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Ernährung für Kinder

Vorbilder sind gefragt

26.05.2014
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Von Ulrike Becker / Viel Obst und Gemüse, dazu Vollkorn- und Milchprodukte – eigentlich ist es nicht schwer, Kinder gesund zu ernähren. Viele Kinder und Jugendliche mögen allerdings lieber Süßes, Burger und Pommes. Geweckt und verstärkt werden diese Vorlieben durch ansprechende Werbespots im Fernsehen. Den Eltern kommt daher die wichtige Aufgabe zu, durch ihr Vorbild das Essverhalten ihrer Kinder in die gewünschte Richtung zu lenken.

Mit dem vielseitigen Lebensmittelangebot, das heute ganzjährig die Supermarktregale füllt, ist eine gute Versorgung mit allen lebenswichtigen Inhaltsstoffen problemlos möglich. Eine einfache Orientierung für Eltern bieten die Empfehlungen zur sogenannten optimierten Mischkost (optimiX®), die das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund (FKE) bereits Anfang der 1990er-Jahre entwickelte. Sie haben sich als wissenschaftlicher Standard für Kinderernährung in Deutschland etabliert. Für alle Altersgruppen gelten dieselben Grundregeln (siehe Kasten).

Idealerweise beginnt jeder Tag in aller Ruhe mit einem Frühstück,. Müsli aus frischem Obst, Getreideflocken und Milch oder Joghurt schmeckt den meisten Kindern gut. Wer morgens gar nichts essen mag, sollte sich nicht nüchtern auf den Weg machen, sondern zumindest einen Bananen-Milchshake oder einen warmen Kakao trinken. Für das zweite Frühstück in Kindergarten oder Schule eignen sich abwechslungsreich belegte Brote oder Brötchen, auch ein Stück Obst oder ein paar Gemüsesticks sollten nicht fehlen. Diese Zwischenmahlzeit ist wichtig, um das Leistungstief am Vormittag aufzufangen. Inzwischen essen in Deutschland rund vier Millionen Kinder mittags in der Schulkantine. Nicht immer entspricht die Qualität den Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler. Doch derzeit versuchen viele Initiativen, das Schul­essen zu verbessern. Falls es nicht so optimal zusammengestellt ist, sollte man zuhause etwas mehr auf das Nährstoffkonto der Kinder achten. Ein warmes Abendessen sorgt in punkto Nährstoffe für mehr Abwechslung als eine kalte Brotmahlzeit und ist ideal, wenn es mittags nur kalte Küche oder Fastfood gab. Generell sind neben den drei Hauptmahlzeiten zwei kleinere Snacks geeignet, um die Kinder den ganzen Tag gleichmäßig mit Energie zu versorgen. Teilweise sind die Nährstoffe aus kleineren Mengen auch besser verfügbar.

Wunsch und Wirklichkeit stimmen im Alltag oft nicht überein. Volle Stundenpläne, Berufstätigkeit, Freizeitaktivitäten und anderes mehr bringen so manche Familie in Zeitnot. Wenn es schnell gehen muss, erleichtern beispielsweise Tiefkühlgemüse das Kochen. Komplette Fertiggerichte wie Tiefkühlpizza oder -lasagne bleiben besser die Ausnahme, denn sie sind meist sehr energie-, fett- und salzreich und gleichzeitig oft nährstoffarm.

Theorie und Praxis weit entfernt

Wie deutlich die Ernährungsgewohnheiten der Kinder von den Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler abweichen, zeigt eine Umfrage des Robert-Koch-Instituts. Für den sogenannten Kinder- und Jugendgesundheits-Survey (KiGGS) haben die Experten rund 2500 sechs- bis 17-Jährige zu ihren Essgewohnheiten befragt. Wenig überrascht, dass die meisten Heranwachsenden zu wenig Obst und Gemüse essen. Selbst wenn ein Glas Saft als eine Obstportion gewertet wird, erreichen nur rund ein Drittel der Mädchen und noch weniger Jungen die empfohlene Menge von 250 Gramm täglich. Kinder und Jugendliche sind zudem regelrechte Gemüsemuffel. Sie kommen durchschnittlich nur auf etwa sieben Prozent der Empfehlungen. Bemerkenswert: Die Befragten nehmen über vitaminisierte Säfte oder Limonaden deutlich mehr Vitamin C und Folsäure auf als über Gemüse und Obst.

Kaum einer der Befragten isst ausreichend kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Brot, Kartoffeln, Nudeln oder Reis. Fleisch und Wurst stehen dagegen deutlich zu oft auf dem Speisezettel. Interessanterweise zeigen sich dabei schon in jungen Jahren geschlechtstypische Unterschiede: Den 12- bis 17-jährigen Jungen schmecken tierische Lebensmittel besonders gut. Und schon bei den 6- bis 11-Jährigen überschreiten mehr Jungen als Mädchen die empfohlenen Mengen. Auch Süßwaren, Knabberartikel und süße Getränke sind eindeutig zu beliebt. Dabei eignen sich Cola- und Fruchtsaftgetränke, Energydrinks oder Eistee überhaupt nicht zum Durstlöschen und liefern zudem reichlich Zucker und damit Kalorien, ohne satt zu machen. Nach den KiGGS-­Daten bringen 15 Prozent der drei- bis 17-Jährigen zu viele Kilos auf die Waage, sechs Prozent sind fettleibig oder adipös. Zwar werden aus dicken Kindern nicht automatisch dicke Erwachsene, aber ihr Risiko ist deutlich größer, übergewichtig zu bleiben und unter anderem an Typ-2-Diabetes zu erkranken.

Grundlagen der gesunden Ernährung

Reichlich: Pflanzliche Lebensmittel und energiearme beziehungsweise -freie Getränke sollten zusammen etwa drei Viertel der täglichen Kost ausmachen. Neben Gemüse und Obst zählen Brot, Nudeln, Reis und Kartoffeln somit zu den mengenmäßig bedeutendsten Lebensmitteln. Sie liefern fast alle wichtigen Vitamine und Mineralstoffe sowie die gesundheitsförderlichen sekundären Pflanzen- und Ballaststoffe – bei gleichzeitig geringer Energiedichte.

Mäßig: Tierische Lebensmittel sollten etwa ein Fünftel des täglichen Speiseplans umfassen. Sie liefern ebenfalls wichtige Nährstoffe, zum Beispiel Proteine, Vitamin B12 und Mineralstoffe wie Calcium, Eisen und Iod. Gleichzeitig ist aber meist auch der Anteil an gesättigten Fettsäuren relativ hoch. Deswegen empfehlen Ernährungswissenschaftler, den Verzehr tierischer Lebensmittel zu begrenzen. Den Vorzug geben sie eindeutig Milchprodukten – sie sollten täglich auf dem Speiseplan stehen, Fleischmahlzeiten dagegen nur zwei- bis dreimal pro Woche, Fisch einmal wöchentlich.

Sparsam: Auch Schokolade, Gebäck, Limonade und Fastfood dürfen Kinder und Jugendliche gelegentlich konsumieren – allerdings nur in kleiner Menge, maximal 5 Prozent der aufgenommenen Kalorienmenge täglich.

Mit den meisten Vitaminen gut versorgt

Trotz der ungünstig scheinenden Lebens­mittel­auswahl sind Kinder und Jugendliche mit den meisten Vitaminen und Mineralstoffen gut versorgt. Zum Teil liegen die Mengen sogar über den Referenzwerten, zum Beispiel bei Vitamin C und den Vitaminen B1, B2 und B12. Deutlich zu gering ist dagegen die Aufnahme von Folat und Vitamin D. Bei den sechs- bis Elfjährigen lässt zudem die Zufuhr von Calcium, Vitamin A und E zu wünschen übrig, viele Mädchen sind eher schlecht mit Eisen versorgt. Die Richtwerte zur optimalen Nährstoffversorgung enthalten jedoch sehr große Sicherheitszuschläge, sodass ein Vitamin- oder Mineralstoffmangel mit klinischen Symptomen äußerst selten auftritt.

Zu Nahrungsergänzungsmitteln müssen besorgte Eltern daher nicht greifen. Besser ist es, den Speiseplan aufzufrischen und den Sprösslingen mehr Obst, Gemüse und Getreide anzubieten. Hier ist Geduld und Hart­näckigkeit gefragt. Viele Kinder kommen erst nach dem zehnten oder elften Probieren auf den Geschmack. Kleinen schmeckt ebenso wie Jugendlichen Obst und Gemüse besonders dann gut, wenn sie es mundgerecht als Fingerfood serviert bekommen (siehe Kasten). Obstsäfte oder Smoothies liefern ebenfalls lebenswichtige Vitamine. Für die Versorgung mit Vitamin D ist ein regelmäßiger Aufenthalt in der Sonne wichtig, damit die körpereigene Produktion ausreicht. Das heißt: Die Zeit vor dem Fernseher oder PC beschränken und zum Spielen an die frische Luft schicken.

Am besten lernen Kinder Vollkornbrot und Vollkornnudeln von klein auf kennen, dann akzeptieren sie sie auch später in der Regel problemlos. Bei den Älteren sind auch Kompromisse in Ordnung, etwa in der Schule Mischbrot, abends Vollkorn- und am Wochenende Weißbrot. Süße Limonaden sollten die Ausnahme bleiben. Empfehlenswerte Getränke sind Mineralwasser und selbst gemischte Saftschorlen. Früchte- oder Kräutertees mit etwas Saft und einer Zitronen- oder Orangenscheibe bieten Abwechslung und kommen meist gut an.

Tipps für mehr Frisches auf dem Tisch

  • Kinder mögen rohes Gemüse lieber als gekochtes. Daher wandern Gemüse­happen und Obststücke – appetitlich und mundgerecht angeboten – gern in den Kindermund.
  • Gemüse wie Kürbis, Möhren und auch Kartoffeln lassen sich gut in cremigen Suppen verstecken.
  • Eine sämige Gemüsesoße passt
  • bestens in die Lasagne oder als Grundlage auf eine Pizza. Kleine Gemüsestückchen lassen sich prima in Aufläufe schummeln.
  • In Kartoffelpuffern, Bratlingen oder herzhaften Muffins lässt sich Geriebenes aus Möhren, Kürbis, Pastinaken oder Zucchini unbemerkt unterbringen.
  • Bevor das Essen auf den Tisch kommt, können kleine Gemüsesticks aus Gurken, Möhren oder Paprika die Wartezeit verkürzen.
  • Auch bei Obst verleitet ein Teller mit mundgerechten Happen zum Naschen. Ein paar Nüsse oder Rosinen machen den Obstteller attraktiver und nährstoffreicher.
  • Ein Obstsalat, eventuell mit Eis oder Vanillejoghurt verfeinert, schmeckt Großen und Kleinen gut.

Immer mehr Lebensmittel für Kinder

Trotz der begründeten Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler suggeriert die Werbung oftmals, dass Kinder mit angereicherten Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln gesünder aufwachsen und konzentrierter lernen. Die Marketingstrategien der Industrie haben Erfolg: Jeder zwölfte der sechs- bis Elfjährigen und von den Jugend­lichen jeder fünfte erhält von den Eltern Vitamin- oder Mineralstoff-Supplemente. Dabei sind die Produkte oft wenig sinnvoll zusammengesetzt. Sie sollten insbesondere kein Eisen, Kupfer, Mangan und Zink enthalten, die Tagesdosis für Vitamin A sollte nicht über 200 Mikrogramm liegen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät generell von Nahrungsergänzungsmitteln für Kinder ab. Viele Hersteller halten sich jedoch nicht an die Empfehlungen des BfR, so das Ergebnis einer Stich­probe des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Hannover.

Auch sogenannte Kinderlebensmittel sind ernährungsphysiologisch meist wenig sinnvoll. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch untersuchte über 1500 verschiedene Produkte, die sich in ihrer Vermarktung speziell an Kinder richten. Bei rund 75 Prozent handelte es sich um Süßigkeiten oder ungesunde Snacks, allen voran Früh­stücks­cerealien, spezielle Milchdesserts, Fruchtsäfte, Wurstwaren in Bärchenform und sogar Tütensuppen »extra für Kids«. Bei den zugesetzten Vitaminen oder Mineralstoffen addieren sich in manchen Fällen bedenkliche Mengen, beispielsweise bei Eisen, warnen Ernährungswissenschaftler. Insbesondere bei Kleinkindern wird der Referenzwert für Eisen teilweise schon durch nur eine Portion eines angereicherten Müslis nahezu erreicht. Knabbern die Kleinen dann noch einen mit Eisen angereicherten Müsliriegel und trinken einen angereicherten Fruchtsaft dazu, besteht die Gefahr einer Überversorgung.

Selbstverständlich schadet keinem Kind der gelegentliche Verzehr eines Kinderlebensmittels. Nicht zu unterschätzen ist jedoch, dass Kinder sich an den Geschmack von Fertiglebensmitteln gewöhnen. Das macht es schwerer, sie für natürliche Lebensmittel ohne Aromastoffe und Geschmacksverstärker zu begeistern. Hier ist die Politik gefordert, Vorgaben für die Nährstoffanreicherung solcher Lebensmittel festzulegen oder Werbung zu verbieten, die sich direkt an Kinder richtet. Übrigens: In der kanadischen Provinz Québec ist seit 1980 an Kinder gerichtete Food-Werbung verboten, auch in Schweden darf an Kinder unter 10 Jahren keine Food-Werbung gerichtet werden.

Frühe Prägung

Die Prägung des Geschmackssinns beginnt bereits im Mutterleib über das Fruchtwasser. Auch Muttermilch schmeckt nicht immer gleich. So lässt sich beispielsweise das Aroma von Knoblauch ein bis zwei Stunden nach dem Verzehr in der Muttermilch nachweisen. Gestillte Säuglinge lernen daher mehr Geschmacksnuancen kennen als nicht gestillte Babys. Selbst gekochte oder industriell hergestellte Babykost legen vermutlich eine weitere Grundlage für die spätere Lebensmittelauswahl. In Deutschland ergab eine Untersuchung, dass mit Vanillin aromatisierte Babykost die Geschmacksvorlieben offenbar dauerhaft prägt. So bevorzugten Erwachsene, die als Baby Flaschennahrung erhielten, eher vanillinhaltige Produkte als Gestillte.

Auch aus den USA liegt ein ähnliches Ergebnis vor: Tranken die Mütter während Schwangerschaft und Stillzeit Karottensaft, aßen ihre Kleinkinder Getreideflocken mit Karottenaroma lieber als die Babys, deren Mütter keinen Karottensaft getrunken hatten.

Eltern als Vorbilder gefragt

Angesichts eines Überangebots an Lebensmitteln, insbesondere an kalorienreichen und stark verarbeiteten Produkten, ist es nicht leicht, Kindern eine gesunde Ernährungsweise schmackhaft zu machen. Ganz wichtig ist die Vorbildfunktion der Eltern. Nur wenn sie mit Genuss und Freude zu frischen Lebensmitteln greifen, können Kinder ähnliche Vorlieben entwickeln. Gemeinsame Mahlzeiten mit der ganzen Familie stärken zudem das Zugehörigkeitsgefühl und Selbstvertrauen der Kinder und selbst Jugendliche schätzen sie als wichtige soziale Bindungsstelle. Bei allem guten Bemühen sollten Eltern darauf achten, dass das Thema »Essen« nicht für Machtspielchen missbraucht wird. Kinder sollten zwar nicht das Essensangebot bestimmen, aber durchaus ein Mitspracherecht haben. /