizierten Tiere ein Heilmittel für Menschen herzustellen, mussten diese Antikörper artunspezifisch sein.

 

Dieser Erfolgsschritt soll Behring am Heiligabend des Jahres 1891 in der Kinderklinik der Berliner Charité gelungen sein. Dort wurde ein Junge mit hohem Fieber und Atemnot eingeliefert, bei dem die Ärzte Diphtherie diagnostizierten. Hunderttausende Kinder waren bereits an dieser Krankheit gestorben, doch dieses Mal sollte der Tod nicht siegen: Mit einer einzigen Injektion rettete Behring das Leben des Kindes. Er hatte dem Jungen die erste Dosis seines eben erst entwickelten Diphtherie-Antiserums appliziert. Auch wenn sich die Geschichte nicht so zugetragen hat, liegt doch die Geburtsstunde der passiven Immunisierung im Dezember 1891.

 

Die Diphtherie hatte ihren Schrecken verloren. Allerdings war Behring weit davon entfernt, sein Antiserum in ausreichender Menge herzustellen. Ihm fehlten die finanziellen Mittel, um genügend Tiere zu halten, aus deren Blut das Serum gewonnen werden konnte. Meerschweinchen lieferten viel zu wenig Blut, aber eine größere Zahl an Schafen oder Pferden zu halten, war fast unmöglich. »Wir haben allein an Futterkosten circa 100 Mark monatlich zu zahlen«, klagte der Forscher. 1892 erkannte ein Vorstandsmitglied der Farbwerke Hoechst in Frankfurt die Tragweite von Behrings Forschungen und stellte ihm die Mittel für die Tierhaltung zur Verfügung. Paul Ehrlich (1854–1915) – zu dieser Zeit ebenfalls am Berliner Institut für Infektionskrankheiten tätig – entwickelte daraufhin ein Verfahren, mit dem die Antitoxinmenge im Tierblut um ein Vielfaches gesteigert werden konnte.

Serumproduktion beginnt

Im Mai 1894 konnte Behring den Farbwerken Hoechst erste Erfolge vermelden: In einer klinischen Studie gelang es, 102 von 108 Kindern zu heilen, wenn sie das Antitoxin innerhalb von drei Tagen nach Ausbruch der Diphtherie erhielten. Daraufhin begann die Massenproduktion des Serums. Dieses ermöglichte, eine Infektionskrankheit durch die Gabe von Antikörpern zu bezwingen. In den folgenden Jahrzehnten konnte die Diphtherie in Europa nahezu ausgerottet werden.

 

Behring wurde im Jahr 1901 in den erblichen Adelsstand erhoben und erhielt den ersten Medizin-Nobelpreis. Mit 169 513 Reichsmark, seinem Preisgeld, machte er sich von den Farbwerken Hoechst unabhängig und baute mit den Behringwerken eigene Produktions- und Forschungsstätten auf. Im Jahr 1913 gelang von Behring dann auch die Herstellung eines Diphtherie-Impfstoffes zur aktiven Immunisierung. Mit dem von ihm entwickelten Tetanus-Antitoxin konnten im Ersten Weltkrieg viele Soldaten gerettet werden.

 

Die Behringwerke – inzwischen geteilt und großen Pharmakonzernen angegliedert – führen die Arbeit ihres Gründers heute noch fort. Chiron Behring produziert Impfstoffe und Aventis Behring Plasmaprodukte – unter anderem Antikörper gegen Infektionskrankheiten. /

Diphtherie heute

Laut Robert-Koch-Institut werden Infektionen durch das Corynebacterium diphtheriae auch aktuell weltweit beobachtet, hauptsächlich in den gemäßigten Klimazonen. Allerdings hätte sich das Auftreten in den letzten 50 bis 75 Jahren verändert, so die Experten des RKI. In den westlichen Industrieländern ging die Zahl der Erkrankten erheblich zurück. In anderen Teilen der Welt ist die Diphtherie noch immer endemisch, zum Beispiel in der Russischen Föderation, auf dem indischen Subkontinent, den Philippinen und Haiti, in Indonesien, Afghanistan und einigen afrikanischen Ländern.

 

Dass in den 1990er-Jahren in Europa erheblich mehr Menschen an Diphtherie erkrankten, war durch ausgedehnte regionale Epidemien in den GUS-Staaten begründet. Im Mittelpunkt der Bekämpfungsmaßnahmen standen umfangreiche Impfaktionen, sodass diese Epidemien und damit die Erkrankungshäufigkeit in Europa seit 1995 abnahmen. Dennoch besteht in einigen EU-Staaten weiterhin ein erhöhtes Risiko für erneute Epidemien: weltweit das höchste beispielsweise in Lettland.

 

In Deutschland klang eine große Diphtherie-Epidemie, die 1942 bis 1945 ihren Höhepunkt erreicht hatte, bis in die 1960er-Jahre hinein aus. 1958 sank die Erkrankungszahl unter 10 000, 1964 unter 1000. In den 1950er-Jahren starben noch 4302, in den 1960er-Jahren noch 273 Menschen an Diphtherie. Seit 1984 werden dem RKI nur noch Einzelfälle gemeldet.