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Venenerkrankungen

Drei Therapie-Säulen

25.04.2016  09:34 Uhr

Von Verena Arzbach / Laut einem neuen Therapie-Leitfaden für Ärzte stützt sich die Therapie chronischer Venenerkrankungen wie Krampfadern oder chronisch venöser Insuffizienz (CVI) auf drei Säulen: operative Verfahren, die Kompressions- und die medikamentöse Therapie. Die Expertenkommission räumt pflanzlichen Venentherapeutika mit nachgewiesener Wirkung damit ­einen höheren Stellenwert als bislang ein.

Zur Behandlung von Venenleiden existieren unterschiedliche Empfehlungen. Gefäßmediziner haben nun einen Leitfaden für Ärzte, ein sogenanntes Konsensuspapier, mit Empfehlungen für die symptomorientierte Therapie chronischer Venenerkrankungen erarbeitet, das demnächst im Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft veröffentlicht wird. Laut den Empfehlungen, die randomisierte Studien und Übersichtsarbeiten einbeziehen, soll sich die Behandlung der CVI auf drei Säulen stützen: operative Verfahren, bei denen funktionslose Venen oder Venenabschnitte ausgeschaltet beziehungsweise entfernt werden, die Kompression und die medikamentöse Therapie. Letzterer wird bei der symptomorientierten Therapie nun ein der Kompressionstherapie vergleichbarer Stellenwert eingeräumt; bislang wurden Venentherapeutika eher als adjuvante Therapie gesehen, die die Kompression unterstützen soll.

»Gemäß Empfehlungen aktueller Leitlinien sollte zunächst eine Sanierung des venösen Gefäßbetts erwogen werden, um einen störungsfreien venösen Blutfluss wiederherzustellen und Symptome und pathologische Veränderungen zu beseitigen oder zu bessern«, heißt es im Konsensuspapier. Eine kausale Therapie ist also nur mit einem operativen Verfahren möglich, bei dem defekte Venen beseitigt oder ausgeschaltet werden. Hier gibt es verschiedene Methoden: Bei der minimal-invasiven Operation wird die kranke Vene komplett entfernt. Bei der Sklerosierung spritzt der Arzt ein Verödungsmittel in die Vene. Alternativ kann die Venenwand mit einem Laser oder durch Radiowellen so stark erhitzt werden, dass sie zerstört und dann abgebaut wird (thermische Ablation).

Oft bessert sich nach einer Operation der Rückfluss des venösen Blutes zum Herzen, Schwellungen und Hautveränderungen gehen zurück. Im besten Fall ist der Patient beschwerdefrei. »Wenn allerdings noch Restsymptome bestehen, eine Sanierung nicht möglich ist oder der Patient keinen invasiven Eingriff wünscht, ist auch eine langfristige symptomatische Therapie möglich«, sagt Professor Dr. Markus Stücker, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Erstautor des Konsensus­papiers.

Dann kommt oft die Kompressionstherapie mit Strumpf oder Verband zum Einsatz. Damit wird Druck von außen auf die schwachen Venen ausgeübt und so der Blutfluss zum Herzen unterstützt. Der venöse Rückstrom wird reduziert, Schwellungen nehmen ab und Beschwerden wie Schmerzen und Schweregefühl lassen nach. Ein großer Nachteil der Kompressionstherapie: Sie ist ziemlich unbeliebt. Viele Patienten haben Vorbehalte gegen die Strümpfe, da das Anziehen mühsam und das Tragen, besonders im Sommer, unangenehm ist. Zudem gibt es einige Erkrankungen, etwa eine fortgeschrittene periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) oder eine Herzinsuffizienz, bei denen die Kompressionstherapie kontraindiziert ist.

Phytopharmaka helfen

Der Experten-Leitfaden nennt auch Venentherapeutika, deren Wirksamkeit durch Studien belegt ist, als wichtigen Baustein der symptomorientierten Therapie. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte in einem Nachzulassungsverfahren bereits alle Venentherapeutika kritisch überprüft. Demnach zählen Extrakte aus Roten Weinrebenblättern (zum Beispiel in Antistax® extra) sowie aus Rosskastaniensamen (zum Beispiel in Aescorin® forte, Venoplant®, Venostasin®) sowie das halbsynthetische Flavonoid Oxerutin aus dem Japanischen Schnurbaum (zum Beispiel in Venoruton® Intens) zu den rationalen Phytopharmaka. Ihre Wirkung ist – bei oraler Einnahme wohlgemerkt – anhand klinischer Studien belegt.

Die Inhaltsstoffe der Extrakte aus Rotem Weinlaub und aus Rosskastaniensamen sowie Oxerutin wirken antientzündlich und antiexsudativ, das heißt, sie dichten die Gefäßwände ab. So wird verhindert, dass Flüssigkeit aus den Venen in umliegendes Gewebe austritt, die Bildung neuer Ödeme wird verhindert und auch bestehende Ödeme werden reduziert. Auch werden Schmerzen sowie Schwere- und Spannungsgefühle gelindert. Der Extrakt aus Rotem Weinlaub kann den Untersuchungen zufolge zudem die Sauerstoffversorgung im Beingewebe von CVI-Patienten verbessern.

Pflanzliche Venentherapeutika sollten ausreichend hoch dosiert werden und regelmäßig über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Wichtiger Hinweis für die Patienten: Ihre volle Wirksamkeit entfalten sie erst nach einigen Wochen. »Morgens eine Tablette einzunehmen, wenn man mal einen Tag viel stehen muss, funktioniert nicht«, so Stücker.

Sowohl die Kompressionstherapie als auch die medikamentöse Therapie können laut dem Konsensuspapier alleine oder in Kombination angewendet werden. Es sei wichtig, das ganze Spektrum der symptomatischen Therapie optimal auszuschöpfen und für jeden Einzelfall eine individuelle Therapielösung zu finden, schreiben die Experten.

Kranke Klappen

Eine der häufigsten Ursachen der Entstehung von Krampfadern (Varizen) und einer CVI ist eine ererbte Bindegewebsschwäche mit Schwächung der Venenwand und der Venenklappen, die nicht mehr richtig schließen können. Die Venenklappen erfüllen normalerweise folgende Funktion: Fließt das Blut Richtung Herz, legen sie sich an die Gefäßwand und lassen das Blut passieren. Den Weg zurück versperren sie, indem sie die Ausstülpungen ausklappen. Funktioniert das nur noch eingeschränkt, fließt das Blut wieder zurück in die Beine und »versackt« dort (siehe auch Grafik). Es kommt zu einem Rückstau in den Beinen, der zusätzlich Druck auf die Gefäßwände ausübt und die Venen weiter dehnt.

Experten teilen die Veränderungen der Venen in verschiedene Stadien ein: Im Anfangsstadium der CVI bemerken Betroffene vor allem abends Schwellungen, Spannungen und Muskelkrämpfe, oder die Beine fühlen sich schwer an. Auch Besenreiser treten in diesem Stadium häufig auf. Im Laufe der Erkrankung zeichnen sich die Krampfadern dann zunehmend stärker ab, sie erscheinen blau bis rot und teils knötchenförmig verformt. Im Stadium IIa sind außerdem Stauungsödeme deutlich zu sehen, die auch nachts nicht abklingen. Durch Hämoglobin entstehen braune Flecken auf der Haut. Auch geht die natürliche Struktur der Venenwand nach und nach verloren: Es kommt zu fibrotischen Umbauprozessen der Venenwand, bei denen die glatte Muskulatur zunehmend durch kollagene Fasern ersetzt wird. Im Stadium IIb bilden sich statt gesundem, rosigem Gewebe weiße und verhärtete Zellen (Dermatosklerose). Bei starkem venösen Rückstrom und starken Schwellungen kann es innerhalb von Jahren im Stadium III schließlich zu chronischen Hautveränderungen bis hin zum sogenannten »offenen Bein« (Ulcus cruris venosum) kommen.

Die CVI ist eine regelrechte Volkskrankheit: Bei einem Drittel der Erwachsenen lassen sich größere Varizen feststellen. Schon junge Erwachsene können Krampfadern entwickeln, ältere Menschen zeigen sie jedoch deutlich häufiger. Frauen trifft es vermehrt, weil weibliche Hormone das Bindegewebe weicher und dehnbarer machen. Übergewicht, häufiges Stehen, zum Beispiel im Beruf, eine Schwangerschaft und wenig Bewegung fördern ein Venenleiden. /

Deutscher Venentag

Im Jahr 2003 hat die Deutsche Venen-Liga (DVL) mit Sitz in Bad Bertrich erstmals den bundesweiten Gesundheitstag ins Leben gerufen. Der mittlerweile 14. Aktionstag am 30. April 2106 soll über Risiken, Vorbeugungsmaßnahmen und Behandlungsmethoden von Besenreisern, Krampfadern bis hin zum offenen Bein informieren. Bundesweit werden dazu zahlreiche Aktionen angeboten, etwa Venen-Checks, Venen-Gymnastik und Venen-Walking mit zertifizierten Venentrainern, Kneipp´sche Beingüsse sowie Vorträge über moderne Untersuchungs- und Behandlungsmethoden bei Venenleiden. Schirmherrin des Gesundheitstags und Vizepräsidentin der Deutschen Venen-Liga ist die Schlagersängerin Cindy Berger. Weitere Informationen gibt es auf www.venenliga.de.