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Restless-Legs-Syndrom

Wenn Ruhe ein Fremdwort ist

25.04.2016
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Von Barbara Erbe / Das Restless-Legs-Syndrom (RLS), das Syndrom der unruhigen Beine, kann Betroffene an den Rand der körper­lichen und seelischen Erschöpfung bringen. Denn es tritt genau dann auf, wenn sie Erholung suchen. Dabei scheint der Botenstoff Dopamin eine wichtige Rolle zu spielen. Aber auch Eisenmangel oder Stoffwechselprobleme können dahinterstecken.

5 bis 10 Prozent der deutschen Bevölkerung sind nach Schätzungen der Deutschen Restless-Legs-Vereinigung von der Erkrankung betroffen. Doch längst nicht immer wird die Krankheit richtig erkannt und behandelt. Das RLS macht sich vor allem durch Missempfindungen in den Beinen, seltener auch in den Armen, bemerkbar. Von quälendem Kribbeln in den Waden über Ziehen, Reißen und Stechen treten die Beschwerden fast ausschließlich in Ruhesituationen auf, besonders heftig abends beim Einschlafen. Linderung ist dann nur durch Bewegung erreichbar. Ruhe und Schlaf sind dann natürlich erst einmal dahin.

»Nicht selten führen deshalb vor allem hartnäckige Schlafstörungen und Erschöpfungszustände die verzweifelten Patienten irgendwann zum Arzt«, berichtet die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Restless-Legs-Vereinigung, Lilo Habersack. RLS beginnt meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr – oft zunächst in Schüben mit längeren beschwerdefreien Intervallen dazwischen, so Habersack, die auch selbst an RLS leidet. »Im Laufe der Jahre nehmen die Beschwerden meist an Intensität zu und treten schließlich sogar kontinuierlich auf.«

Häufiger bei Frauen

Epidemiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass Symptome des RLS bei bis zu 10 Prozent der Bevölkerung auftreten. »An schweren, behandlungsbedürftigen Symptomen leiden etwa 2 bis 3 Prozent, davon zwei Drittel Frauen und ein Drittel Männer«, betont Habersack.

Neurologen unterscheiden zwei etwa gleich häufige Formen: Die primäre oder idiopathische Form tritt spontan und oft familiär gehäuft auf. Die sekundäre oder symptomatische Form wird von anderen organischen oder neurologischen Erkrankungen ausgelöst, beispielsweise durch eine dialysepflichtige Niereninsuffizienz oder Darmerkrankungen wie Morbus Crohn. Auch eine Schwangerschaft kann ein Auslöser sein. Die genauen Pathomechanismen des RLS sind allerdings weitgehend unbekannt. Vermutlich spielt Eisenmangel eine Rolle. Dafür spricht auch, dass Patienten mit Eisenmangel besonders häufig RLS-Symptome zeigen.

Ursache Dopamin

Vermutlich könnte Eisen deshalb eine Schlüsselrolle zukommen, weil der Mineralstoff an der Bildung des Enzyms Tyro­sinhydroxylase mitwirkt, das im Gehirn für die Herstellung von Dopamin gebraucht wird, erläutert Professor Claudia Trenkwalder, Neurologin und Chefärztin an der Paracelsus-Elena-Klinik in Kassel. »Ein gestörter Dopamin-Stoffwechsel ist nach bisherigen Erkenntnissen die Hauptursache für RLS.« Darüber hinaus können auch verschiedene Medikamente ein RLS auslösen oder verstärken, beispielsweise trizyklische Antidepressiva, Antipsychotika, bestimmte Antiemetika oder Lithium.

Da der Dopamin-Stoffwechsel bei der Pathogenese womöglich von Bedeutung ist, ist eine dopaminerge Medikation die wichtigste Behandlungsform, erklärt Trenkwalder. Dennoch warnt sie eindringlich davor, grundsätzlich erst einmal nur auf Dopamin zu setzen. »Wir klären in der Klinik zuallererst, welche Ursachen außer einem gestörten Dopamin-Stoffwechsel noch infrage kommen könnten.« So komme es immer wieder vor, dass ältere Menschen beispielsweise nach einer Hüftoperation aufgrund von Blutverlust und Eisenmangel ein RLS entwickeln. »Da wäre eine dopaminerge Therapie fehl am Platz. Stattdessen brauchen die Betroffenen Eisen per Tablette oder Spritze.« Aber auch wenn eine Dopamintherapie angezeigt ist, sieht die Neurologin eine große Herausforderung in der richtigen Dosierung.

Gefahr Überdosierung

Denn besonders wirksam und gleichzeitig nebenwirkungsarm sind Präparate, die auch in der Behandlung von Morbus Parkinson eingesetzt werden. RLS-Patienten brauchen – und vertragen – allerdings eine deutlich niedrigere Dopamin-Dosis als Parkinson-Patienten. »Das ist aber leider nicht überall bekannt – noch nicht mal unter allen Ärzten«, betont Trenkwalder. Eine Überdosierung aber kann bei RLS zu einer Überstimulierung und damit zur sogenannten Augmentation der Symptome führen: Die Beinschmerzen und -bewegungen, die eigentlich unterdrückt werden sollen, setzen dann noch früher am Tage ein, werden heftiger oder greifen auch noch auf die Arme über.

»Damit daraus kein Teufelskreis aus Überdosierung, Verstärkung der Symptome und weiterer Übermedikation entsteht, ist es ganz entscheidend, die dopaminerge Therapie nur in der geringen, für RLS zugelassenen Dosierung durchzuführen«, erklärt Trenkwalder, die auch Mitautorin der Leitlinie für das Restless-Legs-Syndrom ist. Wichtig zu wissen ist auch, dass sich die Wirkung der dopaminergen Therapie auf Dauer abschwächt, weil ein Gewöhnungseffekt eintritt.

Bei einer Behandlung – in angepasster Dosierung – mit L-Dopa (Levodopa) in Kombination mit dem peripheren Decarboxylasehemmer Benserazid lassen die Beschwerden in der Regel bereits nach etwa einer Stunde nach. Die Patienten nehmen das Arzneimittel üblicherweise abends ein. Aber auch am Tag eignet sich L-Dopa als zusätzliche Bedarfsmedikation bei längeren erzwungenen Ruhesituationen wie etwa Busreisen oder Theaterbesuchen, ebenso bei nur gelegentlich auftretenden RLS-Beschwerden (intermittierendes RLS). Nach neueren Erfahrungen eignet es sich jedoch nicht zur täglichen Therapie.

Bei mittelschweren bis schweren RLS-Formen, die auch tagsüber Beschwerden mit sich bringen, hat sich der Einsatz von Dopaminagonisten bewährt, ebenso bei Zunahme der Beschwerden nach längerer L-Dopa-Behandlung. In Deutschland sind derzeit drei Dopamin­agonisten für die Behandlung des RLS zugelassen: Pramipexol und Ropinirol als Tabletten und Retardtabletten sowie Rotigotin in Form transdermaler Pflaster.

Bei Gegenanzeigen, Unverträglichkeiten oder unzureichender Wirkung der dopaminergen Wirkstoffe können auch Opiate oder andere Substanzklassen herangezogen werden. »In jedem Fall sollte die medikamentöse Behandlung des RLS individuell auf die Bedürfnisse und Besonderheiten eines jeden Patienten abgestimmt werden und in der Hand eines RLS-erfahrenen Arztes liegen«, betont die Neurologin.

Diagnose des RLS

Da einige neurologische Erkrankungen, beispielsweise die Polyneuropathie, ähnliche Beschwerden wie RLS hervorrufen können, sollten mögliche andere Ursachen durch eine neurologische Untersuchung ausgeschlossen werden, erläutert Habersack, die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Restless-Legs-Vereinigung.

Eine Blutuntersuchung etwa kann mögliche symptomatische Formen des RLS wie Eisenmangel, Niereninsuffizienz oder Schilddrüsenfunktionsstörungen anzeigen, die dann zunächst behandelt werden sollten. Wenn nach Ausschluss möglicher anderer Erkrankungen der Verdacht auf ein RLS besteht, kann ein diagnostischer Test Gewissheit bringen. Dabei nimmt der Patient einmalig bei Auftreten der Beschwerden L-Dopa ein. Bei über 90 Prozent aller RLS-Patienten verringern sich die Beschwerden daraufhin deutlich oder verschwinden sogar. Bei positivem Test kann eine individuell angepasste dopaminerge Therapie zu einer dauerhaften Beschwerdelinderung führen.

Bleibt der diagnostische Test mit L-Dopa erfolglos, bestehen Zweifel an der Diagnose oder werden andere Erkrankungen vermutet, die den Schlaf zusätzlich stören, ist eine Untersuchung im Schlaflabor angezeigt. Nur hier lassen sich sowohl die typischen periodischen Beinbewegungen im Schlaf (PLMS) als auch die Zerstörung der Schlafstruktur durch unzählige Weckreaktionen zweifelsfrei nachweisen. Außerdem können durch die Polysomnografie zusätzliche schlafstörende beziehungsweise schlafgebundene organische Erkrankungen wie etwa Atmungsstörungen (Schlafapnoe) aufgedeckt und voneinander abgegrenzt werden. /

Checkliste – Sind die Beschwerden RLS-Symptome?

Wenn Betroffene mehr als zwei der folgenden zehn Fragen mit »Ja« beantworten, sollten sie mit einem Arzt über die Symptomatik sprechen und abklären, ob möglicherweise ein RLS vorliegt.

  • Leiden Sie in Ruhe- und Entspannungssituationen (Fernsehen, Kino, Busfahrten ) unter unangenehmen bis qualvollen Missempfindungen wie Ziehen, Jucken, Reißen oder Kribbeln in Beinen oder Armen?
  • Werden Sie in solchen Situationen durch einen unstillbaren Bewegungsdrang zum Aufstehen und Umhergehen gezwungen?
  • Sind die Beschwerden durch aktive Bewegung, kalte Fußbäder, Massagen o. a. vorübergehend zu lindern oder zu beseitigen?
  • Haben Sie keine oder kaum Beschwerden, solange Sie am Tage in Bewegung sind?
  • Bemerken Sie eine Zunahme der Beschwerden abends oder nachts?
  • Leiden Sie unter Ein- und/oder Durchschlafstörungen?
  • Fühlen Sie sich tagsüber häufig müde, abgespannt und erschöpft?
  • Verhindern die Beschwerden in den Beinen auch tagsüber die ersehnte Ruhe und Entspannung und fühlen Sie sich durch die Beschwerden in Ihren sozialen Aktivitäten eingeschränkt (z. B. Verzicht auf Kino- oder Theaterbesuche, Vermeiden von Flugreisen)?
  • Bemerkt Ihr Partner nachts häufig unwillkürliche Zuckungen Ihrer Beine oder Füße während Sie schlafen?
  • Gibt es jemanden in Ihrer Verwandtschaft, der über ähnliche Symptome klagt?

Quelle: Deutsche Restless-Legs-Vereinigung (www.restless-legs.org )