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Umwelt

Schadstoffe im Trinkwasser

13.04.2015  12:25 Uhr

Von Inka Stonjek / Trinkwasser wird in Deutschland so gut kontrolliert wie kein anderes Lebensmittel und ist deshalb in der Regel von hervorragender Qualität. Mikroschadstoffe wie Biozide oder auch Arzneimittel werden dabei bislang allerdings kaum beachtet. Sie lassen sich mit der bisherigen Klärtechnik nicht oder nur aufwendig entfernen.

Der gewissenhafte Umgang mit Wasser wird seit Jahrzehnten gelebt und ist sogar rechtlich im Wasserhaushaltsgesetz verankert. Seit 1990 ist der Pro-Kopf-Verbrauch von Wasser auch kontinuierlich gesunken und hat sich dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft zufolge seit 2010 bei rund 120 Litern pro Einwohner und Tag eingependelt. Gerade mal 5 Liter davon werden täglich für Essen und Trinken benötigt. Den weitaus größeren Teil nutzen Menschen für die Körperpflege (43 Liter) und die Toilettenspülung (33 Liter). Wäsche waschen (14 Liter), Raum- und Autopflege, Garten (7 Liter) und Geschirr spülen (7 Liter) machen den Rest aus. Hinzu kommen 11 Liter pro Kopf, die jeden Tag in Betrieben anfallen, etwa in der Gastronomie, Waschstraßen oder Friseurbetrieben.

Der Wasserbedarf wird in Deutschland mit Trinkwasser gedeckt. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes stammt es überwiegend aus Grund- und Quellwasser (70 Prozent). Der Rest ist Oberflächenwasser, wozu See- und Talsperren (12 Prozent), angereichertes Grundwasser (9 Prozent), Uferfiltrat (8 Prozent) und Flusswasser (1 Prozent) zählen. Regional allerdings variiert der Ursprung des Wassers stark. In Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und dem Saarland beispielsweise wird der öffentliche Trinkwasserbedarf fast komplett aus Grund- und Quellwasser gedeckt. In Sachsen hingegen zu 73 Prozent aus Oberflächenwasser, größtenteils aus Seen und Talsperren.

Ständiger Kreislauf

Wasser ist keine endliche Ressource wie Erdöl oder Erdgas, sondern befindet sich in einem ständigen Kreislauf. Die natürlichen Quellen werden kontinuierlich aus Regen, Schnee, Hagel und Tau gespeist. Der Niederschlag versickert, reichert sich auf seinem Weg durch Gesteinsschichten mit Mineralien und Spurenelementen an und gelangt über das Grundwasser in Meere, Seen und Flüsse. Dort verdunstet es und startet den Kreislauf von neuem.

Abwasser wird in einer der deutschlandweit rund 10 000 Kläranlagen gereinigt und anschließend wieder dem Wasser­kreislauf zugeführt. Durch diesen Prozess geht verbrauchtes Wasser an sich nicht verloren. Ohne die Aufbereitung aber wäre es nicht mehr für den menschlichen Gebrauch geeignet. Im ersten Schritt der Klärung wird das Abwasser mechanisch von Unrat befreit. Größere Fremdkörper werden ausgesiebt, kleinere Teile und Schwebstoffe sinken im Sandfang und im Vorklärbecken zu Boden. In der zweiten Stufe bauen Bakterien organische Verschmutzungen ab. Im letzten Schritt wird vor allem Phosphor entfernt, der über Dünger in den Wasserkreislauf gelangt. Dazu werden dem Wasser Eisensalze zugesetzt, die mit Phosphor zu wasserunlöslichen Verbindungen reagieren, ausflocken und sich in einem Nachklärbecken als Schlamm absetzen. Jetzt kann das gereinigte Wasser in ein natürliches Gewässer eingeleitet werden.

Der aktuelle Wasserbericht der Bundesregierung bescheinigt dem deutschen Trinkwasser aus den Jahren 2011 bis 2013 insgesamt eine sehr gute Qualität. Im Jahr 2013 blieben Grenzwertüberschreitungen bei Nitrat, das vor allem über Gülle und Düngemittel aus der Landwirtschaft in das Grundwasser gelangt, die seltene Ausnahme (8 aus 16 426 Proben positiv).

Bleifrei

In dem Moment, in dem das Wasser den Hahn verlässt, greift die Verordnung über die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch (Trinkwasserverordnung, TrinkwV 2001). Sie setzt eine EG-Richtlinie um und ist damit im Grundsatz europaweit gültig. Die Verordnung definiert Beschaffenheit, Aufbereitung und Überwachung des Trinkwassers. Zu den Grundanforderungen gehört etwa, dass das Wasser rein und genusstauglich sein muss. Zudem darf es keine Krankheitserreger oder Chemikalien in gesundheitsschädigenden Konzentrationen enthalten. Seit Ende 2012 ist die zweite Änderungsverordnung der Trinkwasserverordnung in Kraft. Neu darin ist unter anderem die Untersuchungspflicht auf Legionellen.

Seit Dezember 2013 gilt der neue Grenzwert von 0,010 mg Blei pro Liter Trinkwasser. Hausbesitzer, die bleihaltige Wasserrohre bislang nicht ausgetauscht haben, müssen betroffene Verbraucher schriftlich oder per Aushang über die Blei-Konzentration informieren. Das Schwermetall kann sich im Körper anreichern und die kindliche Entwicklung beeinträchtigen. Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder müssen besonders vor Blei geschützt werden – zum Beispiel, indem sie für die Zubereitung von Speisen und zum Trinken abgefülltes Wasser verwenden.

Gifte im Grundwasser

Nitrate gehören zu den Stoffen, die das Wasser am meisten belasten. Im Körper wird Nitrat zu Nitrit und anschließend weiter zu Nitrosaminen umgewandelt. Als Nitrit zerstört die Stickstoffverbindung den Blutfarbstoff Hämoglobin und ist vor allem für Säuglinge gefährlich. Nitrosami­ne wiederum gelten als krebserregend. Grenzwertüberschreitungen bei Blei (siehe auch Kasten) wurden vor allem am Wasserhahn der Endverbraucher nachgewiesen und sind ein Indiz für veraltete Bleileitungen oder nicht zeitgemäße Armaturen. Eine veraltete Technik war meist auch die Ursache, wenn die Grenzen für Kupfer, Nickel und Cadmium überschritten wurden.

Rückstände von Mikroschadstoffen wurden in dem Bericht jedoch nicht beachtet. Dazu gehören beispielsweise Biozide gegen Algen- oder Pilzbefall, die der Regen aus Fassadenfarben wäscht und die anschließend ins Grundwasser versickern. Oder auch hormonähnliche Chemikalien wie Bisphenol A, das zum Beispiel aus beschichteten Rohren ins Trinkwasser gelangen kann sowie bestimmte Medikamente, die nach der Passage durch den Körper von Mensch oder Tier teils unverändert, teils in Form von Metaboliten über Ab- und Oberflächenwasser in den Wasserkreislauf gelangen. Bislang fehlen gesetzliche Grenzwerte für diese Stoffe, an denen sich die Anlagenbetreiber orientieren können.

Spuren von Arzneimitteln

Experten haben bisher mehr als 100 verschiedene Arzneistoffe in Flüssen und Seen nachgewiesen. Die gemessenen Konzentrationen sind jedoch gering, im Trinkwasser finden sich Arzneimittelrückstände dem Umweltbundesamt zufolge nur in Kleinstmengen wieder. Nach heutigem Wissensstand besteht für den Menschen dadurch keine Gefahr. Das empfindliche Ökosystem können Arzneimittelrückstände jedoch sehr wohl stören, vor allem, wenn sie in hohen Konzentrationen einwirken – was zum Beispiel in der Nähe von Klärwerksabläufen der Fall sein kann. Fische und Schnecken etwa reagieren auf Spuren eines Wirkstoffes aus der Antibabypille, 17α-Ethinylestradiol, mit drastischen Veränderungen an den Fortpflanzungsorganen. Das Schmerzmittel Diclofenac kann Leber und Nieren von Fischen schädigen. Antibiotika können das Wachstum von Pflanzen und Algen hemmen.

Eine Lösung, wie sich diese Rückstände entfernen lassen, gibt es noch nicht. Um die geringen Substanzmengen zuverlässig herauszufiltern, reicht die herkömmliche Klärtechnik nicht aus. Biologen forschen derzeit noch an Maßnahmen, um das Problem der Mikronährstoffe lösen zu können. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung beispielsweise hat die Fördermaßnahme »Risikomanagement von neuen Schadstoffen und Krankheitserregern im Wasserkreislauf« ins Leben gerufen. Damit fördert der Staat insgesamt zwölf Projekte, in deren Rahmen Technologien und Konzepte zum Risikomanagement von neuen Schadstoffen und Krankheitserregern entwickelt werden. Auch das Umweltbundesamt forscht an neuen Maßnahmen. Seiner Ansicht nach könnte eine vierte Reinigungsstufe in Kläranlagen das Problem von Mikroschadstoffen lösen.

Medikamente richtig entsorgen

Umweltschutzorganisationen fordern zudem einen präventiven Umweltschutz, damit bedenkliche Stoffe erst gar nicht ins Abwasser gelangen. Altmedikamente sollten daher nicht über die Toilette entsorgt werden. Sie zählen zum »Siedlungs­abfall« und gehören in den Hausmüll. Verbraucher sollten alte Medikamente aber noch besser in Apotheken abgeben, die eine fachgerechte Entsorgung anbieten. Auch immer mehr Städte und Gemeinden bieten inzwischen Möglichkeiten zur Entsorgung (zum Beispiel »Medi-Tonnen«, Schadstoffsammelstellen, Schadstoffmobile). Auf der Webseite www.arzneimittelentsorgung.de erfahren Verbraucher, wie sie Arzneimittel in ihrem Landkreis oder ihrer Stadt am besten umweltbewusst entsorgen können. /