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Internetsucht

Gefangen im Netzwerk

Inga Richter
13.04.2015  12:25 Uhr

Von Inga Richter / Etwa 560 000 Deutsche sind abhängig vom Surfen im Internet. Die Sucht geht meist mit psychischen Störungen einher und zieht körperliche Schäden nach sich. Noch mangelt es an spezifischen Therapieangeboten, da die Medien­abhängigkeit als eigenständige Krankheit nicht anerkannt ist.

1997 surften weltweit 121 Millionen Menschen im Internet. 2014 waren es bereits drei Milliarden. Etwa die Hälfte der User ist bei Facebook angemeldet, 1,25 Milliarden suchen monatlich Informationen über Google und täglich flimmern vier Milliarden Youtube-Videos auf den Bildschirmen. Binnen weniger Jahre hat das World Wide Web unsere Arbeits- und Freizeitgewohnheiten verändert. Skype und Chat­rooms dienen der Kommunikation, Onlinespiele der Unterhaltung, erotische Angebote der sexuellen Befriedigung. Jederzeit und überall.

Doch für viele Menschen ist das Netz längst keine berufliche Notwendigkeit oder harmlose Freizeitbeschäftigung mehr. Etwa 1 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 64 Jahren ist süchtig nach verschiedenen Onlineangeboten, so das Ergebnis einer durch das Bundesministerium für Gesundheit geförderten Studie zur Prävalenz von Internetabhängigkeit (PINTA). Anhand von rund 15 000 Telefoninterviews ermittelten die Wissenschaftler zudem, dass die Zahl der Betroffenen wächst, je jünger die Befragten sind. Unter den 14 bis 24-Jährigen wiesen 2,4 Prozent ein abhängiges Verhalten auf, zwischen 14 und 16 Jahren sogar 4 Prozent. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2011.

»Die Dunkelziffer wird deutlich höher sein«, vermutet Andreas Gohlke, Diplom-Sozialarbeiter und Vorstandsmitglied des Fachverbandes Medienabhängigkeit. Das Suchtpotenzial der modernen Medien ist noch nicht ins Bewusstsein der Menschen gedrungen. Abhängige, die für eine Veränderung nicht bereit sind, werden ihr Verhalten so gut es geht verleugnen. Zumal bei knapp 14 Prozent der Befragten unter 24 Jahren zwar noch kein Suchtverhalten, aber doch eine »problematische Internetnutzung« von etwa vier Onlinestunden täglich festgestellt wurde.

Folgen im realen Leben

»Erste Anzeichen für eine Abhängigkeit sind, wenn für die exzessive Nutzung des Internets negative Konsequenzen im realen Leben in Kauf genommen werden«, sagt Gohlke. Die Menschen verbringen immer mehr Zeit mit virtuellen Angeboten, reale soziale Kontakte mit Familie oder Freunden geraten in den Hintergrund. Oftmals lassen im Laufe der Zeit die Leistungen in der Schule, im Studium oder im Job nach, im Extremfall verwahrlosen die Betroffenen sogar körperlich.

Kriterien für ein Abhängigkeitsverhalten

Für eine Diagnose müssen mindestens vier der primären Kriterien und mindestens eine der sekundären Konsequenzen erfüllt sein, für die Dauer von mindestens drei Monaten.

Primäre Kriterien

  • Einengung des Denkens und Verhaltens auf die Mediennutzung, unstillbares Verlangen, Vernach­lässigung sozial erwünschter Verhaltensweisen
  • Kontrollverlust beim zeitlichen Ausmaß der Mediennutzung
  • Toleranzentwicklung: Gewünschte Wirkung wird nur über häufigere und längere Nutzung oder extremere Inhalte erreicht
  • Entzugserscheinungen: Bei aus­bleibender Möglichkeit der Nutzung treten Nervosität, Unruhe und/oder vegetative Störungen wie Zittern oder Schwitzen auf.
  • Dysfunktionale Regulation von Affekt und Antrieb: Durch die bei der Mediennutzung verspürte Erregung oder Entspannung werden negative Gefühlszustände verdrängt. Stressbewältigung findet nicht statt.
  • Vermeidung sozialer Kontakte zugunsten virtueller Beziehungen
  • Fortsetzung des Spielens trotz bestehender oder drohender negativer Konsequenzen (Streit, Leistungsabfall, Verwahrlosung)

Sekundäre Konsequenzen

  • Körperpflege, Ernährung und Gesundheit werden vernachlässigt ebenso Familie, Partnerschaft und Freizeit.
  • Leistungsbezogene Konsequenzen in Schule, Ausbildung, Arbeit oder Haushalt.

Quelle: nach Fachverband Medienabhängigkeit: Methodenhandbuch Prävention

»Die Heranwachsenden kommen mit den zunehmenden Anforderungen an Leistungen und Autonomie nicht zurecht«, sagt Mediziner Dr. Bert te Wildt von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum und Mitbegründer des Fachverbandes. Kämpft man sich jedoch als Held durch die faszinierenden Parallelwelten von Action- oder Fantasyspielen oder gestaltet sich ein erfolgreiches »Second Life«, spielen eventuelle äußere oder innere Mankos keine Rolle mehr. Gohlke betont: »Insbesondere Jugendliche erleben ihre Selbstwirksamkeit im Spiel. Spielen sie gut, erhalten sie ihre Anerkennung und Belohnung sofort durch eine unmittelbare Reaktion.«

Doch sind es nicht nur Computerspiele, die nach dem Einloggen einen Kick versprechen. Vor allem Mädchen sind empfänglich für die »Likes« und Kommentare in sozialen Netzwerken, andere verfallen dem Austausch in Chatrooms, dem Sammeln vermeintlich nützlicher Informationen oder Erotikangeboten. Unter den Erwachsenen sind Arbeitslose häufiger betroffen als Berufstätige und mehr Singles als Menschen, die in einer Partnerschaft leben. »Am Ende hält ausschließlich die virtuelle Welt noch positive Erlebnisse bereit«, so te Wildt.

Wie bei Alkohol-, Drogen- und Glücksspielsüchtigen kreisen auch die Gedanken Medienabhängiger stets um das Suchtmittel. Für den Kick braucht es immer mehr Siege, Postings oder Käufe, die Toleranzschwelle steigt und die Kontrolle schwindet. Sind die Betroffenen gezwungenermaßen offline, werden sie unruhig, gereizt und aggressiv.

Mechanismen der Sucht

Dass auch die neuronalen Mechanismen denen anderer Suchterkrankungen ähneln, zeigte eine Studie chinesischer Forscher. Mittels Positronen-Emissions-Tomographie verglichen sie die Hirnaktivitäten von gesunden Probanden und Internetabhängigen während eines Onlinespiels. Das Ergebnis: Bei letzteren verringerte sich die Aktivität in den Hirnbereichen, die für vernünftige Handlungen und Entscheidungen zuständig sind. Dasselbe passiert im Gehirn von Drogensüchtigen und krankhaften Glücksspielern bei der Aussicht auf ihr jeweiliges Suchtmittel. Auch war der Dopamin-Stoffwechsel im Zentralnervensystem der Medienabhängigen gestört. Dieser Botenstoff spielt im Belohnungssystem des Hirns eine wichtige Rolle und steht im Zusammenhang mit vielen Suchterkrankungen.

In einer kleinen Untersuchung mit 25 Internetabhängigen stellte te Wildt zudem fest, dass alle an mindestens einer weiteren psychischen Erkrankung litten. Zumeist handelte es sich um Depressionen, gefolgt von Angsterkrankungen, sozialer Phobie oder einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Das entspricht in etwa den Begleiterkrankungen von Alkohol­abhängigen. Man weiß noch nicht, ob diese komorbiden Störungen Ursache oder Folge der Online-Abhängigkeit sind. »Ich vermute, es handelt sich jeweils um zwei verschiedene Erkrankungen, die sich in unguter Weise ergänzen«, sagt Gohlke. Ein depressiver Mensch entwickelt eher eine Sucht nach Cybergames, wenn er ohnehin über eine Affinität zum Spielen verfügt. Andersherum wird ein Spielsüchtiger mit höherer Wahrscheinlichkeit depressiv, wenn die Veranlagung dafür bereits vorhanden ist.

Unstrittige Folgen exzessiver Computernutzung sind dagegen körperliche Beeinträchtigungen. So leiden Internetabhängige einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universitätsklinik Mainz zufolge vermehrt an Schädigungen der Muskeln und des Skeletts sowie unter einem Mangel an Vitamin D. Außerdem klagten sie über Kopf- und Bauchschmerzen sowie Schlafstörungen. »Ich sehe in der Internetabhängigkeit mittlerweile eine lebensgefährliche Sucht«, sagt te Wildt. Zu seinen Patienten würden vor allem depressive junge Menschen zählen, die schlimmstenfalls selbstmordgefährdet sind: »Die Betroffenen bedürfen dringend einer Therapie.«

Kaum Therapieangebote

Dabei ergibt sich jedoch ein Problem. Zwar hat die American Psychiatric Association (APA) die Computerspielabhängigkeit mittlerweile in das Diagnosehandbuch »DSM« (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) aufgenommen, die generelle Internetabhängigkeit beziehungsweise weitere Subformen allerdings nicht. »Ohne Diagnose keine Abrechnungsmöglichkeit«, sagt Gohlke. Das Suchthilfesystem in Deutschland sei zwar auch für die Onlineabhängigen hilfreich, doch würden die Hilfesuchenden bisher meist gemeinsam mit anderen Suchtkranken behandelt. Spezifische Therapieangebote existieren kaum. »Die Inhalte der Behandlung müssen speziell auf die Medienabhängigkeit zugeschnitten werden«, fordert Gohlke. Eine 16-jährige Onlineabhängige braucht ein anderes Angebot als ein 45jähriger Heroinsüchtiger. Idealerweise sollten sich die Gruppen entsprechend zusammensetzen. Gemeinsam erarbeiten die Patienten, welche Beschäftigungen in der realen Welt positive Erlebnisse und sogar Erfolge bereithalten könnten.

Weiterhin benötigen Internetabhängige ein Training in Medienkompetenz. Denn während man bei Alkohol-, Drogen- oder Glücksspielsucht eine komplette Abstinenz anstrebt, ist dies bei den Suchtmitteln Computer oder Smartphone kaum realisierbar. »Ein trockener Alkoholiker muss zwar im Supermarkt an den Schnapsflaschen vorbei«, sagt Gohlke, »aber er hat sie nicht in der Tasche.« Nach einer gewissen Abstinenzzeit probieren die Patienten unter therapeutischer Anleitung am PC aus, welche Inhalte sie ohne Rückfallgefahr nutzen können. »Die Menschen brauchen angemessene Bewältigungsstrategien«, sagt Gohlke. Ansonsten müssten sie zukünftig in einer Höhle im Wald leben, um sich der Technologie zu entziehen.

Viele Vorurteile

Bislang sind derartige Behandlungsangebote noch rar. Eine flächendeckende präventive und therapeutische Versorgung kann erst aufgebaut werden, wenn die Medienabhängigkeit als eigenständige Erkrankung im DSM vermerkt wird. Um das zu erreichen, sammeln die Experten abgesicherte Erkenntnisse, die auch Vorurteile aus dem Weg räumen sollen. Dass die Onlineabhängigkeit keinesfalls ein Pubertätsphänomen ist, weiß man inzwischen durch deutschlandweite Interviews in Beratungs- und Behandlungseinrichtungen: Der Altersdurchschnitt der Befragten liegt bei 29,3 Jahren. Eine breit gefächerte Umfrage in Deutschland und eine Langzeitstudie in Singapur widerlegten zudem die Vorstellung von einem vorübergehenden Problem, welches sich etwa im Erwachsenenalter von alleine erledigt. Die Teilnehmer waren durchweg über mehrere Jahre nicht in der Lage, ihren Internetkonsum zu kontrollieren.

Über Gefahren aufklären

Ganz wichtig sei auch die Aufklärungsarbeit. »Nur 4 Prozent der Betroffenen suchen Hilfe«, sagt Gohlke. Viele Medienabhängige haben bereits jahrelang einen Großteil ihrer Zeit vor dem Computer verbracht. Manche wissen womöglich gar nicht, dass ihnen geholfen werden kann. Andere trauen sich nicht, den Schritt in die Suchttherapie zu gehen. Beratungsangebote sollten daher dort erscheinen, wo sich die Betroffenen am meisten aufhalten: auf Internetportalen, in Online-Communities, aber auch in Computerfach- und Jugendzeitschriften. Damit es gar nicht erst so weit kommt, wollen die Experten auch Kindertagesstätten und Schulen einbeziehen, insbesondere aber die Eltern. »Kinder wachsen heute mit Tablets und Smartphones auf«, sagt Gohlke. Ihnen frühzeitig die Möglichkeiten, aber auch die Gefahren nahe zu bringen und Regeln zu setzen, ist Aufgabe der Erwachsenen. /

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