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Lipödem

Fett falsch verteilt

25.04.2016
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Von Verena Arzbach / Extrem voluminöse Beine, aber eine relativ schlanke Körpermitte: Frauen mit einem solchen Erscheinungsbild leiden womöglich unter einer krankhaften Fettverteilungs­störung. Beim sogenannten Lipödem vermehren sich Fettzellen vor allem in den Beinen unkontrolliert. Es handelt sich nicht nur um ein kosmetisches Problem: Das Gewebe spannt und schmerzt, und schon bei geringem Druck bilden sich blaue Flecke.

Das Lipödem tritt fast ausschließlich bei Frauen auf. Die Fettverteilungsstörung betrifft meist Ober- und Unterschenkel, die Hüfte und das Gesäß, seltener auch die Arme. Hände und Füße sind davon ausgenommen. Die Beine wirken im Vergleich zu dem meist schlankeren Oberkörper unproportioniert dick. Mediziner vermuten hormonelle Ursachen hinter der Erkrankung, denn meist beginnt die Störung in einer Phase hormoneller Veränderungen, etwa in der Pubertät, nach einer Schwangerschaft oder im Klimakterium. Das Risiko, ein Lipödem zu entwickeln, ist auch höher, wenn bereits Familienmitglieder betroffen sind. Welche Rolle die einzelnen Faktoren allerdings bei der Krankheitsentstehung wirklich spielen und wie sich ein Lip­ödem genau entwickelt, ist zu weiten Teilen unbekannt.

Charakteristisch für das Lipödem ist, dass die krankhaften Veränderungen immer symmetrisch auftreten, also etwa an beiden Beinen. Die Fettansammlungen können sich dabei aber entweder homogen über das ganze Bein verteilen (sogenanntes Säulenbein) oder entweder nur den Ober- oder nur den Unterschenkel betreffen. Im späteren Verlauf finden sich zusätzlich oft Wulstbildungen (Wammen), vorwiegend an den Innenseiten der Oberschenkel.

Die unkontrollierte Vermehrung der Fettzellen in bestimmten Körperregionen zieht eine Reihe von Komplikationen nach sich: So kommt es zu Veränderungen des Bindegewebes und zu Störungen der Kapillarpermeabilität. In der Folge gelangt mehr Flüssigkeit aus dem Gefäßsystem in die Zwischenräume der Fettzellen. Wird diese Gewebsflüssigkeit nicht ausreichend abtransportiert, entstehen Ödeme, die auf das umliegende Gewebe drücken. Besonders am Abend, nach langem Stehen und im Sommer kommt es daher zu Spannungs- und Schweregefühlen in den Beinen. Die Beine sind zudem oftmals sehr berührungs- und druckempfindlich. Hämatome können sich selbst nach einem leichten Stoß entwickeln.

Verwechslungsgefahr

Oft wird ein Lipödem – auch von Ärzten – mit einer Adipositas verwechselt. Bei letzterer vermehrt sich allerdings das Fett am gesamten Körper, die Proportionen bleiben erhalten. Auch verursacht das Fettgewebe keine unmittelbaren Beschwerden. Allerdings tritt das Lipödem auch häufig zusammen mit Übergewicht oder Adipositas auf. Etwa jede zweite Lipödem-Patientin ist auch adipös.

Auch Verwechslungen mit einem primären Lymphödem sind möglich, denn auch hier kommt es zu einer Schwellung der Beine. Allerdings erfasst diese Schwellung im Gegensatz zum Lipödem meist auch die Füße. Außerdem schmerzt das Gewebe nicht, wenn Druck ausgeübt wird, und es besteht keine erhöhte Neigung zu Hämatomen.

Ein Lipödem verläuft progredient, das heißt, ohne Behandlung schreitet es weiter fort. Morphologisch unterscheiden Mediziner drei Stadien ein: Im Stadium I ist die Unterhautschicht gleichmäßig verdickt, im Stadium II wird sie knotenförmig und führt zu Unebenheiten der Hautoberfläche. Im fortgeschrittenen Stadium III verhärtet sich das Gewebe zunehmend, es entstehen ausgeprägte Fettwülste, die im Knie- und Oberschenkelbereich schließlich zu einer Behinderung beim Gehen führen können (siehe Tabelle).

Morphologische Einteilung des Lipödems; nach S1-Leitlinie 037/012 Lipödem

Stadium Charakteristika
1 Glatte Hautoberfläche mit gleichmäßig verdickter, homogen erscheinender Subkutis
2 Unebene, überwiegend wellenartige Hautoberfläche, knotenartige Strukturen im verdickten Subkutanbereich
3 Ausgeprägte Umfangsvermehrung mit überhängenden Gewebeanteilen (Wammenbildung)

Großer Leidensdruck

Die betroffenen Frauen leiden häufig stark unter ihrer Erkrankung. Besonders das Selbstwertgefühl ist angekratzt, weil der immer weiter wachsende Umfang der Beine und die verschobenen Proportionen zwischen Stamm und Extremitäten ästhetisch zum Problem werden. Aber auch die damit einhergehenden Beschwerden wie Spannungsgefühle und dumpfe Schmerzen bei leichtem Druck verstärken den Leidensdruck. Schreitet die Erkrankung weiter fort, steigt das Risiko für Infek­tionen, die Ausbildung von Lymph­ödemen oder orthopädischen Komplikationen wie Gangbildstörungen oder Achsenfehlstellungen.

Eingeschränkte Therapie

Eine ursächliche Therapie gibt es beim Lipödem nicht, lediglich die Symp­tome können behandelt werden. Die Therapie verfolgt daher laut der aktuell gültigen S1-Leitlinie (Stand 2015), die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP) erstellt wurde, zwei Ziele: Die Beschwerden sollen gelindert oder beseitigt und Komplikationen verhindert werden. Körperliche Aktivität und eine Ernährungsumstellung können zwar eventuell vorhandenes Übergewicht abbauen, die Fettansammlungen in den Extremitäten lassen sich so allerdings nicht reduzieren.

Zunächst empfehlen die Ärzte eine konservative Therapie, um Ödeme und Schmerzen zu reduzieren. Die Behandlung besteht aus einer Kombination aus regelmäßiger manueller Lymphdrainage, Krankengymnastik und dem Tragen von Kompressionsstrümpfen. Wichtig: Die Therapie muss regelmäßig und konsequent angewendet werden. Die Symp­tome kann die konservative Therapie zwar eventuell lindern, aber das überschüssige Fett verschwindet nicht.

Ab Stadium II hat sich laut der Leitlinie zusätzlich eine gezielte Fettabsaugung (Liposuktion) bewährt. Dabei wird das Fett unter örtlicher Betäubung mit einer Sonde abgesaugt und die Beine an die normale Körperform angepasst. Die Liposuktion lindert bei vielen Patientinnen die Beschwerden oft über Jahre hinweg oder sie verschwinden ganz. Zudem kann eine möglichst frühe Operation die Entwicklung gefährlicher Folgeerkrankungen verhindern. Im Gegensatz zur konservativen Therapie zahlen die Krankenkassen die Kosten für eine Fettabsaugung allerdings in der Regel nicht.

Eine angepasste Ernährung sowie körperliche Aktivität als Therapiebegleitung sind indiziert, wenn zusätzlich zum Lipödem eine Adipositas besteht, heißt es in der Leitlinie. Eine Lip­ödem-spezifische Diät gibt es nicht. »Da hohe Insulinspiegel die Lipogenese fördern und über die Insulinresistenz auch die Ödembildung verstärken, scheint eine Ernährung sinnvoll, bei der Blutzucker- und Insulinspitzen vermieden und ausreichende Pausen zwischen den Mahlzeiten eingehalten werden«, schreiben die Mediziner. Es sollte darauf geachtet werden, dass die Gewichtsreduktion nicht zu Lasten der Muskelmasse, sondern der Fettmasse erfolgt. Für das Bewegungsprogramm eignen sich vor allem Wassersportarten wie Schwimmen, Aqua-Jogging, Aqua-Aerobic oder Aqua-Cycling, da der Auftrieb im Wasser die Gelenke entlastet, der Wasserdruck eine Lymphdrainage bewirkt und durch die Bewegung gegen den Wasserwiderstand Kalorien verbraucht werden.

Sinnvolle medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten gibt es beim Lip­ödem nicht. Eine eventuell naheliegende Therapie mit einem Diuretikum zur Beseitigung der Beinödeme sei nicht indiziert, schreiben die Experten. Sowohl beim Lip- als auch beim Lymphödem kommt es bei der Einnahme zu einem Wasser- und Salzverlust, die der Körper durch die Produktion von Aldosteron zu verhindern sucht. Werden die Medikamente abgesetzt, entstehen durch den Einfluss des Hormons erneut Ödeme. /