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Applikationshilfen

Wenn Tropfen nicht gleich Tropfen ist

26.05.2014  16:25 Uhr

Von Andreas Melhorn / Flüssige Arzneiformen wie Säfte oder Tropfen bieten sich besonders bei Kindern an. Denn je nach Alter können die kleinen Patienten feste Arzneiformen wie Kapseln oder Tabletten noch nicht schlucken. Außerdem lassen sich Säfte und Tropfen individuell dosieren. So erhalten Kinder die benötigte Arzneistoffdosis abhängig von ihrem Alter und Gewicht. Verschiedene Applikationshilfen erleichtern die Verabreichung der richtigen Arzneimittelmenge.

Die genaue Dosierung ist eine besondere Herausforderung. Vor allem bei flüssigen Arzneiformen gibt es viele Fehlerquellen, wie das Beispiel Metoclopramid (MCP) veranschaulicht. Bei Kindern führten Fehldosierungen von MCP-Tropfen vermehrt zu unerwünschten Nebenwirkungen, sodass die Zulassung widerrufen wurde. MCP-haltige flüssige Arzneiformen unterschieden sich von Hersteller zu Hersteller nicht nur in der Arzneistoff­kon­zen­tra­tion, sondern auch in der Tropfengröße. Diese hängt anderem von der Viskosität der Lösung ab. Mussten PTA oder Apotheker aufgrund eines Rabattvertrags MCP-Tropfen von einem anderen Hersteller abgeben, als vom Arzt verordnet, konnten dessen Dosisangaben daher nicht immer 1:1 übernommen werden.

Den Unterschied der Tropfer kennen

Die Hersteller von Tropfen versehen die Flaschen meist mit einem sogenannten Zentraltropfer oder einem Randtropfer. Für die richtige Dosierung ist die sachgerechte Handhabung des jeweiligen Tropfers ausschlaggebend. Hält ein Patient beispielsweise die Flasche falsch, weichen die abgemessenen Tropfen teils erheblich vom Soll-Volumen der Tropfen ab. Die beiden Tropfeinsätze unterscheiden sich grundsätzlich in ihrem Aufbau.

Zentraltropfer bestehen aus zwei kleinen Röhren: Aus dem zentralen Röhrchen fließen die Tropfen, daneben ragt ein Lufteintrittskanal in die Arzneistofflösung, der zur Belüftung dient. Zentraltropfer müssen immer senkrecht gehalten werden, sonst wird die Abtropffläche zu klein. Diese ist jedoch ausschlaggebend für das Volumen beziehungsweise die Größe der Tropfen. Die Grafik verdeutlicht den Einfluss des Neigungswinkels.

Manchmal behindert etwas Flüssigkeit im Belüftungskanal, dass der Zentraltropfer richtig funktioniert, zum Beispiel wenn die Flasche liegend gelagert oder zuvor geschüttelt wurde. Die Antropfschwierigkeiten kann der Patient beheben, indem er sanft auf den Flaschenboden tippt. Doch Vorsicht: Zu starkes oder langes Klopfen verändert das Volumen der herausfallenden Tropfen! Führt leichtes Tippen nicht zum Erfolg, sollte der Patient den Flaschenboden auf einen festen Untergrund klopfen, damit die überschüssige Flüssigkeit aus dem Luftkanal herausläuft.Versucht der Patient die Tropfgeschwindigkeit zu beschleunigen, führt dies zu einer Fehldosierung.

Außer von der Haltung der Flasche hängt das Tropfengröße von der Viskosität und Oberflächenspannung der Lösung ab. Deswegen kann es problematisch sein, wenn fertige Arzneistoff­lösungen für eine Rezeptur verdünnt oder mit anderen Flüssigkeiten gemischt werden. Die Abweichungen sind teilweise erheblich.

Die Tropfengröße kann auch trotz identischer Zusammensetzung der Lösung von Präparat zu Präparat abweichen, wenn die Tropfer anders konstruiert sind. Dies kann problematisch sein, wenn ein Arzneimittel wegen geltender Rabattverträge ausgetauscht werden soll.

Flasche immer schräg halten

Die Dosierung mit Randtropfern ist weniger präzise. Theoretisch müsste der Patient die Flaschen immer im 45-Grad-Winkel halten. Bei einer anderen Schräglage sind die Tropfen kleiner oder größer als gewünscht.

Manche Tropfflaschen sind mit einer Pipettenmontur versehen, Diese besteht aus einer Pipette mit Saughütchen, die in der Regel auf die Flasche geschraubt wird. Im Handel sind Pipetten mit gerader und kugelförmiger Abtropffläche. Ist die Abtropffläche gerade, muss der Patient die Pipette genau senkrecht halten. Nur so erzielt er eine exakte Dosierung. Einfacher zu hand­haben sind Pipetten mit kugelförmiger Abtropffläche. Sie erlauben eine beliebige Neigung. Auch hier spielt die Tropfgeschwindigkeit eine Rolle. Tropft der Patient zu schnell, werden die Tropfen entweder zu klein oder zu groß. Ein bis zwei Tropfen pro Sekunde gelten als gute Geschwindigkeit. Manche Pipetten sind mit einer Graduierung versehen, sodass der Patient das Volumen abmessen kann, ohne Tropfen zählen zu müssen. In diesem Fall beeinflussen weder die Neigung noch die Tropfgeschwindigkeit die Dosiergenauigkeit.

Aus den beschriebenen Gründen ist das Risiko, Tropfen falsch zu dosieren, relativ groß. Gerade bei geringen Tropfenzahlen pro Einzeldosis macht ein Tropfen mehr oder weniger bereits einen Unterschied von mehreren Prozent aus. Auf der anderen Seite ist es kaum einem Patienten zuzumuten, 40 und mehr Tropfen abzuzählen. Für die Dosierungsgenauigkeit ist es optimal, die Flüssigkeitsmenge mit einer Dosier­hilfe abzumessen.

Auf Tee- und Esslöffel verzichten

Für die Dosierung von Säften legen die Hersteller dem Fertigpräparat einen Messlöffel, Messbecher oder eine Dosierspritze bei. So wollen sie verhindern, dass zum Abmessen Tee- oder Esslöffel aus dem Haushalt verwendet werden. Denn deren Fassungsvermögen weicht mitunter stark von den Soll-Volumina von 5 Millilitern bei Teelöffeln und 15 Millilitern bei Esslöffeln ab, sodass eine fachgerechte Dosierung nicht gewährleistet ist.

Messlöffel sind zwar meist mit Markierungen versehen, die Schwankungen um den Soll-Wert sind allerdings auch hier recht hoch. Die Löffel sind häufig flach, damit der Patient sie gut ablecken kann. Das verringert jedoch ihre Genauigkeit. Tiefe Löffel würden bessere Ergebnisse liefern. Bei kleinen Dosierungsmengen muss der Löffel außerdem schräg gehalten werden, was manche Hersteller im Beipackzettel unzureichend oder gar nicht erklären.

Ein häufiger Grund für Überdosierungen einer Saftzubereitung ist eine hohe Oberflächenspannung oder Viskosität. Diese sorgen dafür, dass sich der Saft beim Abmessen über den Löffelrand wölbt. Die Wölbung ist zwar flacher, wenn der Löffel feucht ist, doch die Patienten gebrauchen Messlöffel meist trocken.

Mit Messbechern lässt sich die richtige Saftmenge genauer dosieren. Je kleiner die Grundfläche, desto weniger beeinflusst die Konsistenz des Saftes die Genauigkeit der Füllmenge. Doch auch hier gibt es ein Problem: Je viskoser der Saft, desto häufiger wird die Arzneistoffmenge unterdosiert, weil Saftreste im Becher verbleiben.

Becher lassen sich leichter handhaben, weil sie im Gegensatz zu Löffeln, auf einem flachen Untergrund abgestellt werden können. Außerdem können PTA oder Apotheker die Einnahmemenge am Becher mit einem wasserfesten Stift markieren. Das ist gerade für Menschen eine große Hilfe, die schlecht sehen können oder Schwierigkeiten mit dem Beipackzettel haben, weil sie nur wenig deutsch sprechen.

Die größte Genauigkeit beim Abmessen der richtigen Menge bieten orale Dosierspritzen. Deren Handhabung können PTA oder Apotheker bei Abgabe des Arzneimittels demonstrieren. Dosierspritzen ermöglichen die präzise Abmessung eines bestimmten Volumens unabhängig von der Konsistenz des Saftes, sogar bei hochviskosen Suspensionen.

Dosierspritzen werden häufig beigelegt

Daher liefern immer mehr Hersteller ihre Säfte mit oralen Dosierspritzen aus, die sich jedoch voneinander unterscheiden. Am einfachsten wird die Spritze in einen Stopfen oder einen Deckel mit Loch in den Saft gesteckt. Zur Saftentnahme wird die Flasche dann senkrecht mit der aufgesteckten Spritze nach unten gehalten. Müssen größere Mengen Saft entnommen werden, sollte vorher das gleiche Volumen an Luft in die Flasche gepumpt werden. Manche Stopfen sind mit Ansaugrohren versehen, sodass die Flasche nicht gekippt werden muss. In anderen Fällen wird ein Schlauch auf die Spritze gesteckt und nach Befüllen wieder abgezogen.

Ist außer der Dosierspritze kein zusätzliches Hilfsmittel vorhanden, wird der Saft direkt aus der geöffneten Flasche oder aus einem anderen Gefäß, beispielweise dem Flaschendeckel, aufgesaugt. So können auch die letzten Reste aus einer hohen Flasche entnommen werden.

Eltern können Kleinkindern, die vom bitteren Geschmack des Saftes abgeschreckt werden, den Saft mit einer oralen Dosierspritze am besten in die Wangentasche spritzen. Dann verursacht der Flüssigkeitsstrahl keinen Würgereiz.

Eine wichtige Hilfe: Hat der Hersteller keine Dosierspritze mitgeliefert, können PTA oder Apotheker den Eltern zum Ersatz Einmalspritzen ohne Kanülen mitgeben. Wie Messbecher können auch diese Spritzen mit wasserfestem Stift markiert werden, damit die Dosierung leichter fällt. /

Weitere Infos

Mehr Informationen über Säfte und Tropfen sowie passende Applikationshilfen enthält das DAC/NRF in den Kapiteln I.11 »Flüssige Zubereitungen zum Einnehmen« und III.3 »Bezugsquellennachweis für Packmittel und Applikationshilfen«.