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Muskelkrämpfe

Wenn die Wade schmerzt

25.04.2016  09:34 Uhr

Von Clara Wildenrath/ Sie kommen ohne Vorwarnung und rauben oft nachts den Schlaf: schmerzhafte Muskelkrämpfe in den Beinen. In den meisten Fällen sind sie zwar lästig, aber harmlos. Manchmal kann aber auch eine ernsthafte Erkrankung dahinterstecken.

Es passiert beim Schwimmen oder Laufen, oft aber auch mitten in der Nacht, wenn man entspannt im Bett liegt: Ein heftiger Schmerz fährt wie ein Messerstich in die Wade, und der Muskel wird bretthart. Diese Symptome kennt fast jeder. 40 Prozent aller Erwachsenen leiden mehr oder weniger häufig an Muskelkrämpfen. Außer der Wade ist gelegentlich auch die Muskulatur des Fußgewölbes betroffen.

Dass sich Muskeln plötzlich schmerzhaft und unkontrolliert zusammenziehen, kann unterschiedliche Gründe haben. Oft treten Wadenkrämpfe während oder nach ungewohnten körperlichen Anstrengungen auf. Verstärkt wird das Problem, wenn der Sportler stark schwitzt oder zu wenig trinkt. Dann kann es zu einem Flüssigkeits- und Elektrolytmangel kommen, der die Reizübertragung zwischen Nerven und Muskeln stört. Wichtig sind dabei vor allem die Mineralstoffe Magnesium, Kalium, Natrium und Calcium. Auch eine Unterversorgung mit den Vitaminen B und D scheint Krämpfe zu begünstigen. Übermäßiger Alkoholkonsum kommt ebenfalls als Auslöser infrage.

Schwangere Frauen leiden besonders häufig unter nächtlichen Wadenkrämpfen. Schuld daran sind vermutlich hormonelle Umstellungen und ein veränderter Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt, der beispielsweise zu einem Magnesiummangel führen kann. Ähnliches gilt für einige ältere Menschen: Sie trinken oft zu wenig und ernähren sich einseitig, was die Wahrscheinlichkeit von Defiziten erhöht. Zudem nimmt die Muskelmasse mit dem Alter ab, wenn dem nicht durch gezieltes Training entgegenwirkt wird. Ein schwacher und verkürzter Muskel neigt aber eher zum Verkrampfen als ein leistungsstarker.

Medikamente und Krankheiten

Auch einige chronische Erkrankungen fördern das Auftreten von Wadenkrämpfen. Dazu gehören beispielsweise eine fortgeschrittene Leberzirrhose, dialysepflichtige Nierenschwäche, Gefäßerkrankungen wie die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)oder Venenschwäche sowie eine Schilddrüsenunterfunktion. Funktionsstörungen des Nervensystems können ebenso mit Muskelschmerzen und Krämpfen einhergehen. Sie entstehen beispielsweise durch degenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson, eine Verengung des Wirbelkanals (Spinalkanalstenose) oder die sogenannte amyotrophe Lateralsklerose, bei der bestimmte Nerven im Gehirn und Rückenmark absterben. Durch Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder durch Alkoholmissbrauch kann es zu Schäden der feinen Nervenverzweigungen in den Gliedmaßen oder Organen kommen (Polyneuropathie), die sich ebenfalls auf die Muskelaktivität auswirken. In diesen Fällen sind Wadenkrämpfe aber meist nur eines von vielen Symptomen.

Auch einige Medikamente kommen als Auslöser von Wadenkrämpfen in Betracht. So klagt etwa einer von vier Patienten während und nach einer intravenösen Eisentherapie über Muskelkrämpfe. Auch konjugierte Estrogene und der Estrogenrezeptormodulator Raloxifen, der hauptsächlich zur Prävention und Behandlung der Osteoporose bei Frauen in den Wechseljahren eingesetzt wird, verursachen als relativ häufige Nebenwirkung Wadenkrämpfe. Mitunter besteht auch ein Zusammenhang mit entwässernden und blutdrucksenkenden Medikamenten sowie manchen Psychopharmaka (siehe Kasten).

Arzneimittel, die Muskelkrämpfe auslösen oder begünstigen können

Häufig:

  • Eisen i. v.
  • Raloxifen
  • Konjugierte Estrogene
  • Diuretika

Gelegentlich:

  • Statine
  • Antihypertensiva
  • Beta-Sympathomimetika
  • Antidepressiva (Citalopram, Fluoxetin, Sertralin, Lithium)
  • Pregabalin
  • Lansoprazol
  • Telmisartan
  • Betablocker mit partiell agonistischer Aktivität, zum Beispiel Pindolol
  • Cholinergika (Glaukomtropfen, ­motilitätssteigernde Mittel)
  • Cholinesterasehemmer ­(Antidementiva: Donezepil, ­Galantamin oder Rivastigmin)
  • Bromocriptin
  • Bupropion
  • Cetirizin
  • Celecoxib
  • Ciprofloxacin

Quelle: Arzneimittelbrief 2013, 47, 89

Suche nach der Ursache

Seltener verbergen sich hinter den schmerzhaften Muskelkontraktionen erblich bedingte Erkrankungen, sogenannte Myotonien. Bei ihnen entsteht die erhöhte Muskelspannung durch eine Übererregbarkeit der Muskelzellen. Typisch hierfür ist, dass sich die Muskulatur nach einer willkürlichen Bewegung nur langsam wieder entspannt. Beim Restless-Legs-Syndrom (siehe Restless Legs: Wenn Ruhe ein Fremdwort ist) kommt es nicht zu Krämpfen, sondern zu einem unbezwingbaren Bewegungsdrang der Beine. Weil die Beschwerden ebenfalls vor allem nachts auftreten, werden sie dennoch gelegentlich verwechselt. Muskelschmerzen ohne Kontraktionen können beispielsweise die Folge von Durchblutungsstörungen sein.

Treten Wadenkrämpfe nur sporadisch auf, besteht in der Regel kein Grund zur Sorge. Kehren sie jedoch in kurzen Abständen wieder, halten länger an oder sind sehr schmerzhaft, sollte ein Arzt mögliche Ursachen abklären – besonders dann, wenn weitere Symptome wie Taubheitsgefühle, Kribbeln, Schwäche oder Krämpfe in anderen Körperteilen dazukommen. Bei der Medikamentenanamnese fragt der Mediziner nach, ob der Patient Arzneimittel einnimmt, die möglicherweise Muskelkrämpfe begünstigen. Oft kann er diese dann durch andere Präparate ersetzen. Manchmal ergibt sich schon aus der Krankengeschichte, zum Beispiel aus typischen Auslösesituationen, ein bestimmter Verdacht auf eine zugrundeliegende Erkrankung. Je nachdem, welche Ursachen der Arzt vermutet, wird er dann eine weitergehende Diagnostik anordnen, etwa Blutuntersuchungen, neurologische Tests oder Ul­traschall- oder Röntgenaufnahmen.

Obwohl es theoretisch zahlreiche Gründe für Muskelkrämpfe gibt, kann der Arzt oft keine Ursache ausmachen. Er spricht dann von idiopathischen Muskelkrämpfen oder auch Crampi.

Effektiv entkrampfen

Bei einem akuten Krampf hilft es, den Muskel zu dehnen, etwa indem man mit der Hand die Zehen greift und bei gestrecktem Bein in Richtung Schienbein zieht. Meist lassen die Schmerzen schnell nach. Manchmal entspannt es auch, ein paar Schritte umherzulaufen. Wärme und Massagen wirken unterstützend.

Regelmäßige Stretching-Übungen empfiehlt die aktuell gültige S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie auch zur Vorbeugung von nächtlichen Wadenkrämpfen. Ein weiterer hilfreicher Tipp: Betroffene sollten eine lange Überstreckung der Fußgelenke, zum Beispiel beim Schlafen auf dem Bauch, vermeiden. Denn eine solche Spitzfußstellung erleichtert das Auslösen von Krämpfen.

Belastungsbedingte Krämpfe während oder nach dem Sport lassen sich durch vorheriges Dehnen und leistungsangepasstes Training reduzieren. Ausreichend viel zu trinken, am besten magnesiumreiches Mineralwasser oder verdünnte Fruchtsäfte, ist ebenfalls wichtig. Um einem Mineralstoffmangel durch starkes Schwitzen vorzubeugen, helfen isotonische Sportgetränke und magnesiumreiche Lebensmittel wie Nüsse, Haferflocken und Vollkornprodukte. Bei einer vorwiegend sitzenden Tätigkeit können Lockerungsübungen und Ausgleichsgymnastik dazu beitragen, Krämpfe aufgrund von Unterforderung oder Verspannungen zu vermeiden.

Hilft Magnesium?

Häufig werden Magnesiumpräparate zur Prophylaxe von Wadenkrämpfen eingesetzt – auch wenn kein nachgewiesener Mangel vorliegt. Ob sie tatsächlich hilfreich sind, konnten Studien bislang allerdings nicht sicher belegen. Die unabhängige Cochrane Collaboration kam 2012 in einer systematischen Übersichtsarbeit zu dem Schluss: »Es ist unwahrscheinlich, dass die Magnesiumsupplementation einen klinisch bedeutsamen Nutzen zur Prophylaxe von idiopathischen Muskelkrämpfen bei älteren Menschen hat.« In vier Studien mit insgesamt 322 Teilnehmern zeigte die Mineralstoffgabe zwar einen geringen positiven Effekt, der Unterschied zu Placebo erwies sich jedoch als nicht signifikant. Zum Einsatz von Magnesium bei belastungs- oder krankheitsbedingten Krämpfen fand die weltweit tätige Organisation keine randomisiert-kontrollierten Studien. Laut der S1-Leitlinie ist Magnesium bei der Behandlung von Wadenkrämpfen aber »möglicherweise wirksam«.

Etwas besser untersucht ist der Nutzen von Magnesium bei Wadenkrämpfen in der Schwangerschaft. Hier beurteilten die Cochrane-Autoren die Datenlage als widersprüchlich und verwiesen auf zusätzlichen Forschungsbedarf. Positiver sieht es die S1-Leitlinie: »Bei Muskelkrämpfen in der Schwangerschaft ist Magnesium wirksam.« Allerdings lagen bei ihrem Erscheinen die neuesten Ergebnisse der Cochrane-Analyse noch nicht vor.

Chinin beruhigt Bewegungsnerven

Ein möglicher Grund, weshalb Magnesium bei Wadenkrämpfen so häufig eingesetzt wird: Die Einnahme ist nebenwirkungsarm, sie kann bei einer Überdosierung allenfalls zu Durchfall führen. Die bislang einzige pharmakologische Alternative ist Chinin. Dieser Stoff aus der Chinarinde wird seit langem zur Behandlung der Malaria verwendet und gibt in niedriger Dosierung Getränken wie Bitter Lemon und Tonic Water ihren charakteristischen Geschmack. Auch zur symptomatischen Behandlung und zur Prophylaxe von nächtlichen Wadenkrämpfen ist es seit Jahrzehnten im Einsatz – bis April letzten Jahres war das entsprechende Präparat Limptar® N in Deutschland rezeptfrei in der Apotheke erhältlich.

Die Wirksamkeit von Chinin bei Wadenkrämpfen ist durch mehrere Studien belegt. Es hemmt die Übertragung von Nervenreizen auf den Muskel und senkt dadurch dessen Erregbarkeit und Krampfneigung. In seltenen Fällen kann es allerdings zu schwerwiegenden Nebenwirkungen wie einer herabgesetzten Blutgerinnung oder potenziell lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen. Im April 2015 wurde es deshalb auf Empfehlung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) der Rezeptpflicht unterstellt. Die Leitlinie rät: »Chininpräparate sollten nach Ausschluss behandelbarer Ursachen nur bei sehr schmerzhaften oder häufigen Muskelkrämpfen, bei regelmäßiger Störung des Nachtschlafes durch die Muskelkrämpfe und bei Wirkungslosigkeit physiotherapeutischer Maßnahmen eingesetzt werden.« In der Schwangerschaft ist Chinin kontraindiziert.

Manchmal verschreiben Ärzte auch Medikamente, die für andere Indikationen zugelassen sind – etwa Mittel zur Behandlung von Epilepsie und Nervenschmerzen. Dazu gehören beispielsweise Gabapentin, Carbamazepin, Diltiazem und Baclofen. Die Wirksamkeit dieser Stoffe bei idiopathischen nächtlichen Beinkrämpfen ist bislang jedoch wenn überhaupt nur durch sehr kleine Studien oder einzelne Fallberichte belegt. Vor einer medikamentösen Intervention empfehlen die Richtlinien in jedem Fall regelmäßige Gymnastik mit Dehnübungen sowie einen Behandlungsversuch mit Magnesium. /