PTA-Forum online
Duftforschung

Die Kraft der Düfte

13.04.2015  12:25 Uhr

Von Diana Haß / Mit dem Frühling halten sie wieder Einzug in den Alltag – die vielfältigen Düfte von Blumen, Pflanzen und Früchten. Und das ist gut für das Gemüt. Denn Düfte steuern mehr als vielen bewusst ist.

»Frisch geschnittenes Gras macht mir richtig gute Laune«, erzählt eine meiner Freundinnen – und erntet viel Zustimmung. Das Lieblingsparfüm, aber auch der Duft von Vanille oder einem kräftigen Curry stellen sich als weitere Favoriten heraus. »Wenn ich etwas Leckeres bei den Nachbarn rieche, dann könnte ich sofort nebenan klingeln und fragen, ob ich mitessen darf«, gesteht eine weitere Bekannte. Schon eine willkürliche kleine Umfrage bei Freunden und Bekannten macht klar: Wir lassen uns oft von unserer Nase leiten.

Warum das so ist, haben Wissenschaftler längst entschlüsselt. Der Geruchssinn, auch olfaktorische Wahrnehmung genannt, ist einer unserer ältesten Sinne. Er entwickelt sich bereits im Mutterleib und ist bei der Geburt schon weitgehend ausgebildet. Den Weg zur Brust finden Neugeborene alleine über den Geruchssinn. Seine Funktionsweise ist so unmittelbar mit Emotionen verbunden, dass er früher zuweilen als niedriger Sinn eingestuft wurde.

Direkter Draht

Das Funktions-Prinzip: In der Nase befinden sich Geruchsrezeptoren, die auf die jeweiligen chemischen Eigenschaften der Riechstoffe ansprechen. Rund 400 unterschiedliche Geruchsrezeptoren beim Menschen sind bekannt. Diese Rezeptoren liefern ihre Informationen über den Riechnerv direkt ins Gehirn. Weiterhin beteiligt ist der Trigeminus, der fünfte Hirnnerv. Er gilt als eine Art »Warnnerv« und reagiert beispielsweise auf chemische Reize – wie die Aromastoffe von Zwiebeln, Knoblauch oder Thymian.

Die Hirn-Region, in der Gerüche verarbeitet werden, ist evolutionsgeschichtlich eine sehr alte Region, das sogenannte limbische System. Das limbische System ist sozusagen die Schaltstelle der Emotionen, es ist mit dem Hippocampus verbunden. »Das Denken, Abwägen und kühle Beurteilen findet woanders statt. Das limbische System und der Hippocampus kümmern sich einzig um unsere Gefühle und Bedürfnisse«, sagt Dr. Hanns Hatt. Der Biologe und Mediziner ist Professor für Zellphysiologie an der Ruhr-Universität Bochum und einer der profiliertesten deutschen Duftforscher. Düfte, die das limbische System erreichen, können unter anderem dazu führen, dass körpereigene Botenstoffe wie Serotonin oder Endorphine ausgeschüttet werden.

Immer der Nase nach

Wie sehr der Geruchssinn das spontane Handeln beeinflusst, hat sich auch in der Umgangssprache niedergeschlagen. »Immer der Nase nach«, »jemanden nicht riechen können« oder »den richtigen Riecher haben« sind nur eine Auswahl einer Vielzahl von Redensarten. Wenn wir etwas riechen, dann steigen unwillkürlich Erinnerungen auf. Sie sind mit Erfahrungen verknüpft, die mit diesem Duft gemacht wurden. Wie Menschen einen bestimmten Geruch empfinden und bewerten, ist also individuell verschieden. Was der eine gerne riecht, kann bei dem anderen Ekel hervorrufen. So wird jemand, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, den Geruch von Mist als vertraut empfinden, während sich ein Stadtmensch angewidert die Nase zuhält. Auch gibt es kulturelle Unterschiede bei der Duftbewertung. Beispielsweise empfinden Asiaten im Gegensatz zu Europäern den Geruch von Fisch kaum als unangenehm. Neben den persönlichen Dufterfahrungen ist auch der Hormonstatus für das Geruchsempfinden verantwortlich. So führt ein hoher Estrogenspiegel zu einer erhöhten Geruchssensibilität. Viele Schwangere können das bestätigen. Auch Menschen, die gerade ein reichhaltiges Essen verdauen, bewerten Gerüche anders als solche, die hungrig sind.

Geruch und Gefühl

Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Menschen mit Düften und ihrer Wirkung. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Zielsetzungen: Düfte sollen die Sinne wecken, betören, verführen, heilen, reinigen oder spirituelle Verbindungen schaffen. Der Weihrauch in christlichen Kirchen, die Räucherstäbchen der Buddhisten oder Salbeiverbrennungen bei Schamanen sind Beispiele für rituelle Anwendungen. Auch Duftmarketing hat längst Einzug gehalten in die Konsum-Gesellschaft. So werden Autos mit Neuwagenduft präpariert, und Messestände, Geschäfte oder Hotels setzen ausgeklügelte Duftkompositionen ein, um ihre Kunden zu begeistern. Auch PTA und Apotheker können beispielsweise im Handverkauf von vielfältigen Düften profitieren – etwa durch Tees, Aromaöle, Bäder oder Seifen.

Verlust und Training des Geruchssinns

Wie wichtig Riechen ist, wird Menschen oft erst bewusst, wenn der Geruchssinn eingeschränkt ist. Überdurchschnittlich oft geht der Verlust des Geruchssinns mit Depressionen einher. Je mehr ein Mensch sich zuvor auf seine »gute Nase« verlassen hatte, desto schlimmer ist der Verlust. Beim Verdacht auf eine Riechstörung sollten Betroffene immer bei einem Hals-Nasen-Ohrenarzt die Ursachen abklären lassen.

Je älter Menschen werden, desto mehr schwindet der Geruchssinn. Allerdings kann gezieltes Training helfen, ihn zu stärken. »Den Geruchssinn kann man sensibilisieren, denn gutes Riechen ist nicht nur angeboren, sondern auch Übungssache«, sagt Stefan Drumm vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte. Sein Rat für eine Schulung: »Sie können einfache Riechtests mit Ihrem Partner oder Ihrer Familie machen.« Dabei muss man mit verbundenen Augen verschiedene Früchte, Gemüsearten, Gewürze oder Teearomen erschnuppern.

Düfte als Wunderwaffen

Weltweit versuchen Geruchsforscher, eine Systematik in die Wirkung von Düften zu bringen. Bei den Forschungen gibt es teilweise beachtliche Ergebnisse. So hat ein US-amerikanisches Forscherteam herausgefunden, dass der Duft von Rosmarin die Aufmerksamkeit und die Lernleistung erhöhen soll. Die Psychologie-Professorin Jeanette Haviland-Jones kam zu dem Schluss, dass ein Mix aus Bergamotte, Patschuli und Eichenmoos (eine sogenannte Chypre-Komposition) für eine gelassenere Stimmung sorgt. Als bewiesen gilt auch, dass der Geruch von Angstschweiß eine erhöhte Alarmbereitschaft oder eine gesteigerte Aufmerksamkeit bewirkt.

Auch den Gesamteindruck einer Person sollen Düfte beeinflussen können. So sollen beispielsweise Menschen, die nach Grapefruit duften, auf ihre Mitmenschen wesentlich jünger wirken. »Rosa Pampelmuse ist ein Duft, der sechs Jahre jünger macht«, unterstreicht Duftforscher Hatt wiederholt in Publikationen. Und nicht nur jünger, sondern auch leichter könne man wirken, wenn man den passenden Duft wählt. Zu diesem Ergebnis kommt der Neurologe Alain Hirsch aus Chicago. Er fand heraus, dass Frauen, die von einem blumigen Duft umgeben waren, in den Augen der Betrachter als schlanker wahrgenommen wurden als ohne Blumenduft. Seine getestete Blumenmischung nannte er »das olfaktorische Äquivalent zum Längsstreifen«.

Düfte und ihre Wirkung

Auch wenn die Wirkung eines Dufts individuell verschieden sein kann, gibt es bestimmte Düfte, die bei vielen Menschen ähnlich wirken. Eine Auswahl:

  • harmonisierend, beruhigend: Lavendel, Rose, Melisse, Kamille, Gardenie
  • aktivierend, leistungssteigernd: Rosmarin, Fichtennadel, Muskatnuss, Thymian
  • angstlösend, entspannend: Lavendel, Baldrian, Melisse, Hopfen
  • konzentrationsfördernd: Pfefferminze
  • belebend: Zitrusöle aus Bergamotte, Zitronen oder Grapefruit
  • tröstend, stimmungssteigernd: Vanille, Kakao

Am eigenen Leib erfahren hat die Wirkung von Düften auch Rainer Frühsammer. Als Jugendlicher hatte er aus einem Impuls heraus ein Zitronen-Duft­öl gekauft und einige Tropfen davon in seinem Zimmer in eine Wasserschale geträufelt. »Da kam meine Mutter herein und war total begeistert, dass es so sauber bei mir war – und das, obwohl ich meine Unordnung nicht weggeräumt hatte«, sagt er. Offenbar hatte der Geruchssinn das Sehen ausgetrickst.

Aromatherapie und -pflege

Das Schlüsselerlebnis mit seiner Mutter ermunterte Frühsammer vor mehr als 20 Jahren zu einer Ausbildung als Aromatherapeut. In der Aromatherapie werden ätherische Öle vor allem bei psychosomatisch mitverursachten Beschwerden wie Schlafstörungen, Verstimmung, Antriebslosigkeit oder Nervosität genutzt. Die Aromatherapie ist von der Schulmedizin nicht anerkannt, es gibt jedoch einige Befürworter – da­runter auch der Bochumer Forscher Hatt. Er hat einige Wirkstoffe analysiert. Ein Ergebnis: »Wir konnten zeigen, dass ein jasminähnlicher Duftstoff, den man in vergleichbarer Form in der Gardenienblüte findet, wie ein Schlafmittel wirkt.« Forschungen über die Wirkung ätherischer Öle laufen weltweit.

Frühsammer ist heute Leiter einer Seniorenresidenz. In der Kursana-Residenz Prien setzt er sein Wissen über Düfte fast täglich bei den Senioren ein. »Wir haben sehr gute Erfahrungen mit der Aromapflege gemacht. Der richtige Duft bringt die Menschen in die Lebensmitte zurück«, ist er überzeugt. Zur Anwendung kommt häufig Lavendelöl – auf dem Kopfkissen oder unter den Fußsohlen, wenn Menschen schlecht einschlafen können. Bei desorientierten Senioren habe sich eine kleine Einreibung mit Basilikum in den Handflächen bewährt. Düfte werden auch eingesetzt in Badezusätzen, bei Massagen oder in Cremes. Gerne greift man in Prien auf Düfte wie Kamille, Rose oder Vanille zurück. »Das sind Öle, die Ruhe und Geborgenheit vermitteln«, sagt der Aromatherapeut, der auch Dozent für Aromapflege ist. Er setzt auch fertige Duft-Kombinationen ein.

Interessant: Selbst wenn Menschen nicht mehr riechen können, sollen Düfte in der Aromatherapie wirken. Die Wirkstoffe gelangen über die Lunge und über die Haut ins Blut. Viele Senioren und Angehörige seien begeistert, berichtet der Residenzdirektor. Wer skeptisch ist, wird aber nicht gezwungen. Der Aromatherapeut ist allerdings selbst so überzeugt, dass er seine eigene Umgebung grundsätzlich – ganz leicht – mit Düften anreichert. »Im Büro verhilft mir Zitrusduft zu einem klaren Kopf. Abends zum Entspannen mache ich es mir gerne mit Zimt oder Myrte heimelig«, sagt er. /

Vorsicht

  • Ätherische Öle sollen nicht bei Kleinkindern angewandt werden.
  • Grundsätzlich sind natürliche Öle hochwertiger als synthetische Öle.
  • Als ideal für die Raum­beduftung gelten Zerstäuber, Luftbefeuchter oder Vernebler, die die Konzentration der Duftmoleküle niedrig halten.
  • Immer auf eine maßvolle Dosierung achten.
  • Allergiker können auf Düfte negativ reagieren.

Buchtipp

Wer sich mehr mit dem Riechen beschäftigen möchte,
findet gut lesbare Anregungen in diesem Buch:

Hanns Hatt, Regine Dee,
Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken
224 Seiten, 30 s/w Abbildungen, ISBN: 978-3-8135-0444-6, EUR 16,–.
Knaus-Verlag, München 2012.