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Das Knie

Gelenk unter Druck

25.04.2016  09:34 Uhr

Von Clara Wildenrath / Der eine spürt es regelmäßig beim Joggen, der andere beim Aufstehen oder Treppensteigen: Chronische Knieschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden des Bewegungs­apparats. Was kann dahinterstecken und wann sollte der Betroffene zum Arzt gehen?

Rund 1000 bis 2000 Mal pro Tag beugt und streckt sich das Kniegelenk – bei Sportlern noch viel häufiger. Kein Wunder, wenn es im größten Gelenk des Körpers irgendwann zwickt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Oft stecken degenera­tive, also abnutzungsbedingte Veränderungen dahinter, manchmal auch Fehlstellungen oder Überlastungen. Plötzliche Schmerzen, zum Beispiel nach einem Sturz, sind meist Folge einer Verletzung von Knorpeln, Bändern oder Sehnen am Knie.

»Die häufigste Ursache für chronische Knieschmerzen sind Knorpelschäden«, sagt der Münchner Orthopäde Dr. Matthias Hoppert. Mit zunehmendem Alter verschleißt die Knorpelschicht, die die Rückseite der Kniescheibe und ihr Gleitlager am Oberschenkelknochen überzieht – sie wird faserig und rissig. Auf Dauer können so Löcher entstehen, die den Knochen freilegen. Dieses Endstadium der Knorpelabnutzung im Kniegelenk bezeichnen Mediziner als Gonarthrose.

Bis zur Arthrose

Experten schätzen, dass mindestens jeder dritte Über-60-Jährige an Kniegelenksarthrose leidet. Gefördert wird die Erkrankung durch Übergewicht, Fehlstellungen wie X- oder O-Beine, frühere Verletzungen und genetische Faktoren. Zu den typischen Beschwerden zählen Anlaufschmerzen nach dem Aufstehen und belastungsabhängige Schmerzen, zum Beispiel beim Treppensteigen. »Erst im fortgeschrittenen Stadium kommt es auch zu Ruheschmerz«, erklärt Hoppert. Manchmal bildet sich aufgrund der Gelenkschädigung eine sogenannte Baker-Zyste: Darunter versteht der Mediziner eine Aussackung der Gelenkinnenhaut durch vermehrte Bildung von Gelenksflüssigkeit. Sie äußert sich meist durch Schmerzen und Druckgefühl in der Kniekehle.

Die Therapie eines Knorpelschadens richtet sich nach dessen Ausmaß, dem Alter des Patienten und dem Leidensdruck. In der Anfangsphase helfen oft physiotherapeutische Maßnahmen und nicht steroidale antirheumatische Schmerzmittel (NSAR) wie Diclofenac. Wenn der Knorpelverschleiß Folge einer Achsenfehlstellung der Beine ist, können Schuheinlagen Abhilfe schaffen. Gute Erfahrungen hat Hoppert in seiner Münchner Orthopädiepraxis auch mit Knorpelpräparaten gemacht: mit Hyaluronsäure, die der Arzt ins Kniegelenk spritzt, oder mit Glucosamin und Chondroitinsulfat zum Einnehmen.

»Etwa 60 bis 70 Prozent der Patienten profitieren eine gewisse Zeit davon«, so Hoppert. Allerdings gebe es keine vertrauenswürdigen wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass die Präparate tatsächlich helfen – weder für die Injektionen noch für die Tabletten. Vor allem bei der oralen Einnahme spiele vermutlich auch ein Placeboeffekt eine Rolle. Die Krankenkassen bezahlen solche Maßnahmen daher in der Regel nicht.

Auch die therapeutische Knie­arthros­kopie strich der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im vergangenen November aus dem Leistungskatalog. Bei diesem minimalinvasiven Eingriff spült der Arzt das Gelenk mit Kochsalzlösung aus und glättet Veränderungen am Knorpel und Knochen. Mehrere randomisiert-kontrollierte Studien belegen jedoch, dass die kostspielige Kniespiegelung bei Arthrose weder Schmerzen noch Bewegungseinschränkungen lindert. Im Endstadium der Erkrankung verspricht oft nur noch eine Endoprothese dauerhafte Besserung: Jedes Jahr bekommen etwa 150 000 Menschen in Deutschland ein künstliches Kniegelenk.

Meniskus- und Knochenschäden

Auch die beiden halbmondförmigen Knorpelkörper im Kniegelenk, die Menisken, können im Laufe der Jahre verschleißen. Mit der Zeit wird das kaum durchblutete Gewebe immer dünner, es entstehen feine Risse. »Horizontalrisse verursachen oft keine Beschwerden«, erläutert Hoppert. Erst wenn sich ein Teil des lädierten Meniskus einklemmt, treten Schmerzen beim Beugen oder Drehen und unter Umständen Bewegungseinschränkungen auf. Da sich der Meniskus – ebenso wie andere Knorpelgewebe – nicht regeneriert, hilft dann meist nur eine Opera­tion. Dabei werden störende Meniskusteile vorsichtig entfernt.

Eher selten kommt es bei Erwachsenen zu Knochenschäden (Osteonekrosen) am Knie, Morbus Ahlbäck genannt. Durchblutungsstörungen im kniegelenkbildenden Bereich des Oberschenkelknochens führen dazu, dass sich Knochengewebe abbaut. Die Schmerzen treten dabei meist plötzlich bei Belastung auf. Gefördert wird die Erkrankung zum Beispiel durch Alkoholmissbrauch und eine lang andauernde Therapie mit Glucocorticoiden. Wenn die Knochennekrose noch nicht so weit fortgeschritten ist, verschreibt Hoppert etwa NSAR und physikalische Therapie. Reichen konservative Maßnahmen nicht mehr aus, rät er zur Endoprothese.

Eine ähnliche Erkrankung bei Kindern im Wachstum, die Osteochondrose, heilt dagegen oft ohne Behandlung wieder ab. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, bei denen die Osteochondrose trotz Sportpause fortschreitet, ist manchmal ein Anbohren des Knochens zur Durchblutungsförderung oder eine Transplantation von Knorpel- und Knochen-Material sinnvoll.

Springer- und Läuferknie

Chronische Knieschmerzen bei Sportlern sind häufig die Folge einer Überlastung oder Abnutzung von Sehnen und Bändern. Am Springerknie, in der Fachsprache Patellaspitzensyndrom genannt, leiden vor allem Leichtathleten, Basketballer und andere Sprungsportler. Ursache ist eine starke Beanspruchung des Kniescheibenbands, die oft durch ein ungleiches Kräfteverhältnis der beteiligten Muskeln gefördert wird. Das Patellaspitzensyndrom äußert sich durch belastungsabhängige Schmerzen am Unterrand der Kniescheibe. Meist sind jüngere Menschen betroffen.

Das sogenannte Läuferknie kennen vor allem Jogger, Tennissportler und Fußballspieler, aber auch Radfahrer. Hier handelt es sich um eine Überlastung des iliotibialen Bands, das von der Hüfte über die Außenseite des Oberschenkels zum Schienbeinkopf führt. Begünstigt wird sie durch Beinachsenabweichungen, Fußfehlstellungen und unterschiedliche Beinlängen. »Sowohl beim Läufer- als auch beim Springerknie können Physiotherapie, Dehnübungen oder Einlagen zur Korrektur der Fehlstatik helfen«, weiß Hoppert.

Relativ häufig kommen in seine Praxis auch junge Patienten mit sogenannten retropatellären Schmerzen, also hinter der Kniescheibe. »Bei ihnen findet man in der Regel keinen Knorpelschaden. Die Ursache ist meist eine leichte X-Beinstellung und eine Patella-Instabilität«, erklärt der erfahrene Orthopäde. Betroffen sind vor allem Mädchen zwischen 15 und 25 Jahren. Manchmal helfen Bandagen und Krankengymnastik, doch oft erweist sich die Therapie als schwierig. Aber: »Mit dem Alter geben sich die Beschwerden in der Regel von selbst wieder.«

Überlastungen beim Laufsport, durch X-Beine oder häufiges Arbeiten auf den Knien können eine Schleimbeutelentzündung (Bursitis) begünstigen. Vor allem die Schleimbeutel vor und hinter der Kniescheibe reagieren oft empfindlich auf hohe Druckeinwirkung. Prädestiniert dafür sind zum Beispiel Fliesenleger. Aber auch ein Sturz oder Zusammenprall bei Kontaktsportarten kann eine Bursitis auslösen. Typische Symptome sind Druckschmerz, Schwellung und Erwärmung des Knies. Schonung, entzündungshemmende Salben und Verbände bringen Linderung.

Manchmal sind Knieschmerzen und Schwellungen auch ein Zeichen für eine zugrundeliegende Systemerkrankung. Die häufigste Form ist die rheumatoide Arthritis, bei der sich aufgrund einer fehlgeleiteten Immunreaktion die Gelenke entzünden. Stoffwechsel­erkrankungen wie Gicht können ebenfalls das Knie in Mitleidenschaft ziehen. »Meist stehen dabei aber die Beschwerden am Knie nicht im Mittelpunkt, sondern die Schmerzen beginnen an den kleinen Gelenken«, erklärt Kniespezialist Hoppert.

Knieverletzungen beim Sport

Weil das Kniegelenk nur durch Muskeln, Bänder und Sehnen stabilisiert wird, ist es relativ anfällig für Verletzungen. Traumen entstehen vor allem durch übermäßige Drehbelastungen, etwa beim Skifahren oder bei Ballsportarten. Zu den häufigsten Knieverletzungen zählen Kreuzband- und Meniskusrisse. Aber auch das Innen- oder das Außenband und die Knorpelschicht können Schaden nehmen. Bei jungen, sportlich aktiven Patienten rät Hoppert meistens zur Operation, um die Stabilität des Gelenks wiederherzustellen. »Es gibt aber auch Menschen, wir nennen sie Coper, die einen Bänderriss muskulär kompensieren können. Sie müssen nicht unbedingt operiert werden«, betont der Sportmediziner und Unfallchirurg.

Auch wenn manche Sportarten das Verletzungsrisiko erhöhen: Grundsätzlich trägt regelmäßige körperliche Bewegung dazu bei, das Kniegelenk gesund und stabil zu halten. Die Reduk­tion von Übergewicht und die Korrektur von Bein- und Fußfehlstellungen können ebenfalls dazu beitragen, Knieschäden zu vermeiden. Manche Knieschmerzen vergehen von selbst wieder, erklärt Dr. Hoppert. Wenn das Knie jedoch anschwillt, die Schmerzen sehr heftig sind oder immer wiederkehren, sollte der Betroffene die Ursache dringend ärztlich abklären lassen. /