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Schlafstörungen bei Kindern

Gespenster im Kinderzimmer

25.04.2016  09:34 Uhr

Von Maria Pues, Bielefeld / Nicht jeder schlechte Traum ist ein Albtraum. Dennoch: Albträume kommen bei Kindern und Jugendlichen häufig vor. Albtraumstörungen lassen sich jedoch gut behandeln. Unter anderem darum ging es bei der Frühjahrs­tagung der Fachgruppe Pädiatrie der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin in Bielefeld.

Albträume treten bei Kindern und Jugendlichen häufig auf. Trotzdem fehlten häufig Studien für diese Patientengruppen – solche, die den Einfluss von Albträumen und schlafbezogenen Ängsten auf die Entwicklung der Kinder und Jugend­lichen genauer untersuchten, berichte­te Diplom-Psychologin Maria Zschoche, Universität Bielefeld, in ihrem Vortrag. Nur wenige Arbeiten gebe es außerdem zu der Frage, wie sich schlechte Träume und Albträume voneinander abgrenzen lassen, zu den Inhalten von Albträumen sowie zum Zusammenhang von Wacherleben mit den Trauminhalten in der folgenden Nacht.

Nur schlecht geträumt?

Schlechte Träume kennt fast jeder. Von manchen wacht man in der Nacht auf, an andere erinnert man sich am nächsten Morgen. Die meisten hat man bereits nach kurzer Zeit wieder vergessen. Das Gehirn verarbeitet in der Nacht Dinge, die man am Tage erlebt oder mit denen man sich intensiv beschäftigt hat – dass die Geschehnisse einen buchstäblich nicht mehr loslassen und für einen unruhigen Schlaf sorgen, kann man gut nachvollziehen. Allein das macht es leichter, eine vorübergehende Schlafstörung zu verstehen und zu akzeptieren. Das Schlafdefizit holt der Körper meist schnell wieder auf.

Albträume haben jedoch eine zusätzliche, belastende Qualität: Die Intensität und die Wiederholung von Albträumen führen dazu, dass die Betroffenen Angst entwickeln, abends ins Bett zu gehen und einzuschlafen. Sie befürchten, die Albträume kommen zurück. Als »Gespenster im Schlafzimmer« beschreibt Zschoche sie – denn Albträume sind unwirklich und wirklich zugleich, vor allem sind sie wirksam.

 

Albträume treten meist in der zweiten Nachthälfte auf. Anhand dieses Merkmals lassen sie sich von anderen Schlafstörungen abgrenzen. Zu den Leitsymptomen gehört außerdem, dass sich Betroffene an die bedrohlichen, angsteinflößenden Träume gut erinnern könnten, berichtete Zschoche weiter. Nach dem Erwachen seien sie schnell orientiert und ansprechbar. Albträume verursachen klinisch relevante Beeinträchtigungen in verschiedenen Bereichen, etwa Widerstände beim Zubettgehen, kognitive Beeinträchtigungen und Tagesschläfrigkeit. Zu ihren Eigenschaften gehört auch, dass sie immer wieder auftreten.

Der Nachtschreck

Von den Albträumen abzugrenzen sind der Nachtschreck (Pavor nocturnus) sowie posttraumatische Träume. Der Nachtschreck tritt vorwiegend im ersten Drittel der Nacht auf. Bei diesem ist es ein einzelnes Bild, das das Kind angstvoll aufschrecken lässt. Es fährt unvermittelt – manchmal mit einem Aufschrei – und mit angstvoll verzerrtem Gesicht auf. Keinesfalls sollte man das Kind wecken, denn es ist in dieser Situation nicht in der Lage, Gesichter zu erkennen, was zu weiteren Angstreaktionen führen kann. Eltern sollten vielmehr beruhigend auf das Kind einreden, damit es wieder in den Schlaf findet. Während die Eltern den Nachtschreck am nächsten Morgen in lebhafter Erinnerung haben, weiß das Kind – anders als nach einem Albtraum – nichts mehr davon. Eine Behandlung ist nicht erforderlich.

 

Posttraumatische Träume unterscheiden sich von Albträumen dadurch, dass in ihnen ein Trauma oder damit verbundene Inhalte wiederholt werden, zum Beispiel das Erleben eines Missbrauchs oder von Krieg und Flucht. Zudem treten sie – anders als normale Albträume – nicht nur in REM-Phasen, sondern auch in Nicht-REM-Phasen auf.

Einteilung von Albträumen

akut: bis 1 Monat
subakut: 1 bis 6 Monate
andauernd: mindestens 6 Monate

Schweregrade

leicht: < 1 x pro Woche
mittel: 1 bis 6 x pro Woche
schwer: 7 x pro Woche

Die Zahlen zur Häufigkeit von Albträumen in verschiedenen Altersgruppen unterschieden sich je nach Untersuchung und nach den dabei angesetzten Kriterien, führte Zschoche anhand verschiedener Studien aus. Danach gibt es bei Albtraumstörungen einen Erkrankungsgipfel bei Kindern vom sechsten bis zum zehnten Lebensjahr. Eine andere Studie kam zu dem Ergebnis, dass rund 5 Prozent der Grundschulkinder mindestens einmal pro Woche Albträume erlebten. Eine weitere Untersuchung stellte fest, dass Mädchen meist etwas häufiger betroffen sind als Jungen. Auch im jungen Erwachsenenalter ist man einer vierten Untersuchung, diesmal mit Studenten, zufolge nicht vor Albträumen gefeit. Rund 18,5 Prozent der Teilnehmer litten mindestens einmal pro Woche an Albträumen.

 

Die Ursachen für Albträume variierten stark, so Zschoche weiter. Dennoch wurden bestimmte Auslöser häufiger berichtet. Dazu gehörten ein unverarbeitetes Tagesgeschehen, Stress und psychische Probleme, aber auch belastende Ereignisse wie ein Umzug, Trennung oder Tod von Bezugspersonen,, chronische Erkrankungen, die Geburt eines Geschwisterkindes oder die Antizipation von Ereignissen. Albträume können ein Hinweis auf akute Stressoren sein, etwa Probleme in der Schule oder mit Gleichaltrigen, sorgen ihrerseits aber selbst auch für eine erhebliche Belastung.

Albträume können die schulischen Leistungen beeinträchtigen, wenn die Kinder am nächsten Morgen nicht nur unausgeschlafen, sondern auch verängstigt aufwachen. Sie stellen oft auch eine familiäre Belastung dar, vor allem, wenn kleine Kinder unter Albträumen leiden. Oft müssen sie beruhigt und getröstet werden, damit sie wieder einschlafen können. Albträume von kleinen Kindern beeinträchtigen daher nicht nur das Wohlbefinden des Albträumers, sondern häufig auch das anderer Familienmitglieder.

 

Schlafbezogene Ängste können ihrerseits jedoch nicht nur Folge, sondern auch Ursache von Albträumen sein beziehungsweise mit diesen in Zusammenhang stehen. Häufige Ängste im Vorschulalter und beim Start in die Grundschule stellt die Angst dar, nun allein zu schlafen. In dem Alter kommen aber auch Ängste vor Monstern häufig vor. Eine aktuelle Studie kam außerdem zu dem Ergebnis, dass Schlafprobleme bei Kindern häufig in Zusammenhang mit Trennungsängsten und allgemeinen Ängsten der Kinder stehen.

 

Altersgerechte Therapie

In der Therapie von Albträumen gibt es ein strukturiertes, dem Alter der Patienten angepasstes Vorgehen. Etabliert sei die IRT, die Imagery Rehearsal Therapy. Dabei lernen die Kinder, bewusst Elemente des Albtraumes aufzugreifen und so zu verändern, dass sie nicht mehr angstauslösend wirken. So werden etwa neue Elemente in den Traum eingebaut, sodass dieser ein gutes und kein beängstigendes Ende nimmt.

 

Kalimba und Zauberatem

Weitere Elemente gibt es in den Therapieprogrammen Mini-KiSS, KiSS und JuSt. KiSS ist ein Training für Kinder mit Schlafschwierigkeiten. Es besteht aus sechs Gruppensitzungen, je drei für Eltern und Kinder. Den Kindern hilft dabei das Therapietier Kalimba, das sie begleitet und beschützt. Die Kinder lernen Techniken und Strategien, mit denen sie den Albträumen begegnen können, diese etwa mit dem »Zauber-Atem« wegzupusten oder eine Schutzpanzer-Trance gegen die Ängste.

 

JuSt ist ein Training für Jugendliche mit Schlafschwierigkeiten. Ein besonderes Problem während der Pubertät stellt dar, dass Schlafen als wenig coole Beschäftigung gilt und seine Wichtigkeit häufig unterschätzt wird. Das Schlaf-Wach-Verhalten ändert sich in diesem Alter oft erheblich – auch aus ausgeprägten »Lerchen« werden ziemliche Nachteulen, was manchen nicht gut bekommt. Albträume sind bei Jugendlichen häufig mit weiteren Beschwerden wie Angst und Depressivität verbunden. Auch die Jugendlichen lernen Strategien gegen Angst, Sorgen und Albträume. Für sie gibt es ein virtuelles Schlaflabor, das Sleep Lab mit dem ebenfalls virtuellen Sleep-Doc Professor Paul Paulsen. Mit seiner Hilfe lernen sie, wie sie eigenständig mit ihren Ängsten, Sorgen und Albträumen umgehen können. /