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Frühling und Sommer

Stichtage für Insekten

13.04.2015  12:25 Uhr

Von Elke Wolf / Kaum hat man es sich mit einem Stück Obstkuchen im Garten gemütlich gemacht, beginnt das Summen. Stechmücken, Bienen und Wespen sind im Anflug und meinen, die süßen Stunden mit uns teilen zu können. Hat das Kleingetier erst zuge­sto­chen, heißt es schnell handeln. Zwar sind die meisten Stiche harmlos, es gibt jedoch Ausnahmen.

Stechmücken haben in der wärmeren Jahreszeit immer Saison. Bei hoher Luftfeuchtigkeit und in der Dämmerung sind sie besonders aktiv. Nur die Weibchen saugen Blut, weil sie das enthaltene Eiweiß brauchen, um Eier legen zu können. Bienen sind dagegen Vegetarierer, sie sammeln nur Blütennektar. Sie sind unterwegs, sobald die Natur die ersten Blüten hervorbringt. Ab Mitte Juni werden die Bienenvölker schon kleiner. Anders bei den Wespen: Im Spätsommer stirbt ihre Wespenkönigin und es schlüpft kein Nachwuchs mehr. So haben die Arbeiterinnen etwa ab Mitte Juli nichts mehr zu tun und machen sich allein auf die Suche nach Essbarem. Und da kommen süße Getränke, Naschwerk oder Herzhaftes auf dem Gartentisch gerade recht.

Wespen und Bienen spritzen Gift, Mücken nicht. Das macht die auf einen Mückenstich folgende Hautreaktion einigermaßen erträglich. Neben einem Lokalanästhetikum – so bleibt der eigentliche Einstich fast unbemerkt – enthält das Speichelsekret Proteine, die zu einer Sofortreaktion führen, bei der innerhalb von Minuten Histamin ausgeschüttet wird. Diese lokal begrenzte allergische Reaktion ist sowohl für den Juckreiz als auch für die Schwellung und die einsetzende Rötung verantwortlich.

Bienen und Wespen drücken dagegen beim Stechen Gift in die Wunde. Das brennt wie Feuer. Die Stelle schmerzt stark und ist mitunter massiv geschwollen. Die Schwellung kann bis zu fünf oder sechs Tage anhalten. Ihr Ausmaß ist dabei abhängig von der Einstichstelle und der Menge des Gifts, die Reaktion kann also sehr unterschiedlich ausfallen.

Gefährliche Schwellung

Meist ist der schmerzhafte Stich nach ein paar Tagen vergessen. Gefährlich wird es jedoch, wenn die Insekten im Mund, auf der Zunge oder im Hals- und Schläfenbereich zugeschlagen haben. Um lebensbedrohliche Schwellungen zu verhindern, sollten Betroffene die Stelle sofort mit Eiswürfeln kühlen (lutschen!) und einen Arzt rufen. Auch bei Massenstichen, zum Beispiel durch einen Bienenschwarm, ist ein Arzt zurate zu ziehen. Gleiches gilt, wenn es Säuglinge oder Kleinkinder getroffen hat, wenn die Haut um den Einstich stark anschwillt oder wenn rote Streifen sichtbar sind.

Je schneller man nach einem Stich handelt, desto weniger Ärger hat man damit. Ist ein Stachel in der Haut zu sehen, hat eine Biene ihr Unwesen getrieben und den Stich mit dem Leben bezahlt. Wespen behalten dagegen ihren Stachel. Betroffene sollten einen Stachel sofort mit einer Pinzette entfernen, ohne dabei die giftgefüllte Blase zu quetschen, die am Stachel hängt. Je schneller, desto besser, weil weniger Gift in die Wunde gelangt. Danach lindern Kühlung und Druck die Schmerzen und verhindern, dass sich die Giftstoffe ausbreiten. Geeignet sind Cold-Packs, die mit einem dünnen Tuch umwickelt werden, Kompressen mit essigsaurer Tonerde oder verdünntem Isopropylalkohol. Auch 10-prozentiger Ammoniak direkt auf die Wunde getupft nimmt die Schwellung. Per Osmose werden die Giftstoffe aus der Wunde gezogen. Eine frisch angeschnittene Zwiebel oder Honig haben den gleichen Effekt.

Antiallergische Gele oder Cremes mit Bamipin (zum Beispiel Soventol®), Dimetinden (Fenistil®), Clemastin (Tavegil®) oder Chlorphenoxamin (Systral®) wirken abschwellend und sind auch für die sofortige Selbstmedikation eines Insektenstichs geeignet. Gelgrundlagen wirken zusätzlich kühlend. Achtung: Zubereitungen mit 0,25 oder 0,5 Prozent Hydrocortison (wie Fenihydrocort®) nehmen die Entzündung, sollten aber nicht bei Kindern unter sechs Jahren zum Einsatz kommen.

Relativ neu ist ein physikalisches Therapieprinzip, auch lokale Hyperthermie genannt. Durch die Applikation von konzentrierter Wärme mithilfe eines elektrischen, stiftförmigen Gerätes (Bite Away®) sollen die Bestandteile des Insektengiftes zersetzt und die Histaminausschüttung unterbunden werden. Mit dem Stift sollen Temperaturen zwischen 51 und 53 °C für drei bis sechs Minuten auf die Haut übertragen werden können. Bei sofortiger Anwendung nach einem Stich sollen so Juckreiz und Schmerz gelindert werden. Die Rettungsschwimmer der DLRG und der Wasserwacht hatten das Gerät vor allem nach Wespenstichen getestet, seitdem ist es bei ihnen im Einsatz.

Besonders für Kinder eignen sich auch homöopathische Zubereitungen. Ledum D6 ist das Mittel der Wahl für alle punktförmigen Verletzungen, vor allem durch Insektenstiche. Apis D6 ist die Soforthilfe bei Bienen- und Wespenstichen. Bei Wespenstichen eignet sich auch Vespa germanica C30. Bei Stichen in Gesicht und Hals sowie Anzeichen allergischer Reaktionen sofort den Notarzt rufen und Apis beziehungsweise Vespa germanica allenfalls zur Überbrückung bis zu seinem Eintreffen geben.

Stich mit Lebensgefahr

Das Gift von Bienen, Wespen und Hornissen ist selbst bei einer größeren Anzahl von Stichen normalerweise nicht lebensgefährlich. Anders bei Allergikern: Bei ihnen kann bereits ein einziger Stich lebensbedrohlich werden. Innerhalb weniger Minuten reagiert der Allergiker dann mit Schweißausbrüchen, Atemnot, tränenden Augen, Hautausschlägen, Schwindel, Herzrasen, Zittern, Übelkeit oder Erbrechen. Im Ex­tremfall kann es zu einem anaphylaktischen Schock mit Bewusstlosigkeit und Atem- beziehungsweise Kreislaufstillstand kommen. Dann ist umgehend der Notarzt zu rufen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sterben in Deutschland jährlich 10 bis 40 Menschen an den Folgen eines anaphylaktischen Schocks. Übrigens: Menschen, die ACE-Hemmer, Betablocker oder Antirheumatika einnehmen, an Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, haben ein erhöhtes Risiko, mit einer starken allergischen Reaktion auf Insektenstiche zu reagieren.

Alle Patienten, die bereits einmal eine anaphylaktische Reaktion erlitten haben, müssen allergologisch untersucht werden. Nach Abschluss der Diagnostik, die frühestens zwei bis drei Wochen nach dem akuten Ereignis stattfinden sollte, ist besonders bei Insektengiftallergikern eine Hyposensibilisierung zu erwägen. Denn bei diesem Allergietyp erzielt die subkutane oder sublinguale Immuntherapie besonders gute Ergebnisse. Etwa 90 Prozent der Behandelten reagieren nach einer Therapie nicht mehr auf einen erneuten Stich.

Anwendung lernen

In jedem Fall erhalten Anaphylaxie-gefährdete Betroffene einen Allergiepass mit Empfehlungen zu Sofortmaßnahmen. Patient und Angehörige müssen lernen, wie Notfallmedikamente zu handhaben sind. Zahlen aus dem deutschen Anaphylaxie-Register zeigen jedoch, dass das lebensrettende Adrenalin entweder gar nicht oder zu selten eingesetzt wird. PTA und Apotheker können hier mit ihrer Beratung einen wichtigen Beitrag leisten, damit sich die Patienten im Notfall besser versorgen können.

Das Notfallset sollten die Patienten immer mit sich führen. Das gilt im Übrigen auch für Personen, deren Hyposensibilisierung erfolgreich verlaufen ist. Etwa jeder Zehnte entwickelt im Laufe der Jahre nach Ende der spezifischen Immuntherapie wieder systemische Reaktionen auf Insektengifte.

Injektion im Notfall

Das Notfallset enthält einen Adrenalin-Autoinjektor, ein orales Antihistaminikum und ein orales Corticosteroid. Die erste Maßnahme im Falle schwerer Reaktionen ist immer die Applikation von Adrenalin mithilfe des Autoinjektors (Fastjekt®, Jext®). Die Injektion erfolgt in die Außenseite des Oberschenkels. Der behandelnde Allergologe oder Apotheker beziehungsweise PTA sollten die Handhabung vorher erklären. Beleibtere Patienten müssen auf einen ausreichend hohen Druck während der Applikation achten. Adrenalin aktiviert die Alpha- und Betarezeptoren, stabilisiert den Kreislauf und erweitert die Bronchien.

Danach sollte der Betroffene das Antihistaminikum (wie Dimetinden in Fenistil® Tropfen) und das Corticosteroid (wie Betamethason in Celestamine® Tropfen N 0,5 liquidum) einzunehmen. Beide Arzneimittel sollten im Notfallset in flüssiger Form vorliegen. Tropfen und Lösungen haben im Vergleich zu Tabletten den Vorteil, dass sie auch von Patienten mit Schwellungen im Gesichtsbereich gut geschluckt werden können. Kinder können das Steroid auch in Form eines Zäpfchens bekommen. Im Akutfall sollte etwa die Hälfte der jeweiligen Flasche ausgetrunken werden. Die Antihistaminika gibt man wegen der Hautreaktionen, die mehr als 90 Prozent der Personen entwickeln. Die Corticosteroide stellen eine Art Rezidivprophylaxe und wegen ihres membranstabilisierenden Effekts eine Vorbeugung von Spätreaktionen dar. An der Akutreaktion ändern sie wenig, da die Zeit bis zum Wirkeintritt zu lange dauert.

Zusätzlich kann ein Notfallset auch ein schnell wirksames Beta-2-Mimetikum wie Fenoterol oder Salbutamol als Dosieraerosol (wie Berotec®, Sultanol®) enthalten. Asthmatikern oder Patienten mit asthmatischen Beschwerden helfen zwei bis vier Hübe, die nach fünf Minuten wiederholt werden können. Das Sympathomimetikum wirkt bronchodilatierend und nimmt die Luftnot und das Engegefühl in der Brust.

Mastzell-Tryptase prüfen

Einige Insektengiftallergiker reagieren besonders heftig auf einen Stich, die nämlich, die neben einer Sensibilisierung auf Insektengift erhöhte Werte der Mastzell-Tryptase im Blut haben. Dieses Enzym ist für die Heftigkeit der Reaktion auf Insektengifte verantwortlich. Etwa zehn Prozent der Insektengiftallergiker haben einen erhöhten Tryptasewert. Mehr als 80 Prozent von ihnen erleiden bei einem Stich einen Schock oder eine nahezu tödliche Reaktion. Anders bei den Betroffenen ohne auffällige Enzymwerte: Von ihnen reagieren lediglich 20 Prozent besonders heftig. Wegen der besonderen Bedrohung sollten sich diese speziellen Insektengiftallergiker unbedingt hyposensibilisieren lassen. Bei ihnen hilft die Behandlung fast immer. Anders als im Normalfall müssen jedoch Patienten mit erhöhten Mastzell-Tryptase-Werten lebenslang die spezifische Immuntherapie auf sich nehmen. /

Im Notfall schnell handeln

Es lässt sich nicht vorhersagen, wie schnell und wie intensiv eine anaphylaktische Reaktion auftritt. Ein Schock kann sich sekundenschnell, aber auch mit einer Latenzzeit von bis zu 30 Minuten entwickeln. Deshalb müssen selbst milde Symptome wie ein leichtes Kribbeln in den Lippen ernstgenommen werden. Es kommt auf die richtigen Sofortmaßnahmen an:

  • Anwendung des Notfallsets
  • Bei Atemwegs- und/oder Kreislaufsymptomen wie Luftnot oder Kreislaufdysregulation ist sofort der Notarzt unter 112 zu rufen. Stichwort: Allergieschock.
  • Schocklagerung/Beine hoch. Ausnahme: Patienten mit asthmatischen Symptomen sollten aufrecht sitzen.
  • Patienten, die ausschließlich Hautsymptome wie eine Urtikaria haben, sollten einen Arzt auf­suchen, nachdem sie das Anti­histaminikum und das Steroid eingenommen haben.