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Alois Alzheimer

Unvergessen durch die Krankheit des Vergessens

26.05.2014
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Von Ralf Daute / Vor 150 Jahren wurde Alois Alzheimer geboren: am 14. Juni 1864 in Marktbreit (Unterfranken). Er starb am 19. Dezember 1915 in Breslau. Der Mediziner beschrieb als erster die Demenzerkrankung, die die jetzige Generation vor große Herausforderungen stellt.

Als Alois Alzheimer seine Entdeckung auf der »37. Jahrestagung der Südwestdeutschen Irrenärzte« am 2. November 1906 vorgestellt hatte, vermerkte das Protokoll: »Keine Diskussion.« Sein Vortrag zum Thema »Über eine eigen­artige Erkrankung der Hirnrinde« stieß bei seinen Zuhörern nur auf wenig ­Interesse.

Ein gutes Jahrhundert später lässt sich feststellen: Abgesehen von Tumor­erkrankungen wird in den Industrie­gesellschaften kein anderes medizinisches Thema so häufig diskutiert wie die Alzheimer Demenz. Die nach ihrem Entdecker benannte Krankheit ist die Herausforderung schlechthin, für Ärzte, für Gesundheitspolitiker und für die Gesellschaft insgesamt. Alle sehen sich mit dem Problem konfrontiert, dass ein stetig wachsender Anteil der älteren Bevölkerung dem geistigen Verfall ausgeliefert ist.

Wer an Alzheimer Demenz erkrankt, für den gibt es nach wie vor keine Heilung. In gewissem Sinne spricht auch die Tatsache Bände, dass der absolut sichere Nachweis der Krankheit in der hoch technologisierten Medizin des 21. Jahrhunderts immer noch derselbe ist, den Alois Alzheimer verwendete: die histologische Untersuchung des Gehirns nach dem Tod des Patienten.

Alois Alzheimer wurde 1864 im unterfränkischen Marktbreit als Sohn eines Notars geboren. Nach dem Abitur studierte er an den Universitäten in Würzburg und Tübingen Medizin. Der Umfang seiner Doktorarbeit über die »Ohrenschmalzdrüsen« betrug lediglich 17 Seiten.

Seine erste Stelle trat der frischgebackene Doktor im Jahr 1888 in der »Städtischen Anstalt für Irre und Epileptische« in Frankfurt am Main an. In der Klinik machte er sich gemeinsam mit dem Anstaltsleiter und einem Oberarzt um Behandlungsmethoden verdient, die weniger brachial als die bislang eingesetzten Verfahren, zum Beispiel Zwangsjacken, waren.

Glück von kurzer Dauer

Auch Alzheimers privates Glück steht in einem Zusammenhang mit dem später von ihm entdeckten Leiden. Im Jahr 1894 wurde der Arzt gebeten, den an Demenz leidenden Frankfurter Diamanthändler Otto Geisenheimer zu untersuchen. Geisenheimer war nicht zu helfen, er starb kurze Zeit später. Alzheimer hatte sich in Geisenheimers Witwe Cecilie verliebt, die er im Februar 1895 heiratete. Aus der Ehe gingen die beiden Töchter Gertrud und Maria sowie der Sohn Hans hervor. Doch das familiäre Glück währte nur sechs Jahre – am 28. Februar 1901 verstarb Cecilie Alzheimer nach kurzer, schwerer Krankheit.

Im November 1901 lernte Alzheimer Auguste Deter kennen, die Frau, die seinen Namen unvergesslich gemacht hat. Deter wurde in die Städtische Anstalt eingeliefert, nachdem ihr Mann in den Monaten zuvor bei ihr extreme psychische Veränderungen und einen rasanten geistigen Verfall beobachtet hatte. Die Patientin war sogar noch in der Lage, ihren eigenen Zustand in Worte zu fassen. Mehrfach sagte sie: »Ich habe mich selbst sozusagen verloren.« Helfen konnte Alzheimer der mit 51 Jahren noch jungen Patientin nicht. Das bei Deter festgestellte Leiden taufte er: »Krankheit des Vergessens«.

Bleibendes Interesse

Im Jahr 1902 nahm Alzheimer in Heidelberg in der Psychiatrischen Univer­sitätsklinik eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent an und wechselte zwei Jahre später mit seinem Professor Emil Kraepelin nach München. Dort verfasste er seine Habilitation mit dem Titel »Histologische Studien zur Differentialdiagnostik der progressiven Paralyse«, hielt Vorträge und schrieb wissenschaftliche Abhandlungen.

Seine rätselhafte Patientin aus Frankfurt aber ging ihm nicht aus dem Kopf. Er erkundigte sich regelmäßig nach ihrem Befinden und hegte den Plan, die Patientin nach ihrem Tode zu obduzieren. Möglich wurde dies im April 1906, als Auguste Deter an den Folgen einer Blutvergiftung verstorben war. Alzheimer ließ sich das Gehirn der Frau nach München schicken und untersuchte es mikroskopisch. Dabei fand er »sehr merkwürdige Veränderungen der Neurofibrillen«, überall Herde mit zugrunde gegangenen Nervenzellen und Eiweißablagerungen in der gesamten Hirnrinde. Alzheimer gelangte richtigerweise zu der Erkenntnis, dass es sich bei dem Leiden um eine eigenständige Erkrankung handelte: »Alles in allem genommen haben wir hier offenbar einen eigenartigen Krankheitsprozess vor uns.«

Der Fall Auguste Deter

Im Jahr 1996 fand man im Archiv des Krankenhauses das Krankenblatt einer Frau, auf dem Alzheimer den Gesprächsverlauf mit der Patientin gewissenhaft protokolliert hatte:

»Wie heißen Sie?«

»Auguste.«

»Familienname?«

»Auguste.«

»Wie heißt ihr Mann?«

Auguste Deter zögerte, antwortete schließlich:

»Ich glaube … Auguste.«

»Ihr Mann?«

»Ach so.«

»Wie alt sind Sie?«

»51.«

»Wo wohnen Sie?«

»Ach, Sie waren doch schon bei uns.«

»Sind Sie verheiratet?«

»Ach, ich bin doch so verwirrt.«

»Wo sind Sie hier?«

»Hier und überall, hier und jetzt, Sie dürfen mir nichts übel nehmen.«

»Wo sind Sie hier?«

»Da werden wir noch wohnen.«

»Wo ist Ihr Bett?«

»Wo soll es sein?«

Alzheimer widmete sich weiter der Erforschung dieser Krankheit, auch wenn dies im Kollegenkreis zunächst nicht auf sonderlich großes Interesse stieß. Den Menschen Alzheimer beschrieb der Autor Michael Jürgs in seinem Buch »Alzheimer. Spurensuche im Niemandsland«) so: «[Alzheimer] war ein atypischer Deutscher seinerzeit, ein Freigeist, ein Genießer, was auf den Einfluss der liberalen Frau Cecilie zurückgeht ... . Er war ein kräftiger Trinker, starker Raucher, engagiert im Corps Franconia, hatte einen Sinn für practical jokes und überhaupt keinen Sinn für die so genannten schönen Künste, also Literatur und Musik.« 1915, mittlerweile Professor in Breslau, beendete eine schwere Erkrankung das Leben des Mediziners im Alter von nur 51 Jahren. Er wurde auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt neben seiner Frau begraben.

Prominente Patienten

Bereits im Jahr 1910 bezeichnete sein einstiger Lehrmeister, Professor Emil Kraepelin, das Leiden in der achten Ausgabe seines Lehrbuchs der Psychiatrie als »Alzheimer-Krankheit«. Erst ein gutes halbes Jahrhundert später, ab 1970, wurde die neurodegenerative Alters­erkrankung ein gesellschaftliches Thema, auch infolge prominenter Pa­tienten wie der Hollywood-Diva Rita Hayworth, dem Musiker Helmut Zacharias oder dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan. Aktuell leiden in Deutschland etwa 1,3 Millionen Menschen an Alzheimer, bis 2050 wird eine Verdopplung prognostiziert. /